Großbritannien – ich bin traurig, dass Ihr geht!

Heute ist ein trauriges Datum. Der letzte Tag, dass Großbritannien Mitglied der Europäischen Union ist. Morgen, am ersten Tag des Jahres 2021, wird alles anders sein. Und ich, das ist sicher, werde die Insel und die britischen Freunde vermissen. Der passende Anlass für ein paar Zeilen.

Saab 9-3 Turbo Edition nur für Großbritannien
Saab 9-3 Turbo Edition nur für Großbritannien

Ja, ich bin ein Kind der alten Bundesrepublik. Aufgewachsen im Westen. London war mir näher als Dresden, Birmingham vertrauter als Halle an der Saale. Ich mochte britische Autos, schon von Anfang an. Sammelte Jaguarprospekte,  als der Führerschein noch Lichtjahre entfernt war. Und ich liebte, wie so Viele in meiner Generation,  die Musik, die sie im vereinten Königreich machten.

Beatles statt ABBA

Mein Taschengeld wurde, wo immer es ging, in Schallplatten (ein analoger Tonträger) der Beatles investiert. Eine Vorliebe, die bei älteren Mitgliedern meiner Familie nicht unbedingt auf Zustimmung traf. Ob ich nicht lieber eine Platte dieser netten,  schwedischen Band mit den 4 Buchstaben kaufen wolle statt englische Musik? Ja, ABBA, selbstverständlich. Nein, die ABBA Sentimentalitäten schneiten mir erst mit Saab ins Auto. So wie ich auch einige Zeit brauchte, um die Abneigung gegen das, was von den Briten kam, zu verstehen.

Der Feind, etliche Kriege, die man gegeneinander geführt hatte, das war damals fest in den Köpfen der Alten verankert. Meiner Liaison mit der Insel tat das keinen Abbruch. Einer meiner besten Freunde zu Schulzeiten kam aus London, mein erstes Auto war ein MINI. Eine abenteuerliche, heiße Erfahrung, die im Wortsinn ein feuriges Ende fand.

Aber die Prägung blieb. Ein offener MG kam, und dass ich Saab so mag, hat auch schon wieder etwas mit dem Königreich zu tun. Richtige Saab Motoren können ihre britischen Wurzeln kaum verleugnen, die Innenräume und ihr Design ebenso wenig. Großbritannien war nicht ohne Grund einer der erfolgreichsten Märkte für Saab. In Großbritannien war die Marke in einer eigenen Welt, beglückte die Briten bis zum Ende erfolgreich mit Sondereditionen nur für ihren Markt.

Ein wenig ein Heimspiel, zu der nur noch eine Produktion im Königreich gefehlt hätte.

Saab Owners Club - hier war ich mal Mitglied
Saab Owners Club – hier war ich mal Mitglied

Großbritannien wird mir fehlen

Der britische Saab Club, dessen Mitglied ich einige Jahre war, war wohl zeitweise der bestorganisierte und aktivste jenseits von Schweden. In der Gegenwart kämpft der Club. Die Saab Gemeinde schrumpft spürbar, Covid-19 raubt das, was einen Club ausmacht. Keine Veranstaltungen, kein Zusammensein und damit kein Zusammenhalt.

Und weil wir nicht nur in Zeiten einer Pandemie leben, sondern auch in der von Dummheit, Egoismus und Kurzsichtigkeit, lösen sich heute Nacht das Vereinigte Königreich und der europäische Kontinent voneinander. Wir entfernen uns, statt zusammenstehen, werden wieder Pässe zur Einreise benötigen, und meine Traurigkeit hat nichts mit Politik zu tun.

Ja, ich mag auch nicht alles leiden, was aus Brüssel kommt. Aber solange niemand eine bessere Idee eines friedlichen, offenen Europas hat, ist diese bürokratische, maßregelnde, schwer zu mögende Union wohl unser bestes Zuhause.

Britannien wird mir fehlen. Mag sein, dass es politisch nie in Europa angekommen ist? Das müssen Andere entscheiden,  und schlaue Kolumnen wird es die nächsten Tage viele zu diesem Thema geben. Aber in meinem Herzen war die Insel und ihre Kultur immer präsent, hat meine Kindheit, meine Jugend und mein Leben mitgeprägt.

