IAA 2019. Auf dem Weg in die Regionalliga.

Am 11. September ist es mal wieder so weit! Die IAA 2019 öffnet ihre Pforten. Doch anders als in den Dekaden zuvor ist sie keine Messe von Weltrang mehr. Sie ist auf dem Weg in die Regionalliga. Man könnte das mit dem Volkswagen Dieselskandal und einem geschärften Blick für die Umweltprobleme begründen. Vielleicht auch mit dem aufziehenden Sturm, der die Branche verändern wird. Das aber wäre zu einfach. Denn die Gründe liegen tiefer und reichen viele Jahre zurück.

Die anderes schwedische Marke. Auch Volvo ist auf der IAA 2019 nicht dabei
Die anderes schwedische Marke. Auch Volvo ist auf der IAA 2019 nicht dabei.

Einfach zu Tode gesiegt?

Die IAA 1993. Saab zeigt den neuen 900, Audi präsentiert den neuen A8, Citroen den Nachfolger der legendären BX Baureihe. Neben den großen Herstellern finden auf der europäischen Leitmesse auch die Kleinen ihren Platz. Die Sportwagenlegende Melkus sucht ein breiteres Publikum, Hotzenblitz ist mit seinem Elektroauto für die Stadt der Zeit um Jahrzehnte voraus. Die Manufaktur von Erich Bitter, ein ehemaliger Saab Händler, verwandelt schnöde Opel Ware in schönste automobile Gourmetkost.

In Frankfurt scheint die Messekultur damals noch in Ordnung zu sein. Denn warum besucht ein vorwiegend männliches Publikum überhaupt die IAA? Es mag Menschen geben, die einen neuen VW Golf oder einen Astra spannend finden und deshalb an den Main reisen. Oder einen neuen 5er BMW. Vermutlich stellen sie die breite Mehrheit der Endverbraucher, die sich alle 2 Jahre durch überfüllte Hallen und Gänge quälen. Aber für nicht wenige Besucher sind die kleinen, unabhängigen Hersteller der eigentliche Grund. Die Exoten, die man nicht an jeder Straßenecke stehen sieht, die aber für die automobile Kultur so enorm wichtig sind.

Allerdings verschwinden die kleinen Anbieter mit den Jahren. Saab, Lancia, Tatra, Melkus, Rover – und ich zähle auch MG dazu, obwohl die Marke als chinesischer Untoter weiter existiert. Stattdessen bauen die deutschen Hersteller ihre Präsenz immer weiter aus. Genügt der zur Verfügung stehende Platz nicht dem Anspruch und der Eitelkeit, dann errichtet man eben eine temporäre Halle für etliche Millionen. Frankfurt, die einstmalige Bühne einer vielfältigen automobilen Kultur, wird so immer mehr zu einer Nabelbeschau der deutschen Hersteller,  die scheinbar vor Kraft kaum laufen können.

Mit dem Fernbleiben der Kleinen wird die Messe immer langweiliger. Ich ziehe meine Konsequenzen und kaufe mir nur noch ein Feierabendticket. Die Stunden am späten Nachmittag reichen für einen Rundgang völlig aus.

Die SUV Langeweile

Ein paar Jahre später bin ich mit einem Freund unterwegs, der für die BMW-Organisation arbeitet. Auf dem bayerischen Messestand, der mittlerweile die Größe eines mondänen Landguts übertrifft, steht der erste X5. So ganz glücklich darüber scheinen bei BMW nicht alle. Noch überwiegt die Skepsis  in der Verkaufs-Organisation. BMW steht zu dem Zeitpunkt für Eleganz und Sportlichkeit. Das SUV ist da schon ein vergleichsweise grober Klotz. Wird es in Europa Kunden finden können? Die Zweifel sind unangebracht. Der X5 wird zum Trendsetter und steht für eine unglückliche Entwicklung, die bis heute anhält.

