Vor 10 Jahren – Saab Independence Day

Es ist kalt an diesem 23. Februar 2011 in Trollhättan. Ungemütlich, schwedischer Winter eben. Die Sonne macht sich rar, und so starten die Feiern zum Independence Day erst um 11:00 Uhr. Der erste Tag der Unabhängigkeit von Saab und der Termin für gleich zwei Premieren. Der neue 9-5 Sportkombi und das Independence Cabriolet fahren erstmals in das Licht der Scheinwerfer.

Independence Day 2011 - Jan Åke Jonsson spricht
Independence Day 2011 – Jan Åke Jonsson spricht

Saab schreibt die Independence Saga

Man mag von Victor Muller und der kurzen Spyker Ära halten, was man mag. Einige der damaligen Ideen waren brillant. Der Saab Independence Day verfestigte die schwedische Saga vom kleinen, tapferen Hersteller, der gegen die Großen kämpft. Saab schrieb eifrig an der eigenen Geschichte und nahm die Fans dazu mit ins Boot.

Denn eigentlich war die Idee mit dem Independence Day eine weltweite Geschichte. Saab Händler und Werkstätten hätten Independence Accessoires bestellen können. Fahnen, Wimpel, Give-aways und alles, was man für die Party benötigt. Rund um die Welt hätte man Saab und die Unabhängigkeit feiern können, die Autohäuser hätten voll sein können.

Die Angelegenheit mit der Party funktionierte nicht so ganz. Zwar gab es im Netz ein Bestellformular für die Partyartikel. Offen ist, ob sie tatsächlich vorrätig und lieferbar waren. Wie die Frage unbeantwortet bleiben muss, ob die Autohäuser in Feierlaune waren. Sie hatten in den Jahren einige Zumutungen mit Saab durchmachen müssen,  und die Vertriebsstruktur war alles andere als schlagkräftig.

So blieb es vor 10 Jahren überwiegend bei den Feiern am Göta Älv. Mit reichlich Hotdogs im vertrauten Ikea Stil und Saab Independence Torten. Immerhin gab es internationale Aufmerksamkeit, denn man hatte vor dem Autosalon in Genf die Decken vom neuen Saab 9-5 NG Sportkombi gezogen. Dass es für Genf eine weitere Überraschung geben würde, hatten die Wenigsten auf dem Radar.

Visionäre Idee vor 10 Jahren

Victor Muller hielt eine Motivationsrede, bezeichnete Saab als sehr lebendig, nachdem die Marke vor Monaten noch fast tot gewesen sei. Dass es hinter den Kulissen bereits brodelte, war eine andere Geschichte, die nicht nur Fans ausblendeten.

Hotdogs für die Mitarbeiter
Hotdogs für die Mitarbeiter

Die feierten lieber und hofften auf eine gute Zukunft. Wenn damals bei Saab etwas im grünen Bereich war, dann die Sache mit den Fans. Der Mobilisierungsgrad war extrem hoch, der Rückhalt enorm. Große, etablierte Mitbewerber träumen noch heute von diesen Verhältnissen. Nicht umsonst versuchen einige Marken in der Gegenwart,  mit virtuellen und realen Clubs und von Herstellern verwalteten, geschlossenen Facebook Gruppen so etwas wie eine eigene Fankultur zu formen.

Die wird in Zukunft wichtiger denn je sein, je digitaler das Geschäft mit der Mobilität wird. Loyalität, so wie sie Muller und Saab von den Fans erfahren haben, ist die Ausnahme und mehr Wunsch als Realität.

Was wäre gewesen, hätte Saab überlebt? Es stände heute das 10 Jahres Jubiläum an. 365 plus 10 Sondermodelle würde es geben, in einer aufregenden Farbe und mit einer speziellen Ausstattung. Ich würde einen Blick auf mein Konto wagen und mir vorsorglich gute Argumente für die Familie zurechtlegen.

Die zentrale Veranstaltung in Deutschland wäre abgesagt – Covid-19 kennt kein Erbarmen. Also würde es eine virtuelle Show live aus Trollhättan geben. Für die weltweite Community und ohne Frage mit den unvermeidlichen Hotdogs,  schwedischen Kalorienbomben und einer Überraschung, mit der niemand gerechnet hätte.

Die Vorstellung alleine ist schön und spannend zugleich. Denn mit Saab und Victor Muller hätte man noch Einiges erleben können. Ich befürchte, wir haben in den letzten 10 Jahren eine ganze Menge versäumt.

11 thoughts on “Vor 10 Jahren – Saab Independence Day

  • Danke Tom, auch wenn es ja eigentlich traurig ist.

    Auch ich lasse mir die Freude und den Enthusiasmus an Saab nicht nehmen, dazu ist das zu tief “eingebrannt”.

  • @Linus Lass Dich trösten. Das ging mir eine gefühlte Ewigkeit genau so. Beim Frankfurter Stammtisch musste ich mir permanent anhören, dass mein GM Saab kein Saab ist. Selbst noch im November/Dezember 2011 wurde Laune gegen den 9-4x gemacht. Bis ich in die Runde fragte, ob einer von den Meinungsmachern schon einen gefahren hätte. Dann war Ruhe. Hatte nämlich keiner.

    Du bist also nicht alleine. Den Spaß an Saab hat man mir trotzdem nicht nehmen können.

