Rückblick: Gewinner & Verlierer

Vor einem Jahr ging Saab Automobile CEO Victor Muller seinen schweren Gang nach Vänersborg. Der Konkursantrag war das vorläufige Ende für den Fahrzeugbau in Trollhättan. 12 Monate später ist es die Gelegenheit, nach Gewinnern und Verlierern in diesem sehr schwedischen Drama zu suchen. Die Resultate sind erstaunlich…es ist ein langer Artikel.

Verlierer: Trollhattan
Verlierer: Trollhattan

Verlierer: Trollhättan

Ganz oben auf der Verliererliste steht die Stadt am Göta Älv. Der Verlust des größten Arbeitgebers war nicht aufzufangen, und der Wegfall von 3.500 Arbeitsplätzen ist ein schlimmer Aderlass. Junge und hochqualifizierte Mitarbeiter sind mittlerweile erneut in Lohn und Brot. Aber die Älteren, die in der Montage beschäftigt waren, haben keine Perspektive. Aktuell laufen Umschulungen zum Alten- und Krankenpfleger. Nach 30 Jahren Saab, mit Benzin im Blut, als Mitarbeiter einer stolzen Firma mit Weltruf ab in einen Pflegeberuf. Wie Mann oder Frau sich dabei fühlen, können wir nur erahnen…

Für Trollhättan gab es 2012 einen „Double Dipp“. Der zweitgrößte Arbeitgeber vor Ort, Volvo Aero, wurde verkauft und entlässt seitdem permanent Mitarbeiter. Der neue britische Eigentümer trimmt das Unternehmen gnadenlos auf Effektivität, und Trollhättan hat die höchste Arbeitslosenquote Schwedens.

Macht einfach Spass: Saab fahren.
Gewinner: Macht einfach Spass – Saab fahren.

Gewinner: Die Saab-Fahrer

Es gibt keine Neuwagen mehr, das ist richtig. Aber das war in den langen Monaten vor der Insolvenz schon so. Hatte jemand ernsthaft für dieses Jahr mit neuen Saabs gerechnet? Doch wohl eher nicht. Wenn wir dennoch Saab-Fahrer auf der Gewinnerseite sehen, dann hat das zwei Gründe. Die Ersatzteil- Versorgung hat sich seit Dezember 2011 permanent verbessert und ist auf einem sehr hohen Niveau. Insider sprechen von einer Verfügbarkeit von 94 %, was Flurfunk und kein offizielles Statement ist. Gleichzeitig haben andere Unternehmen Saab-Fahrer als ihre Zielgruppe entdeckt, so dass auf dem Ersatzteilmarkt ein interessanter Wettbewerb entstehen wird.

Saab ist jetzt endgültig Kult, und mit einem Saab vorzufahren, ist einfach cool. Die Preise für gute Saabs aus Vorbesitz steigen. Gepflegte Fahrzeuge mit einer schönen Ausstattung sind gesucht. Steht dann noch „Aero“, „Bio Power“ oder „Turbo X“ auf dem Fahrzeug oder ist es ein Cabriolet, dann ist der Werterhalt garantiert. Saabs sind ungewöhnlich wertstabil, was uns zu einem feinem Lächeln verleiten sollte, wenn der Kollege mit seinem neuen Ingolstädter stolz neben uns parkt. Der ist dagegen die reine Geldvernichtungsmaschine.

Verlierer: Rachel Pang
Verlierer: Rachel Pang

Verlierer: Lotus Youngman

Nach Trollhättan der Verlierer überhaupt. Viel Geld investiert und die Beute fast schon in sicheren Händen. Und dann dieses Desaster ! Die Chinesen waren wiederholt nahe dran, sind aber immer wieder an sich selbst gescheitert. Mal konnten sie nicht, mal durften sie nicht, denn immer wieder stand der große Bruder aus Peking bremsend hinter Rachel Pang und ihrem Vater.

Was ist geblieben? Ein großer Imageverlust, ein netter Millionenbetrag, den man verloren hat. Dafür hat man ein paar Teile der Phoenix Plattform als Pfand erhalten. Dazu verlorene Monate, die viel Arbeit ohne Ergebnis gebracht haben. Jetzt geht die Lotus Youngman Story weiter. Mit Victor Muller. Alles kann nur noch besser werden.

