40 Jahre Saab in der Carl-Benz-Straße – Relikt und Leidenschaft

Carl-Benz-Straße 27, Frankfurt am Main. Für einen kurzen Augenblick scheint alles in Ordnung. Die Saab Fahnen wehen im kühlen Märzwind, auf der Straße donnert der LKW Verkehr vorbei. Doch der zweite Blick offenbart die Tristesse. Dort, wo einst Saab Neuwagen auf Käufer warteten, herrscht gähnende Leere. Die Fensterscheiben sind trübe und matt. Der Staub der Straße hat sich auf sie gelegt.

Die Carl-Benz-Straße 27 ist ein Teil der deutschen Saab Geschichte. Vor 40 Jahren eröffnete Saab Automobile hier eine weitere Werksvertretung. Eine von mehreren im Raum Frankfurt, optisch aber die Unattraktivste. Ausgerechnet hier hielt man bis zum Ende durch, und auf diesem Gebäude endete auch die Geschichte von Saab Deutschland.

Die Saab Fahnen wehen im Wind
Die Saab Fahnen wehen im Wind

Werksniederlassungen von Saab und Seat

Nach Saab zog Seat in den vorderen Teil des Gebäudes ein. Besetzte den Showroom, und wo einst schwedische Autos zum Verkauf standen, gab es von da an spanische. Seat blieb der Saab Linie irgendwie treu. Denn auch dieses Mal war es eine Werksvertretung, die für ein paar Jahre Präsenz zeigte. Dann befand ein Stratege bei Seat die eigene Vertretung für zu teuer, verkaufte sie an einen Handelspartner, der ein eigenes Gebäude in der Hanauer Landstraße errichtete und die Carl-Benz-Straße links liegen ließ.

Die Carl-Benz-Straße war und ist stets nur die zweite Wahl. Die Frontlinie der Frankfurter Autohäuser steht in der Hanauer Landstraße, nicht hier in der zweiten Reihe, wo Schlachthof und Fleischgroßhändler dominieren. Warum es ausgerechnet die feine Firma Saab in dieses wilde Gemenge aus Import-Export Firmen, Speditionen, Gastrobedarf und einiger Merkwürdigkeiten zog, wird wohl immer ein Rätsel bleiben.

Der Weg führt hinein in den Hof, hier bessert sich die Laune. Es sieht nicht mehr nur nach Relikt aus, Saab ist hier definitiv noch aktiv. Ein Wegweiser, die ersten schwedischen Autos. Weiter links, der frühere Eingang zum Autohaus, er ist versperrt. Die nächste Tür, sie führte einst zur Kundendienstannahme, gehört zu einer freien Werkstatt. An einer dieser Türen wurde bis vor ein paar Wochen für den neuen Saab 900 geworben. Der große, blaue Aufkleber hielt sich von 1992 bis 2021.

Jetzt ist er weg.

Im hinteren Drittel des Hofs ist Saab Service Frankfurt zu Hause. Seit rund 9 Jahren, die Fortführung alter Tradition. Hier trifft man auf geballte Saab Kompetenz, man tritt ein in den Rhein-Main-Hotspot der schwedischen Marke. Der Hof, auch der Teil,  der nicht zur Saab Werkstatt gehört, befindet sich fest in der Hand der Trolle. Saab dominiert, einsam hat sich ein Volvo Klassiker dazu gesellt.

Relikte der alten Zeit

Die Relikte werden jetzt mehr. Saab Kundendienstparkplätze, Saab Sonnenschirme vom letzten Sommer. Eine Werbefahne fordert auf,  ein Saab Schrägheck auszuprobieren. Das würde ich gerne. Wo darf ich die Probefahrt buchen? In der hinteren Ecke des Hofs parkt ausgedientes schwedisches Blech.

Stoisch ist es am Ende des Autolebens bereit zum letzten Akt. Als Ersatzteilträger werden Teile das Leben anderer Saab verlängern. Zwischendrin parkt das ein oder andere Fahrzeug, das mehr Glück hatte und jetzt auf seine Restaurierung wartet.

