Wirtschaft. Die Saab Zukunft entscheidet sich jetzt. (2/2)

Das Design des Innenraums und die verwendeten Materialien stammen aus einem vergangenen Jahrhundert. Daran ändern auch die verwendeten Zulieferteile aus Deutschland nichts. So kann man die Meinung der britischen Motorpresse über den MG6 zusammenfassen. Nachdem man viele Jahre ohne Erfolg Geld in die Marke investiert hat, sucht SAIC-MG jetzt die Herausforderung. Noch in diesem Jahr soll der MG6 auch in Deutschland zu haben sein. Eine Herausforderung ! Aber Deutschland ist das Maß aller Dinge im Automobilbereich. Ein Schlüsselmarkt, der auch für Saab 2.0 die Zukunft entscheiden könnte !

Strahlt die Marke Saab bald wieder? Eine Herausforderung für Saab 2.0
Strahlt die Marke Saab bald wieder? Eine Herausforderung für Saab 2.0

Schlüsselmarkt = Deutschland

Deutschland galt lange als problematisch in der Saab Welt. Permanent wechselnde Geschäftsführer, immer weiter schrumpfende Marktanteile. Was zum größten Teil an GM und dem aus Detroit verordneten „Direct-Dealer“-Konzept lag. Zu wenig Freiraum für die einzelnen Regionen und schlimm für die Schweden. Denn Deutschland ist der größte Markt in Europa und der prestigeträchtigste überhaupt. Was in der Heimat von BMW, Porsche, Volkswagen und Co. läuft, das läuft überall. Da ist der Mythos „Autobahn“, da sind Zuffenhausen, Untertürkheim, Wolfsburg und München. Begriffe, die PS-Fans in aller Welt elektrisieren. Jeder hier verkaufte Saab ist soviel wert wie 10 in Spanien, Portugal oder England.

Was gehen könnte, wenn man dürfte, wie man will, konnte man im Ansatz in den letzten Jahren erahnen. Die Saab-Händlertour 2011 war eine Idee dazu und wurde von anderen Märkten übernommen. Der sich stark entwickelnde Absatzmarkt für die Saab Parts AB oder unsere gemeinsame Tour von Kiel nach Trollhättan geben einen kleinen Ausblick auf das Potential hinter der Marke. Daß die Deutschen, nach den Schweden, auf dem Saabfestival die größte Besuchergruppe war, spricht für sich !  Und daß der frühere Saab Deutschland und jetzt Saab Parts Chef, Jan-Philipp Schuhmacher,  als einziger hochrangiger Vertreter der Märkte mit dabei war, ist ein klares Statement.

Saab 2.0 könnte, das ist der Charme eines Startups, neue, unkonventionelle Wege beim Vetrieb, Marketing und Kundendialog gehen. Kleiner ist manchmal besser als größer, weil schneller und unbürokratischer. Es kommt nur darauf an, was man aus den Chancen macht. Rein theoretisch könnte es schon nächstes Jahr eine neue, kleine, feine Saab-Vertriebsgesellschaft in Deutschland geben.

Was wirklich reine Theorie ist. Denn noch wissen wir nichts über Preise und über den Vertriebsweg. Naheliegend wäre es aber, das bestehende Saab Händlernetz zu nutzen und über die existierenden Strukturen – mit den aktiven Partnern – den Markt neu aufzubauen. In Eschborn lägen dazu fertige Pläne mit einem Konzept nach Augenmaß in der Schublade. Die Marke Saab bekäme damit ein Chance, die nicht mehr oder weniger als geschenkte Zeit ist.

Geschenkte Zeit

Land Rover hat den Defender. Niemand erwartet hier einen gewonnenen Vergleichstest oder einen Produktionsrekord. Was schon auf Grund der Produktionsmethode nicht möglich wäre. Bei Saab liegt die Geschichte irgendwie ähnlich. Der 9-3 ist ein Klassiker, der – modernisiert –  für einen gewissen Zeitraum gebaut werden könnte. Kein langer Zeitraum, vielleicht wären es 2 Jahre, vielleicht etwas mehr, vielleicht etwas weniger. Keine große Stückzahl, vermutlich ein Einschicht-Betrieb mit niedriger Taktrate. Trotzdem für alle Beteiligten eine Win-Win Situation.

Der Vorteil: Das Werk in Trollhättan läuft, die Lieferkette steht, die Einführung des Nachfolgers, an dem mit Druck gearbeitet wird, ist damit einfacher als bei einer ruhenden Fabrik. Die Händler bekommen – endlich – Neuwagen. Der Kreislauf kommt in Bewegung, das Angebot an Gebrauchten verbessert sich. Saab bekommt eine Präsenz in Medien, bei den Kunden, denn die Geschichte rund um Saab ist einzigartig.

