Der Saab Jugendtraum und seine irgendwie vermurkste Umsetzung
Ich war 17 Jahre, als ich zum ersten Mal bewusst einen Saab gesehen habe. Es war der Wagen des Tanzschulbesitzers. Grau, groß, edel mit Spoiler am Kofferraum. Ich war jedes Mal fasziniert, wenn ich den Wagen vor der Tanzschule gesehen habe. Und wie viele 17‑jährige junge Männer, war ich von großen Autos wie hypnotisiert. Ja, hey – Mercedes und BMW und Audi – die kennt man.
Aber dieser Saab…
Und als meine Eltern ihr Haus bauten, kaufte der Nachbar (ein Architekt) sein neues Auto. Wieder kreuzte ein Fahrzeug der Marke meinen Weg. Diesmal war es ein typisches 70er-Jahre-Modell. Knallorange. Modell 99. Einfach anders. Und der Nachbar war happy und ich verzaubert. Irgendwann – ja, irgendwann habe ich auch einen Saab.

Der Saab Jugendtraum und seine irgendwie vermurkste Umsetzung
Die Jahre vergingen und diverse Fahrzeuge diverser Hersteller begleiteten mich. Coupe, Kombi, Minivan, sogar ein Cabrio war darunter und diverse einspurige motorisierte Fahrzeuge gab es auch.
Und dann war es so weit. Der Virus machte sich wieder breit. Gelegentlich sah man im Sommer diese offenen Fahrzeuge aus ehemaliger österreichischer Lizenzproduktion. Die Suche nach dem Objekt der Begierde hat begonnen. Und um mein Verlangen zu stillen, habe ich begonnen, Saab-Dinge zu sammeln.
Hauptsächlich natürlich Modelle im Format 1:43. Mein Freund versorgte mich in der Zwischenzeit mit Artikeln aus diversen Autozeitschriften. Kaufberatungen und Gebrauchtwagen-Checks von diversen Saabs wanderten zu mir und wurden verschlungen.

Als dann die magische Zahl 55 mein Geburtstagsbillett zierte, wusste ich: JETZT muss es einfach sein. Wo nur ist mein Saab 900 NG? Auch wenn mir der OG besser gefallen hätte. Kantig, eigenständig, zeitlos, hoher Wiedererkennungswert. Aber für mich (als kleinen Beamten) dann doch eindeutig zu teuer. Also lieber den 900 NG. Am liebsten irgendwie ausgefallen – violett mit gelber Innenausstattung. Oder himbeerfarbenes Verdeck?
Wurscht… Ein Saab ist “ohnehin schon anders”. Dann wenigstens gleich ganz anders – dachte ich jedenfalls damals.
Eingefangen hat mich dann die Anzeige eines dunkelblauen 9-3 Cabrios. Mit grauer Lederausstattung und SE‑Ausstattungsniveau. Noch dazu als beinahe Scheunenfund von einem wissenden Saab-Menschen aus UK komplett neu aufgebaut. Mit überholtem Verdeck, Tauschmotor, reparierter Innenausstattung und “ein bisserl tiefergelegt”.

Nach einer Zugreise quer durch Österreich (ach ja – ich bin Österreicher aus dem Raum Wien – nur der Vollständigkeit wegen) war es dann “Liebe auf den ersten Gummiabrieb”. Auf der Probefahrt gab es keine Probleme – ohnehin klar. Selbst wenn, hätte ich nichts gemerkt. Ja, falls der Kotflügel abgefallen wäre, hätte ich es vielleicht bemerkt.
Aber das komische Surren beim Lenken? Gehört sich wohl so.
Der Kaufvertrag war schnell unterschrieben, das Geld überwiesen und eine Woche später stand MEIN Saab daheim. Zum ersten Mal bekam ein Fahrzeug einen Namen. MIKE – als Dank für den Aufwand, den mein Freund Michael betrieben hatte. Mike ging dann auch bald in die Werkstatt, weil das Surren einfach immer unangenehmer wurde und weil ich einfach sicher sein wollte.

Ergebnis: Die Servopumpe war defekt! Na, Gott sei Dank – ein Youngtimer, der nur das kleine Fehlerchen hat!
Und schon cruisete ich, automatisch angetrieben durch den österreichischen Osten. Am Neusiedlersee entlang, mit offenem Verdeck zwischen den Lkws von daheim in die Arbeit.
Die nächste Ernüchterung kam aber auch bald. Diese vermaledeite Tieferlegung… Bei jeder Einfahrt, bei jeder Garage, bei jedem Schrägparker – überall musste ich aufpassen, weil der Frontspoiler hängen geblieben wäre. Noch schlimmer – ich kann bis heute nicht in die eigene Garage fahren. Naja… Aber schlimmer geht’s immer…
Was kann also schlimmer sein?