SUV dominieren das Straßenbild, das Segment wächst und wächst. Aber wer will wegen eines SUV zur IAA fahren? Die Angebote der Hersteller sind voll davon,  und die Entwicklungsmöglichkeiten des Fahrzeugkonzepts sind Design-technisch irgendwie limitiert. Eine Motorhaube, eine Kabine. Das war es.

Kein Hingucker,  keine Überraschung, und nichts,  was Feingeister ansprechen würde. Statt Avantgarde aus Frankreich, Raffinesse aus Italien und Innovation aus Schweden, jeweils mit Stil verpackt, dominiert mit wenigen Ausnahmen eine vom Grund auf fade Fahrzeuggattung die Show. Vom Ressourcenverbrauch her eine Katastrophe, fahrdynamisch und gewichtsmäßig kaum diskutabel,  und gegenüber schwächeren Verkehrsteilnehmern im besten Wortsinn asozial passt die Gattung SUV zu 100 % zum Zeitgeist.

China Premier League. Frankfurt Regionalliga.

Der entscheidende Grund für den Abstieg der IAA liegt in China. Vorbei die Zeiten, wo Chinesen mit abgelegter europäischer Technik vorlieb nehmen mussten. Der chinesische Geschmack diktiert die Entwicklung der Branche, Europa ist maximal drittklassig. Premieren finden heute in Shanghai und Peking statt. Bleibt noch eine Kleinigkeit vom Teller der Neuheiten übrig, dann kommt Genf zum Zug. Eine kleine, feine Messe, die sich ihre Kultur bewahrt hat. Die IAA 2019 ist hauptsächlich eine Show für die deutsche Fahrzeugindustrie, und die Ausstellerliste für PKW ist deprimierend kurz. 4 Hallen mit Neufahrzeugen, dazu eine Klassiker-Show,  die das Messekonzept aufhübschen soll. Ein Weg in die Zukunft kann sie nicht sein, denn sie beantwortet keine der offenen Fragen. Außerdem sparen auch die Deutschen gewaltig. Mercedes reduziert die Fläche um 30 %, noch mehr sollen es bei BMW sein.

Wie will man in Zukunft abgewanderte Hersteller zurück an den Main holen? Die setzten immer mehr auf individuelle, regional limitierte Ereignisse und suchen über das Internet den Schulterschluss mit dem Kunden. Die Beziehung Kunde – Hersteller wird in Zukunft immer intensiver enger werden, die Zeit der Dinosauriermessen ist vorbei. Saab, da kann man sicher sein, wäre 2019 auch nicht dabei. Die Schweden hätten sich schon längst ihren eigenen Weg gesucht. Volvo übrigens auch. Göteborg war einer der Vorreiter und setzte schon früh auf regionale Kundenansprache und verzichtete auf die IAA.

Zu 100 % abstinent ist man aber nicht. Die Polestar Performance AB, eine Volvo Tochter, zeigt mit ihrem elektrifizierten Angebot Präsenz. Ein klein wenig schwedische Individualität in der Regionalliga. Immerhin.

13 Gedanken zu „IAA 2019. Auf dem Weg in die Regionalliga.

  • Das wird auch der Grund sein warum die Hersteller mit Macht in die Elektromobilität wollen. Noch größere Motoren, noch mehr PS zieht alleine nicht mehr. Oder zumindest im Moment nicht. Vielleicht kommt es wieder, es gab ja schon oft Abgesänge auf das Auto. Nur im Moment gibt es nicht wirklich was richtig aufregend neues.

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  • Schade für die IAA und vor allem schade für die Besucher und Liebhaber von Messen. Es scheint mir, dass die IAA so ähnlich wie die Baselworld (einstmals weltweit wichtigste Uhren- und Schmuckmesse) den Weg aller Messen geht, die es nicht verstanden haben, sich dem Publikum und seinen Wünschen anzupassen.

    Es sind nicht die SUVs, welche die IAA an die Wand gefahren haben, es ist die fehlende Vielfalt, welche durch die Konzentration bei den Herstellern, ob dies nun Autos oder Uhren sind, entstanden ist. Da hat sich die Plattform-Strategie, welche die meisten Hersteller pflegen, wohl selbst überholt.

