Meine Saab Story 2019

Meine SAAB-Geschichte beginnt im Jahr 2008. Als junger wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Lehrstuhl, der sich im Wesentlichen mit Automobilelektronik befasste, war natürlich ein Autokauf eine große Sache. Alle meine Kollegen schlugen diverse Modelle und Ausstattungspakete vor. Ein von ihnen, der eine überaus große Affinität zu Opel hegte, wollte mich unbedingt zu diesem Hersteller bewegen.

Saab 9-3 TTID Facelift Limousine
Saab 9-3 TTID Facelift Limousine

Wie es nun einmal so kam, schleppte er mich in ein Autohaus, in dem Opel und SAAB angeboten wurde. SAAB hatte ich bis dahin nur in Verbindung mit den 900er Steilschnauzern in Verbindung gebracht. Modelle, die nicht nach meinem Geschmack waren. Aber einmal vor Ort hatte der frisch facegeliftete 9-3 II meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Insbesondere die Limousine hatte es mir angetan.

Von einem freundlichen und sehr engagierten SAAB-Verkäufer angesprochen nahmen die Dinge ihren Lauf. Ich vereinbarte eine Probefahrt und war begeistert. Dieses Auto hatte definitiv Charisma! Und ich hatte schon immer ein Faible für individuelle Autos querdenkender Unternehmen.

Doch dann kam die nächste Hürde: Ein gut ausgestatteter SAAB 9-3 als TTiD war alles andere als ein Schnäppchen. Für mich als Young Professional war das eine erschreckend hohe Hürde, sodass ich die SAAB-Pläne zunächst begrub. Trotzdem konnte ich nicht von diesem Fahrzeug lassen und kontaktierte nach einigen Wochen den SAAB-Händler erneut. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass SAAB Ingenieuren Sonderrabatte einräumte. Diese waren unerwartet hoch, sodass sich der 9-3 tatsächlich im Rahmen meines Budgets bewegte. Und so bestellte ich meinen ersten eigenen Neuwagen!

Nach wenigen Monaten des Wartens traf der Wagen ein und ich war glücklicher Besitzer eines SAABs. Ich wurde von vielen angesprochen. Das Design des SAAB kam gut an, viele hatten SAAB so nicht wahrgenommen.

Doch lange währte die Freude nicht. Bereits nach wenigen Tagen ließ sich der Wagen schlecht starten. Erst war es nur einige Sekunden lang ein unrunder Motorlauf, später intensivierte sich das und es kam weiß-bläulicher Rauch aus dem Auspuff. Ab zur Werkstatt, die sich umgehend kümmerte. Zu hoher Ölstand hieß es. Nach der Reparatur fing es nach kurzer Zeit wieder an. Diesmal sogar während der Fahrt auf der Autobahn. Also wieder in die Werkstatt, die diesmal von Ölverdünnung sprach. Die fehlerhafte Selbstreinigung des Dieselrußpartikelfilters sei schuld, wodurch unverbrannter Dieselkraftstoff in das Motoröl gelangte. Leider ging es mehrfach so weiter, sodass ich schlussendlich eine Wandlung beim Händler ansprach. Nach einigem Hin und Her willigte er ein und ich bekam einen neuen 9-3. Probleme mit dem Motor (wieder ein TTiD) hatte er keine mehr, allerdings trübten diverse Klapper- und Knistergeräusche ein wenig das Bild.

Waren zahlreiche Leute in meinem Umkreis bislang sehr neugierig auf den SAAB gewesen, waren sie jetzt eher abgeschreckt, nachdem sie die vielen technischen Probleme vernommen hatten. Natürlich höre ich jetzt die eingefleischten SAAB-Fans unken, dass der Diesel nicht DIE Motorisierung für einen SAAB sei. Mittlerweile sehe ich das auch so. Jedoch war für mich damals als Vielfahrer ein Benziner keine Option, zumal ich den Dieselmotor technisch gesehen faszinierend finde und seine Leistungsentfaltung mag.

Irgendwann kam die Insolvenz von Saab. Als Konsequenz verlagerte mein Händler seinen SAAB-Service in seine Zentrale, die jetzt über 50 km entfernt lag. Wie so viele andere auch verunsicherte mich die Insolvenz von SAAB zusätzlich. Mit meinen ganzen leidlichen Erfahrungen -zeitweise stand der 9-3 mehr in der Werkstatt als bei mir zu Hause- beschloss ich nach reichlicher Überlegung, den SAAB zu verkaufen. Erstaunlicherweise fand sich sehr schnell auch ein Käufer!

Die Jahre vergingen ohne SAAB. Entschieden hatte ich mich mittlerweile für die andere schwedische Marke mit ihren bärenstarken 5-Zylinder-Dieselmotoren. Ausreichend individuell waren sie und hoben sich von den Volumenmodellen ab. Ich hatte nie ein zuverlässigeres Auto. Nach nunmehr 120.000 km hatte ich keinen einzigen Reparaturfall. Und selbst Knistergeräusche sind Mangelware.