Wenn man eines schönen Herbstabends vor dem PC sitzt und sich überlegt: „Soll ich jetzt meinen alten Citroën C4 auswechseln oder doch noch reparieren – und weiterfahren”.
Und dann taucht auf einem Versteigerungsportal ein total hübscher 9-5er SportCombi auf.
Na, der wär doch was!
Saab Jugendtraum: Es geht in die nächste Runde!

Und das aktuelle Gebot? 2.000 EUR! Na, da mache ich doch mit. So wie der aussieht, steigt der sicher noch viel höher im Preis. Tolle Fotos, ja… kleine Dellen hier und da…
OK…
Der Fahrersitz braucht ein bisschen Pflege vom Sattler… Aber sonst? Und es sind ja noch fast 2 Wochen bis zum Zuschlag. Ich biete “zwecks Gaudi” 2.222 EUR. Schnapszahl, wie man so schön sagt.
Doch das Universum meint es gut (?) mit mir.
2.100 EUR sind genug und ich erhalte den Zuschlag. Yeah!!!

Ich habe also meinen 2. Saab. 40 Jahre keinen und jetzt innerhalb von 3 Jahren gleich zwei Stück. Einen als Schmuckstück für die Wochenendausfahrt und den anderen als Daily-Driver für Hund und Einkauf und Gartenreste-Verbringen und für die Urlaubsfahrt.
Aber erst einmal die wichtigsten Eckdaten: Die Versteigerung war in den Niederlanden. Der Old-/Youngtimer-Verkäufer sitzt in Mailand. Der Saab war vorher in Spanien zugelassen. Und der soll jetzt nach Österreich.
Logisch – rein in den Flieger und mit einer Kurzzulassung auf eigenen Gummis nach Hause. Zumindest stellt sich das der kleine Roland (also ich) so vor. Doch daraus wird nichts. Der Wagen hat keine offiziellen Papiere – nur Fotokopien. Und es gibt keine aktuelle technische Prüfung aus Spanien. Also nicht selbst fahren und dicke Freunde werden.

Stattdessen wird ein Logistiker gesucht, der Wagen aufgeladen und vor der Haustür abgestellt. Tom ist wahnsinnig nett und gibt mir gute Tipps und versorgt mich auch noch mit einer deutschsprachigen Bordmappe (ich kann einfach kein Spanisch). Den Behördenwahnsinn bis zur endgültigen Anmeldung erspare ich den geneigten Leser*innen.
Den davor notwendigen Werkstattaufenthalt erfreute mein Sparbuch allerdings weniger. Aber dafür stand der 9-5 dann ganz toll geputzt und glänzend vor mir.
OK – ich geb’s zu, ich liebe Automatik, aber dank eines neuen Schaltgestänges sprang jetzt der 2. Gang nicht mehr heraus. Die Räder waren endlich rund und voll Luft, beide Abblendlichter leuchteten in xenonhellem bläulich-weiß und dieses satte 2,2 TiD-Knattern erfüllte die Gegend.

Ein paar Wochen später und ein paar 100 km mehr auf dem Zähler war der nächste geplante Stopp in der Werkstatt. Mittlerweile wurde ich mit einem beinahe freundschaftlichen “Du” angesprochen und ich überließ erneut meinen 9-5 den kundigen Händen des Werkstattmeisters. Anhängekupplung sollte montiert werden, der Zündschlüssel sperrt nur mechanisch, aber nicht über die Funktasten und irgendwie verliert der Wagen Kühlflüssigkeit – sagt der Bordcomputer.
Ach ja, die Treibstoffanzeige hängt bei „Leer“ fest.
“Kein Problem” lautete die Antwort. „Da hast du den Leihwagen – ist auch ein 9-5er”.
Der erste Gedanke: Da hab’ ich 40 Jahre keinen Saab gehabt und jetzt sitze ich schon im vierten … Doch das Universum war diesmal nicht gut zu mir. Stattdessen war ich mitten im Stop‑&-Go-Verkehr auf der Autobahn unterwegs, als plötzlich die Hinterachse des Leihwagens blockierte.
Suuuper… Nach 10 Minuten war die Feuerwehr da, schleppte die wunderschöne dunkelgrüne 9‑5er-Limousine ab.
Später habe ich gehört, dass irgendein kleines Kunststoffteil beim Handbremsseil gebrochen war.
Mit dem Taxi in die Werkstatt und ich durfte voll Glückseligkeit in meinen Kombi einsteigen. Das Gefühl war unbeschreiblich schön.

