Eindringlinge – so schnell verändert sich der Automarkt in Schweden

Nur in sehr sentimentalen Momenten erinnert man sich daran, dass Saab in den Top 10 der Neuzulassungen in Schweden einst eine Rolle spielte. Das ist lange vorbei, danach wurde Volvo zum Platzhirsch. Die Ränge 1 bis 5 hatte meist die Marke aus Göteborg gebucht. Das ist jetzt ebenfalls Geschichte. Denn fremde Eindringlinge setzen an Volvo das Leben schwer zu machen. Und Schweden scheint mit einem Mal keine sichere Bank mehr für den Hersteller aus Göteborg zu sein.

Automarkt in Schweden

Der schwedische Automarkt ist relativ klein und nicht mit deutschen Verhältnissen zu vergleichen. Das Tempo auf den Fernstraßen im Land ist limitiert, das wirtschaftliche Leben konzentriert sich auf die beiden Metropolen Göteborg und Stockholm. Das sind beste Voraussetzungen, wenn man den Individualverkehr elektrifizieren möchte. Moderate Geschwindigkeiten auf den Autobahnen verhelfen Elektroautos zu hohen Reichweiten, der Strommix ist grüner aber auch atomarer als in Deutschland.

Für den Monat Juni 2021 meldete Bilsweden Neuzulassungen auf Vor-Corona Niveau und fast jeder zweite Neuwagen ist ein Hybrid oder Elektroauto. Die Verteilung spiegelt das wider, was die Regierung mit dem Bonus/Malus System erreichen möchte. Schweden soll elektrisch werden, Verbrenner haben nur noch als Klassiker und Youngtimer eine Zukunft.

MG – die Eindringlinge aus China

Die Überraschung im Juni servierte ein Eindringling aus China. MG verkündete im April den Verkaufsstart für den MG EHS Hybrid und das MG ZS Elektroauto. Das Comeback eines großen, alten Markennamens, der hier auch schon Thema war. Eine urbritische Traditionsmarke, einst emotional und erfolgreich, jetzt unter chinesischem Management. Hat sie eine Chance in Europa? Oder nimmt auch sie den Weg, den jetzt Borgward geht? Die ehemals deutsche Marke verabschiedet sich gerade aus dem automobilen Kosmos, nach einer gescheiterten Auferstehung.

MG ZS - die Schweden mögen ihn
MG ZS – die Schweden mögen ihn

Der Markenname MG scheint in Schweden noch immer einen gewissen Klang zu haben, und die Marke hat das perfekte Produkt zur richtigen Zeit. Im Juni belegte das rein elektrische MG ZS SUV – Vorsicht Schock – Platz 2 der schwedischen Neuzulassungen. Mit 1665 Exemplaren knapp hinter der Volvo V/S60 Serie und mehr als 100 Exemplare vor dem Volvo XC60. Der XC60, der mit dem Modelljahr 2022 ein Facelift erhalten hat, wird außerdem hart vom Tesla 3 bedrängt und kann nur sehr knapp seinen Rang verteidigen.

Auf Platz 5, und weit hinter dem Tesla, folgt VW mit dem ID.4. Eine bittere Lektion zum Nachdenken für Göteborg und Wolfsburg.

Vollausstattung für 30.000 €

Woran liegt es, dass MG einen Überraschungscoup landen konnte? Ein paar Dinge scheinen den Unterschied zu machen. Als Polestar die ersten Elektroautos nach Schweden brachte, war die Motorpresse umgehend gefüllt mit Berichten über Probleme. VW ging es ähnlich. Software Bugs, E-Autos, die den Dienst verweigerten und sich nicht laden lassen wollten. Von MG hört man – ja richtig getippt – überhaupt nichts. SAIC hat einen Erfahrungsvorsprung von 10 Jahren, und in China bereits 100tausende Elektroautos auf der Straße.

