Was uns (auch) glücklich macht… Part III

Es muss irgendwann in den 90er Jahren gewesen sein. Ich war gerade als stolzer Saab-Fahrer mit meinem neuen Saab 900s glücklich geworden, das stand bei meinem Saab-Händler ein Saab 99 Turbo auf dem Hof. Mit einer in verschiedenen Rosa- und Rot-Tönen gehaltenen Innenausstattung, die alle Geschmacksnerven forderte. Irgendwie kam ich an den Fahrzeugschlüssel und ab ging es durch die Stadt und den Spessart. Es gibt Fahrten, die man nicht vergisst. War ein Saab 900 Turbos 16S schon ein Kaliber für sich, so war der kleinere, leichtere 99 Turbo noch direkter und mit einem unendlichen Turboloch versehen.

Das ist er: Saab 99 Turbo in der Scheune

Aber kaum war die Turbo-Gedenkpause vorbei, kam der legendäre Turboeinsatz und der Saab kannte kein Halten mehr. So ungefähr müssen sich Jetpiloten fühlen, wenn der Nachbrenner zündet…hatte ich mir damals gedacht. Die Probefahrt durch den Spessart, über Landstraßen dritter Ordnung, ging schnell zu Ende. Und ich hatte schon vor 20 Jahren ein Problem mehr. Noch einen Saab kaufen oder nicht?

Aussen Marmorweiss, innen froschgrün. Genial.

Zurück in die Gegenwart. Es soll Menschen geben, die haben mehr als einen Saab 99 Turbo besessen. In Hamburg lebt Christian, der ein Freund von Götz ist. Wer mit Götz befreundet ist, der kommt zwangsläufig zum Thema Saab. Denn Götz lebt nicht nur Saab, er ist Saab.  So verwundert es nicht, dass Christian in früheren Jahren vier Saab 99 Turbo in seinem Besitz hatte. Zwei kardinalrote Saab 99 Combi-Coupes von 1978, ein Saab 99 Sedan aus dem Modelljahr 1979 und einer aus dem Modelljahr 1980.

Nummer 99 lebt!

Der akaziengrüne 99 Turbo aus 79 war zudem mit einer Original Saab-Zubehör Wassereinspritzung ausgerüstet. Christians Beschleunigungsorgien auf den Hamburger Autobahnzubringern sollen legendär gewesen sein…mit nun 1.2 bar Ladedruck nach Saab-Vorschrift eingestellt, war der 99 auf Augenhöhe mit hochpreisigen süddeutschen Sportwagen. Und die Kasseler Berge wurden mit Hingabe ” flachgebügelt “… Saab Turbofahrer wissen, von was wir schreiben. Und alles war, wie gesagt, die Schuld seines Freundes Götz, der ihn zu Saab gebracht hatte.

Ab auf den Hänger und in die Werkstatt.

Menschen werden älter, Menschen werden vernünftiger. Oder sie kämpfen eben mit dem Turbo-Gen, das sich vor Jahren irgendwo bei Christian eingenistet hat. Eine Heilung vom Turbo-Gen ist nicht möglich, man glaubt zwar manchmal, es überwunden zu haben, denn es gibt auch bei diesen Menschen Phasen, wo sie völlig unauffällig erscheinen. Aber es kommt immer wieder zurück und begleitet uns ein Leben lang. Ich spreche aus eigener Erfahrung.

Ölwechsel bei Johan.

Wer einmal einen Saab 99 Turbo besessen hatte, der kann auch theoretisch ohne leben. Praktisch aber nicht, denn immer wieder vermisst man dieses emotionale, turbogeladene Teil aus Schweden. So ist es gut, wenn man verantwortungsvolle Freunde hat. In Christians Garage sollte deshalb erneut eines dieser Glanzstücke schwedischer Ingenieurskunst einziehen. Freund Götz stellte sich der Verantwortung und half bei der Suche. Wo findet man einen Saab, wenn man einen sucht?