Victor Muller
Victor Muller, er ist zurück.

Gewinner: Victor Muller

Muller ist einfach unglaublich. Nach dem Konkursantrag im Dezember hätte wohl kaum einer auf den ehemaligen Saab CEO gewettet. Muller nach 12 Monaten zurück auf der Gewinnerseite? Die Wettquote hätte ich sehen wollen !  Erst war es ruhig um ihn, dann holte er die Spyker Produktion aus England nach Holland zurück. Einigte sich mit seinem Freund Antonov und den Konkursverwaltern.

Mittlerweile wird er immer wieder in Trollhättan gesehen. Was er dort will? Wir wissen es nicht. Er geht durch die Straßen und wird mit „Hej Victor“ begrüßt. Keiner ist böse, denn Muller – so meint man – hat es immerhin versucht. Kann man jemandem wie Muller überhaupt böse sein? Er ist eben ein total verrückter Holländer, der jetzt mit Lotus Youngman seinen nächsten Deal einfädelt. Für eigentlich recht wenig Gegenwert hat er sein Konto und das von Spyker mit über 30 Millionen € gefüllt. Muller ist das Comeback des Jahres !

Verlierer: Vladimir Antonov. Vertrieben aus dem Disneyland fuer große Jungs.
Verlierer: Vladimir Antonov. Vertrieben aus dem Disneyland fuer große Jungs.

Verlierer: Vladimir Antonov

Der Russe war mit großen Ambitionen gestartet und arbeitete daran, sich ein automobiles Disneyland zu schaffen. Spyker, Saab, dann die Wiedergeburt von Jensen. Dazu ein eigenes Rennteam und jede Menge Spaß. Natürlich musste es auch noch die World Rallye Championship sein. Dann der Absturz. Der Vorwurf der Geldwäsche…sie konnte nie bestätigt, aber auch nie wirklich entkräftet werden.

Antonov ist ein Gewächs des neuen Rußlands. Nicht alles Geld, was dort verdient wird, gilt nach unseren Regeln als sauber. Das war in Deutschland nach 1945 ähnlich, nur fragte keiner nach. Antonov ist dies zum Verhängnis geworden. Seine Banken verstaatlicht, der Russe kurze Zeit hinter schwedischen Gardinen. Er ist wieder auf freiem Fuss, aber seine großen Träume sind geplatzt.

Saab Parts AB Nyköping
Gewinner: Saab Parts AB Nykoeping

Gewinner: Saab Parts AB

Am historischen Saab Stammsitz in Nyköping werden zum Jahresende die Sektkorken fliegen. Der Schritt in die Unabhängigkeit ist geschafft, der finanzielle Aderlass mit Krediten an die insolvente Mutter ist Vergangenheit. Dazu das internationale Vertriebsnetz gesichert, die Lieferkette wiederbelebt. Das Saab Helpdesk in Trollhättan hat Jobs am ehemaligen Produktionsstandort gerettet. Erfolgreiche Tochtergesellschaften wurden auf allen wichtigen Märkten etabliert. In den Köpfen der Markenfans hat man erfolgreich den Platz der ehemaligen Konzernmutter eingenommen. So sieht eine Erfolgsgeschichte aus !

Für die Zukunft ist man gerüstet, interessante Perspektiven bieten sich. Denn als Distributions-Spezialist im Autosektor ist man interessant für andere Marken. Vieles ist möglich, wenn man weiter alles richtig macht. Denn der Mitbewerber steht bereits in den Startlöchern und möchte auch ein Stück vom Kuchen.

Verlierer: GM
Verlierer: GM

Verlierer: GM

Zu den Verlieren gehören die Amerikaner. Denn sie haben sich, als es um die Lizenzierung der Produkte an mögliche neue Eigentümer ging, einfach ungeschickt angestellt. Mit dem Ableben von Saab haben sie einen OEM Kunden und Lizenzpartner verloren. Neue Produkte wie der 9-4x und der 9-5 Sportkombi konnten nicht in Produktion gehen und keinen Ertrag abwerfen. Hätte man Saab eine erfolgreiche Zukunft gegönnt, wäre man mit jährlich steigenden Lizenzgebühren belohnt worden. Aber wie es halt in Detroit so üblich ist:  es zählt das Quartalsergebnis und nicht die langfristige Perspektive.