Dazu kommt das Gesamtpaket. 263 Kilometer Reichweite nach WLTP passt in den Alltag, in Schweden kostet der MG rund 33.000 €, in Deutschland etwas über 30.000. Komplett ausgestattet, mit Panoramadach und allem was dazu gehört. Dass man für einen MG gerade mal einen halben Volvo XC40 Recharge Pure Electric bekommen würde, ohne Extras natürlich, muss man sich ebenfalls vergegenwärtigen. Die Hochpreispolitik der Strategen aus Göteborg scheint an ihre Grenzen zu stoßen.

Einfach, aufgeräumt, solide. Innenraum des MG ZS.
Einfach, aufgeräumt, solide. Innenraum des MG ZS.

Dass Chinesen routiniert Autos bauen können, die sich im Alltag bewähren, habe ich vor Jahren erfahren. Die Autos werden seit dem noch besser geworden sein, und wenn etwas Feinschliff fehlt, dann macht es der Preis wieder wett. Aber gerade was den legendären Feinschliff angeht, sollten sich die Europäer nicht mehr so weit aus dem Fenster lehnen.

Eine Warnung für die Europäer

Am Wochenende war ich mit einem Freund und seinem neuen Elektroauto unterwegs. Ein deutsches Fabrikat, Listenpreis 101.000 €. Ein Auto, das entgegen der Vermutung, die das Preisschild suggeriert, jenseits von perfekt ist und das in vielen kleinen Details enttäuscht. Viel günstiges Plastik im Innenraum, ein Fahrwerk das nicht der Marke und ihren Premium Ansprüchen genügt. Ein Stromverbrauch, der in der Praxis 40 % über dem des MG EV liegt. Und das zu einem Preis von mehr als 3 MG ZS.

Ist das die Zukunft, die wir meinen und das Gegenmittel zu chinesischen Produkten?

Neben Tesla setzen jetzt die Chinesen zum Angriff an. Mit viel Praxiserfahrung und aggressiven Preisen. Dass ein MG ZS niemals einen Vergleichstest einer deutschen Autozeitschrift gewinnen wird, versteht sich fast von selbst. Doch der Preis, Vollausstattung und ausgereifte E-Technik sind Pluspunkte, die beim Käufer ankommen könnten.

Die rasante Veränderung des schwedischen Automarktes zeigt, was in den nächsten Jahren auch in Deutschland passieren kann. Besonders dann, wenn ein bundesweites Tempolimit die Akzeptanz für noch mehr elektrisches Fahren ebenen wird.

In Schweden geht es MG Motors Europe offiziell ruhig an. Zum Marktstart verkündete man primär junge Kunden, die für elektrische Antriebe aufgeschlossen seien, im Visier zu haben. 4000 Fahrzeuge wolle man 2021 in Schweden verkaufen und der MG ZS solle innerhalb von 3 Jahren das beliebteste Elektroauto des Landes werden.

Es sieht aus, als ob das viel schneller gehen wird. Ich bleibe dran.

10 thoughts on “Eindringlinge – so schnell verändert sich der Automarkt in Schweden

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    In Schweden ist das für neue Marken leichter als in Deutschland. Die einst so stolze Autoindustrie ist komplett in ausländischer Hand und chinesisch oder deutsch dominiert. Neben China Volvo hat da auch MG einen Platz, wobei SAIC die englische Karte immer sehr behutsam gespielt hat.

    MG Motors ist übrigens schon längst wieder eine Weltmarke, der Export läuft und mit Europa wird das auch noch funktionieren.

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      ” (…) und mit Europa wird das auch noch funktionieren.”

      Sieht ganz so aus. Und anders als bei dem merkwürdigen Versuch mit Borgward, dachte ich beim ZG tatsächlich, sieht aus wie ein MG.

      Ist für mich persönlich kein Grund, chinesischen EVs zu verfallen, aber es ist gut gemacht. Es könnte ein Pluspunkt für SAIC sein, diese Karte nur behutsam zu spielen, wie Sie sagen …

      Behutsam und deshalb glaubwürdig an das europäische Langzeitgedächtnis zu appellieren, ist keine schlechte Strategie für einen chinesischen Konzern mit Exportambitionen und einer einst europäischen Marke im Portfolio.