Freunde, ich bin traurig, dass Ihr geht. Ihr fehlt mir schon heute!

13 thoughts on “Großbritannien – ich bin traurig, dass Ihr geht!

  • @ Ebasil,

    wir verlassen automobiles Terrain. Sie segeln ja auch. Ich wende also. Nur so können wir gegen den Wind kreuzen.

    Bleiben wir in D, beim Verkehr und assoziierten Themen wie der Energie- & Klimapolitik.

    Der Atomausstieg ist langjährig mehrheitsfähig gewesen. Die bayrisch initiierte und gescheiterte “Ausländermaut” war es nichtmal CSU-intern – hat es gleichwohl (Stichwort politische Mehrheitsfindung) ebenso wie zwischenzeitlich der Ausstieg aus dem Atomausstieg zu bundespolitischen Weihen gebracht.

    Die Grünen haben ein allg. Tempolimit (BAB) explizit aus ihrem jüngsten Parteiprogramm gestrichen, obwohl es innerhalb der Bevölkerung mehrheitsfähig wäre. Es gibt nunmehr keine parlamentarische Kraft, die ein solches fordern und das Interesse der Mehrheit vertreten würde.

    Nein, die politische Mehrheitsfindung dominiert glasklar den Willen der Mehrheit – das fängt schon mit Deligierten und intern der Parteien an.
    Im Extremfall (Maut) bringt eine fixe Idee von Einzelpersonen es dann via Koalitionsverhandlung & Vertrag zur Regierungspolitik, die uns in ganz Europa blamiert und Gerichte beschäftigt.
    Wäre dem ersten Atomausstieg ein Volksentscheid vorausgegangen, hätten wir gar keinen zweiten mehr gebraucht, weil er unabhängig politischer Mehrheiten bindend gewesen wäre. Und so weiter …

    Es geht mir gar nicht darum, das parlamentarische Prinzip grundsätzlich gegen Volksentscheide abzuwägen, das eine gegen das andere auszuspielen. Wozu auch?

    Es liegt doch auf der Hand, dass beide Methoden jeweils eigene Stärken, Schwächen und Risiken haben. Die Frage, welche Methode die bessere sei, stellt sich mir gar nicht. Es ist die Ausgestaltung einer sinnvollen und gefahrlosen gegenseitigen Ergänzung, die mich interessiert und die ich erstens für machbar und zweitens (sofern gelungen) für vorteilhaft halte.

  • Volvaab – Volksentscheide

    Leider habe ich den Kommentar erst jetzt gesehen, deshalb erst jetzt noch kurz mein Senf dazu. Sicherlich ist die Frage des Für und Wider bei Volksentscheiden ein zweischneidiges Schwert und differenziert zu betrachten. Natürlich gibt es positive Beispiele für Volksentscheide, die einem guten Zweck dienen. So wäre ich z.B. auch sehr erfreut, wenn es den Schotten gelänge, von GB unabhängig zu werden und in die EU (wieder) einzutreten.

    Für Deutschland (und nur hierfür besitze ich die nötige juristische Kompetenz, um dies beurteilen zu können) bleibe ich aufgrund unserer Erfahrungen allerdings dabei, dass es ein Segen ist, dass es auf Bundesebene keine Volksentscheide gibt und es daher nie zu einer Entscheidung über den Verbleib in der EU auf diesem Wege kommen wird. Wer unbedingt raus möchte, kann ja die entsprechende Partei wählen …. 🙁

    Die meistens hochpolitischen und komplexen, gerade internationalen und bilateralen Fragen sind mE ohnehin absolut ungeeignet für simple Ja/Nein-Entscheidungen. Außerdem gibt es ja auch verfassungsimmanente oder sogar noch höhere Rechte, z.B. aus der Grundrechtscharta. Man überlege sich doch nur einmal, dass in der Schweiz in einzelnen Kantonen noch in jüngster Vergangenheit (achtziger Jahre?) die Männer durch Abstimmung den Frauen das Wahlrecht vorenthalten konnten – glücklicherweise wäre auch das bei uns nicht möglich gewesen.

