Saab und die Sechszylinder. Ein VW VR6 für Schweden. (2)

Volkswagen in den 80er Jahren. Hat man kompakte V6 Motoren für den Quereinbau im Programm? Und hat man Lust,  sie an einen ebenfalls aufstrebenden Mitbewerber zu verkaufen? “Eigentlich nicht” wird jetzt die Antwort lauten. Und die zeigt, wie falsch man liegen kann. Denn Volkswagen liefert Motoren an Saab. Motoren, die es eigentlich noch gar nicht gibt und die zu diesem Zeitpunkt kein Kunde kaufen kann. Interessant, heute undenkbar. Aber damals war VW sehr ehrgeizig und immer auf der Suche nach neuen Partnerschaften.

Saab 900 II. Ein Sechszylinder in der Mittelklasse
Saab 900 II. Ein Sechszylinder in der Mittelklasse. Bild: Saab Automobile AB

Volkswagen VR6 Motor für Saab

Das VR6 Konzept von Volkswagen ist eine Geschichte für sich. Um einen Sechszylinder in einen Kompaktwagen wie den VW Golf einzupassen, besann man sich am Mittellandkanal auf eine alte Idee. Lancia hatte seinen ersten Flugmotor für die Aeroplani Caproni in VR Form gebaut. Der Vorteil der Bauart bestand in einer Verringerung des Zylinderwinkels und einer damit verbundenen Einsparung von 10 Zentimetern Breite. 1991 führte Volkswagen den Motor zum ersten Mal in die Serie ein – und Saab testete ihn bereits 1988.

Was zu der interessanten Frage führen könnte, wie tief die Beziehungen zwischen der Chefetage am Götaland Kanal und der vom Mittelland Kanal wohl gewesen sein können. Sie müssen recht gut gewesen sein, denn die Erprobung in Trollhättan erhielt aus Wolfsburg einen Motor und ein Motorengehäuse in einem sehr frühen Prototypenstadium. Das Gehäuse selbst wurde in einen 9000 zur Crashtest-Erprobung eingebaut, wozu es aber nie kam.

Der Komplettmotor wurde zur Fahrerprobung verwendet,  und die Entwickler in der Stallbacka attestierten der Maschine aus Niedersachsen einen guten Motorlauf und ein angenehmes Fahrverhalten. Die Installation in den Motorraum des großen Saab 9000 war aufgrund der kompakten Abmessungen einfach. Wegen der Bauhöhe hätte die Verwendung in der Serie aber zu weiteren Modifikationen geführt. Auch die Adaption an die von Saab verwendeten Getriebe von ZF und der eigenen 5-Gang Schaltung hätten neue Kupplungs- und Drehmomentswandlergehäuse benötigt. So entschied man sich gegen die VR6 Lösung,  und man darf heute gerne spekulieren,  was gewesen wäre, wenn beide Unternehmen sich einander angenähert hätten. Vermutlich wäre Saab irgendwann übernommen worden und heute eine Marke im Reich von VW. Unter Umständen so erfolgreich wie Skoda. Wachgeküsst und mit langjährigen Investitionen aufgebaut von Volkswagen.

Mazda JE-ZE Motor für Saab

Mazda galt in den späten 80er Jahren als ein Hoffnungskandidat für die Übernahme von Saab. 1989, ungefähr zu der Zeit, als man darüber in den Etagen des Vorstands darüber debattierte, kaufte man einen JE-ZE Motor von den Japanern. Ein braver, klassisch unspektakulärer V6 mit 3 Litern Hubraum, wie er auch im Mazda 929 zum Einsatz kam. Die versprochenen 205 PS Leistung zweifelten die Schweden an, der Einbau von japanischem Motor in das skandinavische Gehäuse erforderte Improvisation.

Immerhin, die Entwickler sahen ein angenehmes Fahrverhalten. Das war es dann aber auch schon mit dem Mazda Motor im Saab 9000.

Alfa Romeo Motor für Saab

Ach ja, hätte ich einen Wunsch frei, dann wäre es der herrliche Motor von Alfa Romeo gewesen. Der legendäre italienische V6, für den man alles tut. Weil er ein so wunderschönes Lied singt, was die Elektroauto-Fahrer der Gegenwart und Zukunft niemals hören werden. Ja, aber dafür retten sie die Welt, kleiner geht es gar nicht.

1988 und 89 war die Klimakrise noch kein Thema, man durfte noch unsachlich sein und den schönen Dingen huldigen. In Schweden testete man den Alfa V6,  und der Einbau in den 9000 war ein Kinderspiel. Kein Wunder,  der Alfa 164 war über die Plattform mit dem 9k verwandt, die Modifikationen daher kaum der Rede wert. Man hätte sogar das manuelle Fiat-C530 Getriebe und so den kompletten Antriebsstrang übernehmen können.

