Rückspiegel: Nur ein paar Worte…

Heute vor einem Jahr begann in Deutschland die Saab Händlertour 2011. Am Tag vorher hatten wir in Trollhättan zwei neue Saab 9-4x und zwei Saab 9-5 Sportkombi Vorserienmodelle abgeholt. Dass es überhaupt zur Tour durch Deutschland  und anschließend durch mehrere europäische Länder kam, ist der Zähigkeit und dem persönlichen Engagement einiger Saab-Mitarbeiter zu verdanken.

23. Oktober 2011 Saab Werk Trollhattan, Saab 9-4x, Saab 9-5 Sportkombi

Erinnern wir uns… Die IAA Teilnahme 2011 musste Saab in letzter Minute absagen. Das Unternehmen flüchtete unter den Schutzschild der Restrukturierung. In Frankfurt Fechenheim, damals Sitz der deutschen Saab Niederlassung, entstand die Idee einer alternativen IAA und der Wunsch, einige Saab 9-4x und neue Sportkombis nach Deutschland zu holen. Der Einfall war gut, denn einfach abzuwarten, was in Schweden passiert, war in Frankfurt niemals die Alternative. Der Plan scheiterte aber an den Verhältnissen in Trollhättan. Der vom Gericht bestellte Administrator, der die Aktion hätte absegnen müssen, musste erst in die Thematik eingearbeitet werden.

Aber die Idee war geboren und das Team um Jan-Philipp Schuhmacher arbeitete weiter daran. Einige Tage vor Tourstart kam grünes Licht aus Schweden, und der Tourplan wurde sozusagen über Nacht erstellt und umgesetzt. Die Zusage kam so kurzfristig, dass es keinen Flug mehr nach Landvetter gab. Kurzfristig wurde ein Pressewagen organisiert, der nach Schweden zurück sollte, und wir konnten mit dem Auto nach Trollhättan fahren. Dabei im Hinterkopf die permanente Ungewissheit, ob wir die Autos wirklich bekommen, oder ob in letzter Minute das Projekt kippen würde. Sicher waren wir erst in dem Moment, als wir von der Stallbacka aus in Richtung Süden starteten.

Saab Werk: Die Saab 9-5 Sportkombis, Vorserienmodelle, laufen.

Dass es zur medialen Begleitung durch einen externen Blogger kommen konnte, war revolutionär. Eine ganz neue Erfahrung – für Saab und für mich. In Trollhättan gab es Vorbehalte, einem völlig Fremden ein Auto aus der Vorserie anzuvertrauen. Die Marketingabteilung hatte Befürchtungen, die Entwicklungsabteilung war dagegen, die Qualitätssicherung fand den Einfall indiskutabel. Aber in Frankfurt kämpfte man beharrlich für die Idee und setzte sich mit endlos vielen Telefonaten durch.

Die Tour selbst lief mit einem so kleinen Budget, genehmigt vom Administrator, dass ich darüber nicht schreiben kann. Denn die Autobranche liest mit und keiner würde mir glauben, dass man soviel mit so wenig bewegen kann. Was haben wir aus der Händlertour gelernt? Rückblickend mit dem Abstand eines Jahres bleiben zwei Gewissheiten.

Am Haupteingang

Saab hätte mehr bewegen können!

Die Tour durch Deutschland war wie ein Weckruf für die Saab Fahrer. So als ob seit Jahren die Kunden auf eine Aktion wie diese gewartet hätten. Der neue 9-5 Sportkombi und der 9-4x wurde überall begeistert aufgenommen. Um so länger wir fuhren, um so besser wurde das Feedback. Zum Schluß kamen Fahrer von Fremdfabrikaten zu den Saab Partnern, um die neuen Autos zu sehen. Man mag es glauben oder nicht, aber manch einer bestellte blind und noch während der Veranstaltung einen neuen Saab.

Hätte man den Landesgesellschaften schon vor Jahren mehr Freiheiten gelassen, Saab hätte mehr Autos verkauft. Etwas verrückte, oder besser gesagt, unkonventionelle Aktionen hätten der Marke gut getan. Denn wer klein ist, der muss etwas lauter trommeln, um aufzufallen. Und er sollte sich nicht die Großen als Vorbild nehmen, mit deren gut gefüllten Kriegskassen er nicht mithalten kann. Das Marketingbudget, das in Anzeigen zur Saab 9-5 Einführung verpuffte, wäre in einer gut organisierten Roadshow besser angelegt gewesen.

Ab nach Süden!

Der Modelljahrgang 2012 wäre der Renner gewesen!

Der Saab 9-5 wurde, leider, zu schnell eingeführt. Wer die Vorserie zum 2012er Jahrgang gefahren ist, der sieht dies ganz klar. Das Fahrwerk des Saab 9-5 wäre dann so gewesen, wie es von Anfang an hätte sein müssen. Der Allradantrieb im 9-5, dann in Serie mit eLSD ausgerüstet, hätte zum Besten gezählt, was es in dieser Klasse gegeben hätte. Die neuen Materialien im Innenraum und der große Kombi, all dies hätte Saab zurück auf manche Einkaufsliste befördert. Der Saab 9-4x wäre dazu das Schmankerl gewesen, und die Saab Partner hätten erstmals seit Jahren ein Auto gehabt, das sie hätten verteilen können.

