Evergrande-Hengchi Werk in Nansha läuft im Probebetrieb

Gewisse Dinge erledigt man anderswo etwas zügiger als hierzulande – besonders in China und speziell bei Evergrande Auto. Die neue Evergrande-Hengchi Fabrik in Nansha (Guangzhou) läuft im Probebetrieb. Sie ist in Teilbereichen fertiggestellt, bis zum Ende des Jahres sollen alle Arbeiten abgeschlossen sein. Die Produktion startet 2021. Man darf davon ausgehen, das Evergrande den Zeitplan einhalten wird.

Evergrande Nansha läuft im Probebetrieb
Evergrande Nansha läuft im Probebetrieb

Der Rundgang von geladenen Medienvertretern durch die Nansha Fabrik ist beeindruckend. Er ist, wie in China üblich, Teil einer Inszenierung. Wo gestern noch Schlamm und Erde waren, ist heute eine frisch asphaltierte Auffahrt, die mit dem im Land unvermeidlichen Blumenschmuck verschönt ist. Sichtwände halten Blicke von nicht fertiggestellten Sektoren fern. Aber das sind letztlich Petitessen, es zählen andere Dinge.

Das Werk ist mit 2.545 intelligenten Robotern nach Industriestandard 4.0 ausgestattet. Evergrande Auto kauft ein, was weltweit gut und führend ist. Die Roboter liefern Kuka und der japanische Weltmarktführer Fanuc, die voll automatische Produktionsstraße stammt von Dürr. Und die hochmodernen Monoblock Servopressen mit MMS System steuert Ausrüster Schuler bei.

Der Ertrag bei Evergrande bricht ein

Die Investitionen sind erheblich,  und die Evergrande Gruppe benötigt in den nächsten Jahren einen langen Atem. Aber die Pandemie hinterlässt auch in den Büchern des Konzerns ihre Spuren. Der Ertrag könnte um bis zu 46 % im Vergleich zum Vorjahr einbrechen, warnt das Unternehmen. Die Gründe liegen auch, aber nicht ausschließlich in den fortlaufend hohen Investitionen in der Autoindustrie. Um die Liquidität zu stärken, ergreift die Evergrande Gruppe ein Bündel von Maßnahmen und bereinigt das Portfolio. Immobilien, die von Unternehmen geleast wurden, werden verkauft. Die Rolle als Leasinggeber gehört nicht mehr zum Kerngeschäft.

Die hochprofitable Immobilienverwaltung kommt in Teilen an die Börse in Hong Kong. Evergrande erwartet einen Erlös von rund 2 Milliarden US Dollar. Ob das reichen wird, das Investitionstempo durchzuhalten, ist offen. Gelingt es, dann wird am Ende ein Herausforderer für die etablierten Anbieter stehen. Einer, der in der Lage sein wird,  zu geringen Kosten den Markt mit Elektroautos zu fluten.

Vollautomatische Produktion nach Industriestandard 4.0

In Nansha investiert Evergrande in eine vollautomatische Autofabrik, die im 24 Stunden Betrieb an 365 Tagen im Jahr eine gleichbleibende Qualität liefern kann. Hohe Produktionseffizienz bei niedrigen Kosten soll globale Wettbewerbsfähigkeit garantieren. Ist die Nansha Fabrik voll ausgebaut, könnte theoretisch ein Fahrzeug pro Minute von den Bändern rollen.

Aktuell läuft der Probebetrieb in einigen Sektionen. Neuwagen werden produziert, es soll sich dabei aber ausdrücklich nicht um Hengchi 1 handeln. Die Fahrzeuge waren zum Zeitpunkt des Pressetermins schwer getarnt, aber die Rohkarosse und ein Blick auf die Scheinwerfer lassen den Schluss zu, dass es sich dabei um einen Ableger des früheren Saab 9-3 handeln könnte. Von diesem wurde angekündigt, ihn lediglich zu internen Zwecken in China zu produzieren.

