Alfa 164 im Vergleich mit Saab 9000. Form vor Funktion.

1987 brachte Alfa den neuen 164 auf den Markt. Ein Nachzügler des Projekts, das aus Saab 9000, Lancia Thema und Fiat Croma bestand. Der Alfa zielte auf die gleiche Käufergruppe wie der Saab. Selbstständige, Freiberufler und Künstler griffen gerne zu. Anlass genug für einen Vergleichstest. Und schnell wird klar, der Italiener muss der Alptraum für jeden Ingenieur bei Saab gewesen sein.

Alfa Romeo im Vergleich mit dem Saab 9000 Turbo
Alfa Romeo im Vergleich mit dem Saab 9000 Turbo

Der Vergleichstest ist etwas unfair. Die ersten beiden Drittel des Films wurden in Schwarzweiß gedreht, die Schönheit des Alfa Romeo kommt so erst gar nicht zur Geltung. Erst mit dem 9000 CC Turbo werden die Bilder bunt, den Redakteuren darf man getrost Absicht unterstellen. Die Saab Vertriebsmitarbeiter, für die der Film bestimmt war, hätten schwach werden können. Was aber deren Beachtung finden soll, das sind nur die harten Fakten.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Die Schweden sezieren gnadenlos alle Schwächen des 164. Ein schönes Fahrzeug, na klar! Ein modernes, aber sicher!  Dann aber kommen die Mängel in der Verarbeitung und der Bedienung zur Sprache. Die Sitze sind nicht perfekt, der Kofferraum ist zu klein, der Alfa zu eng. Tatsächlich dreht man den Italiener auf die Seite, zeigt den Vorderwagen,  dessen Konstruktion von Fahrwerksseite bei Lancia, Saab  und Alfa identisch sind. An der Hinterachse schieden sich letztlich die Geister, und sie war auch der Anfang für das Ende der Zusammenarbeit.

Die Italiener setzten auf eine geteilte Achse, Saab auf die bewährte Starrachse. Die Meinungen gingen stark auseinander, gemeinsame Testfahrten endeten einhellig zum Vorteil für Saab. Aber die Marketingabteilung von Lancia witterte in der als primitiv geltenden Starrachse eine Zumutung. Ein Unding. Unter keinen Umständen vermittelbar für potenzielle Käufer der edlen italienischen Marke. Punkt. Das Ende einer gemeinsamen Projektführung.

Davon abgesehen glänzt der Alfa mit Mängeln im Detail und Skurrilitäten. Ungeschützte Bremsleitungen und offen verlegte Kabel auf scharfen Kanten sind ein No-Go für die schwedischen Sicherheitsfanatiker. Genau wie die Gummiabdeckung am Unterboden, die zuverlässig Schmutz und Feuchtigkeit sammelt. Oder auch die merkwürdige Mittelkonsole des Alfa, die so wunderschön und modern ist, aber die zur Bedienung der 22 gleich geformten Tasten mindestens eine Brille oder einen Adlerblick erfordert.

Form vor Funktion. Alfa setzt auf Design.

Zwischenstopp. Natürlich liegen zwischen Saab und Alfa Welten. Unterschiede, so groß wie die Distanz Mailand – Trollhättan. Eine Mittelkonsole! In Italien ist sie mehr als nur eine Mittelkonsole. Im Alfa war sie 1987 ein Highlight. Spektakulär, sehr modern und ein Designobjekt. In italienischer Tradition stehend. Eine Nation, die es fertigbringt,  das Armaturenbrett eines Fahrzeugs von Mario Bellini, einen ihrer großen Architekten, zeichnen zu lassen, empfindet anders als die Schweden. Für den Lancia Trevi gestaltete Bellini in den 80er Jahren das Cockpit. Das Auto selbst ist heute zu Recht vergessen. Bellinis Werk war aber eine Skulptur.

Aufsehen erregend, etwas komplett anderes. Was noch nie zuvor jemand gewagt hatte. In schwarzen Kunststoff gegossene Avantgarde. Leider nicht zu bedienen, von Journalisten mit Recht verrissen, und in einem Auto fehl am Platz. Aber Bellinis spektakuläres Experiment der 80er demonstriert nachdrücklich die Banalität unserer Gegenwart. In der sich Konsumenten damit zufriedengeben, auf uniforme Displays zu tippen und das auch noch für Fortschritt halten.

Das Armaturenbrett des Alfa Romeo setzt auf Design, so wie das ganze Auto. Der Alfa 164 ist schon im Stand schön. 1987 wurde er dazu als modern und dynamisch empfunden. In Sachen Ergonomie ist er eine Katastrophe. Aber danach fragte kein Alfa Käufer.

Funktion vor Form. Saab setzt auf Vernunft.

Der Saab 9000 ist, trotz gemeinsamer Ursprünge, der perfekte Gegenentwurf zum Alfa 164. Durchdacht bis in das letzte Detail, nüchtern bis zur kleinsten Schraube. Natürlich ist der Saab das bessere Auto. Er ist einfacher zu warten, hat den großzügigeren Innenraum, die moderne Technik und Flexibilität,  die der Alfa Romeo nicht hat. Vom heutigen Standpunkt scheint es seltsam, dass beide Fahrzeuge die gleiche Käuferschicht bedienten. Aber so war es. Der 164 war der letzte große Alfa, der ernsthaft punkten konnte. Neben dem gelungenen Design waren es seine Motoren, und in erster Linie die großartigen Sechszylinder. Saab Ingenieure waren selbst dem Klang der Motoren verfallen, und mit ihnen viele Fans rund um den Globus.

