Große und kleine Dramen der Autoindustrie. Wie vergesslich wir sind.

Vor ungefähr einem Jahr veröffentlichte ich hier einen Beitrag mit der Überschrift “Automobilindustrie. Der perfekte Sturm zieht auf”. Im Rückblick habe ich mich geirrt. Corona hatte im Sommer 2019 niemand auf dem Radar. Kein Sturm zieht heran, sondern ein großes, schwer abzuschätzendes Drama. Die Corona-Krise hat Ähnlichkeiten mit einem Eisberg. Man sieht nur den kleinsten Teil von ihm. Der Größere bleibt unter dem Wasser verborgen.

Trollhättan 2010. Drama vor 10 Jahren.
Trollhättan 2010. Drama vor 10 Jahren.

Die großen Dramen kommen.

Allmählich ist zu erahnen, was auf die Autoindustrie zudriftet. Der wirtschaftliche Einbruch erreicht sie zu einer Unzeit,  und letztlich werden es die Arbeitnehmer sein, die die Rechnung bezahlen. In Deutschland ist es noch relativ ruhig. Soforthilfen federn die Probleme ab. Aber auch sie werden nicht für immer fließen,  und wenn bei unseren Nachbarn Feuer im Dachstuhl ist, dann betrifft der Brand früher oder später das gesamte europäische Haus.

Beispiel Spanien. Nissan schließt das Werk in Barcelona. 3.000 Stellen fallen weg, 20.000 zusätzlich im Umfeld der Fabrik. Oder Frankreich. Renault wird bis zu 15.000 Stellen streichen. Nicht mit eingerechnet sind Arbeitsplätze bei Lieferanten, die davon ebenfalls betroffen sein werden. Der deutsche ZF Konzern muss in der Krise und der Transformation der Branche zwischen 12.000 und 15.000 Jobs abbauen. Die Hälfte davon in Deutschland,  und es ist möglich, dass auf die Arbeitnehmer im Laufe des Jahres Einbußen beim Gehalt hinzukommen. Vergleichsweise moderat geht es da in München zu. 6.000 Stellen sollen bei BMW auf die sanfte Tour sozialverträglich und über Fluktuation wegfallen.

Die Meldungen sind ein kleiner Querschnitt aus 48 Stunden der letzten Woche. Mehr wäre möglich, benötigt man aber nicht, um den Ernst der Lage zu begreifen. Über den großen Dramen der Gegenwart vergisst man dann fast die kleineren der Vergangenheit.

Vor 10 Jahren in Trollhättan.

Im Frühsommer 2010 schien sich wirklich ein Wunder anzubahnen. Im Saab Werk liefen die Bänder wieder an. Trotz aller Widrigkeiten im Vorfeld geschah etwas, mit dem keiner ernsthaft gerechnet hatte. Eigentlich war es sogar ein Wunder im Doppelpack. Denn Victor Muller und die Saab Mannschaft brachten es nicht nur fertig,  nach Monaten des Stillstands das Werk neu zu beleben. Sie konnten auch die neue Saab 9-5 Generation produzieren.

Leider war das, was sich in Trollhättan ereignete, nur eine Utopie. Einer der kleinsten Hersteller der Welt wagt sich an einen Neustart. Ganz alleine, ohne einen potenten Partner im Hintergrund. Mit Verträgen, die nicht fair waren und Saab wie ein Mühlstein in die Tiefe ziehen sollten. Dafür mit großen Ambitionen. Elektroauto, Hybrid – die Pläne dafür lagen nicht nur in der Schublade. Eine Saab Erlebniswelt auf der grünen Wiese vor dem Werk, Entwicklungstätigkeit für andere Hersteller.

Die Ideen schienen zu fantastisch, um wahr zu sein.

Wir vergessen schnell. Was 2010 am Göta Älv geschah, daran erinnert sich kaum noch einer. Dazu sind die Dramen der Gegenwart zu bedeutend. Sie überlagern alles. Wo werden wir in 10 Jahren, 2030 stehen? Und wie werden wir darüber urteilen?

Trollhättan und das, was im Jahr 2010 geschah, wird uns in den nächsten Monaten beschäftigen. Eine Dosis Saab Folklore,  garniert mit etwas Hoffnung und Sentimentalität. Eine Aufarbeitung, denn aus Krisen lernt man.

Bleibt gesund!

7 Gedanken zu „Große und kleine Dramen der Autoindustrie. Wie vergesslich wir sind.

  • Freue mich schon, auf diese Retrospektive.