Das alles hätte Saab nicht gerettet, aber es hätte die benötigte Zeit gebracht, um neue langfristige Investoren zu finden.

Okay !  Das deutsche Saab Team hat gekämpft. Es hat – und ich bin stolz, das zu sagen – Ideen nach Trollhättan geliefert. Die Schweden waren skeptisch, die anderen Märkte waren skeptisch. Aber wir haben etwas bewegt, wir haben Flagge gezeigt. Aus den allerschwierigsten Verhältnissen, mit geringsten Mitteln, wurde mehr bewegt als eigentlich möglich war. Andere europäische Märkte haben die Tour übernommen, und wäre 2012 die Produktion angelaufen, hätten einen Menge deutscher Bestellungen auf dem Tisch gelegen.

Saab Team 2011 in Trollhättan. So sehen Kämpferherzen aus!

Unsere Kreativität hat Saab nicht retten können, die Verhältnisse waren dagegen. Aber wir haben etwas bewegt, haben Mut bewiesen. Alle Saab Mitarbeiter, die dabei waren. Und wer sich das Bild anschaut vom Team, das in Trollhättan die Autos abgeholt hat, dem kann ich nur eines sagen: So sehen Kämpferherzen aus!

Text: tom@saabblog.net

Bilder: saabblog.net

14 Gedanken zu „Rückspiegel: Nur ein paar Worte…

  • Es sind einfach so unglaublich schöne Autos… Dass man alles was passiert ist, in diesem Jahr, gar nicht mehr in Worte fassen kann, weil es so furchtbar ist…

    Ich weiß noch, wie ich mir in Frankfurt die Autos angeschaut habe. Das war so ein starkes Zeichen von Saab – ein Fahrzeughersteller, der seinen Fans und Kunden auf einmal so nahe stand….

    Schade, dass man manche Kämpfe einfach nicht gewinnen kann…

    Welch ein Zufall, als ich heute morgen meinen Saab entriegelte, und er – wie immer- sich freuend blinkte öffnete, sah ich ihn an und dachte, dieses Wetter grade hier, dieses Bild was ich gerade vor mir habe, erinnert mich sehr stark an die Zeit der Rekonstruktion. & jetzt dieser Artikel…

  • Mir blutet das Herz …. und ist das schon wieder ein Jahr her?

    Als ich die beiden Wagen in Bremen gesehen habe, war ich ganz begeistert von den Wagen (war nur nicht sicher, welchen ich mehr mochte, den Kombi oder den SUV).

  • In der Schweiz lancierte die SAAB-Schweiz AG ebenfalls eine Promotion-Tour und präsentierten vier Modelle der damals aktuellen Produktepalette. In diesem Jahr tauschte ich auch meinen 9-5 Aero Sport gegen die 9-5II Limousine. Ich erinnere mich noch gut an das Verkaufsgespräch mit einem Autoverkäufer, welcher mir unterbreitete, dass es SAAB gar nicht mehr gibt. Damals stimmte diese Aussage genau so wenig wie heute. Blicken wir positiv in die Autozukunft und warten ab, was alles weiter noch passiert. Ruhiger wird es bestimmt nicht…….

  • Ich finde, man sollte bei jeder sich bietenden Gelegenheit nicht vergessen, die Hauptschuldigen dieser ganzen Misere zu erwähnen: GM – denn von dort wurde SAAB nachweislich seit Jahren in erster Linie nur zum Eigennutz hinsichtlich technischer Entwicklungen geführt und dann letztendlich abgeschoben – somit war die eingetretene Entwicklung eigentlich nur die logische Konsequenz aus diesem GM-Desaster (bei Opel geht es, wie wir wissen, lustig nach GM-Manier weiter)!

    Das dann in Amerika die ganze Sache noch gesteigert wurde, indem von dort ein rechtzeitiger mögliche Verkauf verhindert wurde, macht doch die meisten von uns fast schon zornschnaubend – ich hoffe sehr, dass die Klage von VM in dieser Sache noch zum Erfolg führt.

    Andererseits sollten wir die Vergangenheit auch irgendwie abhaken und uns nach Möglichkeit mit den Gegebenheiten unter dem neuen SAAB-Eigentümer anfreunden – auch wenn es zunächst aufgrund der dortigen Prioritäten (erstmal sollen bekanntlich nur Elektro-Fahrzeuge produziert werden), noch sehr schwer fällt.

  • Auch wenn ich jetzt gesteinigt werde……….
    Die Schuld alleine auf GM ab zu wälzen ist schon sehr einseitig gedacht, auch Saab selbst hat einige “Sargnägel” beigetragen, genau so wie der erst “vergötter”und dann tief gefallene Hr. Muller.