Vom Imageverlust ganz zu schweigen. Aber vielleicht ist das egal, wenn der Staat Großaktionär ist und wenn man mit Steuergeldern am Leben gehalten wird.

Gewinner: Saab Partner die ihre Chance genutzt haben.
Gewinner: Saab Partner die ihre Chance genutzt haben.

Gewinner: Traditionelle Saab-Partner

Ein Jahr nach dem schwarzen Tag gehören sie zu den Gewinnern. Die langjährigen Saab-Händler, die ein neues Geschäftsmodell erkannt haben. Statt Neuwagen gibt es jetzt Kult-Schweden aus Vorbesitz. Diese werden aufbereitet und verkauft, als ob es Neuwagen wären. Oder man restauriert Saab Young- und Oldtimer.

Partner, die das rechtzeitig erkannt haben, freuen sich über volle Werkstätten und Auftragsbücher. Der Druck der Neuwagen-Abnahmeverpflichtung ist weg. Die Margen bei den Gebrauchten sind gesund und garantieren ein langfristiges Überleben. Dass aus Saab Kult wird, spüren diese Betriebe an der Basis. Sie gehören zu den Gewinnern, auch wenn sie bei aller Freude von einem Problem gequält werden: wo bekommen wir Autos her? Denn es gibt zu wenige gute Saabs für zu viele Interessenten.

Verlierer: GM Partner
Verlierer: GM Partner

Verlierer: GM-Partner

Da gibt es diese Autohäuser, die Saab nie verstanden haben. Weder die Marke, noch die Kunden. Gut, es gibt Ausnahmen, aber die sind rar. Die meisten Autohäuser mit dem gelben Outfit konnten den Saab-Greif nicht schnell genug vom Dach holen. Die Saab Kunden sollten, so der Plan, in den Insignia umsteigen. Wenn schon kein 9-5 II, dann wäre doch der große Opel die Alternative.

Heute, 12 Monate später, wissen wir, dass der Plan nicht funktionierte. Nach Leasing-Ende kamen die Saab Kunden, gaben artig ihre Schlüssel und ihr Fahrzeug ab und wechselten nicht nur die Marke, sondern auch das Autohaus. Oder sie kauften ihren Schweden der Leasinggesellschaft ab und fahren heute noch Saab.

Dass Saab-Kunden so ihrer Marke verbunden sind, damit hat man nicht gerechnet. Im Laufe des Jahres 2012 wurde dann mancher voreilige Fehler noch korrigiert. Ein Servicevertrag mit der Saab Parts geschlossen und das Saab Schild erneut auf das Dach gehoben…

Leannova. Saab Wissen fuer andere Hersteller
Gewinner: Saab Wissen von Lean Nova fuer andere Hersteller

 

Gewinner: Jaguar – Land Rover

Überraschung? Nach dem Saab Konkurs fanden die Saab Ingenieure sehr schnell neue Arbeitsplätze in Start Up-Firmen, die teilweise vom Staat unterstützt wurden. Diese Unternehmen laufen gut und wachsen kräftig. Schweden mit den Regionen Göteborg-Trollhättan und Stockholm hat die höchste Ingenieursdichte in ganz Europa, nur der Großraum München ist vergleichbar. Für wen arbeiten die besten Ingenieure Europas ?

Es ist nicht Volvo, es sind auch nicht die Chinesen. Die Engländer haben die schwedische Autoindustrie gerettet, und je nach Quelle fließen zwischen 33 % bis zu 50 % schwedischer Ingenieurleistung zu Jaguar – Land Rover. Damit sind die Briten unsere Überraschungsgewinner.

Verlierer: Hans Bergqvist
Verlierer: Hans Bergqvist

Verlierer (vorläufig): Anne-Marie Pouteaux und Hans Bergqvist

Wer mit hohen Ansprüchen startet, der muss sich daran messen lassen. Sehr ambitioniert waren Anne-Marie Pouteaux und Hans Bergqvist angetreten, um Saab aus der Insolvenz zurück an den Markt zu führen. „Wir wollen Saab in eine sichere Zukunft entlassen“ verkündete man. Erst kamen wöchentliche Pressekonferenzen, dann kam gar nichts mehr. Fast der gesamte Autoadel gab sich in Trollhättan die Klinge in die Hand.