    Die Probleme von Wahlergebnissen in den USA und GB haben mE nichts mit dieser Frage zu tun. Das ganze System dort krankt vor allem am Mehrheitswahlrecht. So konnte, wie Sie zu recht schreiben, z.B. schon zweimal ein Kandidat Präsident werden, der insgesamt weniger Stimmen hatte, als sein(e) Gegenkandidat(in) (Trump / H. Clinton, G.W. Bush / Gore). Auch aus diesem Grund sind dort ja Koalitionen praktisch unbekannt – welche mE einen Grundpfeiler abgewogenen politischen Handelns aufgrund politischer Kompromisse darstellen.

    Auch insoweit können wir froh sein, dass das Grundgesetz uns das Verhältniswahlrecht beschert hat, die Väter des Grundgesetzes sich insoweit also auch an unserer eigenen (sehr kurzen) demokratischen Vergangenheit und nicht am Vorbild USA orientiert hatten. Die negativen Erfahrungen mit Splitterparteien und nicht beherrschbaren Koalitionen und die entsetzlichen Konsequenzen daraus machten dann zusätzlich die Fünf-Prozent-Hürde auf Bundesebene erforderlich.

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  • @ StF,

    sehr schön. Es gibt auch gute Gründe, den Brexit zu relativieren. Einer innereuropäischen Freundschaft und Kooperation sollte er nicht im Wege stehen.

    Die Trennung ist vollzogen. Jetzt kommt es beiderseits auf einen konstruktiven Umgang miteinander an.

    Vielleicht wird GB ja irgendwann wieder Beitrittskandidat?
    Und vielleicht sind sie dann auch wirklich reif für die EU?

    Bei aller Liebe zu dieser Nation, ihren Widersprüchen, Traditionen und Marotten, aber das Uniited Kingdom wäre seinerzeit an den Beitrittskriterien gescheitert, die man später und an jüngere Kandidaten und Mitglieder angelegt hat …

    Weiß hier kaum jemand, aber Tony Blair hatte vor seiner Hochzeit erwogen, seiner späteren Frau zu Liebe die Konfession zu wechseln, Katholik zu werden. Als solchem wäre ihm aber das Amt als Premierminister verwehrt geblieben.

    Als solcher (Premierminister) hat er in mindestens einem Interview mit diesem romantischen Umstand – aus Liebe fast verhindert worden zu sein – kokettiert. Aber wie dem auch sei (eine romantische Anekdote?), EU-Standards erfüllt ein Land nicht wirklich, in dem so etwas in der Verfassung steht …

  • Nun ja, ich habe selbst noch nicht nachgesehen, aber ich vermute stark, dass die Briten immer noch da sind, wo sie letztes Jahr auch waren. Auch wenn einige von ihnen vielleicht mit ihrem Eiland Segel setzen und verschwinden wollen, bin ich überzeugt, dass das nicht passieren wird. Schon aus geologischen Gründen werden sie weiter zu Europa gehören.

    Auch zukünftig muss man sein Geld in Pfund tauschen, wenn man hinfährt und es noch mit Bargeld hat, wie früher auch. Sie werden auch weiterhin auf der falschen Straßenseite fahren, die natürlich historisch gesehen die richtige ist. Und glaubt ernsthaft jemand, dass die Briten ihren Urlaub nicht mehr in Spanien verbringen wollen? Kann ich mir kaum vorstellen.

    Das soll nicht heißen, dass sich nichts ändern wird, ziemlich sicher wird es das. Vermutlich werden sie ihre Wirtschaft weiter deregulieren und wenn sie etwas Glück haben und sich geschickt anstellen, erholen sie sich eventuell sogar schneller von Corona als die EU. So etwas hat aber immer auch weitere Auswirkungen, es ist ja nicht so, als wenn es auf der Insel keine sozialen Probleme gäbe. Allerdings auch in der EU.

    Bei den existierenden Handelsströmen werden wir so schnell nicht voneinander los kommen, wie die Auswirkungen langfristig sein werden, wird man sehen. Man könnte ihnen auch dankbar sein, dass sie die Corona-Impfstoffe für uns ausprobieren, obwohl das wohl nicht ihre Motivation ist.