    Zu diskutieren welche das waren ist hinfällig, genau so wie die oft geführte Diskussion was noch ein “richtiger” Saab ist und was nicht. “Es ist wie es ist, machen wir das beste daraus” hat mein Opa immer gesagt. Der rest ist Geschichte so oder so.

    Eine schöne herbstlich Woche noch!

    Ciao

    Marco

    PS: Bei der ganzen Diskutiererei die Winterreifen nicht vergessen 🙂

    • Es würde mich und bestimmt auch andere interessieren, von welchen “Sargnägeln” hier gefaselt wird – SAAB hat aufgrund des GM-Managements nur einen minimalen Spielraum in jeglicher Hinsicht gehabt. Die richtigen Wege – ich denke hier in erster Linie an gutes Marketing und neue Fahrzeuggenerationen – hätten definitiv von den Konzern-Lenkern (GM) eingeschlagen werden müssen.

      Man konnte doch als sog. Konzern-Tochter nicht frei agieren – diese Annahme ist doch völlig abwegig!

      Außerdem ist die Bezeichnung Sargnagel ohnehin verkehrt, da es SAAB (wenn auch nicht in GM-Form) weiterhin gibt – der Kommentar vom saabfan ist hier durchaus passender.

      • Wir sollten, diesen schönen Artikel, jetzt nicht mit GM und “Wer-Ist-Schuld” Kommentaren kaputt machen…

        • Wenn hier unterschiedlicher “Senf” dazugegeben wird, geht ja der auch nach meinem Dafürhalten schöne Artikel noch lange nicht kaputt.

          Die Erinnerung an das Fehlverhalten von GM sollte ruhig hin und wieder geweckt werden,
          damit künftige Autokäufer sich auch richtig entscheiden!

      • Ich denke auch dass es ein bisschen zu einfach ist, die ganze Schuld auf GM zu schieben.

        Ohne GM wäre schon beim Saab 900 von 1988 Schluss gewesen. Es hätte keinen 900 II; 9-3; 9-3 II; 9-5; 9-5 II mehr gegeben. Und das sind doch alle tolle Autos. Auch mit GM-Technik.

        Auch scheint sich keiner bewusst zu sein, dass auch GM bankrott war und nur Dank Obamas Steuergeldern überlebt hat. Was bei Schweden und Saab leider nicht der Fall war.

        Auch heute noch gehört ein schöner Teil von GM den USA. Und zu was Administratoren, Rechtsanwälte und Manager fähig sind hat man ja dieses Jahr bei Saab gesehen….

        Aber dass sich auch VM aus der Saab-Kasse dermassen goldig entlöhnen liess, während die Montage-Arbeiter darbten, und dies noch steuerfrei, das enttäuschte mich am meisten bei VM!

        • Man denke nur beispielsweise an Jaguar oder Volvo – beides Fabrikate, die in etwa auf dem Level von SAAB sind.

          Diese Hersteller konnten ohne große Konzerne als Unterstützer auch nicht überleben.

          Volvo wurde unter Ford ganz gut am Leben gehalten und konnte dann an Geely veräußert werden (läuft z. Zt. zwar auch nicht so gut – dennoch über die vergangenen Jahre wesentlich besser als SAAB unter der Ägide von GM).

          Bei Jaguar ergibt sich ein ähnliches Bild wie bei Volvo: Durchgehend unter Ford gut am Leben gehalten und sogar im Anschlusss unter Tata-Motors richtig am Aufblühen!

          Nur SAAB unter GM wurde fast völlig ausgelöscht – woran das wohl gelegen hat???

          VM ist jedoch wieder ein ganz anderes Thema – zu dem es gar nicht erst gekommen wäre, wenn GM auch nur einigermaßen funktioniert hätte!

          Das Gerede darüber, dass GM nun doch nicht alles vermasselt hätte, kann ich langsamm nicht mehr hören!

          Schöne Grüße aus Schleswig-Holstein und ein schönes Wochenende

  • Hochinteressant geschrieben und ich ahne dass sehr viel Engagement hinter der Tour steckt. Danke an alle ehemaligen SAABler dafür. Mit Tom hat SAAB auf das richtige Pferd (Sorry Tom) gesetzt. Gute Berichte und immer sehr diskret 😉

  • Der Kombi wäre mein Traum gewesen, der nicht wahr wird. Bei SAAB ist eben jetzt alles auf Neustart und wir werden sehen was passiert. Die Geschichte geht auf jeden Fall weiter!

  • Wenn ich mir die Bilder ansehe merke ich, dass die Wunde noch nicht verheilt ist.

  • Tom, sehr schöner Artikel, denke gern an unser Treffen im Rahmen der Händlertour in Leipzig zurück, als Herr Schuhmacher stolz verkündete, dass Saab an die Chinesen verkauft ist.Wir waren alle etwas blauäugig und haben es einfach danach nicht begreifen wollen, dass alles zerplatzte.
    Wir haben wenigstens mal in beiden Autos gesessen, eine Schande, dass es sie nicht gibt.

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