Citroën M35 Wankel Prototyp – einer von 500 (267)

Die Citroën Historie ist voller verrückter Geschichten und eine besondere schrieb die M35. Sie geht so: Die Verantwortlichen verlagerten die Erprobung des neuen Antriebskonzepts mit Wankelmotor in die Hände der Kunden. Diese mussten sich zur Teilnahme qualifizieren und zahlen mussten sie natürlich auch. Vermutlich haben sie es sogar gerne getan. Denn sie waren mit einem sehr exklusiven Fahrzeug unterwegs, das es nur für die Erprobung des Kreiskolben Motors gab. Heute klingt das abwegig und ist kaum vorstellbar. Aber zum Ende der 1960-er Jahre grassierte das Wankel Fieber. Wer innovativ sein wollte, der setzte auf die Erfindung von Felix Wankel.

Citroën M35 Prototyp Nr. 401
Citroën M35 Prototyp Nr. 401

Citroën im Wankelmotor Fieber

Citroën, damals noch selbstständig und nicht unter dem Dach von Peugeot unterwegs, ging sogar so weit, gemeinsam mit NSU das Unternehmen Comotor zu gründen. Die Marken wollten in einem gemeinsamen Werk Wankelmotoren im großen Stil herstellen, es sollte aber nie dazu kommen. Technische Probleme, fehlende finanzielle Möglichkeiten und die Energiekrise (!) Anfang der 1970-er Jahre zwangen das Projekt zum Scheitern.

Doch zuvor brachte Citroën 1969 als offizielles Erprobungsfahrzeug die M35 auf den Markt. Basierend auf der AMI 8 bauten die Franzosen ein neues Fahrzeug. Was alleine schon eine wahnsinnige und kostspielige Idee war. 500 M35 Prototypen sollte es geben. Dazu wurde die AMI 8 Bodengruppe neu eingekleidet, was Karosseriespezialist Heuliez übernahm.

Normal - alle M35 wurden auf dem Kotflügel als Prototypen ausgewiesen
Normal – alle M35 wurden auf dem Kotflügel als Prototypen ausgewiesen

Ein 2CV Derivat mit Kreiskolbenmotor

Da die Kundschaft zuvor meist mit einer DS in der gehobenen Klasse mobil war, musste Citroën annähernd vergleichbare Technik und Design bieten. So zog eine abgereicherte Version der Hydropneumatik ein, Ledersessel, ein neu gestaltetes Lenkrad und optische Verbesserungen sollten für eine ansprechende Atmosphäre in der M35 sorgen.

Dennoch, die M35 blieb ein 2CV Derivat, wenn auch mit einem Kreiskolbenmotor unter der Haube. Außerdem der einzige 2CV Abkömmling, der jemals eine Hydropneumatik bekam.

Vielfahrende Citroën Kunden in Frankreich durften sich um eines der Fahrzeuge bewerben. Mindestens 30.000 Kilometer Jahresfahrleistung waren die Grundbedingung. Fand die Bewerbung Gnade, dann mussten 14.000 Francs bezahlt werden, was in etwa dem Preis einer neuen D Spécial der damaligen Zeit entsprach.

Dafür gab es dann einen neu eingekleideten Kleinwagen. Oder die Vision der Zukunft. Je nach Sichtweise.

Auch auf der Heckscheibe wird auf den Prototyp hingewiesen
Auch auf der Heckscheibe wird auf den Prototyp hingewiesen

Immerhin, die Marke mit dem Doppelwinkel verkaufte mit dem Citroën M35 so etwas wie ein Rundum-sorglos-Paket. Kam es zur Panne, dann stellte der Hersteller einen kostenlosen Ersatzwagen. Die Kosten für Reparatur und Service übernahm er ebenfalls. Im Prinzip waren so nur das Benzin, von dem der Wankelmotor nicht wenig trank, Reifen und Bremsen zu zahlen.

Die M35 wurde im Werk in Rennes-La Janais, wo heute der C5 Aircross von den Bändern läuft, montiert. Das meiste muss in Handarbeit geschehen sein, die Kosten waren hoch, und die Marke verlor mit jedem Auto Geld. Außerdem lieferten die ersten Fahrzeuge bereits genug Daten, sodass Citroën nach der Seriennummer 175 pragmatisch zu Nummer 376 überging, und bis zum Frühjahr 1971 nur 267 M35 Prototypen gebaut wurden.

Ledersessel sollten Oberklasse Atmosphäre schaffen
Ledersessel sollten Oberklasse Atmosphäre schaffen

Citroën sammelt die M35 Wankel Prototypen ein

Dann endete die Versuchsserie und Citroën kaufte einen Teil der Fahrzeuge zurück. Der Großteil der Testkunden soll darauf eingegangen sein. Wer seinen M35 Wankel behalten wollte, konnte das tun. Er musste den Hersteller aber schriftlich von Garantieansprüchen und der Ersatzteilversorgung freistellen.