    Während wir darauf warten, wie es sich entwickelt, wünsche ich allen einen guten Start ins neue Jahr. Das schließt natürlich auch das ganze Vereinigte Königreich mit ein, nicht nur das Fleckchen, in dem sie auf der richtigen Straßenseite fahren und im Schengen-Raum bleiben :-).

  • Das neue Jahr fängt halt ohne Briten an. Das ist trurig, Europa schwächt sich und das spielt sicher China in die Karten, das Europa uneins sehen möchte.
    Vielleicht, und das ist meine kleine Hoffnung, wird die Freundschaft zwischen der Insel und dem Kontinent jetzt tiefer und man besinnt sich auf gemeinsame Wurzeln und Werte. Denn alleine wird es für die 60 Millionen (?) Insulaner schwer in der Welt.

    Abseits der Politik allen SAAB Fahrern und Fans ein gutes Jahr 2021!

    Ich hoffe @Tom schreibt weiter, geäußert hat er sich bisher noch nicht. Was mich etwas nervös werden lässt.

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  • @ Ebasil (Volksentscheid),

    meinen Daumen hoch für viele gültige Gedanken haben Sie. Aber gegen das Prinzip Volksentscheid möchte ich nix gesagt haben.

    Gerade Trump oder Ihr Hinweis auf Lehren aus der dt. Geschichte zeigen, dass Wahlen und Gewählte nicht per se von geringerem Risiko als Volksentscheide sind.

    Rein rechnerisch ermöglicht das US-Wahlsystem Präsidenten, die nur gut ein Drittel aller Wählerstimmen, mit diesen aber ausreichend Staaten und Wahlmänner knapp für sich entschieden haben.
    Dass Hillary mehr Stimmen als Donald hatte, ist ja auch bekannt.

    Der Brexit ist natürlich keine gute Werbung für Volksentscheide, aber es gibt weltweit viele positive Beispiele und Volksentscheide, die unbedingt fehlen. Hongkong, Tibet, Taiwan und so weiter …

  • Tom und Aero-93 bringen es auf den Punkt!

    Meines Erachtens können wir uns glücklich schätzen, dass es in Deutschland keine solche Abstimmung geben wird, wie Hans sie anspricht, weil nach unserer Verfassung auf dieser Ebene und zu solchen Fragen keine Volksentscheide möglich sind. Die so genannte „direkte Demokratie“ hört sich in der Theorie immer sehr gut und einfach an, aber die Väter (und die eine Mutter) des Grundgesetzes hatten aus unserer entsetzlichen Vergangenheit und dem Umstand, wie einfach die Rattenfänger das Volk hatten fangen können, ihre Lektion gelernt. Das Problem bei allen Volksabstimmungen ist, dass die idR verbissenen, jedenfalls aber engagierten Befürworter dessen, was zur Abstimmung steht, natürlich alle zur Wahl gehen, und die anderen sich nicht darum kümmern, wie Volvaab zu Recht schreibt. Deshalb sind Volksabstimmungen hoch problematisch. Unser Grundgesetz ist dem Demokratieprinzip verpflichtet und wahrt und bewahrt dieses durch seine demokratischen Institutionen und Verfahren. So wird es hoffentlich auch bleiben.

    Im Übrigen denke (und hoffe) ich, dass es in Deutschland ohnehin (jedenfalls derzeit) keine Mehrheit für einen Austritt aus der EU gäbe. Ich bleibe optimistisch und hoffe, dass alle aus dem schrecklichen Jahr 2016 und der damaligen Meinungsmache gelernt haben. Und wie der jüngst verstorbene John le Carré feststellte, ist die heutige Bundesrepublik sicherlich schon immer wesentlich pro-europäischer eingestellt gewesen als es Großbritannien jemals war. Angefangen hatte alles mit den ebenfalls populistischen und gänzlich unbegründeten Extrawürsten, die die unselige Thatcher schon seinerzeit für GB durchgesetzt hatte („I want my money back“). Schon damals hat sich die EU erpressen lassen, obgleich GB so sehr von ihr profitiert hatte.

    Der Brexit ist ein ganz trauriges Kapitel – ich war immer so gerne dort und erinnere mich noch an die Einreiseformalitäten als Kind 1977 und wie viel unkomplizierter es dann schon bei einem längeren Aufenthalt im Jahr 2003 (mit meinem ersten Saab-Cabrio :-)) dort war. Die nächste, schon lange geplante Cabrio-Reise durch Englands wunderschönen Süden werden wir trotzdem durchführen, wenn auch erst in ein paar Jahren.

