Wirtschaft. Die Saab Zukunft entscheidet sich jetzt. (1/2)

Spannende Monate stehen uns bevor ! Das zweite Halbjahr 2013 wird entscheiden, ob Saab eine Zukunft hat – oder nicht. Die Herausforderungen – es geht um einen kompletten Neustart –  sind groß. Schaut man zurück in die Vergangenheit, dann entdeckt man verblüffende Parallelen, denn die kleine Marke aus Schweden stand wiederholt vor schwierigen Situationen. Und die Fehler, die man beim Comeback machen kann, sind vermeidbar..denn man konnte sie bei anderen Marken bereits beobachten ! Was uns in den nächsten Monaten erwartet…wir haben es zusammengefasst.

Saab Werk mit 9-3 Viggen. Neustart 2013?
Saab Werk mit 9-3 Viggen. Neustart 2013?

Neustart mit einem Klassiker – ja und?

Saab hat viele Freunde. Zum Beispiel unter Journalisten, die nach dem Ende der Autoproduktion bemerkt haben, dass etwas in Ihrer automobilen Welt fehlt. Oder auch bei anderen Marken. In Trollhättan sprach ich mit einem hochrangigen Mitarbeiter einer großen Automarke. Der Kontakt kam völlig überraschend und sein Outing als Saab Fan ebenso. Er sieht den Neustart mit dem klassischen 9-3 kritisch, durch seine Brille ist das Auto zu klein, zu alt, von gestern. Was so stimmt, und auch wieder nicht.

Nicht zum ersten Mal geht Saab mit einem Klassiker auf Neustart. Der Schritt vom Saab 99 zu Saab 900 ist vergleichbar. Sicherheitsvorschriften zwangen zum verlängerten Vorderwagen, gleichzeitig kamen leistungsfähigere Motoren für verschärfte Umweltrichtlinien und ein luxuriöseres Interieur. Für Saab war es, aus der Not heraus, der Schritt in ein neues Marktsegment. Die Herausforderung war da und führte zum Erfolg. Denn plötzlich fanden Menschen, die Saab nie zuvor auf der Liste hatten, die Marke stark und bezahlten viel Geld für einen 900er. Der Saab 9-3 wird ebenfalls Änderungen erfahren. Direkteinspritzer Turbo Motoren, verbesserter Fussgänger-Aufprallschutz stehen im Lastenheft. Ergreift man die Chance und verfeinert den Innenraum – die Griffin Modelle waren der Ansatz dazu – dann ist man auf dem richtigen Weg. Feine Leder, ein hochwertiges Armaturenbrett und, ja warum nicht, in Serie Türgriffe aus Leder und ein griffiges Lenkrad würden den 9-3 zum perfekten Understatement -Schweden machen.

Das alles wäre keine Zauberei. Das wunderbare Lenkrad aus dem Turbo X liegt in den Zulieferregalen, bei Türgriffen, Handbremshebel und Armaturenbrett hat Hirsch gezeigt, was geht. Ein Entertainment-System – GM wird wohl als Lieferant nicht mehr dabei sein –  müsste man nicht neu erfinden. Es gibt tolle Systeme, die man zukaufen kann. Dass der 9-3 in den Abmessungen ein kompaktes Auto ist, muss kein Nachteil sein. Innen ist er, an seinen Dimensionen gemessen, relativ groß. Und ein paar Zentimeter weniger sind in jedem Parkhaus und bei jeder Autobahnbaustelle ein Vorteil.

Platz für ein Understatement-Auto aus Schweden findet sich in dieser Welt, im Schatten der großen Marken, immer. Raum für Individualisten, oder sollte ich sagen, Nonkonformisten ist dringlicher denn je. Denn, und das ist gut so, nicht jedem schmeckt der automobile Premiumbrei.

Die Nagelprobe – laufen die Bänder?

Es ist nicht das erste Mal, dass die Bänder in Trollhättan stillstehen. In den 80er Jahren kam es immer wieder zu monatelangen Produktionspausen, und das Schicksal der Marke stand wiederholt zur Disposition. Allerdings gab es niemals zuvor einen so langen und tiefgreifenden Einschnitt. Die Frage ist, ob man in Trollhättan den Kraftakt bewältigen kann und die Bänder anwerfen wird. Die Lieferantenkette muss neu aufgebaut werden, jeder kleine Vertrag muss neu geschlossen werden. Ein Saab ist, von den Zulieferteilen her, ein traditionell sehr deutsches Auto. Und da scheint es gut für NEVS auszusehen. Seit Monaten wird in Deutschland für Saab gearbeitet.