    Wer weiss, vielleicht hat mal einer der Messeplätze den Mut eine Messe nur für die kleinen und exotischen Hersteller auf die Beine zu stellen. Sozusagen eine ArtBasel oder ArtMiami mit erweitertem Publikum. Schön wäre es und ich würde sogar einmal wieder an eine Automesse gehen.

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  • Alles hat seine Zeit. Für mich ist es die Marktmachte des VW Konzerns die es langweilig gemacht hat. Immer die gleiche Technik, nur ein anderer Markenname auf dem Blech. Die Amerkikaner hatten das auch mal. Ging nicht gut aus.

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    • Guter Kommentar.

      Volle Zustimmung – zumindest fast …
      Den Kreis der Schuldigen würde ich gerne erweitern.

      Der Volkswagenkonzern hat aber sicherlich eine Vorreiterrolle.
      Da ist ein V6 ein W12 und passt in den Golf oder auch in ein was auch
      immer. Ein V8 ist ein W16 für den Bugatti und der letzte Audi A4 ist der nächste
      Premium-SEAT und so weiter …

      Aber dafür wird bei anderen Konzernen mal eben der letzte BMW zum Mini.
      30 cm mehr Radstand und 10 cm mehr Spurweite? Who cares?

      Da macht man einfach mal die Logos, Scheinwerfer, Rückleuchten
      und was auch immer (Außenspiegel?) ein wenig größer und
      schon bleiben die Proportionen gewahrt …

      Und wenn mich nicht alles täuscht, dann stehen auch bei Mercedes
      von der A- bis zur C-Klasse inzwischen alle Modelle auf einer Plattform.

      Wenn das so weitergeht, dann ist ein 5er BMW der Mini von morgen und
      eine S-Klasse der neue Smart ForFour …

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  • ich besuche schon seit Jahren keine Messe mehr, eigentlich war die letzte IAA 2008 mit der Präsentation des Turbo X,

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  • Ich war in den 80er und 90er Jahren öfter in Frankfurt auf der IAA (zuletzt 1997) und habe danach das Interesse auch verloren. Gerade wegen der SUVs und der chinesisch bedingten Geschmacksverirrungen beim Design. Wenn man z.B. sieht, dass eine ehemals so schöne Limousine wie der BMW 7er (ich fahre neben meinem Saab 900-I Cabrio Bj. 1992 inzwischen einen E38 Bj. 2000) so systematisch verhunzt wird und neuerdings eine um nochmals 40% vergrößerte Niere erhalten hat, um auf dem chinesischen Markt erfolgreich zu sein, dann weiß ich gar nicht, was ich auf solchen Messen noch sehen wollte.

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    • Leider ist die Entwicklung so. Europäische Marken zeichneten sich einst durch wertiges Design aus. Heute ist bei einigen Anbietern, BMW gehört leider dazu, die Ausrichtung auf chinesische Ansprüche offensichtlich. Im Prinzip gibt es kaum noch Unterschiede zwischen dem, was einheimische Firmen in China anbieten und dem was Europäer tun. Mittelfristig eine gefährliche Sache, weil die Unterschiede mehr und mehr verschwinden und Markenidentität ohne Not geopfert wird. Selbst für eine starke Marke kann das zur ernsthaften Bedrohung werden.

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      • Die starken deutschen Marken sind ein Autofahrer, der nach einem letalen Herzinfarkt noch ein paar hundert Meter weiterfährt bevor er in die Leitplanke kracht.
        Es ist Größenwahn mit Ewigkeits- und Allmachtphantasien in guten Zeiten, idiotisch verantwortungslose Preisgabe von Technik an den Chinesen, marxistische Grűnpolitik gegen das Auto als Wohlstandsfaktor und der kriminelle Wille zur Schummelei beim Abgas, der am Ende der letzten verbliebenen globalen Leitbranche aus Deutschland das Genick gebrochen hat. Sie hatten das Wasserstoffauto schon seit 20 Jahren fertig und haben dann nix mehr gemacht, weil die SUVs ja so geilomatic liefen.
        Und schade, dass die politisch verantwortliche DDR-Frau und Ex-Hausbesetzerin dann schon lange im Exil sein wird, das Elend wűrde ihr sicher gefallen.

