Volvo 940, 960 oder doch der neue 850?

Eines der Vorurteile gegenüber Werbetextern lautet, dass diese in ihren Anzeigen lügen würden, dass sich die Balken biegen würden. Das ist aber nicht wahr. Im Prinzip ganz im Gegenteil. Die Konkurrenz liest mit und ist schnell mit einer Klage wegen unlauterer Werbung zur Stelle.

Mehr als ein Luftballon - Werbung für den Airbag
Mehr als ein Luftballon – Werbung für den Airbag

Das heißt, im Normalfall werden die Texte am Schluss nicht nur von der Marketingabteilung des Kunden, sondern auch von der Rechtsabteilung abgesegnet. Aber natürlich probiert man, das zu bewerbende Produkt ins beste Licht zu rücken. Wobei man dabei vielleicht nicht ganz immer objektiv ist.

Beispielsweise habe ich einmal gerade die Wintereigenschaften der Volvo 940 und 960 in einem Prospekt gelobt, als ich mit einem vollausgestatteten Geschäftswagen trotz Sperrdifferential und allem Drum und Dran in einem schneebedeckten Parkplatz auf der Lenzerheide einfach steckenblieb.

Das heißt, die Hinterräder drehten fröhlich vor sich hin, aber der 940er bewegte sich nicht. Mehr noch, ich konnte sogar aussteigen und mir das Durchdrehen der Hinterräder aus der Nähe anschauen. Schlimmer noch, schließlich musste mich ein BMW-Fahrer (!) aus der misslichen Situation befreien. Allerdings ist es uns nur gelungen, den Volvo rückwärts auf die steile Bergstraße zu schieben. Immerhin funktionierte das ABS beim „Rückwärtsrunterbremsen“ einwandfrei.

Werbung für den neuen Volvo 850
Werbung für den neuen Volvo 850

Die Wende im Image der Schwedenpanzer sollte einerseits ein 480er Cabrio bringen und andererseits der 850er. Der erste große, echte Volvo aus Schweden mit Vorderradantrieb. Beide Neulancierungen sollte ich auf dem Werksgelände in Torslanda bei Göteborg Probe fahren. Sollte, weil das 480 Cabrio trotzt großer Bemühungen der schwedischen Ingenieure einfach nicht zur Serientauglichkeit gebracht wurde. Ein paar Schlaglöcher, zwei, drei Bodenwellen oder Berlinerkissen genügten und das Cabrio fiel zwar nicht auseinander, aber die Karosserie verzog sich nach allen Seiten.

Kurz, das Projekt samt fix fertigen Werbeanzeigen wurde eingestampft.

Aber es blieb ja noch der völlig neue 850er. Vor dem Probefahren der handgefertigten Prototypen wurden wir auf Fotokameras gefilzt, denn das genaue Aussehen war streng geheim. Und wir mussten uns alle verpflichten, keine Einzelheiten über den neuen Volvo vor der eigentlichen Lancierung zu verbreiten. Und, wir sollten um Himmelswillen vorsichtig mit den 1 Million Schweizer Franken teuren Prototypen umgehen.

Anzeige für den Volvo 960
Anzeige für den Volvo 960

Am Vortag hätten zwei deutsche Auto- und Motorsport-Journalisten je einen der neuen 850er zu Schrott gefahren, weil sie Ende des Flugplatzes beim Hochgeschwindigkeitstest zu spät gebremst hätten.

Ich selber interessierte mich mehr für das Kurvenverhalten und überhaupt für das Fahrgefühl. Und dafür hat es auf dem Werksgelände von Torslanda alles, was das Herz begehrt. Bis hin zu Kopfsteinpflaster und kleine Landsträßchen mit Bodenwellen und Schlaglöchern. Und siehe da, der 850er war ein tolles Auto. Zugegeben, ich war immer Fan vom Vorderantrieb, und von starken, elastischen Motoren. Das Auto machte tatsächlich von Runde zu Runde mehr Spaß. Und die Runden wurden auch immer schneller. Wer wollte, konnte auch eine Runde als Mitfahrer von Rally-Legende Stig Blomquist machen.

Und wer dachte, so wie ich, dass er jetzt langsam im Grenzbereich unterwegs gewesen sei, wurde eines Besseren belehrt. Auf alle Fälle steige ich bei ihm nie mehr in ein Auto. Nicht einmal in einen Volvo.

Zum direkten Vergleich standen auch Fremdmarken zum Probefahren bereit. Unter anderem ein Saab 900. Praktisch mein Saab von daheim. Also nichts wie einsteigen und zum Vergleich eine Runde drehen. Auf der Geraden beschleunigen bis 170 Km/h und dann genau gleich wie mit dem Volvo in die lang gezogene Rechtskurve. Aber der Saab 900 war kein Volvo 850 und ich kein Stig Blomquist. Der Saab brach für mich völlig unerwartet übers Heck aus und nur weil ich ja eigentlich ein Saabfahrer war, konnte ich den Wagen so knapp auf der Straße halten. Ein bisschen weh getan hat es aber doch, der Volvo 850 war tatsächlich besser als mein Saab.

Und plötzlich ist man sich einen Volvo wert
Und plötzlich ist man sich einen Volvo wert

Aber wie heißt es so schön, wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing.

So fiel es mir leichter, weiterhin als Volvo-Texter die Autos und die Sicherheits-Philosophie von Volvo anzupreisen. Beispielsweise mit einer wegweisenden Kampagne, die den Nerv der Zeit gut getroffen hat. Um sich und seine Liebsten zu schützen, ist man sich plötzlich einen Volvo wert. Dies wird wohl für die meisten noch heute der Fall sein. Und wurde beispielsweise so formuliert.

