SAAB News: Das Leiden des Kolumnisten

In der letzten Woche schrieb Jonas Fröberg – mal wieder – in seiner Kolumne über den Saab Investor NEVS. Er hat Zweifel an dem Konzept, und die Fragen, welche er stellt, sind nicht neu. Aber sie sind berechtigt, denn er ist besorgt. NEVS, so stellt er fest, ist ein Unternehmen ohne jeden Cash-Flow. Hat man doch, um den Kaufpreis zu drücken, auf die lukrative Ersatzteil-Sparte von Saab verzichtet.

Saab Werksgelände diese Woche

Wie will man in 18 Monaten einen Serienanlauf auf Basis des Saab 9-3 schaffen und, was noch prekärer ist, wie will man die Phoenix Plattform zur Serienreife treiben ?  Die Kosten für einen elektrischen Saab 9-3 könnten noch überschaubar sein, aber in die Entwicklung des Nachfolgers müssen hohe Millionenbeträge fließen. Und wie, so meint Fröberg, will man ohne jedes Vertriebsnetz erfolgreich die fertigen Produkte vermarkten. NEVS braucht einen starken Investor, und den kann der Journalist nirgendwo entdecken.

Was treibt Fröberg um? Es ist sicher nicht die Sehnsucht nach einer Schlagzeile, dazu ist Fröberg zu gut und zu seriös. Er ist nicht nur einer der Top-Journalisten, die für das Svenska Dagbladet schreiben. Saab ist für ihn, so ahnt man, eine Herzenssache. Er hat unzählige Artikel und ein Buch über und für Saab geschrieben. Er hat GM und Victor Muller begleitet, er hat den Verkaufskrimi hautnah erlebt, und er hat beste Vernetzungen in  die Politik. Eines steht fest. Der Mann leidet…

Obwohl unsere Schweden manchmal so abgeklärt scheinen, Jonas Fröberg geht es nicht anders als den Lesern zwischen Flensburg und Garmisch. Er fühlt wie wir, und in Saab steckt auch für ihn eine Menge Herzblut.

Er stellt sich die Fragen, die berechtigt sind, und er findet wie wir keine Antwort. Warum schlagen die Administratoren andere Angebote aus? Abgesehen von Offerten aus China gab es andere Käufer, die Saab gerne übernommen hätten. Mit einer Zwei-Marken Strategie hätte einer davon für eine 100 % Auslastung des Werks in Trollhättan gebürgt. Eine Studie für ein neues Saab-Modell, in Auftrag gegeben in einem italienischen Designstudio, war bereits fertig. So sicher war man sich seiner Sache. Arbeitsplätze, auch bei Zulieferbetrieben, wären auf lange Sicht manifestiert gewesen. Die schwedische Autoindustrie hätte einen neuen Stellenwert und Wachstumspotential bekommen. Eine heiße, aber verbürgte Story! Vielleicht schreiben wir irgendwann, wenn die Geschichte abgekühlt ist, ausführlicher darüber.

Sind es nationale Befindlichkeiten, die gegen diesen Käufer sprachen, oder was steckt hinter der Entscheidung? Ein Freund hat es so formuliert: ” Die Anwälte haben die “schlechteste aller möglichen Optionen gewählt..” ..so seine Meinung zum Saab-Drama. Was so nicht ganz richtig ist. Die schlechteste aller Möglichkeiten wäre die Demontage des Werks und seine Verschiffung nach China gewesen. Aus dem Gelände in Trollhättan wäre dann ein großer Freizeitpark oder eine Industrieruine geworden. So weit ist es nicht gekommen. Die Hoffnung, dass irgendwann die Schornsteine wieder rauchen, besteht und der Saab-Schriftzug leuchtet immer noch über der Stallbacka.

Was hilft Fröberg in seinem Leid um Saab und was hilft uns? Es gibt zwei Mittel, die wirken:

Mittel 1: Youngtimer fahren ist Kult!

Zum einen sollten wir uns damit abfinden, dass wir zumindest temporär mit Fahrzeugen einer Youngtimer-Marke unterwegs sind. Diese Erkenntnis senkt den Blutdruck und mindert die Sorgenfalten auf der Stirn. Denn einen Youngtimer zu pilotieren kann durchaus seinen Reiz haben, bewegen wir uns doch damit stilsicher ausserhalb des Schemas der Tagfahrlicht-und Riesen-Kühlergrill verseuchten Meute. Wir sind damit noch etwas klassenloser und cooler als zuvor unterwegs, denn wir wissen ja um die Qualitäten unserer Autos. Und in Schweden hat man jedem Saab ein Langzeit-Gen eingepflanzt, das bei entsprechender Pflege wirkt.