Natürlich in Trollhättan. Ein Saab-Freund aus Schweden wollte einen verkaufen, fünf Jahre sachgerecht eingelagert in einer  Scheune. Natürlich nicht an jeden, sondern nur an einen ausgewiesenen Saab-Fan und wenn, dann möglichst weit weg. Denn jeden Tag den 99 sehen, wenn, sagen wir einmal, der Nachbar damit fährt…nicht auszuhalten. Verständlich !  Im Januar kam es zum ersten Besichtigungstermin, darauf folgten Monate mit Preisverhandlungen per Mail. Im September endlich war es so weit. Ab nach Schweden!

Schwedenfähre nach Deutschland…

Mit dem 9-3 Aero nach Kiel, wo der Saab auf dem Parkplatz zurückbleiben muss. Kein Heimaturlaub für den 9-3. Mit der Fähre nach Göteborg, wo Götz und Christian von Freund Johan vom Historic Rally Racing Service, der als technische Unterstützung gebucht war, abgeholt wurden. Denn was wäre, wenn der Turbo nicht aus seinem “Dornröschenschlaf” aufwachen würde?

Mit Johan und seinem Gespann ging es in Richtung Trollhättan. Die wenigen Kilometer in die Saab-Stadt, auf tempolimitierten schwedischen Strassen,  können sehr lange sein.

Schwedenkai Kile, der 9-3 Aero wartet.

Dann aber endlich stand er vor den Beiden, der 99 Turbo, in einer Scheune. Mit den 900er Stoßstangen, höhenverstellbaren Kopfstützen, Tacho bist 240. Unverbastelt, Modelljahr 1980, der letzte Entwicklungsstand aus Trollhättan, nicht restauriert, sondern immer nur fachkundig gewartet. Ein Traum in der legendären Saab Farbe “marmorweiss”, die auf Schnee dann grünlich erscheint. Dazu eine “froschgrüne” Innenausstattung mit den Original Fussmatten. Wer jetzt etwas neidisch auf die Hamburger Jungs ist, der muss sich nicht schämen. Das ist normal. Mir erging es auch so, als ich Fotos und Post von Götz bekam.

Mitbringsel aus Schweden, Alu 88 Saab Felgen. Tom ist schuld, meint Götz. Wer sonst?

Der Saab läuft problemlos. Mehr als 30 Jahre alt? Von wegen alt ! Der Saab fährt wie ein junger Gebrauchter, und Christian fühlt sich plötzlich gute 20 Jahre jünger. Aus Sicherheitsgründen muss der Saab aber auf den Hänger. Erst geht es zu Johan in die Werkstatt, wo der Saab mit positivem Ergebnis durchgecheckt wird. Jetzt kurz noch ein Ölwechsel, den Johan durchführt, und ab geht es nach Süden. Die Fähre wartet. Unterwegs kommen Emotionen hoch. Der Turbo, der Saab Sound, die unverwechselbare, runde Frontscheibe wie in einer Flugzeugkanzel. Das alte, unvergleichliche Saab 99 Feeling.

Willkommen zuhause! Saab 99 Turbo in Hamburg.

Zurück auf die Fähre und ab nach Kiel, wo der 9-3 am Schwedenkai wartet. Dann in Formation ab nach Hamburg. Zweimal Saab, zweimal Turbo, 20 Jahre Unterschied und dennoch Turbo-Faszination bei beiden Wagen. Der 99 Turbo führt, Götz im 9-3 Aero hinterher. Etwas hat sich geändert. Vor 20 Jahren ging das alles etwas flotter, jetzt “streichelt” Christian den Turbo. Mittags steht der 99 dann im Garten an der Elbe. Nach 17 Jahren ist endlich wieder ein 99 Turbo zurück in der Familie. Im nächsten Jahr wird Christian einen runden Geburtstag feiern, der Saab ist das vorgezogene Geschenk. Eine gute Entscheidung, denn wie sagt Götz, “…wenn nicht jetzt, wann dann…”

Saab macht glücklich, und ein 99 ist eben ein besonders starkes Stück Saab. Glückwunsch nach Hamburg! Ich selbst habe vor 20 Jahren den 99 nicht gekauft. Vielleicht lag es an den rosaroten Sitzen, vielleicht dachte ich damals, noch ein Saab sei genug. Wie man sich doch irren kann !