Ich habe jetzt 3 Zündschlüssel. 2 starten den Wagen und funktionieren mit Funk. Und wenn nichts mehr geht, dann sperrt der Originalschlüssel die Fahrertür. Eine günstige Lösung für das Problem. Und der Kühler musste getauscht werden – dort hat der Wagen die Kühlflüssigkeit verloren. Irgendein Blech im Tank wurde gerichtet, sodass einströmender Diesel den Fühler nicht mehr “beleidigt”. Und jetzt – viel Spaß und lass uns viele viele KM fahren.
Doch ein paar Tage später war die nächste Meldung am Bordcomputer und im Armaturenbrett. Bei Tempo 130 ging plötzlich die Leuchte für den Motor an. Ein Anruf in der Werkstatt beruhigte mich und am nächsten Tag wurde die Fehlermeldung gelöscht. Der Fehler ist ein Sensor, der bei den dieselgetriebenen manchmal verkohlt.
Warum er nicht gleich getauscht wurde? Weil mein 9-5er schon wieder Kühlflüssigkeit verliert.

Es kommt – richtig – ein Werkstattbesuch, bei dem auch gleich die Traversendichtungen getauscht werden, denn das Anspringverhalten ist unter jeder Kritik…
Übers Wochenende wird das System unter Druck gesetzt und am Montag ist offensichtlich alles dicht. Wird wohl noch Luft im Kühlsystem gewesen sein. Und nachdem ich seit dem Kühlertausch schon 4 Liter nachgeleert habe, fahre ich mit einem klein wenig unangenehmen Gefühl weg.
Die Fahrt macht aber Spaß. Mit Freunden und dem Hund machen wir einen Ausflug. Alle sitzen bequem, der Motor schnurrt, der Verbrauch ist mit etwas über 6 Litern einfach traumhaft. Und ich vergesse das Problem.
Aber mein Saab vergisst nicht.
Auf der Fahrt vom Büro nach Hause geht die Temperatur plötzlich auf „H“. Schnell stehen bleiben, die Heizung auf höchste Stufe drehen (so hat man es uns vor über 40 Jahren beigebracht) und hoffen, dass die Temperatur schnell sinkt. Tut sie auch, und ich bin erleichtert. Aber so schnell, wie die Erleichterung sich einstellte, so schnell wusste mein Saab mich zu überraschen.