Schauen wir durch die Youngtimer-Brille in die Welt, dann können wir die Entwicklung in Trollhättan viel gelassener verfolgen. Denn wir haben ja unsere automobilen Schätze erstmal gesichert !  Neu- und Wiedereinsteiger in die Marke sind auf der Suche nach einem Wunsch-Saab. Was nicht einfach ist…Denn einen Saab in der richtigen Farbe und der gewünschten Motorisierung zu finden, ist bei dem kargen Angebot nicht leicht. Einen Saab muss man sich erst mit viel Geduld verdienen !

Mittel Nummer 2: Welpenschutz!

Mittel Nummer zwei ist Zeit, Zeit und nochmals Zeit. In der Politik gibt man Newcomern eine 100 Tagesfrist. NEVS ist so ein Neuling, und er verdient so etwas wie, ich nenne es mal, Welpenschutz. In den ersten drei Wochen hat sich optisch im Werk nichts getan. Aber hinter den Kulissen vergibt man erste Aufträge für Studien an Firmen in Schweden. Das ist ein gutes Zeichen. Man spricht, nach eigener Aussage, mit Langfrist-Investoren und Partnern. Das braucht Geduld.

Also Welpenschutz für NEVS !  Bis in den Dezember hinein, dann ziehen wir die erste Bilanz. Das schont unsere Nerven und ist auch für Fröberg, sein Leiden, und seine Kolumne ratsam.

Text: tom@saabblog.net

Bild: saabblog.net

22 Gedanken zu „SAAB News: Das Leiden des Kolumnisten

  • Hi Tom

    Wie immer gut geschrieben 😉 Auf Mittel 1 hoffe ich nicht, ich habe ja meinen SAAB hätte aber gerne noch einen kleinen für die tägliche Fahrt zur Arbeit 😉 EV why not…

    Dein Mittel 2 oder halt auch Welpenschutz genannt ist sicherlich lobenswert aber seien wir ehrlich, wir sind uns gewohnt zu hören was geschieht und warum, eine neue Zeitrechnung hat begonnen. Wir müssen uns im Klaren sein, dass wir nicht mehr viel hören werden und so das Bloggerleben schwerer wird, aber du hast immer einen Weg 😉

    Grüsse Yves

    • Lieber Yves, das Bloggerleben wird nicht schwerer, sondern ruhiger. Oder ;-)? Aber es bleibt spannend!

      • Ja Tom dies stimmt sicherlich auch es wird ruhiger, ich hoffe nur nicht zu ruhig 😉

  • Welpenschutz, ein guter Begriff, der die Situation umschreibt, das positive Gedankengut reifen zu lassen. Ich schließe mich dem gern an. Warten und freundlich sein. ALLES wird gut! Und wenn es noch nicht gut ist, müssen wir halt warten….
    Ich freue mich und grüße jeden SAAB, den ich hier im Norden sehe….
    Nettes SAAB-Wo.-Ende!

  • Bisher haben NEVS, so meine ich, die falschen Antworten auf die falschen Fragen gegeben. NEVS müssen zeigen dass sie wissen was sie machen. Wir haben keine Verpflichtung NEVS Geduld zu zeigen und das werde ich auch nicht machen.

    Grüsse aus Schweden

    Lars

  • Welpenschutz gefällt mir sehr gut! Da bin ich dabei. Hoffen wir mal daß der Investor die richtigen Entscheidungen trifft und nicht nur Batterieautos bauen will!

  • Youngtimer fahren und einfach abwarten, was will man denn sonst machen? Und sich dabei freuen, daß wenigstens die Ersatzteilversorgung gesichert ist.

    Aber es stimmmt, das Angebot dünnt sich aus, gute Autos sind sofort verkauft, es bleiben entweder Extremmotorisierungen oder bekannt problematische Motoren übrig…

  • Youngtimer fahren ist Kult !
    Der Slogan gefällt mir besonders im Hinblick aufs SAAB fahren.
    Dabei können wir uns zurücklehnen mit Hilfe der komfortablen SAAB – Sitze und abwarten (…hier käme dann Mittel 2 – Welpenschutz zum Tragen ).
    Ist ja gar nicht so übel, plötzlich einen zuverlässigen, modernen, jedoch individuellen Charakterstarken – Youngtimer zu lenken.

  • Wie immer gut auf den Punkt gebracht! Youngtimer fahren ist Kult ;-)!