Ein stylischer Motor mit einem unglaublichen Klang, so notierten die Techniker damals. Der noch einen langen Weg vor sich hatte und auf 24 Ventile und 3.2 Liter Hubraum erweitert wurde. Warum man sich nicht für Alfa Romeo entschied? Weil GM dazwischen kam und damit plötzlich V6 Motoren im Regal lagen. Oder auch, weil der V6 von Alfa etwas zu durstig war.

Keiner der beschriebenen Versuchsmotoren kam in die Serie. Die Vorzeichen änderten sich – plötzlich war alles ganz einfach.

Motoren aus Ellesmere Port für Saab

Mit dem Einstieg der Amerikaner 1989 waren plötzlich die englischen V6 Motoren verfügbar. Alle anderen Optionen waren vom Tisch. Schade, denn es waren Optionen mit Reiz, die gut zu Saab gepasst hätten. Ich persönlich hätte für den Alfa V6 im Saab votiert, die Saab Techniker aber hätten recht klar den Yamaha Ford Motor (siehe Teil 1) bevorzugt. Er war das modernste Aggregat und erfüllte auch mit Blick auf die Zukunft alle Abgasnormen. Dass Ford keine Motoren liefern wollte, ist ein anderes Thema, das mit der 50 % Übernahme durch GM sowieso vom Tisch war.

Saab passte in der Folge die Getriebeschnittstellen dem Opel/GM Standard an und konnte so die V6 Motoren problemlos adaptieren. Nach dem 9000 kamen sie im 9-5 und 900 II. Sie wurden zum Erfolg und sind einer der Gründe, warum die Marke die 90er Jahre dann doch mit Bravour meistern konnte.

17 thoughts on “Saab und die Sechszylinder. Ein VW VR6 für Schweden. (2)

  • Wieder ein sehr informativer Artikel

  • Dank auch an Dich für die Antwort

  • Vielen Dank für die Ausfühliche Antwort!

  • Ich mag die Saab Motoren. Mit einem VW Motor und einer Kooperation hätte Saab vielleicht überlebt. Aber zu welchem Preis?

  • @ turboseize,

    ich glaube gerne, dass die 6-Zylinder die geschilderte Charakteristik haben und es stimmt, dass die 4-Zylinder Eigengewächse nicht auf hohe Drehzahlen setzen …

    … aber es stimmt nicht, dass da spätestens bei 3000 U/min Schluss mit lustig wäre. Je nach Motor spielt die Musik (Elastizitätsbereich zwischen max. Drehmoment und max. Leistung) bis zu 5000 oder 5500 U/min.

    Das ist natürlich alles andere als hochtourig und insofern liegen Sie völlig richtig. Ein idealer Schaltpunkt für den max. Vortrieb schon bei 5000 U/min ist für Benziner ungewöhnlich früh. Aber die 3000 U/min sind doch sehr arg übertrieben …

    Ganz so drehzahlfeindlich und unwillig sind die Eigengewächse nun auch wieder nicht. Und der Elastizitätsbereich der Turbos weist sogar das größere Drehzahlband auf, auch wenn die max. Leistung etwas früher als beim Sauger anliegt. Bei aller Begeisterung für Sauger und V6, so viel Ehrlichkeit muss schon sein …

  • Richtig (unvernünftigen) Spaß machte der YAMAHA-FORD V 6 im kleinen Ford Festiva (SHOGun) :

  • Danke Turboseize für den ausführlichen, tollen Kommentar. Ich kann dem Geschriebenen auf der ganzen Linie nur zustimmen. Das Cruisen in diesem Auto ist in der Tat ein purer Genuss…. Und Pflege brauchen all unsere Schätze….