    Apropos Freude, positiver Nebeneffekt von Corona:

    Mein Saabenziner hält sich in normalen Zeiten selbst im Berufsverkehr recht penibel an die Prospektangaben für städtischen Verbrauch – was ich vor dem Hintergrund, dass Autos anderer und aktueller Hersteller sich gerne 20 bis 50% mehr als versprochen genehmigen, sehr ehrlich finde …

    Seit Corona unterbietet er den Prospekt um 2 bis 3 Liter. Und das bei den aktuellen Spritpreisen. Auch Kupplung und Bremsen werden geschont. So blöd, traurig und auch beängstigend die Krise unter sozialen, ökonomischen und medizinischen Aspekten auch ist, aber mein Saab macht mir gerade richtig Spaß …

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  • Bald news aus Trollhättan, wunderbar! Ich bin gespannt mit Vorfreude…
    Das “man” aus Krisen lernt, wird so gesagt. Ob´s wirklich so ist, bezweifle ich manchmal. Wenn der evtl. bundesdeutsche Auto-Rettungsschirm bedeutet, das die Halden mit “alten” Auto geleert werden und dann massenhaft “alte” Technik auf die Straßen kommt, dann gute Nacht, nix verstanden in Berlin. Ich hoffe trotzdem auf eine bessere saubere gesündere Zukunft.
    Das die deutsche Automobilwirtschaft ein bedeutender Arbeitgeber (mit zweifelhaften Produkten) ist, wird ja gern als Mantra erwähnt. Das z.Zt. in der gesamten(!) Energiewirtschaft fast eben so viele Menschen beschäftigt werden, wird ignoriert. Das in der Solar-Und Windenergiebranche schon 10-Tausende Arbeitsplätze verloren gegangen sind , wird gern “übersehen”. Auch im Bereich der Wald-/und Holzwirtschaft und im verarbeiteten Gewerk sind ähnlich viele Menschen beschäftigt.
    Also, es gibt auch andere Wirtschaftszweige, die relevant sind!!!
    Es werden andere Branchen wachsen und mehr Menschen benötigen. Autos sind nicht der Industrie-Nabel der Welt…
    In diesem Sinne eine gute neue Woche!

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  • Die Passage mit der Energiewirtschaft kommt mir ein wenig zu hoch vor.
    Eine kurze Nachforschung bringt folgendes Ergebnis:
    Ende 2019 haben knapp über 250.000 Menschen in der Energiewirtschaft gearbeitet, in der Automobilindustrie jedoch ca. 832.000 – die Zahl im Automobilsektor wird Ende des Jahres sicherlich eine andere sein, wie sich die Energiewirtschaft entwickelt bleibt abzuwarten.

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  • BERLIN (@ Areo-9-3)

    Volle Zustimmung. 5.000 Millionen € für Neuwagen sagt der Bund und weniger Autos will das Land …

    Corona hat Berlin etliche neue (Pop-up-) Radwege beschert, die auch bleiben sollen. Parkraum und Fahrspuren werden systematisch rückgebaut und umgewidmet.

    Krisen sind auch Chancen. Wenn auch der Bund die leise und saubere (Innen-) Stadt von morgen möchte, muss er sich von 4 Millionen Neuzulassungen jährlich verabschieden.

    Für den Grad derer Verstopfung spielt es auch keine Rolle, wer sich in der GroKo durchsetzt. Sei es die Fraktion der EV-Förderer oder die, die 5.000 Millionen € auch über neuen Verbrennern ausgeschüttet sehen will.

    Für die Umwelt wäre es sicherlich gut, die Autos, die wir schon haben, weiterhin und künftig weniger zu fahren.

    Und bei den Effekten auf den Arbeitsmarkt bin ich auch skeptisch. Krisen sind auch Chancen. Zum Beispiel für Service und Werkstätten, Beulendoktor und Lackierer. Es hängen längst nicht alle Arbeitsplätze der Branche am Neuwagen …

    Ganz im Gegenteil scheint mir das Verhältnis zwischen Material-, Energie- und personellen Aufwand bei Service, Reparatur, Instandhaltung und -setzung sehr eindeutig positiver für Mensch und Umwelt, als bei der Produktion.

    Das sehen Anleger natürlich anders. Den börsennotierten Sattler oder Saab-Service gibt es nunmal nicht.

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  • Danke Tom, ein gutter aber sehr peinliches Artikel. Schade das es so lauft in unseren Welt. Auch Schade das nur sehr grosse Firmen ueberleben koennen. Wen damals Saab in 2010 den Streit zum ueberleben nicht verloren hat haetten wir vielleicht noch immer Saabs kaufen koennen weil diese dan kleine Volumen grossartigen Autos weiter herstellen koennte.
    Natuerlich war den Preis hoeher als diese von den Weltgrossen produzierte Autos aber das muesste Mann akzeptieren.
    Jetzt wird es ein richtiges Drama fuer diese grosse Hersteller und damit fuer die Mitarbeiter die Ihren Job verlieren.
    Saab war nicht gross in Zahlen aber sagt Mann nicht; “Small is beautifull” ?

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  • “… Wo werden wir in 10 Jahren, 2030 stehen? …”
    Hoffentlich können wir dann immer noch den Blog lesen… 😉

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