Es ist Einiges los hier. Die Rolltore heben und senken sich regelmäßig, immer wieder verlässt ein Saab die Werkstatt zur Probefahrt. Kunden fahren vor, Lieferanten bringen Nachschub an Ersatzteilen. Hier lebt Saab, dies mit Leidenschaft,  und ein Ende scheint nicht in Sicht. Wüsste man nicht um die Geschichte der Marke, man würde sich bei einer normalen Autowerkstatt wähnen, die sich auf die schwedische Marke eingeschworen hat.

Eine freie Werkstatt vielleicht, eine, die sich um die älteren Jahrgänge kümmert. Das aber mit Herz.

Mein Weg führt weiter, hinauf auf das Dach des Gebäudes. Ich will mir einen Überblick verschaffen. Ein Teil des “Saab Zentrum Frankfurt” Schriftzugs ist hier gestrandet. Das “Saab” ist ihm abhandengekommen, der Rest war wohl nicht mehr so interessant. Der Blick schweift weiter in Richtung Ferdinand-Porsche-Straße. Auf dem heute verwaisten Areal zwischen Werkstatt und Straße parkten einst Neuwagen und die Fahrzeuge für die Pressevertreter.

Ein kleines Königreich, eingezwängt zwischen Schlachthof und Tierheim. Der König war einst der Niederlassungsleiter. Der stand auf der Lohnliste der Saab Automobile AB, wurde nicht königlich,  aber doch fürstlich entlohnt, und man kann erahnen,  was hier für die Schweden im Monat zu zahlen war.

Das Ende und die Gegenwart

Schaut man nach vorne, in Richtung Carl-Benz-Straße, blickt man auf die Erhebung des Bürotrakts. Genau dort fand 2011 die Geschichte von Saab Deutschland ihr Ende. Mit der Scheidung von GM war man ohne Heimat. Von Rüsselsheim ging der Weg der deutschen Saab Mitarbeiter nach Frankfurt-Fechenheim. Der letzte Stützpunkt des schwedischen Herstellers in Deutschland.

In einem improvisierten Büro und unter beengten Verhältnissen spielte der finale Akt des Saab Dramas. Hier residierte der letzte deutsche Geschäftsführer und sein Basisteam. In der Hoffnung auf eine Wende, auf bessere Zeiten, auf den Phoenix,  der aus der Asche aufsteigt.

Das alles ist schon lange her. Ein kalter Wind bläst. Ich friere, gehe an den prähistorischen Solarmodulen vorbei in Richtung Treppe und verlasse das Dach. Auf dem Hof fährt ein weiterer Kunde vor, ein Mitarbeiter startet einen 9-3 zur Probefahrt.

Ein Schriftzug fällt mir ins Auge. Leidenschaft steht da geschrieben.

Leidenschaft - ohne geht es nicht
Leidenschaft – ohne geht es nicht

Geschichte trifft hier auf Leidenschaft,  und gäbe es Letztere nicht, dann wäre der Hof unter mir nicht voller Autos. Genau das wird es sein, was den Unterschied ausmacht. Gäbe es keine Leidenschaft, dann wäre Saab nur eine ganz normale Automarke gewesen. Ein paar Überlebende würden heute in Hinterhöfen mehr schlecht als recht repariert werden; das Datum, an dem der letzte Saab von der Straße verschwinden würde, wäre bereits in Stein gemeißelt.

So aber versammelt sich das schwedische Kulturgut an diesem merkwürdigen, tragischen Ort, der voller Widersprüche ist. Relikte, Tradition, Verzweiflung und Leidenschaft prallen aufeinander. Der Ort kann erzählen, wenn man sein eigenes Schweigen erträgt und zuhören mag. Eine Geschichte, die man aushalten muss und auf die man sich einlassen sollte.

Weil sie ungewöhnlich ist und eben so typisch für Saab.

13 thoughts on “40 Jahre Saab in der Carl-Benz-Straße – Relikt und Leidenschaft

  • Danke für die Zeilen zu Relikten, Tom.

    Weißt Du, was das ehemalige Verkaufsgebäude an Miete kosten soll? Warum das nicht zu Garage und (Saison)Lager für SAAB aus Kundenkreis und Umgebung machen… Eckdaten interessieren mich tatsächlich.

