Saab Woche: Nordmänner im Sturm

Mit dem Eintritt in die Rekonstruktion hoffte ich auf mehr Ruhe für Saab. Raus aus den Schlagzeilen, hin zu den wirklich wichtigen Dingen. Die neuen Partner aus China kommen ihren vertaglichen Pflichten nach, überweisen brav einige Millionen. Die Rekonstruktion läuft, die Gläubiger sind zufrieden. Dann wirft man die Bänder an und endlich purzelt ein neuer Saab nach dem anderen vom Band.

Falsch gedacht, Saab ist erneut inmitten eines heftigen Sturms. Begonnen hat er mit den versprochenen Millionen, die nicht kamen. Mit dem Poker um einen niedrigeren Aktienpreis ging es weiter und jetzt droht eine riesige schwarze Wolke am Horizont. Tief Geely aus China zieht heran und will unser Schiff übernehmen.

Der Wolf hat Kreide gefressen und spricht von Synergien und für den Vorteil für beide Marken. Die Worte hör`ich wohl, allein es fehlt der Glaube mir…

Mein Lieblingsjournalist aus Schweden, Jonas Fröberg, hat kurz und prägnant zusammengefasst, warum die Allianz zwischen Saab und Volvo nicht kommen sollte.

– Saab und Volvo haben neue Plattformen entwickelt. Vor zwei Jahren überlegten sich beide Firmen die gemeinsame Entwicklung, brachen aber die Gespräche ohne Ergebnis ab. Volvo braucht weder der Saab noch die Saab PhoeniX Plattform. Volvo hat eine eigene, die sehr viel Geld gekostet hat.

– Volvo hat neue zwei neue Werke in China, in die Geely sehr viel Geld gesteckt hat, das auch Geely nicht hat. Zu diesem Punkt kommen mir noch. Geely braucht keine zusätzlichen Kapazitäten in Schweden. Man schließt dort Werke und streicht Schichten. Der zukünftige Produktionsstandort für Volvo ist China. Ein Werk für Europa in Schweden, chinesische Werke für den Rest der Welt.

Ich meine, die Ideologien hinter beiden Marken sind total verschieden. Volvo ist der große, etwas behäbige aber nicht unsypathische Sicherheitsfantiker, dessen Autos sogar automatisch bremsen können. Saab dagegen ist der kleine, lebendigere, schnellere ( weil natürlich Turbo beatmete 😉 ) und anspruchsvollere mit mehr Charme. Leider auch derjenige, der mir mehr Sorgen bereitet.

Geely wird Saab höchstwahrscheinlich zerschlagen, die Entwicklungsabteilungen übernehmen, auch das Ersatzteilgeschäft. Die Produktion in Trollhättan ist ohne Interesse. Im allerbesten Fall wird Saab ein Label des Volvo Konzerns, im schlimmsten Fall gibt es keine Fahrzeugproduktion mehr.

Jonas Fröberg sagt ganz klar, “..da droht Gefahr”. Jonas Fröberg, das nur als Anmerkung ist einer der Journalisten die für unsere Automarke schreibt. Der Mann macht sich Sorgen.

Die Frage ist, was ist los mit Youngman ? Zwei Möglichkeiten gibt es. Zum einen könnte man pokern, zum anderen kann es sein dass man nicht darf. Oder nicht dürfen darf und kann.

“Glaubt Ihr denn, die Jungs sind Milliardäre” fragte gestern ein Wirtschaftsjournalist zum Thema Geely und Youngman. Um gleich hinzuzufügen “Es sind alles keine Milliardäre, sie haben kein eigenes Geld”. Wir müssen lernen, die Chinesen zu verstehen.

Geely hat Milliarden in Volvo investiert.

Geld das Geely nicht hatte, das aber über chinesische Strukturen, die wir nicht nachvollziehen können, an Geely geflossen ist. So ist es auch mit Youngman. Lotus Youngman hat nicht die Gelder, die gebraucht werden. Der Staat hat das Geld. Die mächtigen Provinzen haben das Geld. Sie stellen es Youngman zur Verfügung, oder auch nicht.

Es könnte sein, dass Hilfe von der Administration in Stockholm kommt. Es wäre ein Signal von Stockholm an Peking. Allerdings spielt man dort das Spiel, ein Schritt vor, eine halber zurück. Die Intervention des Staates bei der Ablöse des EIB Darlehens wurde gestern halbherzig dementiert. Ein sicherer Hafen ist der Staat nicht.

Dabei hätte er jeden Grund dazu. Denn die schwedische Autoindustrie erodiert. Ganz langsam nur, eine kleine, schleichende Erosion. Aber so ist es immer. Es fängt langsam an und endet in einem großen Erdrutsch.

Volvo schließt das Werk in Uddevalla. Ist für die Stadt schlimm, das Restaurant am Werk wird dicht machen, das Tagungszentrum vermutlich auch. Wegen Uddevalla alleine werden keine Zulieferer sterben. Aber Uddevalla ist nicht weit von Trollhättan entfernt. Schließt das Werk in Trollhättan und das Werk in Undevalla, wird es hart.

