SAAB Lage: Trollhättan und Leipzig

Saab hat es tatsächlich auf die AMI geschafft. Freund und Mitblogger Mark hat die Berichterstattung übernommen und eigentlich hätte es gestern ein guter Tag sein können. Denn dass die Kultmarke in der Sonderausstellung des VDIK Fahne zeigen kann, ist nicht selbstverständlich und das Ergebnis von viel Engagement. Ein guter Freund hat auch schon das erste Foto der Sonett geschickt. Ja, sie steht wirklich auf der Messe.

Da ist sie: Sonett II auf der AMI
Da ist sie: Sonett II auf der AMI

Wäre da nicht die Kakophonie in Schweden die uns veranlasst hauptsächlich über Wirtschaft und nicht über Autos und Saab-internes zu schreiben. Dabei gäbe es einiges zu erzählen, aber das kommt eben später. Was ist von den Ereignissen in Schweden zu halten?

Ein schwedischer Freund hat mir gestern seine Version der Dinge erzählt und was er sagt klingt plausibel. Er sieht, dass es um Geld und Politik geht, und beides miteinander verbunden ist. Zum Problem, so sagt er, wurde schon vor einiger Zeit die in Staatshand befindliche Saab Parts AB. Die ist wie bei jedem Autohersteller hoch profitabel. Im After-Sales Bereich fahren die Produzenten ihre Gewinne ein und deshalb ist, mit Recht, der Preis für die Saab Tochter in Nyköping kein Sonderangebot. 2.2 Milliarden Kronen stehen auf dem Preisschild und Rabattverhandlungen werden gar nicht erst begonnen. Das ist erst einmal legitim und verantwortungsvoll gegenüber dem Steuerzahler.

Käufer die diesen Preis bezahlen wollen scheint es aber nicht zu geben. Und die, die kaufen würden, sind nicht die von den Administratoren gewünschten. Mahindra signalisierte schon vor einigen Wochen chronische Unlust den vollen Preis zu zahlen. Bei NEVS ist es ähnlich. Man möchte einige Teile von Saab die für die Elektromobilität benötigt werden – und – vielleicht das Ersatzteilgeschäft. Aber doch lieber nicht. Denn ein Autohersteller der bei NEVS mit im Boot ist möchte die Ersatzteilgeschichte jenseits des Konsortiums für sich alleine.

NEVS wäre von jeder Saab Tradition losgelöst ein wirklicher Neustart. Verantwortung für alle bereits produzierten Modelle läge in anderen Händen. Sieht so die Fortführung einer Traditionsmarke aus? Momentan hängt alles in der Luft und alles ist möglich. Warum das Elektroauto Konsortium mit seinem lächerlich geringen Gebot eine Rolle spielt wird erst auf den zweiten Blick klar.

Um für die Gläubiger den besten Preis zu erzielen wurde das Paket vor einigen Wochen in sieben handliche Päckchen verteilt. Im  Glaube dass Mahindra oder Youngmann den kompletten Tisch mit allen Paketen kaufen würden sahen sich die Administratoren am Ziel. Dann pickte sich NEVS die schönsten Pakete vom Tisch – welche ist nicht ganz klar – es gibt unterschiedliche Versionen. Youngman konnte keinen Bonitätsnachweis bringen und schied erst einmal aus. Mahindra zeigte sich sehr passiv. Der Plan funktionierte nicht mehr. So weit unser Freund aus Stockholm.

Die Situation ist nicht gut. Aber noch ist es nicht zu spät. Die Politik in Schweden bekommt jetzt die Quittung einer verfehlten Strategie in der Saab Affäre. Hätte man Mut bewisen und den Konzern nach US Vorbild unter staatliche Obhut genommen, dann hätte man in Ruhe nach einem Käufer für ein laufendes Unternehmen suchen können. Die Diskussion über Werthaltigkeiten hätte es nicht gegeben. Jetzt aber reden wir über ein Unternehmen ohne Produktion.  Die Politik sollte der häßlichen Wirklichkeit ins Auge schauen und Verluste jetzt realisieren. Umso schneller, desto besser.

Denn sind die Staatsunternehmen erst einmal vom Automobilgeschäft dauerhaft getrennt werden sie weiter an Wert verlieren. Dann werden die Verluste noch höher sein als aktuell.

Um so mehr Zeit verloren geht um so schlechter für Investoren und Marke. Die Administratoren, bislang souverän unterwegs, werden demnächst unter Druck geraten. Das Verfahren verschlingt Unsummen und war auf ein zeitnahes Ende ausgelegt. Jede Verzögerung bringt die Finanzierungsfrage auf die Tagesordnung. Die Administratoren könnten sich zum Verkauf in Einzelteilen genötigt sehen. Die Folgen sind klar.

Mittlerweile liegen einige Nerven in der Community blank. Ich habe es an den emotionalen Mails gesehen die gestern und heute in mein Postfach geflattert sind und ich verstehe das. Doch egal wie unsere Präferenzen sind. Ob wir Inder mögen oder Chinesen. Oder lieber Turbos als Elektroautos. Wir sollten sachlich und fair bleiben und überlegen was wir schreiben. Bislang hat das auch immer sehr gut funktioniert. Auch wenn der gestrige Tag nicht so gelaufen ist wie erhofft. Bleiben wir weiterhin cool!

