Saab – Anything but langweilig

Bengt Gadefeld und Per Gillbrand. Was hatten sie im Sinn,  als sie den Turbo zähmten? Seit dem Beginn der 70er Jahre arbeiteten die Motorenentwickler in Södertälje an der Turboaufladung – mehr oder minder unter dem Radar der Geschäftsleitung, wie das bei Saab oft der Fall war. Mitte der 70er Jahre kam dann die große Krise, die Verkaufszahlen brachen ein.

Saab 99 Turbo
Saab 99 Turbo

Mit Sten Wennlo kommt 1976 ein neuer Chef. Neuheiten hat Saab kaum in der Pipeline – bis auf den Turbo. Wennlo braucht eine Sensation, um Saab zu retten. Er besucht Gadefeld und Gillbrand in Södertälje, fährt mit dem Turbo zurück nach Trollhättan – und ist begeistert. Schon auf der Rückreise entscheidet er sich für die Serienproduktion. “Anything but langweilig” ist geboren,  und dann geht alles ganz schnell. Im September 1976 sehen die schwedischen Händler den Turbo, 1978 rollt der Saab 99 Turbo zum Kunden.

Der Saab 99 ist ein komplett schwedisches Auto. Sachlich bis ins Detail, nichts was zufällig oder unbedacht angeordnet wäre. Die Verspieltheit französischer oder italienischer Hersteller ist Saab fremd. Das macht den Saab etwas langweilig – auf den ersten Blick. Der Saab 99 Turbo ändert das. Nicht immer bleibt es bei 145 PS, da geht mehr. Erstmals kann man mit einem Saab Porsche jagen und damit Porsche-Piloten in eine tiefe Sinnkrise stürzen.

Nett wird es, wenn ein Turbo-unerfahrener Mitfahrer an Bord ist. Der solide Saab rollt durch den Verkehr, bis die Strecke frei ist. Tritt der Fahrer aufs Gas – passiert für eine Gedenksekunde nichts. Dann setzt der Turbo ein, brachial und hart. Saab frisst Asphalt, sucht Traktion, nichts kann ihn stoppen. Der 99 Turbo ist ein Sportwagen, der nicht so aussieht. Den Fahrer macht das süchtig, der Beifahrer kann es nicht fassen. Saab – “Anything but langweilig”. Ein Konzept ist geboren.

Saab macht weiter den Turbo. Mit dem 900 Turbo wächst die Leistung auf bis zu 160 PS, freundliche Tuner erlauben einen Zuschlag. Das Turboloch wird kleiner, die Faszination bleibt. Kultiviert gibt sich der Turbolader im 9000 CC Turbo und 9000 Aero. Bis zu 225 PS sind möglich. Erneut greift das “Anything but langweilig” Konzept. Die Innenräume im 9000 sind sachlich unterkühlt bis nobel. Keiner vermutet enorme Fahrleistungen in einer Fließhecklimousine. Um so größer der Effekt, wenn ein 9000 beschleunigt und Fahrzeuge stehen lässt, die nach Papierform stärker sind. Saab liefert immer mehr als man vermutet, auch das macht die Fahrer glücklich.

Die Turbos werden mit den Jahren noch kultivierter, Saab hält durch, liefert immer mehr Turbokraft. Der 900 II, als Fließheck-Evolution des 900 I, liefert samtige 185 PS, der 9-3 Aero durchbricht die 200 PS Marke, der Viggen ist mit brachialen 230 PS Turbo pur. Das Fahrwerk bringt die Leistung kaum auf die Strasse, es gibt deshalb ein Viggen Rescue Kit, langweilig ist es Viggen-Piloten nicht. Ein Saab ist mehr als nur EIN Auto. Ein Saab ist Transporter für die Familie, Limousine für Geschäftsreisen, Sportwagen für die linke Spur. Der Saab 9000 perfektioniert dieses Konzept, Vernunft und Medizin gegen Langeweile gehen eine Symbiose ein. Aber nicht mehr lange.

