Sommerzeit ist Reisezeit. Oder dieses Jahr doch nicht?

Am Freitag war auf der A3 lebhafter Verkehr in Richtung Süden. Deutschland befindet sich im Urlaubs- und Kurzarbeiter Modus. Es ist Reisezeit, auch wenn die Ziele in diesem Jahr exotisch anmuten. Fichtelgebirge statt Ägypten, Sauerland statt Türkei. Nicht wenige blieben im eigenen Land. Aus Gründen der Vernunft und der Angst vor Infektionen im Ausland.

Die Wilhelm Tham auf dem Götakanal bei Trollhättan
Die Wilhelm Tham auf dem Götakanal bei Trollhättan

Gleichzeitig erleben alte Reiseformen eine Renaissance. Familienurlaub mit dem Auto statt Flugzeug. Das eigene Fahrzeug gilt als sicherer Hort vor Infektionen. Die Reisemobilbranche erlebt einen Boom, die fahrbaren Schneckenhäuser versprechen Mobilität und Sicherheit. Corona hat die Welt und ihre Reisegewohnheiten verändert.

So wie es scheint, nicht nur für eine kurze Zeit.

Ändern sich jetzt Gewohnheiten dauerhaft? Geht der Trend zu mehr Nachhaltigkeit? Urlaub in Europa, beim Nachbarn um die Ecke statt einen Kurztrip nach Saigon zu buchen?  Zweifel sind angebracht. Diese Woche ging eine bemerkenswerte Nachricht durch die Medien.

Die Kreuzfahrtindustrie startet wieder durch.

Leider gilt das nicht für die historischen, unglaublich stilvollen Dampfer mit denen es sich im kleinen Kreis über die großen Seen von Göteborg nach Stockholm reisen lässt. Es geht um die renditeorientierten Mega-Kreuzfahrer, die für den Urlaub der Massen konzipiert wurden. Die großen Schiffe sorgten zum Beginn der Pandemie für Schlagzeilen. Sie erwiesen sich als Superspreader, hatten ernste Probleme ihre Passagiere von Bord zu bringen, einige wurden unter Quarantäne gestellt.

Doch Menschen sind vergesslich. Aida, Hapag-Lloyd und TUI Cruises verkünden für die kommenden Wochen den Neustart. Noch etwas zögerlich, mit wenigen Schiffen und reduzierter Auslastung. Ein umfangreiches Hygienekonzept und Kurzreisen sollen für Nachschub an Kunden sorgen.

Die zarte Hoffnung, dass mit der Krise auch die Auswüchse Kreuzfahrbranche verschwinden würde, scheint sich nicht zu erfüllen. Stattdessen werden sie wieder Schweröl verbrennen, die Schadstoffe werden sich weit in das Land hinein ziehen. Nur ein Kreuzfahrtschiff der aktuellen Flotte wurde umweltfreundlich eingestuft, während für das Gros der schwimmenden Hotels ein täglicher CO2-Ausstoß von 84.000 PKW errechnet wurde. Emissionen – exklusiv für Spaß und Freizeit wohlgemerkt.

Die Juno passiert Trollhättan
Die Juno passiert Trollhättan

Ob der Neustart der Kreuzfahrindustrie gelingt, wird sich zeigen. Aus Umweltgründen wird wohl kaum jemand eine Reise auf einem der riesigen Schiffe absagen. Die Illusion muss man sich gar nicht erst bauen. Aber vielleicht sind die möglichen Kunden umsichtiger, als man es vermutet. Wahrscheinlicher aber macht eine Kreuzfahrt mit eingeschränktem Programm und Hygienekonzept keinen Spaß.

Wohin wären wir dieses Jahr gereist?

Mark und ich wären nach Schweden gefahren. Eine Woche auf den Spuren von Saab. Im vorigen Jahr hatten wir es geplant, die Hotels waren schon gebucht. In letzter Minute haben wir es abgesagt – aus beruflichen Gründen. Schweden ist aktuell kein optimales Reiseziel. Auch, wenn es auf der Landkarte nicht mehr rot leuchtet, Reisewarnungen bestehen immer noch. Das Nachbarland Norwegen lockerte sie am Freitag – ein ganz klein wenig.

