Der Liegenbleiber. Er ist wieder zurück!

Die Einhausung der A3 zwischen Aschaffenburg und Hösbach. Freunde aus Österreich bezeichnen sie halb spöttisch als Lawinenverbauung. In Wahrheit ist sie ein lokales Lärmschutzprojekt, das nicht nur Freunde hat. In der Einhausung kommt es immer wieder zu fatalen Unfällen und Staus. Man ist froh, wenn man sie hinter sich hat. Wie an diesem Tag.

Der Liegenbleiber auf den Weg nach Frankfurt. So schlimm wird es diese Mal nicht
Der Liegenbleiber auf den Weg nach Frankfurt. So schlimm wird es diese Mal nicht

Mein 9-3 Aero hat das Bauwerk fast hinter sich gelassen, als im Armaturenbrett sämtliche Warnlichter aufleuchten und das charismatische „Ding – Dong“ ertönt. Überraschend? Ich hatte das erwartet…

60 Kilometer zuvor. Saab Service Frankfurt in Fechenheim. Lesende auf dem Blog erinnern sich vielleicht noch an die Havarie mit meinem Saab 9-3. Eine mehrtägige „Dienstfahrt“ für den Blog endete auf dem Abschleppwagen. Das Saab Team in Frankfurt bot an,  mich mit einer gebrauchten Drosselklappe wieder mobil zu machen. Ich lehnte ab, wartete lieber auf ein Neuteil. Ein paar Tage später war die Lieferung aus Schweden da, der Saab repariert und ich auf dem Weg nach Frankfurt.

Es gibt Momente, da hat man ein merkwürdiges Gefühl. Man kann nicht sagen, wieso und warum, es ist einfach da. So ging es mir bei der Abholung. Neuteil verbaut, Probefahrt getätigt, Patient gesund – rein theoretisch zumindest. Ich verlasse Frankfurt, fahre auf der A45 in Richtung Süden. Der Saab läuft gut, das mulmige Gefühl bleibt. Ich bewege ihn vorsichtig, lausche auf das magische „Ding – Dong“. Ich ahne, dass es kommen wird. Und so geschieht es. 60 Kilometer später auf der A3.

Im Unterschied zum ersten Defekt läuft der Wagen nach dem Gebimmel weiter,  als wäre nichts gewesen. Er wird also nicht zum Liegenbleiber, er ruft nicht nach einem Abschleppwagen. Krank ist er aber doch. Nach der Drosselklappe hat das TCS den Geist aufgegeben. Eine Saab Innovation aus dem Jahre 1992, erstmals eingeführt im 9k. Ein genialer Vorgänger des ESP, das die Traktion bei schlechten Straßenverhältnissen regelt. Anfahren mit leistungsstarken Fronttrieblern war bis zu seiner Einführung ein Problem und forderte einen sensiblen Gasfuß. 9000 Aero Fahrer können ein Lied davon singen.

Die erste Generation war nicht abschaltbar, erst ab 1996 konnte man die Traktionskontrolle im 9000 per Knopfdruck außer Betrieb setzen. Auch im 9-3 Aero hat das TCS schon bei der 205 PS Variante seine Berechtigung. Noch mehr, wenn es sich wie in meinem Fall um eine leistungsfähigere Hirschversion handelt. Die TCS Funktionen gingen Jahre später im ESP-System auf. Die Ingenieure aus Trollhättan waren in den 90ern Pioniere der Vernetzung unterschiedlicher Steuergeräte und ganz weit vorne.

Heute bereitet es Ärger im 9000, weshalb Versionen mit TCS wenig Freunde haben. Und auch im 9-3 I sterben die Module nach 20 Jahren den elektronischen Tod. Die gute Nachricht: Man kann es reparieren. Der Saab muss also wieder nach Frankfurt, wo schon das Anna Projekt steht. Jetzt sind 2 Saab reif für die Reparatur,  und im Freundeskreis macht eine Abwandlung des Jaguar Witzes die Runde.

Warum braucht man 2 Jaguars? Weil einer immer in der Werkstatt steht. Und warum braucht man 3 Saab? Weil mindestens zwei immer in der Werkstatt stehen. Eine üble Unterstellung! Wenn zwei Fahrzeuge, die um die 20 Jahre alt sind, ihre Krankheiten haben,  muss man da durch.

Einige Zeit später hole ich den 9000 ab und stelle den Aero dafür auf den Hof. Saab Frankfurt hat immer eine gut sortierte Auswahl überholter TCS Module am Lager, leider passt Keines für meinen 9-3. Ich muss also warten, und es dauert eine gute Woche,  bis die Nachricht kommt und noch ein paar Tage,  bis ich es zur Abholung nach Frankfurt schaffe. Das mulmige Gefühl stellt sich dieses Mal nicht ein, ich habe Lust auf den Aero,  und der scheint gut in Form zu sein. Mit neuer Drosselklappe und TCS läuft er perfekt, macht Laune, und die Frankfurter haben gute Arbeit geleistet.