Eine Marke, die verzweifelt bis zum  Schluss ums Überleben gekämpft hat, die eine riesige Fangemeinde hat, kommt zurück auf den Markt. Das wäre eine unglaubliche Story ! Dann könnte  Saab den Beweis antreten, die andere, individuellere Marke zu sein. Möglichkeiten gibt es genug und neue Wege, die man gehen kann, auch. Es könnte spannend und aufregend werden. Die Zeit bis zum Nachfolger ist entscheidend. Sie muss genutzt werden, um den Boden für den eigentlichen Neustart zu bereiten: den Nachfolger des 9-3, der vermutlich 2015 oder 2016 kommt.

Chance = Elektroauto

Da war die Marke Fisker ! Ich bin nicht sicher, ob sie immer noch lebt oder nicht, aber die Fahrt im Karma hat damals Eindruck hinterlassen. Bei NEVS ist man realistisch. Gut 60 % der Batterieautos gehen nach China, und die Zukunft in China sieht man für Saab elektrisch. Was vermutlich zutrifft, denn dort ist der erklärte politische Wille zu Elektromobilität zu Hause. In Deutschland dümpeln die Batterieautos lustlos vor sich hin, was sich ändern wird. BMW wagt das Abenteuer und stürzt sich nach der IAA auf diesen Markt. Die Marke hat eine große Ausstrahlung, und wenn jemand es schaffen könnte, dann sind es die Münchner, die das Elektroauto begehrenswert machen könnten.

Der elektrische 9-3 ist, wenn er gut gemacht ist, ebenfalls für Saab eine Chance. Nicht von den Stückzahlen her, zumindest nicht in Europa. Aber vom Image her. Der gute alte Klassiker aus Schweden zeigt, dass er unter der Karosse modern ist. Auch das wäre mal wieder typisch Saab. Zurück auf dem Markt und auf einer Augenhöhe mit Pionier Tesla oder den Münchnern. Elektrische Antriebe können ungeheuer schick sein. Noch ist es nur eine Nische und bleibt es vielleicht in Europa auch. Aber es wäre ein starkes Signal für die Saab Zukunft.

Text: tom@saabblog.net

Bild: Richard für saabblog.net

20 Gedanken zu „Wirtschaft. Die Saab Zukunft entscheidet sich jetzt. (2/2)

  • Auch wenn der letzte 9³ an sich ein „altes“ Auto ist, so wirkt er neben aktuellen Modellen anderer Hersteller keineswegs alt! Eher im Gegenteil: Er strahlt immer noch ein gewisses Anderssein aus und hebt sich angenehm von dem Alltagsbrei auf den Straßen ab! Dazu ist er praktisch und schick.
    Der letzte 9³ dürfte tatsächlich Chancen haben auf dem derzeitigen Markt – allerdings muss der Preis auch stimmen!

    Läge er deutlich über den Münchnern, Ingolstädtern oder Sindenfingern, dann dürfte es sehr, sehr schwierig werden…

    • Mein Eindruck war ja in den letzten Jahren (Neuwagenbestellung 2007 und 2008), das die effektiv zu bezahlenden Preise merkbar niedriger waren als bei Audi oder BMW, wohl auch ein Grund für den wirtschaftlichen Niedergang.

      • Richtig ist 2007 und 2011

  • Hallo Tom,

    wenn esd nur endlich losgehen würde…

    Abgesehen davon sehe ich immernoch das Problem, dass Saab erst einmal wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit kommen muss und das heisst Werbung, Werbung, Werbung. Denn in der Öffentlichkeit ist Saab tot (schon vor der Insolvenz, da das Marketing zu gering war), aus den Katalogen aller Leasinggesellschaften gestrichen (einer der schnellsten Wege um auf dem Markt wieder präsent zu sein) und auch etliche Verbraucher haben sich mittlerweile anderweitig umgesehen.

    Das bedeutet in meinen Augen, das der Absatz der Fahrzeuge höchstwahrscheinlich wesentlich geringer sein wird, als man sich nach der bisherigen Resonanz der Fans ausrechnet. Ich hoffe das wird bei der Ganzen Planung berücksichtigt.

    Gruß Cetak

    • Dass Absatz (wohl eher klein) und die Resonanz von Fans (relativ groß) wenig miteinander zu tun haben, fürchte ich auch.

      Wenige aber überzeuge SAAB-Fahrer haben sehr viel Solidarität gezeigt. Selbst diese kleine Gemeinde ist aber alles andere als homogen, sondern besteht aus Autofahrern, die SAAB in der Vergangenheit mit einer gewissen Bandbreite an Motorisierungen, Antriebskonzepten und Karosserien bedient hat.