  • … is aber nur solange Kult, solange man die Ersatzteile nicht selber schnitzen muss, bzw. die Elektronik die wir für unseren Youngtimer brauchen, noch produziert wird (bsp. CIM, da gibts ja jetzt schon Engpässe) – da ist die beste Sicherung eine laufende Produktion. Und die gibt es dank NEVS nicht. SAAB fahren ist Kult – klar – aber die Betonung liegt auf “fahren” – und das kann sich schnell ändern, die Elektronik ist ein Problem. Und auch die Ersatzteilpreise explodieren, weil für ein Fahrzeug produziert werden muss, das nicht mehr hergestellt wird – das ist ebenfalls ein Problem … hatte letztens das Vergnügen, dass man für einen Klimakondensator, der im Netz (also 3 Markt) 125-150€ zu bekommen ist, von der Fachwerkstatt 540€ (Originalteil) aufgerufen werden – nur das Teil, natürlich mit exorbitanter Lieferzeit – wie gesagt, die Betonung liegt bei einem Auto, ob Youngtimer oder nicht auf “Fahren”, alles andere halte ich für Unsinn.

    Welpenschutz? Wer als Welpe in ein Haibecken springt, darf sich nicht wundern, das er das nicht überlebt – … und noch dazu mit einem Konzept, das keines ist, und zu wenig Kapital – also meiner Ansicht nach ist das, ausser dumm, gar nichts. Was mich wieder zur Frage zurückführt – WAS HAT MAN SICH DABEI GEDACHT – zumal es bessere Lösungen gab? Zumal SAAB eine Zukunft gehabt hätte, in den richtigen Händen … Welpenschutz? Nein, das gibts im Tierschutzhaus. Youngtimer? Negativ.

    …ich brauche ein Fahrzeug – ein gutes – einen SAAB!!

    Tom, so gerne ich hier lese, und dir oft auch Recht gebe, NEVS ist und bleibt ein Fehlgriff, denn man offensichtlich bewusst in Kauf genommen hat … da nützt die ganze rosarote Brille nichts …

    Tatsächlich hat GM die Marke SAAB Stück für Stück demontiert, ähnlich wie sie es jetzt mit Opel tun (im übrigen auch ein Ersatzteillieferant für unsere Marke), und die Politik und die Verwalter haben dies nur unterstützt, indem sie aus einer Traditionsmarke ein unfinanzierbares Start-up mit zweifelhaftem Konzept gemacht haben – und dies n i c h t aus Ermangelung besserer Alternativen …

    die Ganze NEVS Geschichte stinkt zum Himmel!!!!!

    • … wäre ich jemand mit Geld, würde ich OPEL und SAAB zusammenkaufen und mit einem Multitreibstoffmotor in Produktion gehen – und mir dann Zukunftskonzepte überlegen – nur meine Meinung.

      • … NEVS hingegen würde ich nicht finanzieren wollen …

        • Aber irgendwer macht es (und gibt jeden Tag mehr Geld für Personal und Heizkosten aus). Die Frage ist nur warum macht er das?

          Es gäbe schönere Möglichkeit einfach nur Geld auszugeben. Glaubt er wirklich eines Tages eine Verzinsung des Investments zu erzielen nur indem er in Schweden produzierte E-saabs in China verkauft? So wie es ausschaut wird es wohl noch was dauern bis sich die Nebel über diesem Rätsel lüften.

  • Das erste Szenario bricht alte Wunden wieder auf… Ich fahre meine “Youngtimer” inzwischen vor allem in der Freizeit- verschönt diese ungemein.

  • @gus: Bei den Ersatzteilen und deren Lieferzeiten was Youngtimer fahren betrifft, gebe ich Dir recht. Mein 93-2 Cabrio stand jetzt fast 6 Monate wegen fehlender Teile. Pünktlich mit Herbstanfang ist er wieder auf der Strasse, bewege ihn auch nur am Wochenende.
    Dieses gute Teil hat während der Garantiezeit 2005 zweimal (2) die komplette Elektronik ausgetauscht bekommen.
    Da kann man nur hoffen, dass da zukünftig nichts mehr passiert.
    Die beiden 93-1 die ich davor gefahren habe waren weniger anfällig. Hätte man behalten sollen.
    Wie vielleicht einige der Saabfreunde, sollte man sich vielleicht mehrere Saab – Youngtimer zulegen. Denke auch ernsthaft darüber nach.
    Denke das eine Übernahme von Saab sicherlich sinnvoll ist. Opel und SAAB bringt jedoch nichts. Opel hat nichts zu bieten. Deren Kult liegt schon 30 Jahre zurück. Die Verknüpfung von Opelteilen beim SAAB hat den Saabs nicht gut getan. Audi nimmt ja auch nicht Seat zum Maßstab um seine Modelle zu verbessern bzw. attraktiver zu machen. Man vermittelt Seat ein wenig Audi-Touch um die Autos interessanter zu machen. Also Opel vergisst man besser. Schade für die Leute die einen altes Commodore Coupe haben oder analoge gute alte Opel-Fahrzeuge besitzen aus der Zeit als die Amis noch nicht im Tagesgeschäft herumgefuscht haben. ….Wir alle hoffen natürlich auf SAAB und sollte es auf Youngtimer beschränkt bleiben, dann hoffen wir auf eine gute Ersatzteilversorgung über die nächsten Jahre. Allen SAAB – Freunden ein gutes Wochenende ! Kann leider nicht nach Bamberg fahren, da ich anders verplant bin…schade.