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    MG hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm …

    Und ZACK ist der ZS auf Platz 2 in Schweden. Ein Eindringling?
    Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Schweden ist eben auch nicht mehr, was es mal war. Es kann ja nicht jeder Schwede einen Koenigsegg fahren, nur weil Saab weg vom Fenster und Volvo chinesisch ist. Ist eigentlich doch ganz egal, was man dort jetzt kauft …

    Das denken offenbar auch immer mehr Schweden. Ich finde diese Verwässerung allerorten und alle Produkte umfassend echt schade. Der letzte “japanische” Schleifstein, den ich gekauft habe, ist Made in Germany, wie sich später herausstellte. Aber alle meine Woks sind noch Made in China und mein Zelt (Hilleberg) ist tatsächlich noch Made in Sweden – so wie mein Saab oder mein alter Volvo.

    Mir kommt die Authentizität abhanden und ich vermisse sie. Beliebigkeit ist eben KEIN Synonym für Diversität, sondern ihr größter Feind.

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    Preis und einfache Bedienbarkeit sind die Kriterien für viele Käufer. Wie oft höre ich bei der Nachbarschaft: bis ich die ganzen Menüpunkte in meinem Auto durchhabe, ist die Leasingzeit schon vorbei. Realistisch gesehen könnten Autohersteller 2 Fahrzeugtypen herstellen: Das hochgepäppelte Gratis-Autotester-Testmodell mit allen Gimmicks. Und das bedienbare, günstigere Verkaufsmodell für Kunden, die das Fahrzeug auch wirklich kaufen. In den Leasing-Modellen muß viel unnützes enthalten sein, weil die Hersteller nicht genau wissen, was Kunden in 4 Jahren an Extras erwarten. Hier schlägt die Stunde der Chinesen: bei günstigeren Preisen werden die Fahrzeuge noch von Kunden gekauft. Und auch 30.000 Euro müssen erstmal zusammengespart werden. Da tun sich viel Familien doch recht schwer, das Geld so aus dem normalen Betrieb abzuzweigen. Wobei man für 30.000 Euro eher noch bei einem Nacktgolf oder Basis-Benz landet.

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    Vermutlich werden – gerade in ländlichen Gegenden – Autos noch eher gekauft als geleast. Das dürfte in SE nicht anders sein als in DE.
    Ein günstiger Preis und eine vernünftige Nutzbarkeit dürften dann dort zudem eher den Ausschlag zum Kauf geben, als der ganze Premium- und Konnektivitätszirkus.
    Ein häufiges Extra in SE ist die Anhängerkupplung, die bei den elektrischen Premiums aus Europa sehr oft gar nicht vorgesehen ist – nicht einmal gegen den geliebten Aufpreis. Möglich, dass gerade darin der Haken liegt.

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    Ja, der Preis. In Zukunft wird es in einem gewissen Marksegment nur noch um den Preis, die Leasingrate oder die Flatrate zur Nutzung gehen. Das wird spannend und ein Blutbad.

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    Steckt da auch der Senova X65 von BIAC drin, so wie beim Borgwart? …oder ist der kleiner?
    Ja die Preise von Volvo, VW und Co sind schon spannend, als Laesingfahrzeug sieht es oft aber besser aus.

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      Leasing ist da sicher noch die offene Flanke. Bei Saab war sie bis zum Schluss offen. Aber die Chinesen werden auch hier schnell lernen.

      MG gehört zu SAIC (nicht BAIC wie irrtümlich in der ersten Version des Textes) – Saab Wurzeln gibt es da keine.

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      Die Leasingraten scheinen interessant. Sie starten knapp unter 200 € und MG gewährt eine Neuwagengarantie von 7 Jahren.

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      Interessant ist, dass wichtige Händler wie Hedin Bil (hat auch Teile von Saab ANA übernommen) auf dem MG Zug aufgesprungen sind. Für MG Motors sieht das gut aus.

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