Würde man mich fragen, welches Fahrzeug ich bevorzugen würde, die Wahl wäre klar. Der Alfa 164 für die Tage im Leben, an denen der Espresso besonders duftet und die Antipasti verführerisch munden. Diese Tage, an denen die Sonne mich anlächelt und das Leben unendlich und wunderbar scheint. Den Saab würde ich wählen, um mit ihm bis ans Ende der Welt zu fahren. Ein Begleiter für die Ewigkeit, der einen nie im Stich lässt.

Bilder: FCA/Alfa Romeo (4)

7 thoughts on “Alfa 164 im Vergleich mit Saab 9000. Form vor Funktion.

  • Daumen hoch für beide! Alfa und Saab sind noch ganz eigene Charaktere wie man sie heute nicht mehr findet!

  • ich gestehe, ich bin zwar auf der Suche nach einem Saab 900 turbo, aber gleichzeitig bin ich italophil und fahre Porsche seit mehr als 40 Jahren, nie die neuesten, (allerdings keine Wasserboxer a la 996) aber einmal Porsche immer Porsche!

    Nun zum 164, ich habe einen. Baujahr 1996, 2.0 TS in alfa Rosso mit schwarzem Leder und 17″ Borbet. Die Kiste ist wirklich Design pur (für mich, bin Architekt). Gerade bis,1992/93 glaub ich, war das Fahrverhalten fragwürdig, Alfa hat danach die VA-Konstruktion überarbeite.
    Gerade die letzten Baujahre 96/97 machen dann doch deutlich, auch Alfa Romeo konnte tolle Autos bauen.

    Der Kofferraum mag im Gegensatz zum 9000 klein sein, ich finde ihn riesig. Aber hej, ich fahre auch olle Porsches, da kann Man(n) durchaus von einem relativ (im Vergleich zum 9000) kleinem Kofferraum schon mal geblendet sein.

    Der damalige Arese V6 war optisch schon der Hammer, soundtechnisch eine Offenbarung und ist heute ein Grund zum Verzeweifeln => ET-Versorgung im einzelnen und im Besonderen.

    Meine andere Italienerin ist eine Giulia v. 76 mit einem 2.1 und gut 150 sehr munteren Cavalli.

    Sollte jemand hier bei einem 164 ins grübeln kommen, meiner ist zu haben.

    Begründung s.o. ich will nen 900 turbo und bei aktuell vier Autos muss einer mich verlassen bevor ein anderer kommen kann / darf.

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  • Wieder mal ein äußerst interessanter Bericht, Danke

  • sollte heißen:
    „viel vernünftiger und dennoch nicht Mainstream“
    Der Alfa raubte mir gerade die Konzentration….(:

  • …..hatte damals Gelegenheit, den 164 zur Probe zu fahren, der war einfach nur sexy!
    Die Form, das coole, aber nicht sehr praktische, Innenraumdesign. Die Sitzposition, sagen wir mal gewöhnungsbedürftig.
    Wer die Alfas von damals kannte, der kam damit zurecht. Und erst der 6 Zylinder Motor: optisch ein Sahnestück. Der Klang ein Genuss und sehr viel Power überforderte, vor allem bei Nässe, den Frontantrieb.
    In Summe, ein Auto für die italienischen Momente im Leben, wie Tom schon schrieb.
    Individuell und dennoch nicht Mainstream, meine Wahl fiel dann wieder auf einen Saab.
    Aber auch heute steht neben meinem alten Saab eine Giulia von 1966 in der Garage.

  • So ein Mist …

    Jetzt wollte ich die Anregung Jörg Frickes umsetzen und einen zu 101% saabigen Kommentar absondern, und schon wieder blickt der Blogger über den Tellerrand und hat auch noch Lob für den Alfa übrig …

    Darf auch ich jetzt schreiben, dass der Motor sehr hübsch ist, ich das Lichtband am Heck mag und die im Film geäußerte Kritik an der Mittelkonsole für arg überzogen halte?

    Ja sicher, 22 Tasten klingt viel, aber die Anordnung ist logisch. Etwa Lüfterstufen, die von links (1) nach rechts ansteigen. Die Konsole ist beherrschbar und in dem Spruch, Form vor Funktion, schwingt schon auch Anerkennung für Design und Charme des Alfas mit. Der Film ist unter dem Strich fair und ausgewogen.

    Es ist für mich persönlich dann auch erst das Facelift und die 2. Entwicklungsstufe des 9K, welche den 164 endgültig und eindeutig aussticht. Was meint Jörg Fricke wohl dazu? Ich hoffe, dass dieser Kommentar hinreichend saabig war?

  • Geschickt inszeniert. Der Alfa ist trotzdem das Auto des Herzens, der Saab die bessere Wahl. Würde ich heute einen guten Alfa 164 oder 9000 Turbo finden, was unwahrscheinlich ist, wäre die Entscheidung etwas komplizierter.

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