  • Das waren noch Zeiten, als man mit OPEL Rekord, Commodore, Kaptän oder Kadett auf den Strassen herumgekurvt ist.
    Tatsache ist halt leider, dass eine Automobilfabrik heutzutage mit einer Jahresproduktion von nur noch 150.000 Wagen keine Chance zum Existieren mehr hat. Freuen wir uns und zukünftige neue SAAB-Auto-Besitzer an den Fahrzeugen, welche noch bis vor 2 Jahren in Trollhättan gebaut und verkauft wurden. Etwas anderes bleibt uns im Moment nicht übrig. Die Autobranche zählt zu den hart umkämpften Märkte weltweit mit grossen Investitionssummen. Das wird sich in Zukunft noch verschärfen.

    • Ja das stimmt wahrlich. Der Druck grosse Produktionsmengen zu erreichen und das unter Nutzung gleicher Fahrzeug-Plattformen wird leider die Individualität des Automarktes für uns einschränken. Nischenfahrzeuge zumindest in der bisherigen SAAB Preisklasse werden verschwinden, leider. Na ja, noch haben wir ja unsere Youngtimer :-)) .

  • …und nicht nur den US-Amerikanischen Konzernen die ganze Mitschuld aufbürden….

  • Bisher hatten wir nie Probleme mit Ersatzteilen. Aber das hängt wohl auch stark vom Engagement des Händlers ab. Ist irgendwas nicht lieferbar, dann kann man auch in der Not ins GM Regal greifen.

    • Zumal viele Verschleißteile sowieso zugekauft sind: Der Benzinfilter kommt von Bosch, passende und qualitativ hochwertige Öl- und Luftfilter kann man von Mann Filter kaufen, etc. Als problematisch hat sich bei mir im Sommer der Rohrsatz der Servolenkung herausgestellt, um Glück hatte die Werkstatt (Muckelbauer) noch einen auf Lager. Verfügbarkeit von SAAB Parts war nämlich 1 (in Worten: eins).

      Ein Bekannter von mir besitzt übrigens einen Bugatti Typ 35B, und bekommt für den auch noch Ersatzteile – vieles zirkuliert in der Szene, und in äußerster Not kann man Teile auch auf Maß nachfertigen lassen. Das ist dann allerdings eine wirklich teure Lösung.

      • @PhiBO: Mal gut das es so Leute wie Muckelbauer gibt, der war so nett und hatte sich auch für mein Ersatzteilproblem eingesetzt. Der setzt sich auch ein und dreht am Rad wenn er selbst nicht das Teil am Lager hat.

        Ich habe ebenfalls eine Bekannten der fährt (…nur am WE ) einen Bentley S1 von 1959 und versteht überhaupt nicht , dass man mit einem ” Youngtimer” Ersatzteil Probleme hat. Er bekommt für sein Auto alles was er so benötigt. Hat natürlich seinen Preis, wie beim Bugatti. Der Bentley hat natürlich keine “Elektronik” was schon vieles vereinfacht. Der Bentley hat u.a eine mechanisches Servosystem, was einfach zu warten und zu reparieren ist. Porschefahrer also die klassischen 911 – Fans fahren ja auch lieber Modelle. vor Bauj. 1988, die sind einfacher zu reparieren. Die Elektronik wird für viele Fahrzeuge langfristig zum Problem

  • Ich bin sehr neugierig, welche Stellungnahme von GM hinsichtlich der Klage durch VM morgen vorliegen wird – hier gab es doch meines Wissens eine Fristverlängerung bis zum 29.09.12 zur Vorlage besagter Stellungnahme.

    Ich werde das Gefühl nicht los, dass sich VM zusammen mit Youngman-Lotus doch noch mit NEVS zusammenschließen werden – mal sehen, ob es so kommt.

    Grüße aus Schleswig-Holstein

    Julie

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