    Allen Saab-Fans alles Gute für ein gesundes und glückliches Jahr 2021! Und 1.000 Dank an Tom für sein Engagement und seine hoch-informative und -unterhaltsame journalistische Arbeit!

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  • Also wie ich die Überschrift gelesen habe, hätte ich zuerst gedacht es geht um die britischen Saabs die als Ersatzteilspender das Land verlassen. Aber hier geht es um was viel tiefgreifenderes. Ich habe das sehr aufmerksam gelesen, habe zu manchen Dingen jedoch eine etwas differenzierte Meinung als die obenstehenden Kommentare. Schön ist hier der Austausch.
    Wie dem auch sei, ich wünsche allen alles gute für das Jahr 2021.

  • All the best. Take care.

    Bin auch traurig. Habe dort studiert. Den Brexit sehe ich als eine Heimsuchung. Die Mehrheit der Britten hat ihn nicht gewollt – nichtmal für möglich gehalten.

    Nach dem Referendum haben Menschen geweint, die gar nicht zur Abstimmung gegangen sind. Der Brexit und Trump haben etwas gemeinsam. Beides schien so unmöglich, so absurd, dass es schwer war, die jeweiligen Gegner zu mobilisieren.

    Soziologen, Politologen und Medienwissenschaftler werden in den kommenden Jahren am Fließband Abschluss-, Doktorarbeiten und anschließend ihrer Ausbildung und Promotion weitere Publikationen zu diesem Thema produzieren.

    Schauspieler, Musiker, Prominente, Umfragen und so genannte Soziale und andere Medien hatten auf beiden Seiten des Atlantiks ein vermeintlich eindeutiges Bild gezeichnet und damit Trump und den Brexit erst ermöglicht.

    Die Gegner wähnten sich in Sicherheit. Die Anhänger bzw. Befürworter (Trump/Brexit) aber waren auf einer Mission und zu knapp 100% mobilisiert.

    Wenn man eine Wahlpflicht befürworten wollte, fände man in dem Brexit und der Wahl Trumps gute Argumente dafür, wie und warum eine solche Pflicht durchaus einen Nutzen entfalten könnte, auch wenn sie einen gewissen Eingriff in Freiheit darstellen würde.

    Die Freiheit muss eben auch geschützt werden. Die Teilnahme an einer Abstimmung ist nicht zu viel verlangt. Vermeintlich vorherrschende Stimmungen sind nunmal keine Stimme und finden bei einer Auszählung keine Berücksichtigung.

    Und wer weder Trump noch Hillary wollte, zum Brexit keine Meinung hatte, hätte ja einen ungültigen Zettel abgeben können …

    Ich war einst ein entschiedener Gegner einer Wahlpflicht. Heute und vor dem Hintergrund, dass sie sowohl Trump als auch den Brexit vermutlich verhindert hätte, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Die Freiheit zur Faulheit hat schon auch einen sehr bitteren Beigeschmack bekommen.

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  • Danke Tom, für den Jahresrückspiegel zum Brexit. Keiner meiner Ex-Briten kann den Schritt verstehen. Aber die Scheidung ist eingereicht und wird heute Nacht neues Recht werden. Tschüs.
    Auch ich denke, Great Britain wird die nächsten Jahrzehnte lernen lernen lernen und wieder anklopfen. Manchmal muss so ein Weg (augenscheinlich) gegangen werden. Die Weltprobleme sind div. und riesig. Und werden angegangen werden (MÜSSEN). Dann werden die GB´ler merken, wie allein sie sind… Gemeinschaft macht stark, wenn auch in der EU manchmal nur mit kleinen Schritten vorankommt. Aber es geht voran!

    @ Hans S.
    Zitat: Machmal frage ich mich, wie würde eine Abstimmung in Deutschland ausgehen? Das werden wir wohl nie erfahren.