Aber es gibt auch Hürden, die genommen werden wollen. Denn manche europäische Lieferanten blockieren und es gibt Probleme bei den Mitarbeitern. Es scheint, dass man nicht immer das Personal bekommt, was man sich wünscht. Zwar laufen in Trollhättan selbst die ehemaligen Mitarbeiter Sturm und möchten zurück in die Stallbacka. Denn nicht jeder, der in Göteborg unterkam, ist dort glücklich. Aber das ist nur die eine Seite. Spezialisten für Schlüsselpositionen sind vorsichtig und zögern. Vertrauen müssen sich die Investoren erst erarbeiten. Die erste, große Hürde, nur mit großen Investitionen zu erreichen, ist ein laufendes Werk. Rauchen die Schlote, laufen die ersten Fahrzeuge von den Bändern, dann ist viel gewonnen. Stimmt dann noch das Vetriebskonzept, dann könnte es losgehen.

Wie es nicht funktionieren wird.

Die Frage, was man alles falsch machen kann, ist längst beantwortet, und zum Erfahrungsaustausch könnte Kai Johan Jiang zum Telefon greifen und die Kollegen von SAIC anrufen. Das verkürzt den Dienstweg und macht die Unternehmensberatung arbeitslos. Wir erinnern uns alle noch ganz schwach an das Rover Debakel? Gut, es hat sich schon der Nebel der Vergangenheit darüber gelegt. Aber neben Rover gab es noch die Marke MG, noch eine Perle automobiler Tradition. Eine Marke, die bei ihren Anhängern immer noch Kultstatus hat und deren automobile Hinterlassenschaft auch heute noch täglich Menschen begeistert.

Nachdem man bei SAIC Rover notgedrungen in Röwe umgetauft hatte, ging es an die Neubelebung von MG. Wer beim folgenden Text mindestens zweimal zusammenzuckt, der hat verstanden. Der ursprüngliche Käufer der Marke MG, die Nanjing Automobile Group, wurde wenig später auf politischen Druck hin von SAIC übernommen. Zum Neustart beschloß man zwei Märkte in den Fokus zu nehmen. In erster Linie China und – als Heimatmarkt – die britischen Inseln. Der Rest der Welt war ohne Interesse. Die Produkte von MG sollten damit in China, obwohl sie aus einem SAIC Werk kommen, zum europäischen Preis verkauft werden. Das Comeback startete 2008 mit dem offenen, alten MG TF, der in kleinen Stückzahlen in England gefertigt wurde. Dumm nur, dass jenseits der Insel niemand davon etwas mitbekam und die Fertigung auf Grund fehlender Nachfrage irgendwann eingestellt wurde.

Eine andere Variante dieser Geschichte erzählen offizielle Stellen. Die Produktion des MG Cabriolets sei von Anfang an als limitiert geplant gewesen. Das Produktionsende kam daher nicht mangels Nachfrage sondern war von langer Hand vorbereitet. Na gut.

MG 6 GT. Wie britisch ist dieses Auto?
MG 6 GT. Wie britisch ist dieses Auto?

Der nächste Schritt und das erste eigene Produkt unter neuen Strukturen kam 2011 mit dem MG6. Eine durchschnittliche Limousine, die im englischen Montagewerk aus China-Teilen montiert wird. Was besser klingt als es ist. Im Prinzip kommt die fertige Kiste aus China, der Motor wird in England eingebaut und – siehe da – im Werk Longbridge erblickt ein englisches Auto das Licht der Welt. Der Verkaufserfolg ist so unterirdisch wie das Auto selbst und liegt pro Jahr im kleinen dreistelligen Bereich.

Dabei hat SAIC nicht alles verkehrt gemacht. In Birmingham unterhält man ein Entwicklungs- und Designstudio mit 300 Mitarbeitern, und auf den MG-Modellen kleben bei den Autoshows so viele Union Jacks wie irgendwie möglich. Man treibt Motorsport mit einem eigenen Team, und um englisches Erbe zu demonstrieren, verwendet man möglichst zahlreiche Begriffe aus der MG-Geschichte. MG-Magnette für die Limousinenvariante ist jedem Fan der Automarke ein legendärer Begriff, aber im Zusammenhang mit dem MG6 hat es einen bitteren Beigeschmack. Und, ja, ein MG-Museum gibt es ebenfalls und Werksführungen mit einem Besuch im rekonstruierten Büro des legendären Lord Austin werden seit kurzer Zeit ebenfalls angeboten.