Der Tourismus in Schweden leidet. Mit historischen Dampfern wie der Juno oder der Wilhelm Tham über den Götakanal in die großen Seen einfahren? Ein schwedischer Sommertraum, wie er schöner nicht sein kann. Darf man 2020 vergessen. Corona legt die Schiffe an die Kette. An Hygienekonzepte ist an Bord der teils mehr als 100 Jahre alten Veteranen nicht zu denken.

Trollhättan, das Saab Museum? Seit 2011 vom Erfolg verwöhnt mit jährlich steigenden Zahlen ausländischer Besucher. Der Saab Kult sticht. In diesem Jahr leider für uns kein Thema. Vielleicht 2021, wenn es einen Impfstoff geben wird. Wenn nicht, dann sieht es mit kommenden Großveranstaltungen wie dem Saab Festival schlecht aus.

Das Saab Festival ist unser großes Thema in der neuen Woche. Vor 10 Jahren fand es unter Spyker Regie statt. Saab galt als frei und gerettet, große Träume waren unterwegs. Leider währte der Traum zu kurz, die Zeit ist es trotzdem wert sich daran zu erinnern. Wir verreisen zumindest virtuell noch einmal nach Trollhättan, lassen alte Ideen und Eindrücke Revue passieren. Unsere Lesenden nehmen mir mit in das schwedische Wunderland.

6 Gedanken zu „Sommerzeit ist Reisezeit. Oder dieses Jahr doch nicht?

  • Klasse geschrieben.

    Ich mag diese Artikel, die nachdenklich stimmen und uns Leser über den Tellerrand gucken lassen, den von Saab oder gar den der Automobilität insgesamt.

    Ich mag die See und die Schifffahrt, aber mit modernen Kreuzfahrtschiffen kann ich partout nichts anfangen. Der exorbitante Energieverbrauch pro Person leuchtet auch auf Anhieb ein.

    Wozu müssen Schiffe eine Shopping Mall und Freizeitparks bewegen?

    All das gibt es stationär (und umweltfreundlicher) an Land. Wer das Meer mag, braucht nur eine Reling und einen guten Blick auf die Wellen …

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  • In Hamburg sperren sie Straßen für Euro 4 Diesel. Während dessen liegen im Hafen die Kreuzfahrpötte und blasen ihren Dreck in die Stadt. Das scheint keinen zu stören, selbst die Greta Kids nicht. Geht das jetzt wieder los? Verstehe das wer will.

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  • @ Schwarzer Schwede
    Die “Greta-Kids” können sich nicht um ALLES kümmern… 😉
    Aber in der Tat, logisch ist das Ganze, für die Stadt HH und ihre betroffenen Bürger, nicht.
    Ich benötige diese schwimmenden Luftverpester nicht.

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  • Ein großer Teil der Bevölkerung liebt es, sich in “der Herde” zu bewegen: HH-DOM, enge Stadtfeste, Oktoberfeste, Hansa-/Europa-Parks etc. Wer sich dort wohl fühlt, geht evtl. auch auf so eine schwimmende Dreckschleuder. Aber, wiederum evtl., ist auch der Bauch zu voluminös, und so ein Schiff einfach nur bequem mit schöner Aussicht. Es gibt wohl noch mehr Gründe, so ein Schiff zu nutzen…, allein mir fallen diese Gründe nicht ein. Themenwechsel.
    Der alte Spruch: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah… bewahrheitet sich auch heute noch.
    Durch tausende Km pro Jahr auf dem Rad kenne ich meine landschaftliche Umgebung ziemlich gut. Kenne Badeseen, Buchenwälder, gute Pilzsammel-Stellen, kleine Naturschutz-Oasen etc. Frage ich meine nachbarschaftliche Umgebung nach diesen “verwunschenen Orten”, Stille. Keine Ahnung. Dies soll kein Vorwurf sein, zeigt aber auf, das wir uns häufig WEG bewegen müssen, um vermeintlich glücklich zu sein. Schade. Ob sich das ändert??? Ich bleibe verhalten optimistisch…
    Netten Restsonntag!

