Alter Schwede auf Schweizer Strassen – Geschichte meines Saab 9000 Turbo

Ein grauer Wintertag im Januar 2019 – Ich verbringe meine Zeit gerade damit, Schweizer Online-Marktplätze für Gebrauchtwagen zu durchforsten. Neben vielen anderen Veteranen (in der Schweiz die Bezeichnung für ein Fahrzeug mit H-Kennzeichen) springt er mir ins Auge: Ein Saab 9000 CC turbo mit Platinum Blue Metallic-Lackierung und Velourssitzen im sogenannten Light Blue. Sofort schlägt mein Herz schneller, als ich mir die Fotos in der Ausschreibung genauer ansehe.

Heute rar, der 9000 CC Turbo
Heute rar, der 9000 CC Turbo

Erinnerungen werden wach. In exakt dieser Ausführung stand der CC in Kindertagen vor dem Haus meiner Großeltern. Stets habe ich dieses Auto bewundert und mir ausgemalt, im Erwachsenenalter auch einmal ein solches Modell fahren zu dürfen. Auch der Saab 900 GLi, den meine Mutter seinerzeit fuhr, war eines der schönsten Autos für mich.

Nun aber zurück ins Hier und Jetzt! Die Geschichte für diesen Blog soll ja schließlich über Erfahrungen aus der Gegenwart berichten: Laut Inserat hat der 9k von 1985 erst 128’000 km auf der Uhr und befindet sich in einem Topzustand. Verkauft wird das Schmuckstück für 6’300 Schweizer Franken (ca. 5’700 Euro) an einen Saab-Liebhaber. Einziger Wermutstropfen scheint die defekte Klimaanlage zu sein. Kurzentschlossen melde ich mich beim Inserenten und erkundige mich nach weiteren Details. Schnell wird klar, dass die Vorbesitzer, ein schwedisches Ehepaar, welches den Saab seinerzeit in die Schweiz importiert hatte, viel Geld für den Erhalt der sogenannten Veteranenzulassung investiert haben. Der CC scheint in einem einwandfreien Zustand zu sein und soll dem Inserenten zufolge aufgrund fehlender Zeitressourcen sowie infolge nicht vorhandener Airbags den Besitzer wechseln. Derzeit steht der alte Schwede auf einem Aussenparkplatz.

Ich vereinbare also einen Besichtigungstermin und bitte den Verkäufer freundlich das Fahrzeug, wenn möglich bis dahin für mich zu reservieren. Meine Mutter – auch immer noch ein großer Saab-Fan – begleitet mich zum Termin. Auf den ersten Blick sieht der 9k nicht sonderlich gepflegt aus. Obwohl die Karosserie keine größeren Beschädigungen aufweist, hinterlässt das Innere des Wagens einen eher vernachlässigten Eindruck. Sowohl in den Rückleuchten als auch in den Frontscheinwerfern hat sich Kondenswasser gesammelt, an den Emblemen zeichnen sich Spuren der Zeit ab. Der Stoff der Türinnenverkleidungen ist abgenutzt und hängt herunter. Trotzdem fällt auf, dass einige Teile aufbereitet worden sind – bei einem Alter von fast 34 Jahren sicherlich keine Seltenheit. So ist beispielsweise der Dachhimmel erneuert, Roststellen beseitigt und der Motor stets gewartet worden.

Mechanisch scheint der 9000er also (soweit wir das als Laien beurteilen können) in einem guten Zustand zu sein. Die Gelegenheit, diese erste Ausführung des 9k in diesem Zustand zu erstehen, erscheint uns einmalig. Also überlege ich nicht lange hin und her, sondern schlage zu. Keine drei Tage vergehen bis zur Abholung des Autos. Da Sommerreifen montiert sind und ich eine längere Strecke zurückzulegen habe, kommt das sonnige Winterwetter am 04.02.2019 wie gerufen.

In den kommenden Wochen beschäftige ich mich eingehend mit der Beschaffung von Ersatzteilen und Accessoires für meinen frisch geschossenen Liebling. Schnell muss ich feststellen, dass die Schweizer Online-Plattformen diesbezüglich nicht viel zu bieten haben. Ich werde auf andere Anbieter wie beispielsweise skandix.de und saab-parts.eu aufmerksam. Auch auf Ebay und weiteren Portalen im deutschen Raum werde ich fündig. Schritt für Schritt werden die teilweise ungebrauchten Teile im Saab verbaut. Zu Beginn beschaffe ich gebrauchte, aber intakte Rückleuchten, neuwertige Blinkerleuchten, ein brandneues Heckklappen-Emblem, einen gebrauchten Saab-Schriftzug für den Kotflügel, ein Lackstift-Set und einiges mehr.