Am Ende des Beitrags stellt sich die Frage, ob es Frühindikatoren gibt, die auf einen TCS Ausfall hinweisen. Ich vermute ja, denn ein unerklärliches Symptom ist nach der Reparatur verschwunden. Im Rückwärtsgang produzierte die Automatik seit Jahren ein leicht ruckelndes Fahrverhalten. Der 9-3 eines Freundes macht das ebenso, in Bamberg erklärte man es mit dem Alter der Aisin-Borgwarner Automatik. Für mich klang das sehr plausibel, zumal ich mit der Symptomatik nicht alleine war. Nun, nach der TCS Reparatur, ist das Problem weg. Der Saab bewegt sich nun auch im Rückwärtsgang wie jedes moderne Auto.

Wie sind die Erfahrungen der Lesenden? Hat jemand ein ähnliches Verhalten beobachtet? Mich würde es interessieren!

8 Gedanken zu „Der Liegenbleiber. Er ist wieder zurück!

  • Ach wie herrlich… 3 Saab, 2 Jaguar. Weil mindestens einer oder zwei in der Werkstatt sind. Das muss man aushalten können wenn man alte Schätzchen bewegt.

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  • Ja, das ist öfters schon mal so. Es ist gut dann mehrere Saab’s zu haben. Es passiert, dass auch schon mal 2 (1x sogar 3 Saab’s gleichzeitig in der Werkstatt waren.
    Und Ja, spätestens dann fängt auch der größte Saab Fan zu überlegen an ……..
    Aber:
    Erstens sind es fast immer Dinge, die ein Vorgänger an dem Fahrzeug eben einfach nicht gemacht hat und es dauert leider einige Zeit, bis ein älterer Saab „durchrepariert“ ist.
    Oder aber, es sind Reparaturen die ein „Durchschnittsauto“ erst gar nicht benötigt, weil diese meist nicht so alt werden, also Verschleiß auf hohem Niveau …
    und dann das Finanzielle: es ist nicht billig, wenn man aber mal tatsächlich alles zusammen rechnet, muss man sich eingestehen, dass es im Vergleich zu neuen Fahrzeugen mit dann vielleicht Leasing oder sonst welchen Kosten, immer noch in einem durchaus guten Verhältniss steht.
    Von dem besseren Gefühl, auch in Hinsicht auf Nachhaltigkeit ja ganz abgesehen.

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  • Ist dann bei Suche nach einem 9000 ein Model ohne TCS vorzuziehen, oder lässt sich das pauschal nicht sagen?

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    • Ich drücke es mal so aus: Ich habe es bei keinem 9k vermisst und Modelle mit TCS sind sowieso recht selten. Nach meiner Meinung braucht man es nicht, wer darauf verzichtet schließt eine mögliche Fehlerquelle aus. Das 9k Fahrwerk bringt die Leistung auch so ganz gut auf die Straße.

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  • Von dem ETS / TCS System würde ich abraten – wobei bei die meisten 9000er ganz sicher nicht mehr mit den ersten Komponenten unterwegs sind …

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  • Ziemlich cool finde ich, dass die Frankfurter ein Sortiment an überholten TCS vorhalten, wie es im Artikel heißt.

    Auch wenn das richtige nicht dabei war, aber das ist guter Service!

    Selbst bei meinem 1970er „Traktor“ aus Göteborg und auch ohne ABS, ASR & Co überwiegen elektronische Probleme die mechanischen. Aber ich bin selbst schuld, denn es sollte ja unbedingt der Einspritzer sein …

    Aber immerhin ist er (mit seinen größeren Ventilen) die perfekte Basis, um auf drei 45er Weber-Vergaser umzurüsten. Einerseits Quatsch, diesem Fahrwerk noch mehr Leistung zuzumuten, aber so würde ich auch die Elektronik loswerden. Das hat schon seinen Reiz.

    Die stellt sich ja doch immer wieder als das Gift aller Young- und Oldtimer heraus …

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  • Ich habe mir vor zwei Jahren einen 9000 2.3 turbo S gekauft, ganz bewusst mit TCS. Warum? Weil ich vor 20 Jahren schon mal einen hatte, ebenfalls mit TCS. An dem Letztgenannten waren zwei Dinge, die mich besonders beeindruckten. Erstens, die geniale und genussreiche Leistungsentfaltung und zweitens das TCS. Im Winter durch bergige Landschaft zu fahren, Schneematsch auf der Straße und es geht bergauf – egal, Fuß aufs Gas und den Rest macht das TCS. Einfach genial.
    Übrigens, das TCS meines aktuellen 9000 fing an ein bisschen zu Mücken. Am Ende war es kein Problem, weil ein sehr gewandter Saabfreund es überholt hat. So etwas geht nämlich und jetzt ist der Genuss wieder maximal.

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  • @ Tom & fami,

    Glückwunsch, dass beide wieder laufen und schön, wenn ein TCS Vorteile bringt, die man zu schätzen weiß …

    Mich würde brennend interessieren, wo da für welchen Saab wo die Grenzen sind, wann und in welcher Situation man die Assistenz vielleicht doch lieber abschaltet?

    Quasi eine Art Fahrschule für Saab-Besitzer, die über Nutzen, Wirkweise und Grenzen der jeweils verbauten Systeme und Programme aufklärt.

    Dass die Systeme ihre Grenzen haben, steht schon allein deshalb außer Frage, weil ein Verbrenner sich nicht beliebig regulieren lässt, ohne den Motor abzuwürgen. Das macht es beispielsweise unmöglich, eine vereiste Parklücke ohne durchdrehende Reifen und/oder schleifende Kupplung zu verlassen.

    Wie reagieren die Programne?

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