Mittlerweile gehört Saab zu GM, und “Anything but langweilig” ist nicht mehr in. Das Concept von Bengt Gadefeld, Per Gillbrand und Sten Wennlo verschwindet langsam. Motoren -Entwickler haben es schwer, sie sind eingezwängt zwischen immer schärferen Umweltvorschrifen und Kostenkontrollen. Antriebe, absolut überdimensioniert und ausgelegt für viel Leistung und langes Leben,  wie wir sie im 9000 finden, sind nicht mehr möglich.

Saab soll kompatibel für den Massengeschmack werden. Gegner sind jetzt BMW und Audi. Die alte Saab Weisheit, dass es schief gehen wird, wenn man seine Wurzeln verleugnet, zählt nicht mehr. Der neue 9-5 kommt als Limousine, der Aero leistet klägliche 5 PS mehr als im 9000. Ebenso im neuen 9-3, auch er Limousine, und bei den ersten Jahrgängen lässt sich die Kostenkontrolle der Amerikaner nicht verleugnen, so armselig sind die Materialien. Den Kombi hält GM zurück, das Coupe wird nie kommen. Zum ersten Mal fahren sich die neuen Modelle behäbiger als die Vorgänger. Glücklich macht das nur Kunden, die  Saab – Neulinge sind. Für die Anderen führt der Weg nach Sankt Gallen, wo Renè Hirsch das “Anything but langweilig” zurück in die Saabs zaubert.

Die Losung,  kompatibel für die Massen zu werden,  scheitert. Fahrzeuge werden über den Preis in den Markt gedrückt, Fans kaufen Saabs mehr als Verbundenheit als aus Begeisterung. Die Lage bessert sich langsam, mit den Jahren reifen 9-3 und 9-5, bekommen ein paar PS mehr, ab und zu schimmert der alte Turbo-Geist, die Unvernunft aus Trollhättan, durch.

Es ist nicht so, dass man es in der Stallbacka vergessen hätte, das “Anything but langweilig”. Es liegt in den Genen der Marke, man muss es nur zulassen. Als Saab 2008 den Turbo X auflegt,  sind Sound und Leistung zurück. Die Fans sind begeistert, aber leider verteilt man nur 2.000 Stück. Mehr wird man der Welt nicht geben. Und dann?

Turbos baut mittlerweile jeder, sie sind extrem kultiviert und damit fade geworden. Die Leistungsabgabe hat linear zu erfolgen, alles andere würde der Kunde angeblich nicht mehr akzeptieren. In Trollhättan geht nach 40 Jahren ein Konzept dem Ende entgegen – und wird doch neu erfunden.

2010 ist “Anything but langweilig” zurück – für kurze Zeit. In anderer Form, definiert über Design. Der neue Saab 9-5 verzaubert den Betrachter, wird als schönste Neuerscheinung des Jahres gehandelt. Designer und Fachleute loben, Saab fasziniert. Endlich mal wieder ! Die Geschichte der Marke endet im Frühjahr 2011, als die letzten Fahrzeuge vom Band laufen. “Anything but langweilig” ist am Ende, auch 9-4x, der 9-5 Sportkombi und der 9-3 Nachfolger bekommen keine Chance mehr.

Das Ende? Oder nur ein Zwischenstop? Sitzt irgendwo ein genialer schwedischer Ingenieur und bastelt an “Anything but langweilig” 3.0? Wie auch immer, Saab hat uns Autos mit viel Gänsehautfeeling und Faszination geschenkt. Durchdacht bis ins kleinste Detail, sachlich wie nur Skandinavier sein können. Aber mit soviel vernünftiger Unvernunft unter der Haube, dass die Marke unsterblich sein wird. Egal was kommt.