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        • Sie meinen, dass Frau A. Merkel E. Honecker ins Exil folgen wird,
          um dort in Ruhe und Abgeschiedenheit einen marxistisch motivierten
          und erfolgreichen Verrat an der CDU, der westlichen Demokratie, an der
          relativ freien Marktwirtschaft und der dt. Autoindustrie in Ruhe auskosten zu
          können ? ? ?

          Bitte schreiben Sie dieses Buch. Ich werde es mit größtem Vergnügen lesen
          und mich prächtig amüsieren. Ich sehne mich schon länger nach einem
          Lesestoff, der kreativ, fiktiv und jenseits von Gut und Böse (dafür aber
          umso unterhaltsamer) von der Wiedervereinigung handelt und die
          Handlung an der Person Merkels aufhängt.

          Das ist ein ganz großartiger Stoff. Machen Sie was draus!
          Und geben Sie vorher nicht allzu viel preis. Sonst wird
          nichts aus dem Bestseller und dessen Verfilmung.

          Wäre schon schade. Der Teaser ist großartig
          und sehr unterhaltsam …

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        • …nicht „zur Schummelei“, sondern „zum Betrug“ ……

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  • ZEIT & GEIST

    Der Artikel gewinnt ganz enorm, wenn man sich die Zeit nimmt, ihn gründlich zu lesen und sacken zu lassen.
    Quasi wider den angesprochen Zeitgeist. Toll geschrieben und für ein „asoziales“ Konsumverhalten viel zu
    schade und gehaltvoll.

    Das Bild zum Beitrag ist wie immer gut gewählt. Über den Sinn und Unsinn manchen SUVs oder Geländewagens
    könnte man ja vielleicht streiten. Spätestens ein SUV-Coupe ohne Bodenfreiheit, ohne AHK, ohne Ladekapazität
    oder irgendeinen anderen Nutzwert ist aber endgültig das reine und ungetrübte Sinnbild für die maximale
    Sinnlosigkeit …

    Säße ich in diesem Ding, trüge ich eine Maske. Und parken würde ich es mind. 4 Km vom
    Eigenheim entfernt. Es wäre daher nichtmal mehr für Einkäufe geeignet. Ein Volvo.
    Ein Schwede. So nutzlos und so ärgerlich wie ein Kropf am Hals.
    Unfassbar …

    Aus heutiger Sicht scheinen mir die SUVs der ersten Stunde
    wie ernsthafte Arbeitsgeräte. Wer hätte beim Anblick
    des ersten X5 gedacht, was da noch alles und
    von wem das alles kommen würde ? ? ?

    Verdammt harter Tobak.

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  • Früher wollte ich immer unbedingt einmal auf die IAA, aber hab es zeitlich bisher nie geschafft, es kam immer was dazwischen und mittlerweile interessiert es mich nicht mehr so, wenn ich ein neues Auto sehen will, dann mache ich das einfach beim Händler, wenn das Auto auch schon im Showroom steht.
    Der Weg wie Volvo ihre Autos präsentiert, zum Beispiel in Wien vor dem Eislaufplatz am Rathausplatz ist auch interessant und was ganz anderes als bei Messen

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  • Herr Hürsch hat Recht. Der abgelichtete VOLVO sieht aus wie ein wahr gewordenes Modell eines 1:58 Hot Wheels Modell. Nie hätte ich gedacht das so etwas mal tatsächlich das Licht der Welt erblickt. Ansonsten trifft m.E. nach Tom’s Rückspiegel den Nagel auf den Kopf. Ich gebe ferner zu Bedenken, ob das Konzept Messe, Im Hinblick auf virtuelle Realität, aber auch in Sachen Nachhaltigkeit überhaupt noch Zeitgemäß ist.

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