Text: tom@saabblog.net

11 Gedanken zu „SAAB Lage: Trollhättan und Leipzig

  • Was hindert die Administratoren eigentlich daran, aus einem Verkaufserlös (Youngman-Lotus) an die Reichsschuldenverwaltung den geforderten Betrag zu überweisen – auch wenn dies der Bärenanteil aus der Summe wäre? Ich gehe davon aus, dass die übrigen Gläubiger auch mit weniger als erwartet einverstanden wären. Denen ist bekanntlich mittlerweile vorwiegend darangelegen, dass der Betrieb wieder aufgenommen wird.

    Youngman-Lotus ist doch anscheinend als einzige Partei auch wirklich motiviert SAAB-Parts als neuer Eigentümer mit einzubinden bzw. fortzuführen.

    Wo liegt denn eigentlich das Problem – es darf doch wohl nicht angehen, dass dieses neugegründete NEVS-Konsortium mit einem Mini-Gebot hier alles blockiert!!

    • tja… genau das frage ich mich auch.

      Es kann auch nicht sein das diese warterei und nichtswisserei weitergeht…

      ich kann nicht mehr…

      Seit 5 Monaten warten wir brav… das kann ja nicht sein das .. wieviele Anwälte sind das nochmal? Weiss das jemand genau?
      Wieviel Geld kosten die pro MOnat?

      Ich will mal nur die Summe die man den Anwälte bezahlt hat gegenüber der Summe stellen worüber die sich gerade streiten wer der Käufer von Saab wird.

      Es ist einfach alles bescheuert … tut mir leid… das musste mal raus.

  • Es nützt doch keinem, wenn NEVS die sog. schönsten Päckchen abgreifen möchte, aber das bereitstehende Gebot nur bei € 150 Mio liegen soll! SAAB-Parts interessiert diese Leute nicht bzw. soll ein NEVS angegliederter Automobil-Hersteller diese Sparte übernehmen. Selbst zusammen mit diesem Gebot würde man vermutlich nicht an das Gesamtgebot von Youngman-Lotus herankommen.

    Die von Youngman-Lotus gebotenen gut 400 Mio € (einschl. SAAB-Parts) erreicht derzeit anscheinend auch nicht das Gebot von Mahindra und man sollte nun endlich den Zuschlag erteilen – selbst im Falle des Einzelverkaufs der 7 Päckchen würde man, wie es aussieht, nicht an die Youngman-Gebotssumme heranreichen und nur weitere Zeit vergeuden!

    Das Verfahren der Administratoren droht, wenn es so weitergeht, aus dem Ruder zu laufen – der Hammer müßte nun zeitnah für Youngman-Lotus fallen!

    Herzliche Grüße aus der Hansestadt Hamburg

  • “Denn ein Autohersteller der bei NEVS mit im Boot ist, möchte die Ersatzteilgeschichte jenseits des Konsortiums für sich alleine” Hört sich so ähnlich an wie bei Rover. Dort sind die Ersatzteile im Anschluß auch extrem teurer geworden.

  • “Denn ein Autohersteller der bei NEVS mit im Boot ist, möchte die Ersatzteilgeschichte jenseits des Konsortiums für sich alleine”

    Hallo Tom,

    vielen Dank für Dein Update!

    Hast Du irgendwelche nicht-vertrauliche, nicht-spekulative Infos zu diesem “Autohersteller”?

    Schöne Grüße,
    Alexandros.

  • Super Bericht! Da wir alle nicht zu 100% wissen, was hinter den Kulissen läuft
    ist es sehr professionel wertungsfrei zu berichten.
    Mir ist es im Endeffekt egal, ob demnächst die Chinesen, Inder oder sonstwer an den Strippen zieht-wichtig ist für mich nur und ich denke nicht nur für mich, das es demnächst wieder neue Saab gibt…

  • Sauber geschrieben und auf den Punkt gebracht. Die Zeit läuft und irgendwie sollten die Parteien das WE nutzen um zu einer Lösung zu kommen.

  • Zudem wäre der Kauf von Saab Parts AB auch durch Selbstfinanzierung in Raten möglich. Quasi Münchhausen, der sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht.
    Ein Marke ohne Kultur/ Geritage hat keine entsprechende Kundschaft mehr. Eine Firma muss Kultur haben. Keine aufgesetzte, sonder von innen heraus. Das wird NEVS wohl nicht mitbringen. Schade, aber so sind Asiaten halt. In so einem Fall könnte es gut sein, wenn Saab Parts AB selbständig weiter agiert.

  • Es wird Zeit, dass endlich Taten folgen. Die Schweden sind ja bekanntermaßen ruhig und besonnen, doch irgendwann kann es auch zu lange dauern, bis endlich Entscheidungen getroffen werden. Eine Firma, die nicht Produziert und ständig an Wert verliert, kann nicht an Wert gewinnen. Die schwedische Regierung hatte ihre Chance, wollte sie nicht nutzen und stellt nun meines Erachtens zu hohe Anforderungen. Jeder Häuslebauer weiss, dass der Grund nicht zu teuer sein darf, da ansonsten nur noch eine Hundehütte das Ergebnis ist. Und dass Ziel sollte eigentlich sein, Saab durch einen neuen Eigentümer stark aus der Krise zu führen, anstatt sie in die nächste zu schicken! Darüber sollte sich jeder Verantwortliche, der in die Insolvenz eingebunden ist bewusst sein!

  • Grüezi Tom.
    Schöner Bericht und nicht wertend. Tip Top.
    Wir sind alle sowieso nur Passivteilnehmer bei diesem Deal…..
    Es kommt sicher positiv heraus.
    Viele Grüsse
    Walter

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