Transatlantiker

Die Wurzeln der Marke Saab und des Werks liegen im Bau von Flugzeugen. Die inspiriertesten Cockpits findet man im Saab 9000 oder – als letztes Vermächtnis –  im Saab 9-5 NG. Das verdirbt einen für andere Fahrzeuge, die nur Autos und keine erdgebundenen Flugzeuge sind. In der Luft unterwegs war trotz aller Aeronautik kaum ein Fahrzeug aus Trollhättan. Bis auf diesen hier.

Saab 9-5 NG, US Version
Saab 9-5 NG, US Version

Es wird diesmal eine längere Geschichte, die in drei Ländern und auf zwei Kontinenten spielt  und uns in eine Zeit zurück bringt,  als in Trollhättan noch wirklich Autos gebaut wurden.

Trollhättan, Südschweden, August 2010.

Nach den Werksferien startet in der Stallbacka die Produktion des Modelljahrs 2011. Zum ersten Mal läuft die Saab 9-5 NG Limousine mit einer Karosserie aus dem eigenen Presswerk  vom Band. Darunter ist in den ersten Tagen eine Saab 9-5 Bio Power US Limousine in Vector Ausstattung, die es so bisher nicht gegeben hat.

Sie unterscheidet sich in einigen Details von dem, was für Kunden in Nordamerika üblich ist. Diese werden von Saab nicht wirklich mit Ausstattung und Innovation verwöhnt, wenn sie keinen 6-Zylinder im Aero Trim kaufen. Jetzt aber schickt man sich in Schweden an,  das zu ändern. Statt des regulären Monochrome-Displays im Tacho hat die Limousine ein Colordisplay, 6-Gang Handschaltung statt Automatik, und die neuen Hella SmartBeam Bi-Xenon Scheinwerfer an Bord.

In den folgenden Monaten bewegen Saab Testingenieure die große Limousine durch Schweden, aber nicht allzu ausgiebig, denn am Ende werden nur 13.000 Kilometer auf dem Tacho stehen.

Die Situation von Saab ist nicht einfach in diesen Tagen. Der kleine Hersteller ist nur auf dem Papier unabhängig. Alles,  was man in Schweden in Sachen Saab 9-5 macht, benötigt die Genehmigung von GM. Die Amerikaner sind sehr restriktiv, und das mit Grund. Der Saab 9-5 ist technologisch den Produkten aus dem restlichen Konzern voraus. Buick und Insignia werden erst mit dem großen Facelift Jahre später auf vergleichbares Niveau gebracht. Der 9-5 als Technologieträger…jahrelang hatte Saab um diesen Platz in der Hirachie gekämpft. Am Ende, wo alles fast vorbei war, hatte man die Position. Aber um welchen Preis ! In Detroit wacht man über den 9-5 und will Technologietransfer nach China um jeden Preis verhindern. Die Lizenzverträge für die Limousine und den kommenden Sportkombi sind Knebelverträge.

Jede neue Saab 9-5 Variante benötig die Genehmigung von GM und muss konform mit den erteilten Lizenzen sein. Am 1. April 2011, die Bänder in der Stallbacka stehen mittlerweile still und Victor Muller diagnostiziert eine morgendliche Erkältung, geht es für unseren Saab auf die Reise über den Nordatlantik. Die 9-5 Limousine verlässt die Stallbacka, wird nach Landvetter gebracht.  In einem LKW der Lufthansa Cargo, nicht im Flugzeug, verabschiedet sie sich von Schweden. Es geht nach Frankfurt am Main, von wo aus der Saab am 8. April mit einer McDonell Douglas MD-11 in Richtung Chicago abhebt.

Michigan USA, April 2011.

Von Illinois aus geht die Reise zum Milford Proving Ground in Michigan, wo GM Ingenieure den 9-5 begutachten sollen. Milford ist ein imposantes Testgelände, welches direkt an Yuma Proving Grounds anschliesst.  Yuma ist das größte Militärgelände der Welt  und eine riesige Flugverbotszone für die zivile Luftfahrt; einer der Gründe,  warum GM dieses Gelände vom Militär gemietet hat. Auf dem Testgelände wird der Saab begutachtet. Als besonderes Interesse ist vor allem das Colordisplay im Tacho vermerkt. In den Begleitpapieren ist festgehalten, dass es  nur um eine Inaugenscheinnahme geht. Was nach Milford Proving Ground passiert ist unklar, die Dokumente dazu sind verloren gegangen.