Die Tarnung ist verständlich. Was Evergrande nicht will,  ist die Schlagzeile, dass man Fahrzeuge auf einer 2 Jahrzehnte alten Basis produziert. So wird die letzte Runde, die der frühere Saab 9-3 dreht, der Probelauf in Nansha sein.

Evergrande setzt Maßstäbe

Das Evergrande Autowerk in Nansha nähert sich in großen Schritten der Fertigstellung und setzt dabei hohe Maßstäbe. In Schweden soll die Übernahme von NEVS im September abgeschlossen sein. Nach dem Blick in die chinesische Fabrik stellt sich die berechtigte Frage, was in Trollhättan passieren könnte.

Der Status ist klar. Die ehemalige Saab Fabrik ist nicht produktionsfertig und genügt in keiner Weise dem Industriestandard 4.0. Eine Investition im größeren Umfang wäre die logische Konsequenz. Denn das Werk, als strategischer Brückenkopf in der EU, wird für die Zukunft von Evergrande Auto von Bedeutung sein.

Fotos: Evergrande Auto 7/7

11 thoughts on “Evergrande-Hengchi Werk in Nansha läuft im Probebetrieb

  • Tianjin & Shanghai

    @ Tom,,

    Shanghai ist vermutlich die NEVS-Fabrik, von der hier schon vor 2 Jahren berichtet wurde?

    Vor knapp 3 Jahren wurde von NEVS und Tianjin berichtet. Das macht dann schon 3 Fabriken, richtig?

    Weiß man, welche Kapazität Evergrande da insgesamt vom Start weg hat? Vermutlich schwindelerregend?

    Verdammt spannend, die ganze Nummer – und das bislang ganz ohne Autos. Es ist eher, als verfolge man ein Schachspiel oder Poker ohne Limits mit ungewissem Ausgang …

  • @Ulrich: Im Prinzip richtig formuliert – aber die Fehler machen wir hier in Europa. Sono Motors ist ein Projekt im Kriechgang. Gibt es verwertbare Neuigkeiten oder geht alles quälend langsam? So langsam, das Tom und der Blog es vom Schirm genommen haben? Und da gehört bei Tom`s Durchhaltevermögen schon was dazu.
    Das Gegenteil sehen wir in China: Evergrande zündet den Turbo (sorry für diesen Vergleich). Da fließen Gelder scheinbar ohne Grenzen während man in Deutschland mit ein paar Millionen knausert. Da geht es um Milliarden.

    Wir müssen uns also nicht wundern, wenn in 5, 6 Jahren, uns die Chinesen den Strom aus der Steckdose ziehen. Noch wäre Zeit zum Gegensteuern.

    Meine Sympathien sind übrigens mehr bei der Münchner Schneckenfirma, die nicht vom Fleck kommt, als bei Evergrande. Aber Sympathie allein hilft da auch nicht.

  • Ich glaube nicht, dass sich Evergrande mit E-Autos in Europa durchsetzen wird !
    Siehe Borgward, die hatten angeblich auch viel Geld und jetzt stehen sie vor dem Aus!
    Was ist mit Service usw. !

  • Die Lösung …

    … ist das EV im Stile von Hengchi 1 bis 6 oder auch Teslas sicher nicht. Das versteht sich fast von selbst.

    Umweltbewusste können nur staunend zur Kenntnis nehmen, wie die Automobilindustrie in aller Herren Länder das Thema angeht. Die dt. Oberklasse geht den gleichen Weg.
    Fahrleistung, Fahrzeuggröße und sogar die Reichweite – baut man EVs ohne Rücksicht auf den Einsatz von Ressourcen und die Größe ihres CO2-Rucksacks, kann man sicherlich überlegene, faszinierende Fahrzeuge realisieren …

    3 Tonnen schwer und trotzdem 500, 800 oder gar 1.000 Km Reichweite, trotzdem oder genau deshalb (wegen des unvernünftig hohen Aufwands) in 3 Sekunden von 0 auf 100. Das ist schon ziemlich verrückt.