    Warum sollten wir auch abstimmen? Nach 1945 begann eine friedvolle Einbindung der Alliierten mit dem “Problemland” in den EU-Gedanken. Nie wieder Krieg, nie wieder Nationalismus, war die Devise. Dies Grundsätze sind auch noch heute gültig. Das allg. Erstarken von nationalistischen Bestrebungen zeigt uns Demokratiebürgern eher auf: Obacht! Diese Staatsform ist kein Selbstgänger/-läufer! Ich belasse es bei diesem politischen Statement. Wirtschaftlich hat die Bundesrepublik als Exportweltmeister alle Gründe dabei zu bleiben…
    Ich bin eher dafür, den Menschen in der EU die Vorteile des gemeinsamen Zusammenlebens deutlich zu machen.
    Heißt: drüber sprechen. Heutzutage ist nix mehr selbstverständlich. “Dank” FB, twitter, instagram

    Allen Mitlesern einen guten Sylvester-Abend, einen guten Start ins neue Jahr und bleibt GESUND!

  • Oh, das ist ja wirklich schwere politische Kost. Wo fange ich da an? Ich bin über die Art und Weise, wie der Brexit zustande kam, immer noch wütend. Das wird mal eine schöne politikwissenschaftliche Fallstudie über bad government und die Bedeutung von Haltung, Ehrlichkeit und faktenbasierter Politik für spätere Generationen. Auf der anderen Seite braucht die EU keine Mitglieder, die ihre Mitgliedschaft rein monetär sehen und immer auf der Handbremse sitzen. Genau, wie die EU auch mit Polen und Ungarn und mit den Staaten, die von der Flüchtlingsfrage besonders betroffen sind wie Italien und Griechenland. jetzt so langsam mal die Wertefrage und Solidarität ausdiskutieren muss. Das Problem der EU ist ja eigentlich, dass eine Verwaltung, die gerade mal so gross ist wie diejenige von Berlin, nicht viel ausrichten kann, von einer Dominanz ganz zu schweigen, das lassen die Nationalstaaten, die nach wie vor keine wirklichen Kompetenzen an die EU abgeben wollen, ja gar nicht wirklich zu. Und genau deswegen geht es manchmal so wenig voran. Das schwächt die EU auf allen Ebenen und vor allem international. Trotzdem ist viel passiert, und mit der EU ist vieles besser, als es vorher war. Sie muss halt immer als Prügelknabe herhalten, und gerade UK hat mit sehr vielen hausgemachten Problemen zu kämpfen, während die EU viel in die strukturschwachen Gegenden in UK investiert hat. Jetzt können die Briten mal zeigen, wie sie das alles alleine hinbekommen. Der Plan, als Steuerparadies den Welthandel aufzurollen, wird nur so weit tragen, denn die EU wird sich zu wehren wissen, das derzeitige Abkommen wird dann schnell Makulatur.

    Ich selbst habe viel in England und Schottland gelebt und auch jeweils einen Uni-Abschluss aus beiden Ländern. Während ich Schottland als sehr pro-EU kennengelernt habe, bin ich in England immer diesem einen Satz begegnet: “You guys in Europe…”. Und dieser Satz sagt eigentlich wahrlich alles. Und in London zu arbeiten, war trotz der Pubs am Ende des Tages einfach schrecklich. Eine fürchterliche Arbeitsatmosphäre Ich kenne keine Land, in dem das Klassenbewusstsein so verankert ist wie dort. Auch in Deutschland hängt von der Herkunft der Bildungserfolg ab, was eine Schande ist, aber dort sind Standesdünkel, Selektion, alter Adel und die Sehnsucht nach dem alten Empire derart gegenwärtig, das man in der Tat zu dem Schluss kommen kann, lasst uns doch den Beweis führen, wie weit ihr auf euch selbst gestellt kommt. Schottland wird diesen Weg nicht mitgehen wollen, und auch wenn wir künftig in der EU nur noch Nehmerländer begrüssen werden können, in diesem Fall würde ich mich sehr freuen, wenn Schottland sozusagen in der EU bleiben will. Das passt.