12 Gedanken zu „Saab – Anything but langweilig

  • Jepp, genau so war`s:
    Den SAAB-Schub als Beifahrer erleben… die Augen wurden immer größer, der Druck auf die Rückenlehne immer stärker… und der Virus SAAB wurde implantiert. 🙂
    Ich freu´ mich jeden Tag über die Blick ins Carport und über jeden Km der Nutzung! 🙂

  • Ich stimme mit dem Artikel in fast allen Punkten überein, aber…

    … die lineare Leistungsabgabe mag langweilig sein, und ich wage auch zu bezweifeln, dass es die Kunden interessiert ob die Leistungsabgabe linear, quadratisch oder exponentiell zur Gaspedalstellung ist (oder ob die überhaupt den Unterschied kennen…), aber grade in Verbindung mit einem Heckantrieb (ja, auch sowas gibt’s) ist sie die sicherste Variante. Man stelle sich eine Leistungsexplosion bei Heckantrieb auf einer glatten Straße vor. Oder lieber nicht.

    Interessant wäre aber durchaus mal, was dank Trionic eigentlich möglich sein sollte, verschiedene Gaspedal-Mappings zu programmieren und eine Wahlmöglichkeit einzurichten, ähnlich wie jetzt schon im 9-5 für die Fahrwerksabstimmung. Für den Turbo-Nostalgiker, den Vernünftigen und den etwas Ängstlichen 😉

    • Ich würde sagen sicherer ist es sowohl bei Front- als auch bei Hecktrieblern. Aber weniger spaßig…

      Die Trionic ist extrem anpassungsfähig. Es sollte kein Problem sein was zu programmieren. Bei einer bayerischen Marke gibt es ja den “Fahrerlebnis – Schalter”…

      • Stimmt – Untersteuern ist auch nicht sicherer.

        Wobei ich grade nicht sicher bin, ob der “Fahrerlebnis-Schalter” die Gaspedalkennlinie ändert, oder sich nur auf die Schaltpunkte auswirkt.

        Oder ob das Auto dann einfach nur anfängt zu jodeln 😉 Wäre ja auch ein Erlebnis 😀

  • Anything but langweilig = SAAB fürs Herz! Volltreffer und danke dafür! Hat den Montag gerettet!

  • Könnt Ihr Eure Lightbox mal so anpassen, dass man beim Schließen einer Galerie nicht immer zum Anfang der Seite zurückgeworfen wird? Danke!

  • Schöner Artikel über die Turbo-Geschichte. Besser kann man das nicht zusammenfassen 🙂 .

  • Gut zusammengefasst.
    Das Einzige, was ich nicht unterschreiben würde, ist die Aussage, dass ein 9000 sachlich unterkühlt ist…
    Das trifft meines Erachtens absolut auf den 9.5I zu. Edel, gut ausgestattet, aber etwas emotionsbefreit.
    Mein 9000 CSE hingegen erinnert mich eher an die Bibliothek eines Herrenhauses. Holz, Leder, das Mobiliar aus dem Vollen geschnitzt…
    Gemütlichkeit in Reinkultur. Fehlen nur noch der Kamin und ein gepflegter Single Malt…

    liebe Grüße
    Gerald

    • Jeder empfindet auf seine Art. Mir kommt der 9000 mit seinen großen Fensterfläche, dem vielen Licht im Innenraum, kühler vor. Der 9-5 I ist für mich das “kuscheligere” Auto.

  • Schönheit liegt im Auge des Betrachters – ich habe beide gefahren und vor allem wegen deren Qualitäten geschätzt. Jeder war zu seiner Zeit etwas Besonderes und etwas abseits vom Mainstream. Vor allem die Sitze waren bei beiden unerreicht.

  • ….und dann gab es den 9-5 erst nur mit dem 2l 150PS softturbo, zumindestens für uns zur Probefahrt, enger und lahmer als die 9k die es immer mal als Ersatzwagen gab. Als der Händler dann meinte er haben noch einen aero9k mit wenigen Kilometern stehen war die Enstcheidung schnell getroffen! 🙂

  • Hallo Saabgemeinde, wenn ihr je mal die Gelegenheit habt einen Viggen mit dem 306 PS Motor zu fahren, macht es!! Unglaublich was da an Kräfte wirken und wie dieses Auto im abgeht! Einmal im 2.Gang so mit 40 km/h auf die Tube drücken und es geht ganz gewaltig vorwärts. Turbo at its best! Oder Turbo an seiner Grenze…..

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