Wer hätte gedacht, dass eine Hochzeit in weiß mit Pferdekutsche und Brautjungfern je ein Thema würde. Und wer hätte gedacht, dass einmal eine so renommierte Limousine wie der Volvo 850 GLT vor der Türe steht? Aber 170 Pferdestärken, 5 Zylinder, 20 Ventile, 215 km/h, 8,9 s auf Hundert und ABS sind auch da Werte, die je länger je mehr am Überzeugungskraft gewinnen.

Zudem hat der erste Volvo aus Schweden mit Vorderantrieb ein paar Weltneuheiten, von denen man bis jetzt nur träumen konnte. Wie ein quer eingebauter Fünfzylindermotor mit variablem Ansaugsystem*, eine Delta-Link-Achse*, die erstmals die Vorteile von Einzelradaufhängung und ungeteilter Hinterachse vereint, das bisher absolut beste Seitenaufprall-Schutzsystem*, eine autom. Gurthöheneinstellung* und, nicht zu vergessen, einen auf Wunsch in die hintere Mittelarmlehne integriertem Kindersitz.

Schließlich soll der neue Volvo ein paar Jahre halten. Beginnen auch Sie mit einer Probefahrt. UND PLÖTZLICH IST MAN SICH EINEN VOLVO WERT.

*Weltneuheit

Text und Bilder: Gigi

Vorherige Teile:

Volvo oder Saab oder doch ÖV?

Volvo oder Saab, oder doch Alfa Romeo?

Volvo, Saab oder doch Volvo – Werbetexter bei Volvo

4 thoughts on “Volvo 940, 960 oder doch der neue 850?

  • Kombis

    Sehe das so wie Hans und Simon (und wie Gigi). Mit dem 940 (2.3 Softturbo mit moderaten 150 PS) und mit einem V70 mit Frontantrieb und 170 PS (nicht der umgetaufte 850, sondern dessen abgerundeter Nachfolger V70) hatte ich jeweils das Vergnügen.

    Der 940 war wohl der jüngste und letzte Non-Lifestyle-Kombi, den ich je gefahren bin und natürlich auch der mit dem größten Kofferraum. Ein wirklich tolles Auto, an das ich gerne denke.

    Habe mich auch mit dem Motor nie untermotorisiert gefühlt. 2.3 + Turbo = 150 PS klingt zwar wenig, hat aber exzellent funktioniert. Die Gasannahme war spontan und von dem Gefühl, ein landwirtschaftliches Nutzfahrzeug zu bewegen (das hatte ich im 240 ab und an), konnte im 940 keine Rede mehr sein.

    Jetzt verstehe ich auch Gigis Überschrift.

    Endlich hatte man bei Volvo kultivierte Motoren und das Fahrwerk der eigenen Hecktriebler in Schlagweite von BMW und Benz.
    Aber gleichzeitig kommt mit dem 850 ein Gesamtkonzept, das gar nicht mehr die Absicht verfolgt, Konkurrenz auf Augenhöhe zu begegnen. Nein, man wollte überflügeln.

    Man hat sich aber auch selbst überflügelt und alte Tugenden abgelegt. Als 940/960 parallel zum 850 vom Band liefen, hatten Volvo-Käufer in der gehobenen Mittelklasse erst- und letztmalig die freie Wahl zwischen modernem Lifestyle und einem Pragmatismus, so trocken wie Knäckebrot.

    Für mich eine der spannendsten Zeiten in der gesamten Volvo-Story. Cool, dass Gigi (ein Insider) hier darüber schreibt.

  • Schöner Artikel, den 480 mag ich gar nicht. Die damaligen Kombis waren wenigstens noch richtige Kombis mit ausreichend Platz. Was heute angeboten wird ist m.E. zu viel Lifestyle und zu wenig Praktikabilität.

  • Als wir 1992 mit zwei kleinen Kinder nach Jahren aus Afrika zurückkehrten kaufte ich mir einen Volvo 940 Kombi. Platz ohne Ende und der Slogan; “und plötzlich ist man sich einen Volvo wert” überzeugte mich auch total. Der 940er leistete bei uns über Jahre gute Dienste. Leider hatte Saab damals noch keinen Kombi in Angebot. Meiner Meinung nach eines der grössten Versäumnisse von Saab, so spät in den Kombi Markt einzusteigen!

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  • Danke Gigi.

    Wieder gerne gelesen und wieder was gelernt. Wusste nicht, dass es dieser Zeit so konkrete Pläne für ein Cabrio bei Volvo gab und dass oder woran diese gescheitert sind.

    Ist aber wohl besser so, denn die nationale Konkurrenz war in diesem Punkt ja wirklich gut – richtig gut. Ein Saabrio möchte ich in diesem Leben schon nochmal fahren. Einen offenen Volvo (zumal ein 480) vermisse hingegen so sehr, wie eine minderjährige und schwedische Klimaaktivistin mit welchem Syndrom auch immer, CO2 in unserer Atmosphäre vermissen würde …

    Unter der Überschrift (der 480 kommt gar nicht vor), hätte ich zwar andere Infos erwartet, aber so war es auch gut und ein echtes Lesevergnügen. Vielen Dank.

    Ich hoffe sehr, dass die Artikel-Gigi-Reihe so weitergeht und da noch mehr kommt? Das wäre echt prima.

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