Man könnte davon ausgehen, dass die Geschichte irgendwo in Nordamerika enden würde. Vielleicht in einem Händler-Showroom, oder im schlechteren Fall beim Autoverwerter. Aber das Unerwartete passiert, die Saab 9-5 Vector Limousine kommt zurück nach Schweden. Der Zeitpunkt ist unsicher, ebenso durch wen. Hat die Saab Automobile AB die Limousine zurück geholt oder waren es die Insolvenzverwalter, die weltweit Fahrzeuge einsammelten? Was ab Sommer 2011 bis zum erneuten Auftauchen  drei Jahre später passiert, ist nicht in Erfahrung zu bringen. Dann erscheint der Saab plötzlich auf der Bildfläche…

Kiel, Deutschland. Frühsommer 2014.

In Schweden steht eine außergewöhnliche Saab 9-5 Vector Bio Power Limousine zum Verkauf. Wenige Kilometer und – für eine US Version mehr als merkwürdig –  mit Handschaltung.

In Deutschland sind wir immer auf der Suche nach Saab 9-5 NG Limousinen, der Markt gibt weniger her als gewünscht. Kaum steht der große Saab in einem Portal zum Kauf, klingelt  auch schon mein Telefon. Markus Lafrentz hat den Saab entdeckt, erzählt mir von der ungewöhnlichen Ausstattung. Die VIN identifiziert die Limousine als normales Serienauto, keine Vorserie, also gibt es keine Bedenken. Er kauft den 9-5 und organisiert den Transport nach Deutschland.

Zur gleichen Zeit sind in Südhessen Saab Fans auf der Suche nach einer Saab 9-5 NG Limousine. Sie fahren mehrere Fahrzeuge zur Probe, sind aber nie ganz glücklich mit Farbwahl oder Ausstattung. Einige Tage später sind sie bei mir zu Besuch und erfahren von dem Fahrzeug, das Markus im Zulauf hat. Farbe, Ausstattungsumfang und Motorisierung stimmen, der Saab wird unbesehen bestellt. Eine gute Entscheidung !  Aber noch ahnt niemand im Ansatz, um was es geht und was in den nächsten Tagen in Göteborg der Fähre nach Deutschland anvertraut wird…

Erst als die Schwedenfähre in Kiel anlegt, der 9-5 von Bord rollt, wird allen Beteiligten langsam klar, dass hier ein Einzelstück  mit Saab Historie gelandet ist. Aufkleber von Milford Proving Ground an den Fenstern geben den ersten Vorgeschmack, im Handschuhfach findet Markus Lafrentz die übrigen Dokumente. Steht vor uns ein Saab,  der in eine Sammlung gehört, oder soll man den Schweden wirklich in den Strassenverkehr entlassen? Für eine Diskussion darüber ist es zu spät. Der Wagen ist bereits verkauft und wird umgerüstet. Tacho und Navigation werden auf deutsche Versionen umgebaut, statt der Vector Front wird auf Kundenwunsch eine Aero Optik montiert. Alle Komponenten könnten zurückgerüstet werden, falls es später einmal gewünscht wäre. Das als Beruhigungspille für die Bewahrer der Saab Geschichte.

Nachdem Kiel die Umbauten erledigt hat,  bekommt der Saab seine deutsche Zulassung. Er ist jetzt in Südhessen unterwegs und in sehr guten, sehr Saab-verückten Händen. Ich könnte mir keine besseren Besitzer vorstellen. Und weil er ein Einzelstück mit gewissem Wert ist, veröffentlichen wir keine Bilder mit Kennzeichen. Alles gut? Wie immer bei Saab sind Glück und Drama eng miteinander verflochten. So wie bei jeder großen Nordland Saga, so gibt es auch hier eine traurige Geschichte im Hintergrund.

Irgendwo im Västragötland, Schweden. Herbst 2014.

Unser Saab 9-5 NG, der Transatlantiker, ist 2011 vermutlich nicht alleine über den Nordatlantik geflogen ist. Es gibt einen Zwilling, nicht eineiig allerdings ! Farbe, Ausstattung und Motorisierung sind identisch. Statt 6-Gang Handschaltung hat er Automatik, zusätzlich noch den adaptiven Abstandsradar. Auch er kam zurück nach Schweden. Die Heimat brachte ihm kein Glück. Er landete nicht in einer Halle, sondern auf einem schwedischen Schrottplatz. Nur 17.000 Kilometer auf dem Tacho, traumhafte Ausstattung. Mittlerweile fehlt die Frontscheibe, die offene Wunde lässt Regen und Laub in den Innenraum. In Schweden werden immer noch Werte einer großen automobilen Vergangenheit vernichtet. Es ist zum Weinen, aber für diesen Saab ist es zu spät. Herbst und Winter werden für das Ende sorgen.