Damit endete die Geschichte der M35 nicht. Denn, was eigentlich für die Schrottpresse vorgesehen war, wurde weggestellt. Etliche Citroën Wankel Prototypen sollen bis in die 1980-er Jahre hinein an der hauseigenen Teststrecke geparkt worden sein. Nach und nach wurden sie verkauft, flossen zurück in den Autohandel und wurden so für die Nachwelt erhalten.

Ein neues Lenkrad, andere Armaturen und weitere Details sollten das 2CV Derivat verheimlichen
Ein neues Lenkrad, andere Armaturen und weitere Details sollten das 2CV Derivat verheimlichen

Die M35 fährt immer noch weiter

Heute gibt es eine vorbildlich rührige Szene rund um die Citroën M35 Wankel Prototypen. Es existiert ein M35 Register, wenn ein Prototyp zum Verkauf steht wird er gemeldet, und Ersatzteile werden von Händlern nachgefertigt. War es einst so, dass nur französische Fahrer in den Genuss der sehr speziellen 2CV Derivats kamen, so hat sich die M35 mittlerweile in ganz Europa verbreitet.

Aktuell steht Prototyp 401 zum Verkauf. In einem sehr originalen Zustand wird er von SAS ACL in Chagny auf Classic Trader angeboten. Die Nummer auf dem Kotflügel, und den Hinweis auf einen Prototyp, trugen damals alle Fahrzeuge. Citroën schaute stolz in die Wankelzukunft, jeder sollte es wissen.

Prototyp 401 ist mal wieder eines dieser Fahrzeuge, wo man hofft, dass es behutsam restauriert wird, sodass automobile Geschichte nicht ausgelöscht wird.

Der Kreiskolbenmotor im M35 ist heute problemlos zu fahren, die Krankheiten von einst sind kuriert. Die Antriebsart selbst ist ebenfalls nicht tot. Mit Wasserstoff betrieben, rechnet sich die Wankel Supertec Chancen für die Zukunft aus.

Mit Bildmaterial von SAS ACL

5 thoughts on “Citroën M35 Wankel Prototyp – einer von 500 (267)

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    Charmanter Beitrag!
    … aber nicht alle Citroën waren unbedingt schön! 😉
    (allerdings finde ich die Sitze schon wieder sehr cool!)

    … aber irgendwie finde ich (besonders auch in letzter Zeit wieder irgendwie mehr), dass “Fließheck” eigentlich die ideale Form für ein Auto ist! … und zudem auch (zumindest von Saab immer) hübsch!!!! 🙂
    ( na gut, alte “Passat” u.ä. machen auch da natürlich wieder eine Ausnahme) 😉

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    Eine unglaublich charmante “Randnotiz” der Automobilgeschichte …

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      P.S.
      Ich glaube, ich habe als kleines Kind tatsächlich einmal eine M35 im Beisein meines Vaters (Dr Ing, Maschinenbau, Energie- und Verfahrenstechnik) live gesehen. Ich meine mich zu erinnern, dass er etwas aus dem Häuschen war …

      Und ich weiß ganz, ganz sicher, dass ich ein Kunststoffmodell vom Wandelprinzip hatte, welches ich als Kleinkind nicht ansatzweise verstanden habe. Man konnte einen “Kolben”, der gleichzeitig und merkwürdig dezentriert wirkte und dennoch mit drei Ecken immer sauber entlang eines Randes lief, mit der Hand in einem alles anderen als perfekten “Kreis” drehen. Das Modell war mehrfarbig und es gab im äußeren Rand zwei Lücken (Ein- und Auslass eben) …

      Ich weiß bis heute nicht, ob man theoretisch einen Wankel bauen könnte, der (energie-) effizienter und so zuverlässig wie ein Hubkolbenmotor läuft. Aber die Faszination Wankel habe ich verstanden. Und sie passt verdammt gut zu Citroën.

      Schon allein die angedeutete Tropfenform der M35 macht sie mir sympathisch. Man hat sich was getraut und ausprobiert. Das waren echte Sternstunden in der mehr als 100-jährigen Geschichte des Automobilbaus …

      Chapeau vor der Unternehmensführung und den beteiligten Ingenieuren und Designern.

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    mal wieder eine Bildungsreise. Ich erinnere mich entfernt an den/die Birotor (?) GS. Ich glaube, die gab es in Serie. Die M35 ist mir neu. Sie ist irgendwie leicht skurril geraten, oder?

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    Charmant. Ein tolles Thema, es gibt mittlerweile sogar mindestens eine M35 in Deutschland. Allerdings wurde die komplett restauriert.

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