Doch zurück blieben die Erinnerungen an den SAAB. Die Magie blieb. Es häuften sich die Momente, an denen man sich zurückerinnerte. Und so reifte der Entschluss, sich wieder einen SAAB anzuschaffen. Toms Blog ist daran im Übrigen auch nicht ganz unschuldig… Die Wahl fiel auf einen 9-3 I Cabrio in der 2002er Anniversary Edition in Midnight Blue und mit blauem Verdeck. Er kam quasi aus erster Hand von einer Lehrerin. Scheckheft gepflegt mit kompletter Rechnungshistorie, jedoch auch mit den Spuren des Alters gekennzeichnet. Er zeigte ersten Ansatz von Rost in den Radläufen und hier und da ein paar Kratzer sowie kleinere Dellen.

Nach einem Jahr in meinem Besitz ist bereits bis heute viel passiert: Dellen wurden herausgezogen, Rost beseitigt, Lackschäden ausgebessert, und es gab eine professionelle Lack- sowie Verdeckaufbereitung. Mittlerweile sieht er fast neuwertig aus!

Auch technisch habe ich ihn gründlich prüfen lassen. Erstaunlicherweise hatte ich herausgefunden, dass sich ein sehr fähiger Mitarbeiter meiner damaligen SAAB-Vertragswerkstatt selbstständig gemacht und seinen eigenen Betrieb mit Fokus auf SAAB aufgebaut hat. Dort abgegeben wurde eine umfangreiche Inspektion sowie eine Rostschutzvorsorge durchgeführt und die Ölwanne gereinigt. Teileprobleme gab es hierbei nicht. Allerdings hat das heiße Wetter der vergangenen Tage dazu geführt, dass sich die Carboneinlage des Instrumentenpultes ablöste. Hier ist es bedeutend schwieriger, Ersatz zu finden. Ausdauer ist angesagt.

Zwischenzeitlich habe ich mich auch gefragt, warum man immer die neuesten Fahrzeuge fahren muss. Der 9-3 fährt zeitlos gut, ist sehr laufruhig und kann sogar recht moderat im Spritverbrauch gefahren werden. Ebenso überzeugen Verarbeitungsqualität und Details wie z.B. das dicke Leder der Sitze. Dann bleibe ich an dem Gedanken hängen, wo der automobile Fortschritt der letzten 17 Jahre geblieben ist. Er zeigt sich weniger in der Mechanik, jedoch mehr in der Elektronik und Software. Fahrassistenzsysteme, Multimedia und IoT zeigen die spürbaren Fortschritte. Wer diese Dinge haben möchte, wird mit den alten Schätzchen nicht glücklich. Was jedoch oft vergessen wird: Neben dem Plus an Gewicht (Steuergeräte und Kabelbäume) ist es der Energiehunger der ganzen elektronischen Helferlein. Dieser Hunger wird letztlich durch die fossilen Brennstoffe getilgt. Einen Trend, den die Fortschritte bei den Verbrennern nicht spürbar kompensieren können.

Interessanterweise nehmen die Personen in meinem Umfeld den SAAB aufgrund seines Alters und den damit verbundenen Eigenschaften unterschiedlich wahr. Männliche Bekannte waren geradezu begeistert, als sie von meinem neuen Fahrzeug hörten. Und erst recht, als sie ein Foto zu Gesicht bekamen. Von Kultstatus bis zeitloses Design oder die Auszeichnung als „ehrliches Auto“ waren dabei. Die weiblichen Personen hingegen waren deutlich verhaltener. Weder Design noch Kult wurde nachvollzogen, sondern stattdessen die Nachteile benannt: befürchtete Reparaturanfälligkeit wegen des hohen Alters, fehlendes Navi, veraltetes Infotainment, keine Einparkhilfe. Diese Wahrnehmung hat beileibe nicht den Anspruch, repräsentativ zu sein. Es hat mich dennoch erstaunt, dass es einen geschlechterspezifischen Trend zu geben scheint. Meine beiden Söhne unterstützen diese These: Der Große genießt es, mit mir eine Runde zu fahren, während der Kleine mit noch nicht einmal vier Jahren bereits andere SAABs auf der Straße erkennt und dann begeistert ruft: Da! Ein SAAB! Meine Frau hingegen schüttelt nur schmunzelnd den Kopf und versteht ihre Männer nicht.

Mittlerweile reifen neue Pläne… Ich komme nicht davon los, mir einen 9-3 II als Limousine zuzulegen wie ich ihn damals hatte. Keinen Diesel mehr, sondern einen Benziner. Kein Primärauto, sondern ein Fahrzeug, das in Würde altern darf. Ein Zeugnis aus einer Ära, in der sich die Automobilindustrie noch Individualismus leisten konnte.