Es knackte und statt warmer Luft kam nur noch eine kalte Brise aus den Lüftungsschlitzen. Vorsichtig und mit einem weiteren Sicherheitsstopp ging es die letzten Meter nach Hause.
Eine Umfrage in der österreichischen Saab-Gruppe ergab: „Hat wohl mit dem Wärmetauscher zu tun, der den Geist aufgegeben hat”. Und starten funktioniert noch immer nicht gut, aber das ist mir jetzt beinahe schon egal und ich hätte es schon fast vergessen.
Zwei Tage später habe ich 4 Liter Original-Flüssigkeit-BASF-G48 und einen kompletten 6er-Träger stilles Mineralwasser am Beifahrersitz und fahre langsam zur Werkstatt. Weil ich aber die Heizung auf 17 Grad gestellt und sicherheitshalber ohnehin auf OFF gedrückt habe, brauche ich nur die ersten 2 Liter G48 und noch einmal 3 Liter Wasser vor dem Starten.
Das “Grüß dich” in der Werkstatt wirkt wie immer freundlich und lässt mich hoffen, dass es diesmal endgültig besser wird. Immerhin werden diesmal eben der Wärmetauscher der Heizung und die (hoffentlich nicht mega-teure) Treibstoffpumpe getauscht, denn mein Sparbuch ist beinahe ausgetrocknet.
Dass ich in 4 Wochen mit der Familie nach Kreta in den Urlaub fahren will (ja, die ganze Strecke mit dem 9-5er), macht das Ganze noch ein bisserl spannender.
Aber DAS ist eine andere Geschichte. Vielleicht erzähle ich sie euch in einem Teil 2. Und vielleicht habe ich dann auch wieder Zeit und Kleingeld, um mein Cabrio wieder mal zu bewegen.
Bis dahin – genießt eure Saabs und bleibt’s unfallfrei!
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Langjährige Abonnenten sind natürlich ebenfalls eingeladen, denn der Saab Fuhrpark und das Leben verändern sich ständig und vielleicht gibt es etwas Neues zu erzählen.
Bitte senden Sie ihre möglichst guten und hochauflösenden Fotos und einige Zeilen zu Ihrer Saab Geschichte an: anne@saabblog.de.
die Geschichte zeugt von viel Geduld. Aber es lohnt, denn Saabfahren bereitet viel Freude…
Lieber Roland,
du hast da wirklich zwei sehr schöne Saab.
Ich hatte auch einmal genau den gleichen Kombi, nur mit Automatik statt Schaltung. Leider auch mit ähnlich vielen Problem wie deiner zur Zeit. Auch das schlechte Anspringen kenne ich noch zu gut. Bei meinem wurde die Ursache damals nicht gefunden. Irgendwann waren mir dann die ganzen Defekte zu viel und ich hab meinen schönen Saab zu günstig hergegeben. Das bereue ich heute noch.
Also auch wenn ich technisch nicht weiterhelfen kann, möchte ich dir auf jeden Fall den Rat geben dran zu bleiben.
Irgendwann wird dein Kombi hoffentlich verlässlich laufen und du wirst noch sehr lange Freude damit haben.
Lieber Roland,
schön, dass Du dem spanischen 2.2er ein weiteres Zuhause gibst!
Deine Geschichte las sich nach viel Geduld und Einsatzbereitschaft.
Warum willst Du die Einspritzpumpe tauschen lassen? Ich denke nicht, dass sie die Ursache für die Probleme bei dem Wagen ist.
Falls Du’s tatsächlich machen lassen willst, so behalt mindestens das Steuergerät der originalen Pumpe, denn diese sterben über die Jahre gern mal, und sind neu nicht mehr zu bekommen.
Hallo Jürgen,
woran denkst du, dass der Fehler liegen könnte?
Im Moment starte ich die Batterie beinahe leer. Und das völlig egal ob der Wagen in der Ebene, bergauf oder bergab steht. Sowohl meine Werkstatt (also auch die guten Tipps aus den Opel-Foren, die ja auch den 2,2 TiD in div. Modellen verbaut haben) führt das auf eine fehlerhafte Treibstoffpumpe zurück – eben weil ja schon die Dichtungen getauscht sind und danach das Verhalten besser aber nicht gut geworden ist. Vor allem – steht der Wagen nur 30-60 Minuten springt er sofort an. Aber alles über 24 Stunden braucht einfach massiv länger.
Aber danke für den Tipp mit dem Aufheben der alten Pumpe!
Wichtig finde ich erstmal zu klären, ob das System wirklich luftdicht ist, also alle Leitungen usw. so, dass sie nicht Luft ziehen (die sonst die Pumpe rausbefördern muss, währenddessen aufgrund fehlenden Diesels keine Schmierwirkung hat, und dann irgendwann genug Luft weg und genug Kraftstoff nach vorn gesaugt hat, dass der Motor anspringen kann).
Am Motor gibt es vorn ein Ventil ähnlich einem Reifenluftventil. Darüber kann entlüftet werden. Hinten am Tankdeckel vorsichtig eine Apparatur anstecken, geringen (nicht zu hohen Druck) draufgeben und vorne am Ventil schauen, ob dort Luft austritt, oder gleich Kraftstoff kommt. Das grenzt die Ursachensuche deutlich ein.
Die Pumpen gehen mechanisch nur sehr, sehr selten kaputt, und wenn, dann merkt man das im Fahrbetrieb auch bzw. gibt es auch Fehlercodes. Da die Pumpe mechanisch über den Steuerkettentrieb angetrieben wird, kann sie Fehler wie “zu geringe Förderleistung” eigentlich nicht haben, außer, es sind Kanäle (vorher) verstopft.
Ich empfehle die Erneuerung des Dieselfilters, wenn nicht innerhalb der letzten circa 40.000km nachweislich getan, und die genaue Kontrolle und ggf. Erneuerung der Leckölleitungen und weiteren Dieselleitungen auf evtl. Leckagen/undichte Stellen, die Luft ins System lassen können.
Der Kombi ist wunderschön! Durchhalten, Roland, es lohnt sich. Die Krankheiten sind irgendwann abgearbeitet und dann hast Du einen wunderbaren Alltagsklassiker der zuverlässig ist.
Danke für den “erfrischenden” SAAB-Bericht. Hoffentlich nehmen die Werkstatt-Besuche bald deutlich (!) ab… Sind schöne SAAB´s, die Du Dir angelacht hast :-)!
Hej Roland
Deine Saab-Geschichte zu lesen hat mir richtig Spass gemacht. Nein, nicht der vielen Pannen und Werkstattbesuche („Hoi, du schon wieder? Warst doch erst gestern hier!“) wegen, sondern kraft deines erfrischenden Schreibstils.
Da freue ich mich auf den zweiten Teil.
Vielen Dank!
Grüsse aus der saabischen Schweiz
Hubert (HUSAABI-9-3-9-5) o.ä.
Tolles Uebersicht, Roland.