    • @Saabansbraten Schicke mir bitte eine kurze Mail mit Deinen Kontaktdaten. Ich stelle gerne einen Kontakt her.

  • Es ist immer wieder merkwürdig, Saab Händler zu finden. Mal sind diese umgeflaggt auf andere Marken, wenige andere halten noch mit Herzblut an der Saabfahne fest. Überall eine Mischung von Nostalgie und Verfall. Alle haben einen Hof voller “Leidenschaft”, teilweise vollständig, teilweise als Ersatzteilträger. Man geht durch diese Automobilgeschichte und fragt sich: könnte man aus dem noch… Wie vieles hat dieser wohl gesehen und erlebt. Wehmut, da kann ich aero50 recht geben. Ob es denn Fahrern von Borgward damals auch so gegangen ist? Momentan sehen wir ein Sterben der Marken- und Fahrzeugvielfalt durch WLTP. Autos die immer ihren Reiz hatten (Peugeot GTI, Nissan 370Z und viele mehr) werden aus dem Programm genommen.Idealstandard hält Einzug in die Garagen. Umso mehr ist es ein Freude, den Schlüssel zwischen den Sitzen zu versenken und den Schweden zum Leben zu erwecken. Lasst ihn uns wach halten, dann wird die Wehmut vergessen.

  • @Tom
    Asche auf mein Haupt…, ich hab´s überlesen.
    Ich dachte zwar beim Lesen an Fa. Ratzmann…, doch ich war ja (als Nordlicht) noch nie dort vor Ort.
    Danke.

  • Ich kann nur die besten Empfehlungen aussprechen für die Fa. Ratzmann. Ich komme sogar aus Wien zum Herrn Ratzmann bzw. Team und schätze überaus seine sehr kompetente und unaufgeregte Art sowie seine tolle Arbeit von ihm und seinem Team.

    Wie von Tom beschrieben gibt es bessere und schönere Orte in Frankfurt, aber wenn man nach Saab Leidenschaft sucht dort wird man fündig.

  • Voller Leidenschaft; besser kann Man dies nicht vorstellen. Saab ist darum noch immer auf dem Weg. Dank alle Saab Fahrer und natuerlich dank alle Saab Werkstatten. Saab bleibt etwas besonders. Und das lieben wir so an Saab. Wuensche alle Saab Werkstatten viel Arbeit und noch ein sehr langes Leben.

  • Wunderbar wie Du die Stimmung eingefangen hast Tom, die heute die Situation um Saab umweht.

    Es ist irgendwie so etwas wie die Kaserne des Fähnchens der Aufrechten, die Du da beschreibst.

    Danke für den tollen Text.

  • Leidenschaft – sehr schön! Ratzmann ist wirklich eine der besten Saab Adressen. Toller Beitrag!

  • @Franken Troll, das von ihnen beschriebene Stimmungsbild passt wundervoll auch zur C-Zeit!
    Ich gebe zu, unter einer bestimmten Sichtweise finde ich gefallen daran:
    -weniger schrill, laut, aufgeregt
    -weniger optisch aufgebläht
    -Altbaunutzung statt alles neu alles chic
    -das wesentliche steht im Vordergrund: Leidenschaft für SAAB (mit Ersatzteillager!)
    Aber warum bleibt der Name der Fa. anonym? Augenscheinlich machen Die Mechaniker ja vieles für Kd. zufriedenstellend richtig. Oder weil sie keine Anzeige schalten? 😉
    Gesundheit allen Lesenden!

    • @AERO-9-3 Anonym? Name und Verlinkung sind im Text!

  • Danke Tom für den heutigen Lesestoff, der zu jedem meiner Tage gehört 🙂 … bitte weiter so

  • Ist das noch ein Autoblog oder ist das bereits Literatur? Ein großartiges Stimmungsbild, zwischen Depression und Saab Leidenschaft. Prickelnd!

    Und wie gemein ist das, diesen Beitrag hinter der Bezahlschranke zu verstecken?

  • Wehmut kommt auf. Es bleibt die Hoffnung und die Leidenschaft, gepaart mit Durchhaltevermögen zum Wohle der Saab im Stall.
    Wieder einmal ein Topp Artikel von Tom!

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