Saab 9000 Anna Projekt (Part 2)

Mit dem Anna Projekt habe ich gegen meine Richtlinien verstoßen. Ein altes Auto kauft man nach dem Pflege- und Karosseriezustand. Der Kilometerstand ist zweitrangig, und hätte der 9000er nicht die tolle Anniversary Ausstattung und die W-Fahrgestellnummer des letzten Jahrgangs – er wäre nicht im Hangar gelandet.

Unser Saab Hangar. Anna ist in den letzten 12 Monaten nach hinten gewandert.
Unser Saab Hangar. Anna ist in den letzten 12 Monaten nach hinten gewandert.

Ausserdem spielt die fortgeschrittene, positive und nicht behandelbare Infektion mit dem Saab Virus eine Rolle. Sieht man ein entsprechendes Auto,  ist bereits alles zu spät, Gegenwehr ist sinnlos…. Zurück zu Anna: Der Pflegezustand ist mies, Rost nagt am Scheibenrahmen, der Wartungsstau hat das Prädikat „bemerkenswert“, die Karosserie prägen Nahkampfspuren. Aber wir werden aus einem vergammelten Saab ein richtig gutes Auto machen. Oder?

Im Sommer 2014 erinnere ich mich wieder an den Saab, der mittlerweile ganz hinten im Hangar steht. Die Zeit ist reif für eine detaillierte Bestandsaufnahme. Fangen wir außen an: Der Lack sieht schlecht aus, ist aber rettbar, 90 % der Dellen sollten zu beseitigen sein. Eine der hinteren Türen hat eine fiese Einkerbung, da hilft nur Spachteln und Lackieren. Die Scheinwerfer haben seit 1998 so viele Steinschläge abbekommen, dass sie getauscht werden sollten. Eine hintere Rückleuchte hat einen Riss, also weg damit.

Die Technik sieht schlimmer aus. Die Dichtung der Nockenwelle dichtet nicht mehr, Poly-V-Riemen und Rollen sind am Ende. Das Kühlwasserthermostat hat den Dienst eingestellt, die Querlenker-Lager sind ausgeschlagen, am Abgaskrümmer ist ein Bolzen abgerissen. Die Bremsen benötigen Aufmerksamkeit, sämtliche Flüssigkeiten sind jenseits von gut und böse, die Zündkerzen sowieso.

Im Innenraum hängen die Sonnenblenden, die Stellmotoren der Klima sind defekt, die Klimaanlage muss mindestens neu befüllt werden. Die Sitzheizung der Fahrerseite ist ohne Funktion, das Leder der Vordersitze ist ungepflegt und verhärtet, die Zentralverriegelung funktioniert nur sporadisch. Der Innenraum steht vor Dreck, irgendwelche Klebereste besiedeln das Armaturenbrett, und so weiter.

Die Liste wird lang und länger, frustrierend ! Da ist auch noch der Frontscheibenrahmen mit dem Rost… Ein langer Weg liegt vor uns, so viel ist klar. Nur, was soll man tun? Auf der Habenseite buchen wir eine gute Karosserie, sieht man vom Scheibenrahmen ab. Bekannte Historie, ein rares, unfallfreies Auto. Gute 9000er werden selten, also gibt es einen Plan…

Der 9000 wird vom schlimmsten Schmutz befreit…es ist interessant,  was sich in Autos alles findet. Von DM Münzen über historische Knöllchen für falsches Parken bis hin zu steinzeitlichen Kaubonbons ist alles drin. Dann werden die Sitze ausgebaut und der Fahrersitz – nach meiner Meinung durchgesessen – geht zu Sattler, der allerdings den Sitz für gut befinden wird und mit einem neuen Abnäher für kleines Geld alles wieder in seine Form bringt.

Während wir an den Anniversary-Sitzen arbeiten,  soll Anna zum Karosseriebauer gehen, der sich um den Rost am Scheibenrahmen kümmern will. Doch so weit kommt es nicht. In einem Telefonat mit Markus Lafrentz sprechen wir über Anna; er bietet an,  das Projekt in Kiel über den Winter auf einen guten Status bringen zu wollen. Im Hinblick auf die lange Technikliste und die fehlende Zeit sage ich nach kurzem Überlegen zu.