In England dienen die Produkte von SAIC-MG mehr der Erheiterung der Motorpresse, als daß sie ernst genommen werden. Die Leidensfähigkeit von SAIC ging dann vor einigen Wochen zu Ende, als der Top Gear Moderator Jeremy Clarksson den neuen MG 6 Diesel mit den Worten “It’s not bad, its hysterically terrible” versenkte. Grund dafür war, neben anderen frustrierenden Details, eine nicht funktionierende Start/Stop Automatik, die so hartnäckig den Dienst verweigerte, dass der Tester das Auto einfach abstellte.

So ist das alte Europa ! Da gibt man in China jedes Jahr viele Millionen aus, rettet die Reste englischer Autokultur aus kontinentaleuropäischen Fängen und erntet statt Begeisterung und Dankbarkeit nur Undank. Für SAIC-MG war dieser Blattschuss so etwas wie ein “Wake-up-call”. Nationale Motorpresse wurde eingeladen, die erweiterten Design- und Entwicklungsstudios zu besuchen, und SAIC-MG Verantwortliche standen Rede und Antwort. Genutzt hat es nichts !  MG-Produkte kommen aus China und fühlen sich auch so an. Auch wenn dem neuen Kleinwagen MG3 durchaus Chancen für bessere Verkäufe nachgesagt werden.

MG Produkte werden mittlerweile in viele Schwellenländer und andere kleine Märkte geliefert, der richtige Erfolg bleibt aber aus. In Europa findet die Marke nicht statt, Die logische Konsequenz aus dem Debakel? Im Jahre 7 nach der Übernahme sucht man die Herausforderung. Der Name ist Programm. Deutschland. Womit sich der Kreis schließt und wir wieder bei Saab 2.0 wären.

Fortsetzung morgen in Teil 2.

Text: tom@saabblog.net

Bilder: saabblog.net (1), MG Motor UK Ltd. (1)

 

 

17 Gedanken zu „Wirtschaft. Die Saab Zukunft entscheidet sich jetzt. (1/2)

  • Gut geschrieben! Bin auf Teil 2 gespannt!

  • Wenn ich das Bild des MG 6 GT sehe, dann könnte vorne die Renault-Raute und hinten das Toyota-Emblem angebracht sein. Mit MG hat das wirklich nichts mehr zu tun. Wenn dann auch noch die Technik nicht funktioniert gibt es keinen Grund mehr, dieses Auto zu kaufen – Historie hin oder her. Hoffen wir, dass Jeremy Clarksson keinen Grund für solche Kommentare bei Saab bekommt (wenn es denn zur Produktion kommt).
    Aber mit einem etwas aufgehübschten und technisch zeitgemäßem 9-3 und mit gutem Vertrieb und Marketing könnte ich mir vorstellen, dass das Comeback funktioniert.
    Wünschen wir NEVS ein glückliches Händchen.

    Achim

  • Hallo Tom,

    wenn man diese Zusammenfassung liest, weiß man wie bestimmte Fehler vermieden werden können.

    Ich habe allerdings mittlerweile das Gefühl, dass sich der erste Fehler bereits einschleicht – die Aussage “Dumm nur, dass jenseits der Insel (in unserem Falle Schweden) niemand etwas davon mitbekam”…..usw. würde man – wenn nicht umgehend eine Änderung in der Öffentlichkeitsarbeit eintritt – auf den Neustart von SAAB Automobile übertragen können.

    Der erste Fehler wäre dann bei ggf. weiter bestehender Lethargie in Sachen Öffentlichkeitsarbeit schnell gemacht!

    Als grotesk käme bei Eintritt dieses Falles hinzu, dass bereits in der Vergangenheit bei SAAB das Feld der Öffentlichkeitsarbeit auch schon sträflich vernachlässigt wurde – dieser Fehler darf sich einfach nicht wiederholen!!!!!!!