    Ich denke, nach ca. 20 Jahren der Irrungen und Wirrungen wird sich England der EU Schritt für Schritt wieder annähern. Vielleicht kriegen wir ja Verhältnisse wie mit Norwegen oder der Schweiz, damit kann man leben. Aber das muss kosten, und die Vorteile einer Mitgliedschaft bleiben unerreichbar, es darf gar nicht anders sein. Nach UK einzureisen war ja immer schon aufwendiger, die Popmusik werden wir auch weiter hören. Ansonsten halten sich Nostalgia und Sentimentalität bei mir in Grenzen, wie es sich für einen sozusagen unfreiwillig aber frisch geschiedenen Ehepartner gehört. Fakt ist, in England hat mich immer schon viel gestört, trotz aller anglophilen Gedanken.

    Wenn ich seit dem Brexit reiste, dann nur nach Schottland. Meine zweite geliebte Automarke, Jaguar, habe ich aufgegeben, und kümmere mich nur noch um Saab. Ich vergebe keine Aufträge mehr nach England. In meinem Einflusskreis habe ich dafür gesorgt, dass der Brexit Folgen hat, soweit es nur geht. Auch privat. Viele meiner Freunde und Bekannten dort haben die ganzen extrem fragwürdigen und fadenscheinigen Argumente der Brexiteers aufgegriffen. Wenn man nachbohrt, dann tritt sie auch oft zutage, die Sehnsucht nach Brittannia rules the waves. Der Lack ist also ab, und ich toleriere diese Denkweise nicht, vor allem, wenn es immer auf die angebliche Schuld der EU hinausläuft, die UK zugrunde gerichtet hat. Och jo! Mit dem Brexit traten auch Fremdenfeindlichkeit und Rassismus offen zutage; das ist kein Zufall.

    Am meisten hat mich immer das Gerede von einem “Deal” genervt. Es geht um einen Vertrag, ein Agreement, und angesichts der Fakten gibt es da nur lose-lose und nichts zu gewinnen, für keine der beiden Seiten. “Deal” dagegen soll so klingen, als gäbe es hier etwas zu gewinnen; das jedoch ist nicht der Fall. Die EU hätte sich auf diesen Terminus nie einlassen dürfen. Von mir aus hätte es auch ein hard Brexit sein dürfen, das wäre viel konsequenter gewesen, auch von Seiten der EU aus. Die Wirtschaft hätte 5 Minuten gezetert, dann weitergemacht. Die eigentlichen Handelspartner aber sind wir – Kunden und Vertragspartner und private Konsumenten – und da bin ich bei weitem nicht der Einzige, der UK ausgephast hat. Die Brexiteers dachten voriges Jahr noch, das geht immer so weiter und die Zahlen gehen sogar nach oben; ja klar, weil viele Unternehmen ihre Lager noch mal vollgemacht haben und längst die Supply Chain auf non-UK umgestellt haben. Am Ende zählt nicht, was die EU denkt, sondern die Millionen von Handelspartnern. Und wer nur halbwegs an die EU glaubt, weiss, was zu tun ist. Die Beatles kann man trotzdem mögen… Das ist eben auch der Unterschied zu Trump und zu den USA – die USA sind immer noch die USA, aber UK hat einen Brexit vollzogen und wollte die Scheidung, und das hat dann eben auch Folgen. England vor allem hat nun viel Zeit, seine Rolle in Europa zu überdenken. Vielleicht wird es ja wieder, vielleicht nie, und dann passt das ja auch. Meine Kinder werden jedenfalls keine Klassenfahrt nach England mehr machen, dafür ist gesorgt. Ist das kindisch? Trifft das die Falschen? Mag alles sein, aber das kollektive Handeln Einzelner wird sehr viel mehr für die Folgen des Brexits tun als 1250 schnell verhandelte Seiten eines “Deals”. Das wird sich schon bald zeigen. Es muss erst mal viel schlimmer sein, bevor es besser wird; Menschen ändern sich immer erst, wenn der Schmerz gross genug ist. Noch nimmt man ihn ja gar nicht wahr, aber das kommt dann schon noch irgendwann.