Die meisten der rar gewordenen Teile sind eher teuer, zumal in der Regel mit Zollgebühren zu rechnen ist. Auf diese Weise investiere ich nach und nach in mein neues Hobby. Auf dem Schweizer Markt entdecke ich zu meinem Erstaunen doch noch einen originalverpackten Kühlergrill. Mein persönliches Highlight stellt das Lederlenkrad aus Hamburg dar: Auf dieses werde ich via Saab-Blog aufmerksam. Es folgt ein interessanter E-Mail-Austausch mit dem Verkäufer des Lenkrads (ebenfalls ein begeisterter 9k-Halter), der mir als Neuling erste Facts zur Saab-Szene liefert und mich sozusagen in die Community einführt.

In den Folgemonaten investiere ich jede freie Minute in die Aufbereitung des 9k. Ich fasse den Entschluss, einige meiner Impressionen mit der Saab-Community zu teilen und erstelle einen Account für den 9000er auf Instagram (www.instagram.com/saab9000turbo). Diesen will ich einerseits dafür nutzen, Fortschritte der Aufbereitung (z.B. in Form von Vorher-Nachher-Bildern) sowie weitere Eindrücke zu teilen und andererseits, um mit anderen Saab-Fanatikern in Kontakt zu treten.

Es stellen sich mir auch Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Klassiker: Neben einer Panne, bei welcher mich der CC auf einem Feldweg im Stich lässt (Grund dafür ist die vom Vorbesitzer nicht fachgerecht montierte Autobatterie, wie sich kurze Zeit später herausstellt) machen mir auch die Türinnenverkleidungen zu schaffen.

Die Kunststoffteile sind nach all den Jahren sehr brüchig, der Textilbezug nicht mehr zu gebrauchen – eine große Herausforderung für meine Mutter, die mich bei dieser Aufgabe unterstützt und die Seitenteile schließlich wieder zusammenlötet, bevor sie mit Kunstleder überzogen werden. Auch das Demontieren und Wiederanbringen der Verkleidungen als Ganzes erfordert ein hohes Mass an Geduld und Kreativität, da viele Stopfen und Kunststoffteile so nicht mehr zu gebrauchen sind – auch hierbei erhalte ich zum Glück Hilfe. Umso schöner ist jener Moment, als die erste Türverkleidung wieder sitzt und in neuem Glanz erstrahlt.

Mithilfe eines Teppichreinigungsgerätes befreie ich den Innenraum des Fahrzeugs außerdem vom Schmutz der letzten Jahrzehnte. Das vertraute Blau der Velourssitze erscheint dadurch wieder in alter Frische und der abgestandene, wohl durch im Kofferraum ausgeleertes Motorenöl entstandene Geruch verabschiedet sich. Auch die Alufelgen bedürfen einer Grundreinigung. Ich befreie sie mithilfe von Felgenreinigungsmittel und einer handelsüblichen Zahnbürste vom über die Jahre stark verkrusteten Bremsstaub. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und die stundenlange Arbeit hat sich für mich gelohnt.

Neben der vielen Einzelteile, die ich schließlich zu meiner Freude fast alle beschaffen konnte (am schwierigsten zu bekommen war wohl das Saab-Scania Heckklappen-Emblem) darf natürlich auch ein Modellauto meines Lieblings nicht fehlen. Weitere Accessoires wie Schlüsselanhänger und einige Broschüren aus der Epoche des CCs runden meine Saab-Sammlung ab.

Den 9000er fahre ich ausschließlich bei schönem Wetter und speziellen Anlässen, da ich noch lange Freude an diesem Klassiker haben möchte. Weiter gilt hierzulande für Oldtimer ein durchschnittliches Jahreskontingent von 3’000 Kilometern Fahrleistung, welches nicht überschritten werden darf. Den alten Schweden in der heutigen Zeit noch fahren zu dürfen, ist eine wahre Freude für mich. Trotz seines doch schon stolzen Alters bietet er eine Menge an Technik und Komfort. Zusätzlich zum Bordcomputer, der neben der Batteriespannung auch den aktuellen Benzinverbrauch sowie den Durchschnittsverbrauch auf 100 km anzeigt, sorgen der Turbolader, Tempomat, der ruhig laufende Motor sowie das Getriebe, das sich sanft hoch- und runterschalten lässt, für viel Fahrkomfort. Der Innenraum bietet reichlich Platz und das Blaupunkt-Autoradio mit Kassettendeck und Musik von Michael Jackson sowie weiteren Interpreten sorgt für das 80er-Jahre-Ambiente auf meinen Fahrten im Oldtimer.