    • Logisch daß man sich nur Monate vor dem angekündigten Produktionsstart auch als Fan Gedanken macht. Mein (noch) SAAB Freundlicher fragt sich wem NEVS überhaupt was verkaufen will, denn scheinbar gab es mit den Händlern zuletzt im Frühjahr Kontakt.
      Die ersten Fehler, da hat Joachim absolut recht, sind doch schon gemacht!

  • Loite, Loite, Loite !
    Wie gut, dass ich meinen 95 II habe.
    Wie das bei NEVS alles angefasst wird – dass kann nur schiefgehen.
    Nix, worauf man (Händler, Saabisten, weitere Interessierte) sich freuen könnte.
    Nix, was die Presse schon mal schreiben könnte,
    Nix, nix ……

  • “Wer beim folgenden Text mindestens zweimal zusammenzuckt, der hat verstanden.”

    Ja, ich habe bei diesem Kapitel (“Wie es nicht funktionieren wird.”) mehrfach gezuckt. Und zwar weil NEVS und deren Ankündigungen sich dort mehrfach spiegeln.

    Falls das vom Autor auch so gemeint war, dann habe ich einmal mehr verstanden, dass es wenig Hoffnung gibt.

    • Es gibt ja immer zwei Seiten. Die eine ist, dass man sagen könnte es gibt wenig Hoffnung. Die andere, dass man jetzt noch entschieden gegensteuern könnte. Das ist die positivere Sicht der Dinge, denn noch ist Zeit.

  • Ich weis nicht ob dieser Blog auch von bei NEVS verantwortlichen Leuten gelesen wird , aber besser wärs schon . Vorallem wenn diese Leute sich das dann auch noch in ihre Gedanken mit aufnehmen würden und wie Tom schreibt noch rechtzeitig gegensteuern . Hoffen wir also das die NEVS Leute auch ein offenes Ohr für die Wünsche und Sogen der Fans und möglichen künftigen Kunden haben.

  • Danke Tom für diesen interessante Bericht! Und Danke für die Viele Arbeit, die damit verbunden ist!

    Es scheint ja, dass allmählich einige NEVS-Verantwortlichen vom SAAB-Spirit angegesteckt wurden…(was ao aus vorherigen Berichten hervorgeht).
    Aber leider fehlt ja wirklich noch Pressearbeit! Vielleicht wartet NEVS bis zum Produktionsstart??? Dann kann gleich ein neuer 9-3 II Claasic vorgestellt werden und bis zum Verkauf sind dann ja noch einige Monate!

    Zudem hat SAAB 2.0 zu MG ja noch einen großen Vorteil:
    Eine funktionierende Infastruktur in Europa, Dank an SAAB Parts!

    Sonnigen Dienstag!

    André

  • Bei diesem Foto fällt mir am ehesten ein Renault ein. Einfach nur bieder. Wenn annähernd so ein zukünftiger SAAB aussehen sollte, wäre das wohl nichts mehr für mich.

  • “Ergreift man die Chance und verfeinert den Innenraum […] ein hochwertiges Armaturenbrett”

    Das macht mir jetzt etwas Angst. Bei mir steht demnächst ein 2009er 9-3 auf dem Plan.
    Hat der 2009er noch kein aufgeschäumtes Armaturenbrett? Sind die Grate am Plastik so arg?

    • Keine Grate, alles ist gut. Nur es geht halt immer noch etwas besser ;-). Hat amn beim 9-3 Griffin gesehen.

      • Und auch aufgeschäumt? Also nicht so eine Hartplastiklandschaft wie bei z.B. Opel oder Skoda.

        Mein Wunsch 9-3 wurde in den letzten Tagen wohl verkauft.

        • Keine Ahnung, mich interessiert weder Opel noch Skoda. Bei mir ist das Armaturenbrett aus Napaleder.

  • Also abgesehen vom Schluß mit dem Rover 75 gab es doch eingentlich nicht wirklich was hübsches bei Rover . Wenn ich da nur an die Hondas mit Roveremblem denke . Da war Saab auch mit GM Technik unter der Haube immer schon eigenständiger.

  • Danke für diesen Bericht. Immer wieder interessant zu lesen. Doch mit diesem Bericht wird auch klar, daß die ersten mistakes sich einschleichen: keine Pressekontakte, Händler werden vernachlässigt. Positives gibt es immer zu berichten! Oder eben nicht. Dann ist auch klar, wohin die “Reise” geht….

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