Das Ergebnis? Viel Arbeit, hohe Kosten. Vielleicht doch eine kleine Quote für die Gläubiger. Ein Minimalergebnis bei maximalen Ambitionen. Denn das eigentliche Ergebnis trägt den Namen „NEVS“. Der Flop des Jahres 2012, und bis zum Beweis des Gegenteils sind Anne-Marie Pouteaux und Hans Bergqvist die moralischen Verlierer 2012.

Die Liste könnten wir weiter fortsetzen. Aber die eigentlichen Gewinner sind wir !  All die, die Saab treu geblieben sind und in der ersten Aufregung den Kult-Schweden nicht verkauft haben. Oder die, welche neu mit dem Saab-Gen infiziert wurden. Wir steigen jeden Morgen in wunderbare Autos, freuen uns über den Turboschub, die tolle Ergonomie und wissen unsere Familie sicher unterwegs.

Dass wir mit unseren Understatement-Autos aus Schweden auch noch höllisch viel Spaß haben, darüber brauchen wir nicht zu schreiben. Das wissen wir selbst am besten. Jeden Tag ! Mit einem Lächeln auf dem Gesicht !

Text: tom@saabblog.net

Bilder: Delphi (1), Saab Automobile AB (1), Svenska Radio (1), oliver für saabblognet (1), saabblog.net (5), GM

10 Gedanken zu „Rückblick: Gewinner & Verlierer

  • Sehr gut und interessant, Tom. Ich weigere mich doch, mich Gewinner zu nennen. Lächeln von mir die etwas mit Saab zu tun haben sind echte Raritäten.

    Freundliche Grüße aus Schweden

  • Danke für die komplette Zusammenfassung! Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen!

  • Tom sehr gut geschrieben was in den letzten 12 Monaten mit und um die Kultmarke SAAB passiert ist. Gewinner sind für mich, auf jeden Fall in den nächsten Jahren all jene, die einen SAAB besitzen, fahren, pflegen und den Wert erhalten. Dann werden solche Fahrzeuge vermutlich später genauso gehandelt werden (vorausgesetzt es gibt noch Benzin/Diesel/Gas), wie z.Zt. andere (seltene) Fahrzeuge von Premiummarken wie DB, Porsche und Co….

  • Ein sehr guter Bericht und keinenfalls zu lang 😉
    Als Gewinner sehe ich mich nicht unbedingt, da mich diese ganze „SAAB-Geschichte“ schon noch mehr als nur verärgert. Aber ich freue mich trotzdem täglich immer wieder wie ein kleines Kind zu Weihnachten, wenn ich (hastig) im Treppenhaus runter gehen kann, um in meinen SAAB einzusteigen und dann mit ihm zu fahren. Hoffentlich macht er mir noch möglichst lange diese Freude.

    Viele Grüße aus der Lausitz. Marco

    • So geht es mir auch! Jeder Kilometer pure Freude! 🙂

      • ….mir auch und meine Tochter ist auch schon infiziert!

  • Typische Tom Schreibe. Anders und besser als der Rest. Für mich mit ein Grund SAAB zu fahren 😉

  • Als Gewinner fühle ich mich wohl noch einige Jahre – aber was passiert, wenn man doch mal einen neuen SAAB kaufen möchte und es gibt womöglich nur neue SAAB-Elektro-Autos? Bekanntlich ist diese Technik nicht alternativ für jeden sinnvoll.

    Bleibt also erstmal nur das berühmte Abwarten – vielleicht möchte man bei NEVS ja künftig doch auch die Käufer mitnehmen, die höchstens ein Hybrid-Auto á la Toyota Prius gebrauchen können und bietet eine derartige Produktlinie mit an (oder sogar Autos mit gänzlich herkömmlicher Technik).

    Irgendwann in den nächsten Monaten wird es hier bestimmt Klarheit geben – ebenso wird dann wohl Klarheit darüber bestehen, warum VM sich nicht von Trollhättan lösen konnte. Dies, finde ich, ist doch auch eine spannende Frage.

  • Ich würde mich als Gewinner fühlen, wenn in Trollhättan wieder Autos gebaut würden. Aber danke für die ausgezeichneten Berichte!!!

  • Danke, Tom, für dieses Saab-Berichtsjahr!
    Lächeln wir uns also in ein neues Saabjahr.
    Viele Grüße und gute Wünsche sende ich in den Spessart

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