  • Vicor Muller war ein Mann mit vielen Facetten, hatte aber nach meinem Eindruck wirklich Saab im Blut. Was hier alles im Hintergrund gelaufen ist und wie sehr auch Insolvenzanwälte darauf bedacht sind, nur an ihr Wohl zu denken und nicht an das der betroffenen Unternehmen, kenne ich zu gut.
    Meine Meinung?
    Ein grosses Problem stellt die Fangemeinde dar. In den einschlägiggen Foren können sich einzelne herausnehmen was sie wollen,
    Neulinge werden niedergemacht, wenn etwas gefragt wird. Die Krönung war dann, dass ich für verrückt erklärt würde und offenichtlich von Wirtschaft keine Ahnung hätte, weil ich mir zu meinem Saab 900 16S einen neuen 9-5 II Aero gekauft habe. Das wäre ja das Letzte.

    Aber auch das war noch zu toppen:

    Bei der “Independence Day” Veranstaltung wurde man als Fahrer eines neuen 9-5 geächtet, da dies ja kein “echter” Saab wäre. Unfreundlichkeit ist eine massive Untertreibung, was da abging.
    Nur eine Person sagte anlässlich einer kurzen Ansprache den richtigen Satz: Die, die jetzt Saab kaufen wären die Rettung von Saab, da kein Herseller der Welt von seinen vergangenen Meriten leben könne.

    Wir wahr. Seit diesen Erfahrungen mit einigen wenigen, die meinen, die “Saab-Götter” darzustellen, ist mir die Lust an dieser Fangemeinde vergangen. Es fährt sich auch ohne genauso gut.
    Ich mag keine Menschen, die für sich den Individualismus reklamieren und meinen, Andere müssen dann aber nach ihrer Pfeife tanzen – das ist mir schlicht zu blöd.

  • Haette indertat so gerne mal wieder einen neuen Saab kaufen wollen. VM hat so viele tolle Ideeen und davon haette ich gerne noch mal eine Nachvolger vomù 9-5 NG kaufen koennen.
    Aber das ist alles vorbei. leider. Damit stimme ich Hans S zu und sollen wir stolz sein das es nach diese 10 Jahren noch immer Präsenz gezeigt wird mit unseren Saabs. Wir fahren weiter; das bestimmt.

  • Moin
    Vielleicht hatte VM ja einen Plan mit Chance…
    Dann würde evtl. Ein kleiner Saab mit BMW Motor auf unserem Hof stehen…
    Gruß André

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  • P.S. Hätte, wäre, wenn …

    Mal ein Gedankenspiel der ganz anderen Art:
    Nicht dass ich nur einen der je gebauten vermissen wollte, aber was wäre heute eigentlich, wenn es Saab 10 Jahre früher erwischt hätte?

    Ich könnte mir vorstellen, dass die Wahrnehmung der Marke und die Berichterstattung eine ganz andere gewesen und es bis dato geblieben wäre.
    Auch, dass die bis dahin produzierten Saab viel früher Kultstatus erreicht hätten, dass heute viel mehr 900 & 9K erhalten wären.

    Ein Nachruf schreibt sich anders, Trauer ist verschiedenen und auch das (Bewahren eines) An- & Gedenken(s) nimmt gänzlich unterschiedliche Formen an, je nach dem, ob jemand vor seiner Zeit und auf der Höhe seiner Schaffenskraft von uns gerissen wird, oder nach langer Krankheit schließlich von uns geht

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  • Eine total verrückte Zeit

    Was war das für ein Wechselbad der Gefühle. Auf der Plus-Seite steht 10 Jahre später, dass die Fans der Marke alte Saabs pflegen und schätzen, wie es wohl nur möglich ist, weil keine Tageszulassungen, Jahreswagen und Leasingrückläufer günstig frohlocken …

  • Ich war immer schon ein Fan von VM. Um so mehr hat es mich getroffen als er den Bach runtergegangen ist, sehr schade. Letztendlich lag es aber auch wohl daran das er einfach nicht überleben durfte. Ich erinnere mich noch daran als die Vorstellung vom 9-5 NG auf der Homepage von Saab mit zu verfolgen war. Das war wirklich gutes digitales Marketing. Dann kam noch die Einladung zur IAA und der Präsentation vom neuen 95. Da fühlte man sich richtig mitgenommen vom Hersteller. Mir ist nicht mehr so klar welche Rolle Jonsson in dem ganzen gespielt hat. War es eine gute oder eher schlechte?

  • Die andere Geschichte ist doch, dass all unsere Saab 10 Jahre älter geworden sind! Und viele fahren immer noch, weniger ja, wäre auch nicht normal, aber sie fahren und zeigen Präsenz auf der Strasse. Das ist für mich der ganz wichtige Teil dieser Saga.

    Bald tummelt sich vielleicht auch der Einte oder Andere “Spanier” auf unseren Strassen. Ich warte auf jeden Fall auf den Richtigen, einer der mir noch fehlt in der Sammlung.

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  • Schön zu lesen. Und was ist heute, 10 Jahre später? Der Blog schreibt die Saab Saga weiter, ohne wäre Saab längst in Sack und Asche. NEVS, die ja mal das Erbe antreten wollten, treiben so vor sich hin. Und die mysteriöse Firma Orio ist komplett abgetaucht, kein Lebenszeichen mehr.

    So viel zu dem, was mir zu 10 Jahren später gerade einfiel.

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  • Ja man kann von VM halten was man will…,aber danke für den 9-5 NG aeroxwd ! Und ja die Sache mit dem Konto, der erste SAAB (900 NG 2.0i) ein Buchhalter, dann Jahres- und Vorführwagen, auch der 9-5NG. Viele Dinge waren wichtiger und zu finanzieren, Haus , Familie, Firma,…und nun wo das Konto den Blick auf die Zubehörliste frei gibt sind keine SAAbe mehr in neun und mit Wunschfarbe, -und kombination zu haben, was wäre wenn….Schade!

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