Die Reaktionen meines Umfelds auf den Erwerb des Klassikers sind unterschiedlich, aber insgesamt positiv. Einige meiner Freunde und Verwandten sind überrascht, dass ich mich für ältere Autos, insbesondere für Saab interessiere. Andere erinnern sich selbst an ihre Erfahrungen mit der schwedischen Kultmarke zurück und berichten mir davon. Auch auf sozialen Medien ist die Resonanz durchaus positiv. Die Anzahl Follower des CCs auf Instagram steigt stetig an, was zeigt, dass nach wie vor Interesse an Fahrzeugen dieser Art besteht. Beim Erwerb der Ersatzteile entstehen immer wieder bereichernde Austausche. Mann/Frau hilft sich gegenseitig aus, wenn Teile schwer zu beschaffen sind oder Unterstützung beim Unterhalt, der Wartung oder einer Aufbereitung benötigt wird.

Auch wenn der Saab 9000 turbo aufgrund seines italienischen Einschlags bei «Hardcore-Saab-Fans» angeblich weniger beliebt sein soll, sind gerade diese frühen Modelle inzwischen rar geworden. Der 9k ist (wie auch im Saab-Blog bereits nachzulesen war) zum Klassiker gereift.


Danke an Saab 9000 Turbo für die Saab Geschichte am Sonntag. Wie fährt es sich im Alltag mit einem älteren Saab? Was erlebt man, wie reagieren Freunde, Kollegen und die Familie? Mit Nachsicht, Begeisterung oder Mitleid? Wie hält man den Saab am Leben, was erlebt man mit Ersatzteilen und Werkstätten, wie optimiert oder restauriert man den alten Schweden?

Ein weites Themenfeld für die “Saab Geschichten 2019!”. Herausfordernd, aber auch interessant. Wie sieht es bei den Fans aus, wie stark schlägt das Saab-Herz im Alltag? Schreibt es uns, es lohnt sich!

Wir bedanken uns für jeden veröffentlichten Artikel mit einer exklusiven Saab-Scania Bordmappe.

Der Einsendeschluss der Aktion war der 15. August. Aktion vorbei und nicht dabei gewesen? Nicht schlimm! Wir haben neue Ideen und stellen sie demnächst vor.

16 Gedanken zu „Alter Schwede auf Schweizer Strassen – Geschichte meines Saab 9000 Turbo

  • Ein tolles Fahrzeug! Ich habe meinen 9000 2.3i CC seit fast 3 Jahren. Allerdings suche ich noch bokhararoten Stoff für die Innenverkleidungen. Was hast du bei den Türverkleidung für ein Material verwendet? Sieht gut aus… Auch das Lederlenkrad fehlt meinem noch. Leider kennen sich nicht mehr viele mit den Autos aus.

    Viele Grüsse aus der Zentralschweiz
    Patrick

    Antwort
  • Tolle Geschichte. Danke!
    Den „So-ein-Auto-will-ich-auch-mal-haben-Moment“ kenne ich. Der Gedanke an einen 9000 oder der an ein 900 Turbo Coupé haben sich bei mir fest eingebrannt und mich nie wieder verlassen. Es gibt wohl nur einen Ausweg: Kaufen und machen …

    10
    Antwort
  • Wunderbare Geschichte über ein zeitlos schönes Auto. Ich wünsche dem CC und seinem Besitzer eine lange und harmonische Partnerschaft.

    Antwort
  • Aber hallo, was für einen Aufwand wurde hier betrieben! Wieviel Herzblut wurde für dieses Projekt aufgewendet!Ganz toll! Weiterhin viel Freude mit deinem schönen Saab 9000.

    Antwort
  • Vielen Dank für diese tolle Geschichte, die nicht nur von viel Engagement, Fleiß, Arbeit, Begeisterung, Detailpflege und Liebe zu einem sehr schönen Saab berichtet, sondern dies zusätzlich auch in einer wunderbar zu lesenden Form tut!

    Welch großartige Detailarbeit hier geleistet wurde – mit Unterstützung der Mutter (!) mit dem Lötkolben (!!). Was für eine geniale ältere Dame (vielleicht sind ja aber sie und ihr Sohn beide auch noch relativ jung – wer weiß). Und man bekommt immer wieder neue Anregungen – in meinem Fall die Teppichreinigungsmaschine, eine großartige Idee, die ich vielleicht auch mal für den Kofferraum und den Stoffteil der Teilledersitze im Kombi verwenden werde.