    Was den Umweltschutz betrifft, kommt mir Andersen in den Sinn. Des Kaisers neue Kleider. Blöd nur, dass ich zum Pöbel gehöre.
    Ich sehe keinen Umhang, keinen Mantel, kein Hemd und nichtmal ein Feigenblatt. Ich sehe nur die nackte Tatsache, dass sich kein einziger Großkonzern für den Umweltschutz interessiert.

    Der Club of Rome hat sich vor 52 Jahren gegründet. Vor einem Vierteljahrhundert (1995) erschien aus diesem Kreis das Buch, “Der Faktor vier”.

    Der Titel fasst den damaligen Stand der Erkenntnisse zusammen, dass die Menschheit den Einsatz von Energie und Ressourcen halbieren müsste, zugleich aber die Hälfte der Menschheit auf einen höheren Lebensstandard zu heben sei. Ergo diskutierte man, wie man den westlichen Lebensstandard der 1990er mit einem Viertel der dort pro Kopf und bislang eingesetzten Ressourcen global realisieren könnte.

    Viele Ideen sind noch heute gültig. Beispielsweise ist es albern, dass ein Kühlschrank im Hochsommer ein Haus zusätzlich aufheizt und dann eine Klimaanlage dagegen arbeitet. Wäre der Wärmetauscher gekapselt, könnte man die Warmluft eines Kühlschranks sinnvoll an die Lüftungsanlage von Niedrigenergiehäusern anschließen. Im Sommer würde die Wärme nach außen abgeführt, im Winter der Zuluft des Hauses als “Heizung” zugeschaltet.

    Vernetzung ist ein großes Thema. Aber leider nicht im physikalisch und energetisch relevanten, in einem analogen Sinne.
    2020 kann ich einen Kühlschrank kaufen, der mir eine Nachricht auf das Handy schickt, dass ich kein Sushi mehr hätte. Oder kein Parmesan.
    Aber ich kann keinen Kühlschrank kaufen, dem ich im Hochsommer verklickern könnte, seine Abwärme bitte nach draußen zu leiten. WOW …

  • wenn das dann nicht einmal die ganzen europäischen, amerikanischen und fernöstlichen Automobil Industrien kaputt und kostenmässig platt machen wird, möchte ich Hans heissen. Evergrande kauft wohl nur einmal ein, was weltmarktmässig sehr gut und führend ist, nachher können sich die Lieferanten die Nase an die Wand drücken, denn das wird in China selber weiterentwickelt werden. Also ist das Ganze ein No-Go Spiel, wo wir den Chinesen die besten Karten gratis in die Hand spielen, wie bei allem andern auch. Dafür bauen sie ja jetzt die Seidenstrasse, damit dann mal jede Minute ein Fahrzeug nach Europa rollen kann, zu Preisen wo wir nicht nein sagen können. Und die Europäer sind clever enough sich ihre Henker selber zu bestimmen. Damit ist doch auch das Elektroautoprojekt von Sono Motors gefährdet. Sorry, das tönt jetzt echt negativ, aber ich meine, leider sehr realistisch. Natürlich haben wir als Saab Fahrer eine besondere Beziehung zu diesen Leuten, da sie das Werk in Trollhättan übernommen haben, aber anders als bei Volvo ist die nur sentimental und einer schönen Vergangenheit nachtrauernd. Ich denke, wir müssen uns nur der wirtschaftlichen Gefahr bewusst sein, die jetzt schon und besonders in Zukunft von China ausgeht und noch stärker ausgehen wird, die weltweit zum absolut dominanten Leader werden wollen.