Danke an Kai für die Saab Geschichte am Sonntag. Der Einsendeschluss unserer Aktion war der 15. August 2019. Die Aktion ist vorbei und nicht dabei gewesen? Nicht schlimm! Wir haben neue Ideen und stellen sie demnächst vor.

7 Gedanken zu „Meine Saab Story 2019

  • Wieder mal gut auf den Punkt gebracht, Danke! Wer weiß die freiheit zu schätzen,-bleibt beim Saab!

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  • Gratuliere zu dem Entschluss das Cabrio gekauft und durchrepariert zu haben…. Und viel Spaß und Glück auf der Suche nach dem zweiten…. Auch mich lässt der Saab-Virus nicht los, wobei ich mich da bekannterweise in guter Gesellschaft befinde. Je länger ich die Autos genießen darf, umso häufiger kreisen meine Gedanke um das Thema Nachhaltigkeit und Weiterentwicklung der Fahrzeuge in den letzten Jahrzehnten. Und die neuen gedankenlosen, hippen und kurzlebigen Trends stimmen mich sehr nachdenklich. Schätze mich glücklich, jeden Tag aufs neue die einmaligen Fahrzeuge zu genießen. Und – so paradox es auch klingen mag – dabei verursachten Schäden für den Planeten und seine zukünftigen Bewohner möglichst klein zu halten.

    Gruß ab die Gemeinde

    Der Lizi

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  • Super Geschichte zum Sonntag! Ausgenommen, der technischen Problemen mit dem 9-3er, deckt sich diese fast mit meiner bzw. mit meinem anhaltenden Saab- Infekt!

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  • Gute Geschichte mit einem für Saab-Fans doch glücklichen Ausgang. Ich vertrete auch die Meinung, dass es in den letzten 20 Jahren eigentlich keine großen Fortschritte mehr in der Automobilentwicklung gegeben hat. Und bei Saab im speziellen wurden für meine Begriffe im Zeitraum 1999-2004 die Fahrzeuge mit der besten Qualität produziert. Dickes Leder und knisterfreie Verarbeitung gehören Zweifels ohne hier dazu. Deine Feststellung zur geschlechterspezifischen Wahrnehmung des Fahrzeuges ist interessant bis amüsant…

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  • Bis auf die „erlttenen“ Dieselerfahrungen teile ich die Meinung des Verfassers voll und ganz.

    Zum TTID nur eine kurze Anmerkung mittlerweile habe ich mit dem TTID mehr als 80Tkm abgespult und dabei nur eine Panne erlebt. Ein aufgescheuerter Kabelstrang legte mich lahm. Die Fehlersuche war aufwändig. Der Reparaturaufwand hingegen eher gering.

    Bezüglich des automobilen Fortschritts bin ich der gleichen Ansicht. Die aktuellen Autos bieten viel mehr Elektronik und Assistenzsysteme, aber das wars dann auch schon. Kfz mit schachbrettgroßen Monitoren sind aktuell voll im Trend. Nun gut, da bin ich wahrscheinlich völlig aus der Zeit gefallen. Wenn ich fahre, möchte ich kein TV gucken, sondern einfach nur fahren. Das geht mit älteren Autos m. E. viel besser und mit einem SAAB besonders gut.Da lenkt Einen einfach weniger ab.

    Immer wieder schön ist es mit meinem 20 Jahre alten 3.0t 9-5er zu fahren. In diesem Jahr habe ich bereits 17Tkm damit abgespult. Nach dem Kauf wurden gute 2TEUR investiert und jetzt läuft er bereits im dritten Jahr ohne größere Auffäligkeiten. Im Stadtverkehr ist der Verbrauch zwar ruinös, aber freigelassen auf langer Strecke braucht er auch nicht mehr als die vielen „tollen“ Premium SUVs. Das alles ohne Monitor oder gar „Monitore“!

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    • @Bukki2001:
      Ja, der 9-5. 3.0t ist schon ein Traum… ich berichtete auf dem Blog im März über meinen Schweiz – Import (Bj. 1999). Seit 1. März bin ich 31.000 km gefahren, und ich kann nur eines sagen: Best-Buy, also bester Saab-Kauf, den ich je gemacht habe.

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  • Die Ehrlichkeit

    Immer wieder faszinierend, wie offen und ehrlich man den Vorzügen aber eben auch den Schwächen des einen oder anderen SAABs ins Auge blicken kann, ohne dass man deshalb die Qualitäten der Marke grundsätzlich anzweifeln, sich von ihr abwenden und gar eine Scheidung einreichen würde …

    Offen und ehrlich geschrieben, dieser Beitrag und gerade deshalb so wertvoll und nachvollziehbar,

    Mir geht es ebenso. Meine Ehe mit SAAB wird beiderseits offen und ehrlich geführt. Es gibt durchaus gegenseitige Kritik und Reibungspunkte. Ein beständiges Geben und Nehmen, ohne Anwalt und böse Überraschungen. Es ist eine richtig gute Ehe. Was will man mehr ? ? ?

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