Text: tom@saabblog.net

Bilder: Götz & Christian für saabblog.net

Noch mehr Saab Geschichten?

Was uns (auch) glücklich macht… Part I

Was uns (auch) glücklich macht… Part II

 

 

10 Gedanken zu „Was uns (auch) glücklich macht… Part III

  • Es gibt Geschichten die sind interessant, es gibt Geschichten die Berühren und es gibt Geschichten die sind von Saab und solche bewegen. Eine Freude zu hören, dass ein solch schönes Objekt eine neue Heimat gefunden hat.

    Viel Spass mit dem 99 Turbo und ja Tom ist schuld ist immer eine gute Ausrede 😉 (ich beziehe mich auf die Felgen)

  • Ein absolut geniales Auto! Ein Stück SAAB Historie! Glückwunsch an den stolzen Besitzer! Tom ist schuld, wird auch bei uns die Ausrede sein wenn SAAB Nummer 3 auf den Hof rollt 😉

  • Ein tolles Auto, ein toller Bericht. Danke Tom!
    So ein 99er könnte in meiner Garage auch gut ausschauen.
    Viel Spaß damit Christian.Vielleicht ist der Wagen ja mal auf einem Treffen zu sehen!?

  • Hallo.
    Da gibt´s eigentlich nicht viel zu sagen, außer einen klaren “neidischen”: GEIL!

    Aber auch von mir: Herzlichen Glückwunsch nach Hamburg und schön, dass der 99 ein würdevolles und verdientes Zuhause gefunden hat.

    Gruß

    André

  • Tolles Auto, toller Bericht. Glückwunsch nach Hamburg.
    Es macht immer wieder Spaß diese kleinen Geschichten zu den besonderen “Fundstücken” zu lesen.

    Gruß Gerd

  • Die Kasseler Berge – wo man irgendwann auch mit dem Navigationsgerät und auf der A5/A7 nicht mehr weiß, wo man ist. Homberg/Ohm und Homberg an der Efze, Romrod… die Strecke kenne ich von meinen Fahrten nach Göttigen sehr gut. Und ja – mit einem Turbo macht die Gegend wirklich Spaß.

    À propos Turbo, da fällt mir ein, was Stefan Bellof mal darüber gesagt hat, wie sich der Turbo-Motor im nachgerüsteten Tyrrel gegenüber dem Saugmotor fährt. Man muss die Drehzahl hochhalten, und mit mehr Zwischengas arbeiten. Dann geht’s… aber das war erstens 1983, zu Zeiten anderer Benzinpreise, und auch auf der Rennstrecke anstatt auf der Straße.

    Aber zurück zum Thema… tolles Auto. Das Interieur strapaziert zwar wirklich die Geschmacksnerven, aber wer auf Turbotechnik steht, für den gibt es hier kein Entkommen. Super Bericht…. noch viel Spaß mit dem 99er!

  • So ein 99er Combi-Coupé in Indianyellow wie Johan vom Historic Rally Racing Service hatte ich auch mal! Unvergesslich!
    Viel Spass mit dem «neuen» Auto!

  • Bei uns ist nicht Tom Schuld, ein guter Freund hat die ultimative Ursache für Familienzuwachs der Automobilen Art vor einigen Jahren gefunden. Es muss sich um einen Gen-Fehler handeln! Tragisch… Aber es entschuldigt vieles ( unser Fuhrpark umfasst zur Zeit 9 Fahrzeuge)
    Wünsche viel Spass mit dem Asphaltkratzer, bin ein bisschen neidisch, ein 99 Turbo fehlt uns noch…

  • Klasse Bericht und ein schönes Auto!

    (Ist noch jemanden aufgefallen, dass der 9-3 am Schwedenkai die gleiche Linienführung am Seitenfenster hat, wie das ebenfalls zu sehende 99 Combi Coupe des Historic Rally Racing Service?)

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