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  • Es ist schön “beängstigend” (im positiven Sinne) was hier an Investitionen geleistet wird und in welchem Zeitraum !? Ich glaube – wir Europäer und im speziellen wir Deutschen können da nur ehrfurchtsvoll vor den Chinesen den Hut ziehen. Und nein – ich rede jetzt nicht vom BER…
    Natürlich möchte man da auch nicht immer genau hinter die ” Kulissen ” sehen ( Verluste, Rückschläge, Arbeitsschutz usw.) – am Ende zählt wie immer aber auch hier nur das Resultat…
    Bin wirklich gespannt zu sehen wo die Reise – auch finanziell – bei Evergrande Auto hingeht !?
    Und was kommt am Ende wirklich praktisch aus den Werktoren gefahren !?

    Nur was Trollhätten angeht – denke ich – wird auf Dauer keine große Rolle mehr spielen – zu mindestens nicht als Produktionsstandort.
    Aufwand und Nutzen stehen auch für die Chinesen ganz vorn auf der Agenda.

    Wünschen würde ich es natürlich den Menschen in der Region in und um Trollhättan …

    Die Sache bleibt spannend – DANKE Tom !!!

  • @Aero-9-3 Unsere Probleme wird man damit gar nicht lösen. Helfen würde eine Reduzierung des Anspruchdenkens und eine radikale Änderung des Lebensstils. Aber auch das wird nichts werden, selbst in Pandemie Zeiten sind wir nicht fähig dazu.

  • Danke für diese zugegebenermaßen beeindruckenden Äußerlichkeiten. Erste finanz.Engpässe lassen Raum für Spekulationen. Ich warte einfach ab. Frage mich aber schon, ähnlich wie Volvaab Driver, wer die Daten für die Roboter so schnell liefern soll…
    Und abgesehen von der gigantischen chin. Dimension frage ich mich natürlich, ob das wirklich die Lösung des Mobilitätsproblem in der Zukunft ist, wenn in jeder Minute, 24 Std. lang an 365 Tagen pro Jahr die Fahrzeuge vom Band rollen… Mit diesen El.-Fahrzeugen wird ja der individuelle Mobilitätsmarkt bestückt.
    Ich bleibe gespannt, was die Zukunft bringt.

  • Danke für die netten Worte am Montag.

    Ergänzend zum Beitrag noch folgender Fakt: Neben dem Neubau in Nansha entsteht in Shanghai ein zweiter, vergleichbarer Produktionskomplex. Auch dieser geht 2021 online, die Distanz zur Serienproduktion sinkt zusehends. Von Deutschland aus ist es schwer alle Faktoren zu bewerten, aber der Zeitplan wird bisher eingehalten.

  • “Gelingt es, dann (…)”

    Wie immer ist auch dieser Artikel gründlich, sachlich & kritisch recherchiert und geschrieben.

    So machen Infos Spaß.

    Nicht vorschnell Partei ergreifen, nicht unken und nichts vorschnell bejubeln. Perfekt.

    Als Leser erlaube ich mir etwas mehr Subjektivität. So machen Kommentare Spaß. Ich lese da erste finanzielle Engpässe heraus. Und auch, dass die Hengchis hinter dem Zeitplan zurückliegen.

    Ein Probelauf im jüngsten und einzig funktionsfähigem Werk mit dem 9-3 (bevor die Übernahme von NEVS vollständig vollzogen ist und nachdem man 6 moderne Autos als “Weltpremiere und Präsentation” gefeiert hat), wirft schon auch die Frage auf, wie weit Hengchi 1 bis 6 jetzt wirklich sind ? ? ?

    Nach meiner Lesart hat Evergrande hier unfreiwillig zugegeben, noch weit davon entfernt zu sein, an seine Industrieroboter die Teile und Daten für irgendeinen Hengchi zu verfüttern …

    Man wird sehen, wie schnell sie das können und ob die Finanzierung klappt.

    Einstweilen vielen Dank für Info und Zwischenstand an den hoch geschätzten Saabblog ! ! !

  • Beeindruckend, eine ganz andere Größenordnung als bei NEVS. Da wird richtig investiert und nur State of the Art Equipment eingekauft. Wenn die Produkte änlich sein sollten, dann wird es spannend.

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