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  • Nicht nur Euro 4, sondern auch Euro 5 sind in HH vom Verbot betroffen! Also auch mein ressourcenschonender 2011er SportCombi. 🙁

    Ich finde die Seefahrerei (und natürlich vor allem die Segelei) einfach herrlich, aber diese Massen-Drecksschleudern einfach nur furchtbar. (Ich bekomme zudem Beklemmungen bei jeder Art von Massen-Volks-Belustigungen o.ä.).

    Das Problem liegt aber noch woanders. Auch wenn es total unsozial ist, das zu sagen: Das Problem ist auch hier Masse statt Klasse. Früher war eine Kreuzfahrt für die meisten unerschwinglich oder etwas, worauf man sein ganzes Leben sparte, um einmal zB mit Cunard eine Atlantiküberquerung zu machen, vielleicht zur goldenen Hochzeit oder so. Die meisten konnten sich sowas nie leisten. Das gilt für die meisten elitären Hapag-Schiffe mit “nur” 300 oder 500 Passagieren und einem Tagespreis von ca. 1000 Euro nach wie vor. Wenn es nur diese wenigen elitären Touren gäbe, wäre das für Luft, Wasser und Klima überhaupt kein Problem.

    Heute machen aber viele Rentner für Spottpreise jedes Jahr gleich drei Kreuzfahrten oder mehr und die Jüngeren jedes Jahr mindestens einmal. Ist ja so billig und bequem, das kann man sich ja leisten. Genauso pervers sind Flugreisen mal so eben fürs Wochenende nach Mallorca oder Barcelona für 29 Euro, jeden Tag Fleisch essen, billig billig, usw. usf. Überall das Gleiche!

    Es ist alles viel zu billig! Warum handelt der Gesetzgeber nicht und preist die Umweltschäden mit ein? Oder – viel besser – erlässt endlich Verbote für solche Antriebsarten?! Das ging bei den PKW ja auch: Geregelte Katalysatoren, Partikelfilter usw. wurden gesetzlich vorgeschrieben. Die EU könnte das einheitlich regeln und Kreuzfahrtschiffen mit Schwerölantrieb die Zufahrt verbieten. Es könnte sich keine Reederei erlauben, die Traumziele in ganz Europa allesamt außen vor zu lassen.

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  • 84.000 PKW täglich

    Das regt wirklich zum Nachdenken und Zahlenspielen an.

    Bei 2.000 Gästen (Passagiere möchte ich sie nicht nennen, weil sie ja keine Passage, sondern einen Aufenthalt an Bord gebucht haben) hat jeder einzelne innerhalb von 8,7 Tagen den jährlichen Energiebedarf seines PKW zusätzlich verpulvert.

    Und dennoch, mit Verboten täte ich mich schwer. Für Segler ist Landstrom.völlig selbstverständlich, gehört zu jedem Anleger dazu. Ist zwar immer die letzte “Leine”, die man ausbringt, aber auch immer der 1. Schritt in jedem Hafen nach dem Anleger und erforderlichen Festmachern.

    Ach, hätten die dicken Pötte es doch auch so leicht. Dann stünden auch alle Maschinen während der Liegezeit still und die Luft angelaufener Hafenstädte wâre besser.

    Was nicht ist, kann ja noch werden.
    Aber es ist ähnlich wie beim Auto. Landstrom für dicke Pötte und eine Infrastruktur für alternative Antriebe sind Fehlanzeige.

    Für fast jeden Hafen dieser Welt gilt, dass man ihn mit einem alternativen Antrieb besser nicht anläuft. Das wäre so ähnlich, als wolle man mit einem Cyber Truck die Sahara ohne Rücksicht auf Ladesäulen durchqueren.

    Nicht ohne Grund stinken auch unsere geliebten Ostseefähren. Laufdecks an Steuer- oder Backbord haben sie kaum noch. Achtern warnen Schilder vor dem Ruß, man riecht den Antrieb deutlich und der Aufenthalt im Freien erfolgt (juristisch) auf eigenen Wunsch und auf eigenes Risiko.

    Das Problem ist also deutlich größer, als die Branche der Kreuzfahrtindustrie. Wäre schon schön, wenn sich eine Lösung fände. Ich habe aber Zweifel, dass sich das unter einem Regiment der (Denk-) Verbote sinnvoll bewerkstelligen lässt …

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