    Allzeit gute Fahrt und viele schöne Stunden mit dem schönen blauen Schätzchen wünscht eine „Saab-Fanatikerin“ aus der Heimatstadt des Lederlenkrades! 🙂

    Antwort
  • eine ganz tolle Geschichte, Schön sich so dem 9000 widmen zu können. Weiterhin viel Freude mit dem Saab

    Antwort
  • Der 9k sieht absolut super aus! Die Zeit und Mühe haben sich gelohnt. Eine echte Rarität. Und auch bei mir werden Kindheitserinnerungen wach.
    Sogar ein 9k von 1985, der noch den frühen, dreiteiligen Heckspoiler hat. Sehr edel.
    Viel Freude weiterhin.

    Antwort
  • Habe während Jahren gleichen Typ gefahren, insgesamt 12 SAAB vom 99 – 900 – 9000 – bis 9-5er. Wenn sich eine Werkstatt sich auskennt bei den Young- und Oldtimer-SAAB, dann Garage Senteler in Wangen bei Dübendorf anfragen, kennt alle SAAB seit den 70ern auswendig… sehr zu empfehlen, alle meine SAAB wurden und werden von dieser Garage unterhalten

    Stefan

    Antwort
  • Wow! – so mein erster Eindruck auf dem Titelfoto. Und das Wow setzte sich im Artikel fort.
    9000 der allerersten Serie sind wirklich außergewöhnlich selten inzwischen, vor allem in einem solchen Zustand. Und sie erzählen nochmal eine ganz eigene Geschichte, haben einige eigene Details (die sich zwei Jahre später schon wieder geändert hatten), sind ganz ‚ursprüngliche‘ Vertreter des Modells, mit dem SAAB Richtung Oberklasse einbog.
    Erhalte ihn weiterhin so, es lohnt sich sehr! Allein für weitere eigene wie auch Wow-Momente anderer.

    Antwort
  • Hallo Patrick
    Vielen Dank für deine Rückmeldung! Fährst du deinen 9k im Alltag oder nutzt du ihn ebenfalls als Zweitfahrzeug? Hast du vielleicht einen Instagram-Account mit Fotos? Würde mich sehr interessieren. Für die Innenverkleidungen habe ich graues Kunstleder (erhältlich bei Bernina) verwendet und zur Befestigung einen Montagekleber.
    Liebe Grüsse aus dem Tösstal
    Renato

    Antwort
  • Hallo Renato

    Meinen 9k fahre ich auch nur als Zweitfahrzeug und demnächst geht er wieder in die Winterpause. Die ganze Geschichte habe ich auch mal hier geschrieben:
    https://saabblog.net/2016/10/18/der-lange-weg-zum-alten-saab-9000/

    Die Bilder sind noch aus der ersten Zeit… Mittlerweile habe ich einen roten Teppichsatz organisieren können, die Türdichtung wurde gemacht… aber die Türverkleidungen sind nur provisorisch repariert. Da finde ich ja keinen Stoff…

    Viele Grüsse aus der Zentralschweiz
    Patrick

    Antwort
    • Unsere Sattlerei hat einen hochwertigen roten Stoff gefunden, der von der Farbe her dem Original entspricht. Die Struktur geht in den Bereich Wolle, passt sehr gut zum Innenraum und der roten Farbenorgie!

      Christian Schmitt von der Sattlerei hilft sicher gerne weiter, bitte auf den Blog beziehen.

      Antwort
  • Das sind ja mal gute Nachrichten. Danke. Ich werde mal den Kontakt zu Christian Schmitt suchen… wäre genial, endlich eine Lösung zu haben…

    Antwort
  • Lieber Renato

    Hut ab vor Deinem Fleiss und der ganzen Arbeit, die Du in Deinen 9k steckst!

    Alles Liebe

    Maja

    Antwort
  • … und übrigens ein grosses Dankeschön für all die netten Kommentare, Rückmeldungen und Gedanken sowie die guten Wünsche, über welche ich mich sehr gefreut habe! Ebenso über die ansprechende Art und Weise, wie der Artikel hier publiziert wurde (Formatierung, Platzierung des Bildmaterials etc.). Es macht wirklich Freude, Teil des Blogs zu sein!

    Antwort
  • Hallo Patrick
    Wow – eine tolle Geschichte zu deinem SAAB 9000i, die ich mir soeben mit grossem Interesse zu Gemüte geführt habe! Ein schönes Fahrzeug – weiterhin viel Freude damit. Und gutes Gelingen beim Aufbereiten der Türverkleidungen – jetzt hast du ja eine Adresse für den neuen roten Stoff – top!
    Beste Grüsse
    Renato

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