      Diese Fahrer können gar nicht alle auf ein Modell vereint werden. Genau das aber wird nach allen spärlichen Infos über einige Jahre NEVS Versuch sein. Damit fallen sogar SAAB-Fahrer aus der vorerst angestrebten Zielgruppe raus …

      Man kann wirklich nur hoffen, dass SAAB 2.0 das berücksichtigt. Ein Wiederaufnahme der 9-3 Produktion sollte im Businessplan von NEVS unter „Marketing“ stehen (Kategorie „Lebenszeichen“) und als „Ausgabe“ fest eingeplant sein. Aber vielleicht ist das ja auch so oder so ähnlich? Wäre ja toll.

  • „Saab 2.0 könnte, das ist der Charme eines Startups, neue, unkonventionelle Wege beim Vetrieb, Marketing und Kundendialog gehen.“

    … das stimmt absolut. Leider sieht man es bei NEVS wenig. Wenn die Produktion in Herbst starten soll, sollten Anfänge von unkonventionellen Marketing und Kundendialog sichtbar sein. Aber der Sommer ist da, es macht nicht viel Sinn. Platz für positive Überraschungen 🙂

  • „Keine große Stückzahl, vermutlich ein Einschicht-Betrieb mit niedriger Taktrate.Trotzdem für alle Beteiligten eine Win-Win Situation“
    Kleine Stückzahlen heissen vergleichsweise höhere Kosten, heissen höhere Preise, heisst höheres Verkaufsrisiko, heisst Verlustrisiko. Niedrige Taktraten heissen Ineffizienz, heissen höhere Kosten als nötig. Also wirtschaftlich ist das alles nicht. Daher bezweifle ich sehr, dass dies einer Win-Win-Situation zuträglich wäre. Trotzdem drücke ich NEVS und den Schweden die Daumen!

    • Die Frage ist was wirtschaftlicher ist. Das Werk noch gut 2 Jahre im Standby, oder mit einer kleinen Mannschaft neue Autos bauen? Schwarze Zahlen gibt es so oder so auf mittlere Sicht nicht.

      • Wirklich wirtschaftlich ist es ohne hin nicht nur Mittel bzw. Oberklasse Fahrzeuge zu bauen. Grade bei den kleinen Lifestyle-Flitzern steigen die Verkaufszahlen und dies mit teilweise sehr Selbstbewusster Preisgestaltung

        • 9-1 ! Das ist, was Saab wieder in die schwarzen Zahlen bringen könnte – m.M.n.!

  • Gratulation, Tom! Einmal mehr ein sehr interessanter, realistischer und informativer Bericht.
    Dass MG noch bzw. wieder Autos produziert, wusste ich nicht – und das, obschon ich selber einmal stolzer Besitzer eines schicken, kleinen MG Roadster war … den ich dann irgendwann gegen einen zweiten Saab ausgetauscht hatte. Dass ich mich heute auch nicht mehr nur einen Hauch für „MG 2.0“ interessiere, liegt – wie das Bild im Teil 1 dieses Berichts mehr als deutlich zum Ausdruck bringt – daran, dass es heute wohl kaum mehr einen grossen Unterschied zwischen einem MG und beispielsweise einem Dacia (oder so was in dieser Liga) gibt … und da ändert auch das geschichtsträchtige, einst begehrenswerte Emblem vorne am Kühlergrill nichts!

    Was Saab betrifft, so bin ich zwar ein hoffnungsloser Optimist; doch leider sehe ich bislang leider nichts, worin sich NEVS von SAIC-MG unterscheiden würde …

  • Wie gut das hier soviele Witrschaftsweisen an Bord gibt 🙂 Wer sagt das eine Win – Win Situation von wirtschaftlichem Erfolg abhänig ist? Oder denkt ihr NEVS ist so blauäugig und meint von der ersten Stunde ab Geld zu verdienen können? So wie Tom geschrieben hat erstmal muss die ganze Sache anlaufen. Ein Automobilwerk schaltet man nicht einfach auf „On“ und es läuft. Also immer langsam ……….Gedult?