Okay, eine Teilrestauration in einer weit entfernten Werkstatt durchführen zu lassen,  erfordert Vertrauen. Man kann nicht eben mal in Kiel vorbei schauen, wenn man 650 Kilometer Wegstrecke hat. Und ich kenne etliche Saab Fahrer, die ihren 900 in das europäische Ausland gaben, und vom Ergebnis der Arbeiten bitter enttäuscht wurden.

Das Vertrauen in das Kieler Saab Team ist da, man hat mich mit meinem 9-5 NG immer sehr gut und sehr fair behandelt. Die Entscheidung fällt, Anna wird in den Norden geschickt. Vorher müssen aber erst die Sitze zurück in den Saab, der 9000 Anniversary soll in Kiel auch seine TÜV Abnahme bekommen.

Sprechen wir über Leder ! Leder ist ein Naturprodukt, auch wenn man es bei manchen jüngeren Modellen von Saab anzweifeln kann. Beim 9000 ist das Produkt noch über jeden Zweifel erhaben, 9000 und 900 haben das wertigste Leder der Saab Historie. Wird Leder nicht gepflegt, verhärtet es. Es verliert die Geschmeidigkeit, kann im schlimmsten Fall Risse bilden. Die Sitze von Anna sind ein Grenzfall. Beim Fahrersitz überlege ich kurz den Tausch der vorderen Ledereinlage durch den Sattler, lasse das aber auf sein Anraten sein. Man würde, so sagt er, den Unterschied zu deutlich sehen.

Um dem Leder etwas Geschmeidigkeit zurückzugeben,  bietet sich Elefantenfett an. Nichts für Hektiker – die Prozedur erfordert Geduld. Nach der gründlichen Reinigung der Sitze, die Mittel kommen wie immer vom Lederzentrum, wird die betreffende Fläche mit synthetischem Elefantenfett behandelt. Das Fett bekommt ein paar Tage Zeit zum Einziehen, die Prozedur wird mehrmals wiederholt. Nach jedem Vorgang wird überschüssiges Fett abgewischt.

Die Vorgehensweise hilft, und Fahrer- und Beifahrersitz gewinnen ihre Schmiegsamkeit zurück. Den Rest der Reparatur erledigen Bürste, Schleifpad und Ledertönung in Originalfarbe. Die Anniversary-Sitze kommen zurück in den Saab, ebenso das Lenkrad,  das beim Sattler einen neuen Lederbezug bekommen hat.

An einem Winterabend ist es soweit. Ein Autotransporter steht vor der Türe. Anna wird verladen, der Fahrer findet Saab stark, bedauert dass es die Marke nicht mehr gibt. Was mit dem 9000 passiert, will er wissen. Er soll repariert werden und zurück auf die Straße, antworte ich. Das findet der Trucker gut. Es sind schon sympathische Menschen unter den LKW Fahrern, denke ich.

Im nächsten Teil geht es ans Eingemachte, sprich:  an den rostigen Scheibenrahmen. Das wird dramatisch !

12 Gedanken zu „Saab 9000 Anna Projekt (Part 2)

  • Herrlich.. Ich liebe 9000 und freue mich auf den nächsten Bericht!

  • Das eingeprägte Flugzeug-Enblem sieht schon stark aus…

    Bin auch schon auf den nächsten Teil gespannt, wenn der sich ebenso amüsant liest 🙂 Steinzeitliche Kaubonbons… da kann man ja froh sein, dass die Klebereste nicht auf der Rückbank sind 😀

  • Bitte keine weiteren Berichte mehr zu diesem Thema. Meine Versuche, diese einfach nicht zu lesen sind bisher alle kläglich gescheitert, man überspringt nicht mal eben schnell einen Titel auf Saabblog.
    Die Zeiten in denen ich glaubte, jederzeit mit dem Lesen aufhören zu können, lange vorbei.

    Warum keine weiteren Artikel?
    Ganz einfach:
    Der Drang, mir selber einen 9000er zuzulegen wird immer stärker, wurde bisher aber immer mit den Argumenten der Familienplanung, fehlender (günstiger) Garagenstellplatz in der Nähe (ach wie schön war das Leben in der Kleinstadt, wo man auch mal für 5€ im Monat einen TG-Stellplatz mieten konnte…) zurückgedrängt. Groß Ahnung habe ich von diesem Modell auch nicht, müsste mich also Mühsam einlesen. Dann kommt noch hinzu, dass man so einen großen Langstreckenbomber nicht in der Garage versauern lässt.
    Der 9-3 II hat in den letzten 4 Jahren keine 7000 Kilometer zurückgelegt, kommt fast nur am Wochenende aus der Höhle. U-Bahn dominiert meinen Alltag.