Warum hat der Transatlantiker überlebt, der Zwilling nicht? Vielleicht war es die manuelle Schaltung, die bei einer oberflächlichen Vorauswahl dafür gesorgt hat,  dass der 9-5 als vermeintliches Europa-Modell beiseite gestellt wurde, während die US Version mit Automatik daran glauben musste. Wahrscheinlicher wurde ihm der Abstandsregeltempomat zu Verhängnis. Eine Option für das Modelljahr 2012, die niemals in den Verkehr kommen sollte.

Darf man ein Saab Einzelstück, mit dieser Historie im Hintergrund, überhaupt im Alltag bewegen? Oder sollte er in einer Sammlung verschwinden ? Ich finde man sollte ihn fahren, denn dafür wurde er  gebaut. Autos müssen bewegt werden. Was denken die Leser darüber?

Darf man ein Saab Einzelstück im Alltag fahren?

  • Ja, auf jeden Fall! (87%, 362 Votes)
  • Nein, Saab Historie muss konserviert werden! (13%, 56 Votes)

Total Voters: 418

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10 Gedanken zu „Transatlantiker

  • 17. November 2014 um 11:07 AM
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    Traumhaftes Auto, sehr traurig, dass GM ihn zu früh sterben ließ.

  • 17. November 2014 um 11:27 AM
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    Welch ein toller Wochenbeginn! DANKE für diesen hinreissend zu lesenden Artikel, Tom! Wieder einmal eine SAAB-Story PUR. 🙂 Möge der SAAB den Besitzern weiterhin viel aktive Freude bereiten !!!

  • 17. November 2014 um 11:40 AM
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    Die coolste SAAB Saga der letzten Wochen. Danke dafür!

  • 17. November 2014 um 12:12 PM
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    Respekt. Wenn Enthusiasmus Blüten in Form socher Beiträge treibt, darf man danken. Jedoch frage ich mich, wielang man diesen Enthusiasmus aufrecht erhalten kann. Letztlich sind es auch nur Autos.

  • 17. November 2014 um 12:14 PM
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    Tolles Artikel.
    Wieder einem Beweis das GM nicht wollte das Saab sich als besseres Auto zeigte. Wir Saab fahrer wissen aber besser. Ich wuerde niemals meinem Saab fuer einen GM Produkt wechseln.
    Hoffe das ich diese Saab mal in Hessen sehe :-).

  • 17. November 2014 um 12:58 PM
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    Das lachende und weinende Auge. Aber so etwas sind Geschichten die nur Saab schreiben kann.Man freut sich mit und man leidet mit. Klasse Artikel.

  • 17. November 2014 um 1:31 PM
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    Hallo Tom !

    Toller Bericht bin echt gerührt und froh dieses Auto zu fahren … Ich bin froh dieses Auto gekauft zu haben und dank deiner Probefahrt mit deinem Auto habe ich mich noch mehr verliebt ( Auto wurde ja ohne Probefahrt gekauft). Dieses Auto ist einfach toll. Am Wochenende hat sich eine Freundin ins Auto gesetzt und fragen nur ” ist das ein Flugzeug”? Oder was? 😀 ich sagte saab aber sie hat es noch nie gehört ..

    Tolle Gemeinschaft unter uns Saab Fahrern. Ich bewege das Auto täglich und genieße jeden Kilometer. Es ist einfach nur schön

    Danke Tom für den tollen Artikel und deine Hilfe!

    Saabige grüße aus Frankfurt

    • 17. November 2014 um 3:11 PM
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      Ist ja auch wirklich toll und mit einer ganz besonderen Geschichte im Hintergrund. Da macht Saab-schreiben Freude 🙂

  • 17. November 2014 um 5:21 PM
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    Es ist einfach unbegreiflich warum das Schwesterchen oder Brüderchen
    auf dem Schrottplatz gelandet ist. Können diese Leute nicht rechnen oder haben diese so viel Geld, daß tausende Euro einfach weggewor-
    fen werden?
    Dieser Saab hätte sicher und rasch einen Käufer, mit dieser (Sicher-heits)-Ausstattung, gefunden.
    Herzliche Grüße an Dich lieber Tom.

    • 17. November 2014 um 5:28 PM
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      So traurig das der Bruder stirbt… Aber dafür lebt meiner und wird gehegt und gepflegt

Kommentare sind geschlossen.