    Ja, es war echt blöd, den Jag zu verkaufen, aber er passt nun nicht mehr in meine Gedankenwelt. Und die ganzen Verbindungen in Linked-in und facebook zu kappen, fühlte sich immer richtig an. Zeit für Freundschaft ist knapp, man muss sie dort investieren, wo die Werte stimmen. Als Konsument habe ich jedes Recht, zu bestimmen, wohin mein Geld fliesst. Wer bezahlt, bestellt. Das geplante Mini Cabrio in der Familie ist auch abgesagt. Ja, trifft BMW und damit die Heimat, aber es geht ums Prinzip. Keinen Cent mehr ins Brexit-UK. Mir ist bewusst, dass viele EU-Gegner auch bei uns den Brexit mit großer Schadenfreude verfolgen und als Blaupause nutzen wollen. Die können ja ihr ganzes Geld gerne nach UK tragen und dort investieren. Heute hat nur noch der vernetzte Verbund Aussichten auf Erfolg – manche Länder müssen eben erst lernen, wie klein sie wirklich sind. Und wenn Schottland unabhängig werden sollte, ist das nur konsequent, und immer noch nur ein Teil der wirklichen Kosten des Brexits. Das muss das nicht mehr so sehr United Kingdom halt auf die harte Tour lernen. Ich fände Schottland einen fairen Preis für den Brexit, und er ist sogar eigentlich sehr logisch und konsequent, wenn man das genauer analysiert.

    Automarken drücken eben mehr aus als nur ein Logo. Jag ist für mich passé – und auch wenn die EU alles andere als perfekt ist, diese ganzen Brexit-Lügen hat sie nicht verdient. Vielen ist es vielleicht egal; ich habe jede sich bietende Gelegenheit genutzt, um durch Handeln ein Statement abzugeben, Handlungen sind nie einseitig, und wenn jemand die EU doof findet, werden die individuellen Vertreter dieser EU, nämlich jeder von uns, das entsprechend im Rahmen ihres Wirkungskreises entsprechend zu würdigen wissen. Die einen mehr, die anderen weniger. “No more British cars” ist nur ein Aspekt davon. Ja, das ist, wie wenn man sich mit dem Hammer auf den Fuss haut, weil man Zahnweh hat, aber mancher Schmerz ist es wert, im Kauf genommen zu werden, Aus Prinzip, eben.

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  • Lieber Tom.

    Danke Dir für ein erneutes Lesevergnügen bei einem leckeren Espresso…..
    Und danke für Deine unermüdlichen Recherchen, Ideen, Projekte uns alles andere, womit Du uns so reich beschenkst. Wünsche Dir ein Gutes 2021, welches sicherlich anders sein wird als alle Vorangegangenen. Aber besser als das, welches wir gerade verabschieden.

    Diese Wünsche gelten auch für alle Mitleser.

    Der Lizi

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  • Oh Tom, so schön geschrieben! Das mit den alten Tonträger kenne ich nur zu gut, die meisten kamen aus Britania und meine Azubi Gehalt ging damals fast restlos für diese Schallplatten drauf. Heute erfreue ich mich aber immer noch an diesen schwarzen Scheiben, kratzen ein Wenig, jaulen ein Bisschen, sind aber so schön analog und hausbacken.

    Im 1969 und 1970 bin ich zwei mal als Teenager nach London getrampt, mit Autostop! Man waren das Zeiten, Hydepark (und ja, ich habe das Freeconcert der Stones 1969 gesehen) Carnaby Street, Trafalgar Square und all die anderen Hotspots. Und dann der Marquee Club….., kannte den jemand von uns Saab Freunden? War einfach grossartig. Und die Briten so schön verschroben.

    Und heute? Grossbritanien gar nicht mehr so gross, lebt vorallem von seiner Geschichte. Der Niedergang der britischen Autoindustrie haben wir auch miterlebt. Mein Vater kaufte sich, nach Austin Maxi, noch einen Austin Princess, ein genial katastrophales Auto, im wahrsten Sinne des Wortes. Das war es dann mit den Autos aus England.

    Die EU ist schon ein zwiespältiger Koloss. Als Schweizer ist man da ja noch viel mehr geprägt als andere. Bei den Abstimmungen war ich immer hin und her gerissen. Bei uns gab es ja meherer Abstimmungen für oder gegen EU, mit dem bekannten Resultat. Machmal frage ich mich, wie würde eine Abstimmung in Deutschland ausgehen? Das werden wir wohl nie erfahren.

    Schönen Silvester und einen guten Rutsch ins 2021!

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