    Mein Herz blutet.

    • Lieber Daniel, nichts läge mir ferner als 9000er Begeisterung wecken zu wollen 😉 . Part 3 wird richtig grausam, ab Part 4 wird es gefährlich…

      • Bin gespannt; warte ab, und werde alles vom A bis Z lessen 🙂

  • Wer 2012 oder 13 kaufte hatte wohl den richtigen Riecher. Mittlerweile gibt es ja nur noch teuer oder Schrott. Nicht jede Ruine ist es wert gerettet zu werden, das Anna Projekt liegt aber richtig. Einen Anni, wer will den nicht?

    • Hinzu kommt, dass sich die Teilesituation für die 9000er in letzter Zeit extrem verschlechtert hat. Damit meine ich weniger die Technik, sondern Inneneinrichtung und Anbauteile. Ersatz für eine explodierte Heckblende (die sind durch UV sehr spröde) ist kaum noch aufzutreiben, ansehnliche Ledersitze gibt es altersbedingt auch nicht mehr, ebenso Holzarmaturen … u.s.w. Ich habe etwa zwei Jahre gebraucht, bis ich für meinen Joe die Wunschliste abgearbeitet hatte. Wenn ich mir heute die einschlägigen Portale ansehe, sind die regelrecht abgeräumt. oder eben auch voll Schrott.
      Aber wenn der 9000 fertig ist, genießt man und gibt ihn nicht wieder her… 🙂 .

      • Leider ist das richtig. Binnen Jahresfrist wurden viele spezifische 9000er Teile in Schweden für wenig Geld verkauft, um jetzt nicht mehr lieferbar zu sein. Die Heckblende ist nur ein Beispiel. Die Preise waren weit unter dem regulären VK, inklusive Saab/Scania Logo. Nachfertigung? Sehe ich nicht. Manche Dinge sind unverständlich.

        • Aber sich in Orio umbenennen (wie beknackt ist das denn?) und lieber für Dritte verkaufen. Was aber auch nicht geschieht, oder? Stattdessen gäbe es genug Projekte für Saabs, und genug Verrückte, die das Zeug kaufen würden, auch. Bristol verdient sein Geld auch mit Restaurierungen.

  • Der 9000 ist einer der schönsten SAABs. Jedes Mal wenn ich einen sehe, es fahren in unserer Region noch einige gepflegte Exemplare rum, klopft das Herz. Wir haben unseren zu früh und zu schnell gegen einen 9-5 I getauscht.
    Heute tut es mir leid, ich spiele immer mit dem Gedanken einen zu kaufen und zu restaurieren. Ist wohl was, was einen nicht mehr loslässt wenn man mal einen 9000er hatte. 🙂

  • Ich kann mich nur meinen Vorgängern anschließen. Der Saab 9000 lässt mich nicht los.
    Ist jetzt mein dritter Saab nach 95 2.2 tid gehirscht, dann 95 Aero- fehlt die Liebe zum Detail und jetzt dann ein scarabäusgrüner 9000er mit Pamirlederausstattung.
    Ist ein 92er CSE mit guten Pflegezustand und Potential.
    Hab ihn im Frühjahr dezent umbauen lassen mit lackierten Spoiler und Seitenschwellern vom Aero und Stoßstangen wurden auch unten mit lackiert.
    Das Ergebnis ist genial- das Auto ist so stimmig. Und mit Liebe zum Detail!
    Und der originale Sound vom 2.3 – 16 ohne Turbo ist genial- es brabbelt.
    Original Auspuffanlage von 92, nur das Flexrohr ist neu.
    War dieses Jahr damit in Kroatien- nonstop nach Hause- Rückenschmerzen.?
    Nicht mit den 9000er. Er fährt und fährt.
    Gelängte Steuerkette- nicht mit mir.
    Verbrauch – 7.7 Liter.
    Jeder der mitfährt ist vom Platz begeistert und um Welten besser als im 95.
    Zum Glück ist er Ein Geheimtipp- sonst hätte ihn jeder.

    P.S. Saab Logo auf beiden Spiegeln und auf Beifahrerseite in Spiegelschrift- das ist cool!!!

    Daniel

    Würde auch gern meinen Saabbericht schreiben- wohin?

    • Saab Berichte sind immer herzlich willkommen. Mail an tom (ät) saabblog.net. Glückwunsch zum genialen 9000er!

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