Zulieferer Lear wird sein kleines Werk in Trollhättan schließen. Auch das ist nicht so schlimm, nur 163 Mitarbeiter. In Udevalla bei Volvo fehlen jetzt einige Kunststoffteile. Nicht wirklich schlimm, sagt man. Plastal könnte der nächste sein, der dicht macht. So wird es weitergehen. Dann ist es schlimm, dann ist es zu spät. Es geht bis Schweden komplett die Anziehungskraft für die Autoindustrie verloren hat.

Aber, unsere Schweden in Trollhättan werden so leicht nicht aufgeben. Nordmänner sind sturmerprobt und harte Jungs. Saab hat so manchen Sturm überstanden und ich kann mir jetzt nicht vorstellen, dass man die Segel streicht und Saab Geely ohne Auflagen überlässt.

Martin Larsson, der Mann welcher als neuer Saab CEO gehandelt wird, kommt aus Trollhättan. Guy Lofalk, der Administrator, bindet Larsson bewusst ein, war mit ihm in China. Ich vertraue seiner sozialen Verantwortung für Stadt, Region und Marke. Er und die Verantwortlichen bei Saab werden die richtigen Entscheidungen treffen.

Wir werden auch diesen Sturm abreiten, weil wir alle, auch in Deutschland, sturmerprobt sind. Am Montag beginnt eine neue Woche. Wir werden sehen was sie bringt.

Ich hoffe auf gute Nachrichten. Auf eine Ende des Sturms. Vielleicht aber, kommt ein neuer Sturm. Aber das kann uns nicht erschüttern. Denn ich bin fest überzeugt dass Saab den Sturm überlebt. Ob mit Youngman, Pang Da, Geely oder einem lachenden Dritten. Egal. Hauptsache es werden in Trollhättan bald wieder Autos gebaut. Turbogeladen, ein bischen besser und intelligenter als der Rest, sicher und cool. Saab eben.

Allen Saab Fahrern und Fans mit Ihren Familien ein schönes Wochenende, wo immer Ihr seid.

Text: tom@saabblog.net

6 Gedanken zu „Saab Woche: Nordmänner im Sturm

  • du sprichst mir aus der Seele….

    • ja, mir auch..!

  • Hallo zusammen!

    Unsere Familie hofft, dass es wirklich einen lachenden Dritten (wie auch von Tom beschrieben) gibt, der SAAB in ruhigeres Fahrwasser bringt.

    Die Sache mit den Chinesen wird irgendwie immer unübersichtlicher und die Steuerung in Richtung Geely ist allem Anschein nach höchst riskant. Es muß damit gerechnet werden, dass SAAB unter Geely letztendlich doch nur “entsorgt” werden soll – es sei denn, hier werden intelligente Sicherungssysteme vertraglich mit eingebaut, die ein künftiges Zusammenspiel mit Volvo ermöglichen.

    Julie

  • Wenn man sich das vor Augen hält. Ein eher guter Jahresstart, gute Stimmung zum Genfer Salon, kurz darauf Produktionsstopp und nun als vorläufiger Tiefpunkt die Zerschlagungsphantasien von Geely möglicherweise sogar politisch flankiert.

    Langsam fehlen mir die Worte, daher werde ich erst einmal eine Runde mit meinem Saab drehen. Die Daumen bleiben dabei gedrückt in der Hoffnung auf eine gute Lösung.

  • Toll geschrieben. Hilft wirklich nur noch gute Energien nach Trollhättan zu beamen.

    Der Blog und die Saab Woche haben bei mir schon fast Kultstatus. Freue mich jeden Samstag darauf beim Früstück neues aus Saabhausen zu lesen.

    Bitte Weiter so !

  • Wirklich wieder einmal sehr exzellent geschrieben, Tom. Vielen herzlichen Dank.

    Was Saab und Volvo angeht, so denke ich, sind auch die Kundenkreise komplett verschieden. Jedenfalls früher, erst seit den frühen 90er Jahren “macht” Volvo auch auf Design und Dynamik, vorher war das immer die Domäne von Saab. Einkommensmäßig würde ich Saab-Fahrer auch eine ganze Ecke höher als Volvo-Fahrer einordnen. Volvo ist für mich die Marke der Oberlehrer mit Cordhosen oder die der Familien im Neubaugebiet mit etwas mehr Geld als die meisten anderen VW- und Audi-Fahrer (Audi ist VW im Designer-Anzug, den es eben in verschiedenen Größen gibt, je nach sozialem Rang, von A1 bis A8 ;-), wer sich eben gerne raten läßt, der fährt diese Marke). Mit den Volvo-Geländewagen hat sich das alles ein wenig gewandelt, allerdings leider auch die frühe Unkaputtbarkeit, die durch Ford dann abhanden kam.

    Saab war und ist die durch und durch modernere und fortschrittliche Marke der Freigeister und Individualisten und vertritt die freien westlichen Werte, da war nichts vom Konservativismus der Volvo-Fahrer, ganz im Gegenteil…

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