    Gruß

  • Die V6 gelten innerhalb der Saab-Szene als lahm und versoffen und bei der Opelgang als wartungsintensiv. Letzteres stimmt, das Zahnriemenwechselintervall ist mit 60Mm sehr kurz, Zündkerzenwechsel an der hinteren Bank sind kein Spaß und die Motoren neigen zu starken Ölundichtigkeiten, vor Allem an den Ventildeckeln. Bei verschlampten Kühlwasserwechseln faulen die Öl/Wasser-Wärmetauscher gerne durch und simulieren dann einen Kopfdichtungsschaden. Das war’s dann aber auch – wenn man auf Zahnriemen und den Wärmetauscher achtet können die Motoren sehr, sehr alt werden.
    Und das Genöle aus der Saabszene bezüglich “lahm und versoffen” ist vollkommen ungerechtfertigt. Richtig ist, daß die Motoren eine vollkommen andere Charakteristik haben als die Saab-Eigengewächse. Die Saabvierzylinder sind alle Drehmomentbüffel mit viel Kraft aus dem Drehzahlkeller und mit mittleren Drehzahlbereich; nicht nur die Turbos, auch die Sauger. Die GM-54°-V6 dagegen sind Drehzahlmotoren. Sie laufen sanft, sie klingen schön, sie sind (für einen Sechszylinder) recht effizient und sie sind tatsächlich auch schnell. Sie wachen aber erst jenseits der 4000/min auf.
    Für einen Saabfahrer, der gewohnt ist bei 2000 bis 2500/min auf der Drehmomentwelle des Turbos zu surfen, fühlt sich das unglaublich lahmarschig an. Denn in dem Bereich passiert bei den Sechszylindern wirklich noch nichts.
    Richtig ist auch, daß die Sechszylinder einen etwas höheren Grundumsatz haben. Bei betont sparsamer Fahrt verbraucht man also ca einen halben bis einen Liter mehr; im Stadtverkehr und vielleicht sogar noch mit einem Automatikgetriebe saufen die V6 wie ein Schwede auf der Fähre.
    In Ihrem Element sind die Sechszylinder bei zügiger Fahrt. Eine zügige Landstraßenhatz – an jedem Ortsausgang die Gänge ausgedreht, zwischen den Dörfern “mit Mehrwertsteuer” gefahren – habe ich oft genug mit einer 7 vorm Komma absolviert. Und mehr als 12 Liter habe ich bei scharfen Autobahnfahrten mit hohen unlimitierten Anteilen auch mit Gewalt nicht durch die Düsen bekommen. Ein Turbo würde bei vergleichbarer Fahrweise dann einige Liter mehr brauchen.
    Kurz: ob der v6 empfehlenswert ist, hängt vom Fahrer und vom Fahrprofil ab. Das sind Motoren ersten für geruhsame Genießer (denn mit keinem anderen Saab cruist es sich so sanft und entspannt wie mit einem V6 Automatik), zweitens für schnelle Autobahnetappen. Wer auf Turbodieselbums steht und spätestens bei 3000/min schaltet, für den sind sie nichts. Aber wer sich auf den Motor einläßt, der kann viel Freude damit haben.

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  • Das ist eindeutig eine Frage des persönlichen Geschmacks….
    Wie schon mehrfach geschrieben, fahre ich einen 170 PS V6 im 902 Cabrio und möchte ihn nicht missen.
    Zuverlässig, moderater Verbrauch, ausgesprochen durchzugsstark und mit einem wunderbaren sonoren Sound.
    Da Saugmotor, fehlt ihm der von Saabisten so sehr geliebter Turbobiss. Ich möchte ihn aber nicht missen.
    Nur von dem von Isuzu zugekauften V6 Diesel sollte man bekanntermaßen die Finger lassen….

  • Sind denn die 6Zylinder Benziner eine empfehlenswerte Maschine?

  • Vielen Dank für die AW.

    Mit der Nase auf die entscheidenden Textstellen beider Beiträge gestoßen, wird es schlüssig. Und wenn ich richtig verstehe, dann hatte der V6 von Alfa zum gegebenen Zeitpunkt weder 4-Ventiltechnik noch den (späteren) Hubraum. Da kann ich mich sehr gut mit dem (modernen) Favoriten der Trolle anfreunden …

    Aber wie dem auch sei, für mich persönlich hatte sich die Frage nach großen Saugern in Neuwagen spätestestens mit dem ersten 2,3 Turbo von Saab ohnehin erledigt. Ich bekenne mich offen zur Fraktion derer, die den B234 für einen der besten je gebauten Motoren halten …

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  • Der SVC Motor kam 10 rund 10 Jahre später und hat 1.6 Liter mit vier Zylindern. Er passt also weder thematisch noch zeitlich dazu. Das Thema ist aber ohne Frage sehr interessant, im Depot des Museums steht noch ein fahrbereiter 9-5 mit eben diesem Motor.

  • Den Yamaha Ford Motor, siehe Teil 1 und letzter Absatz Teil 2.

  • Welchen Motor …

    … haben denn die Saab-Ingenieure favorisiert?

    Dem Artikel kann ich entnehmen, dass der Blog gerne den Alfa V6 gesehen hätte und dass es einen unerwarteten Kontakt Saabs mit VW gegeben hat. Ferner, dass der Mazda ungeliebt und dass das alles letztlich mit dem Einstieg GMs vom Tisch war. Welcher Motor nun aber von den Saab-Ingenieuren favorisiert wurde (und warum), wird mir leider nicht ganz klar …

    Ist dazu was bekannt oder ist das ein Buch mit 7 Siegeln/ein weites Feld für Spekulationen?

  • Hallo, interessant die Geschichte über die Möglichkeiten eines 6 Zylinder Motors für Saab. Jedoch vermisse ich die Saab Entwicklung des SVC Motors, mit verstellbarer Kompression in der Beschreibung. Diesen Motor hatte ich mehrmals auf den Saab Ständen auf Autoausstellungen gesehen. Das war im Jahr 1994 / 1995. wie ich mich erinnere war es ein 5- oder 6 Zylinder mit einer Einsparung von ca. 30 % Kraftstoff, bedingt durch die automatisch veränderbare Kompression je nach Leistungsbedarf. Leider habe ich von dieser Entwicklung nie mehr etwas gehört und gesehen. Viele Grüße Peter Kern

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