  • Mit dem 9-3 ein neues SAAB-Leben beginnen….., warum nicht! Die Ansicht von vorn ist immer noch der Hit! Wiedererkennbar UND elegant! Der Sportkombi von hinten: sachlich schwedisch und doch deutlich indiviuell! Auf den „Antrieb“ wird in D sicherlich geschaut. Da wären sparsame Turbos und e-Mobilität kein Widerspruch. Gerade die e-Mobilität würde für Innovation in „altem“ Kleid stehen. Und die Marke SAAB in die Schlagzeilen bringen! Wenn SAAB 2.0 eine Nische besetzen will, wann wäre es doch auch eine Möglichkeit einen „Klassiker“ zu pflegen, und nur wenig zu verändern. Ich denke da an das Beispiel P.911. Funktioniert doch grandios! Der SAAB 9-3 als „Klassiker“, natürlich bitte auch als Schrägheckvariante(!!!) und dann die weitern Angebote dazu: 9-1, 9-4, 9-5 Das wäre mein Traum! Mit dem „Klassiker“ lassen sich evtl. viele Altkunden und Fan´s vom Schrägheck zurückgewinnen, mit dem 9-1 womöglich erfolgreiche Damen und sonstige hippe Kleinwagen-Fans erobern. Der 9-4 für diejenigen, die eher etwas höher fahren möchten und der 9-5 für diejenigen, die etwas mehr SAAB als den „Klassiker“ haben möchten. Aber bitte auch so gestalten, daß 185 cm Menschen hinten BEQUEM einsteigen können UND erfreulich Beinfreiheit auf der langen Reise genießen dürfen! Auch der bundesdeutsche Markt (Kunde) wird älter!!!
    Das das Modell Landrover auch funktioniert, zeigt sich seit einigen Jahren: auch hier der „Klassiker“ Defender als Arbeitsauto, der Range Rover für die elegante Reisemöglichkeit und der Land Rover „Eclipse“ für die hippe Kundschaft! Es muß die Geschichte um die Marke stimmen! Und da können wir mit SAAB wahrlich punkten! Warten wir ab, was die NEVS-Eigner draus machen….. Engagierte Menschen und Händler für SAAB gibt es sicherlich in D! Danke für Deinen ausführlichen Bericht, Tom!

  • Flexibel wäre wünschenswert. Ich war vor Jahren bei einer Werksführung in Graz (Saab Cabrio-Produktion). Dort war ein Saab-Händler mit der folgende Story erzählte. Ein Firmenkunde wollte für seinen Betrieb 20 gelbe Saab-Cabrios ordern. Magna hätte die Farbe problemlos lackieren können nur GM / Saab legte sich quer weil es gibt nur die Farben die es im Katalog gibt. Der Kunde hat dann zähneknirschend 20 gelbe Mercedes CLK gekauft. Das verstehe ich nicht unter Flexibilität eines kleinen Herstellers.

    • Das ist ja unglaublich, wenn es stimmt …

      Und es wäre wohl auch mehr SAAB als GM anzulasten.

      So viel Autonomie hat SAAB allemal gehabt – selbst unter der Fuchtel der Rabenmutter.

      Technischer Eigensinn und eine gewisse Starrköpfigkeit spiegeln sich sehr schön in den SAAB-Automobilen wieder – in Details und Eigenschaften, die man als SAAB-Fahrer so sehr an der Marke schätzt.
      Was technisch gut und willkommen sein mag, hat in anderen Abteilungen (Vertrieb, Marketing, Management) aber rein gar nichts verloren. Wie fragte hier neulich jemand: „SInd so die Schweden?“

      20 gelbe SAAB-Cabrios! Ich fasse es einfach nicht.

  • @Bergziege
    Das sehe ich genauso, der 9-3 SC gehört optisch noch lange nicht zum alten Eisen. Mit moderner Technik, wie ein Plugin-Hybrid ähnlich dem V60 aus Göteborg oder anderen Ideen könnte man in kleiner Serie auf sich aufmerksam machen. Ein Schrägheck-Klassiker 9-3 (III?) wäre natürlich die Krönung.

  • ist kaum zu glauben das die so intolerant waren, zumal es ja immer schon gelbe cabrios gegeben hat

  • Die Frage des Herrn war sehr glaubhaft und Erklärung des Magna-Managers bzgl. der Lack-Möglichkeiten auch.
    Magna hatte damals in der Produktions-Straße eine Lackiererei für alle Fahrzeuge; einmal wurde also ein Mercedes G, dann ein Saab, dann ein Jeep lackiert usw. die Farbe wär Magna wirklich egal gewesen. Gelb hätten sie halt mischen müssen.
    Vielleicht wollte Saab verhindern, dass einer später mal „Monte Carlo“ draufschreibt… aber ich denke hauptsache man verkauft 20 Stück auf einmal und bekommt sie auf die Straße.

    • Beim 9-3 SC hat man in Trollhättan mal ne gelbe Ausnahme gemacht:
      http://www.flickr.com/photos/46386541@N04/6951705959/
      Und es gibt doch einige Leute, die sich von einer fehlenden Farbe vom Autokauf abhalten lassen. In Ingolstadt z. B. bekommt man für entsprechendes Geld sehr viel mehr Auswahl als im Prospekt steht.

Kommentare sind geschlossen.