Ein Stück Geschichte – oder was ist Saab 92.004 wert?

Gestern endete in Schweden die Auktion des Saab 92.004. Der zweitälteste Saab der Welt, ein historisches Auto. Es gab im Vorfeld viel internationales Interesse. Aber auch Kritik am Auktionator und an der Art und Weise der Präsentation. Das Resultat der Versteigerung ist nicht überwältigend. Nicht, wenn man den geschichtlichen Wert des Vorserien Autos sieht.

Ein Fahrzeug der Vorserie, in Handarbeit hergestellt
Ein Fahrzeug der Vorserie, in Handarbeit hergestellt

325.500 schwedische Kronen, umgerechnet 31.400 €, standen am Schluss als Höchstgebot fest. Das lag etwas über dem Schätzpreis und ist nicht wenig. Aber ist auch kein überragender Betrag. Der Eigentümer dürfte nicht besonders begeistert gewesen sein. Vor einigen Jahren versuchte er bereits den Verkauf für 350.000 Kronen. Damals war die Krone im Verhältnis zum Euro erheblich mehr wert gewesen.

Im Vorfeld gab es Kritik über den Umgang mit dem Fahrzeug.

Die war sicher berechtigt. Das Auktionshaus Bilweb blieb mit seiner Beschreibung wage. Wer Fakten zu der Historie suchte, der musste sie sich selbst zusammen suchen. Während es für die heimischen Interessen noch rudimentäre Informationen gab, sah es für internationale Kunden ohne schwedisch-Kenntnisse mager aus. Die sparsame Beschreibung schrumpfte auf ganz wenige Zeilen zusammen, da half nur der Griff zum Wörterbuch.

Viele wichtige Fragen ließ man gänzlich offen. Darunter die Frage, ob der Saab ursprünglich eine blaue Lackierung getragen hatte. Ihr Nachweis hätte den Wert erheblich gesteigert und bewiesen, dass Saab 92.004 eines von nur 2 Standard Fahrzeugen gewesen war.

Die Suche nach Fakten blieb aber aus.

Und vertrieb mit Sicherheit den ein oder anderen internationalen Käufer, der das Risiko scheute. Um fair zu bleiben, muss man feststellen, dass Bilweb eben nicht Bonhams ist und wahrscheinlich auch nicht sein möchte. Entsprechend geht man mit den Fahrzeugen um. Es ist der oder die Verkäufer, welche die falsche Bühne gewählt haben.

Die großen, internationalen Auktionshäuser wären für dieses einzigartige Stück schwedischer Geschichte die angemessene Plattform gewesen. Sie hätten Auto Archäologie betrieben und die Historie geklärt und dokumentiert. Vor der Auktion. Und sie hätten für dieses Stück Geschichte um Interessenten geworben.

Man kann davon ausgehen, das Saab 92.004 einen höheren Preis erzielt hätte.

Die Worte “Vorserie” und “ältester Saab” hätten gezündet. Aber die Gelegenheit wurde nicht genutzt, was auch schade für die Marke Saab und ihre Wertschätzung ist. So bleiben viele Fragen über die Geschichte und den Umbau zum B-Modell offen. Vielleicht, und das ist zu hoffen, hat der Saab den passenden Käufer gefunden. Der die Geschichte erforscht, dokumentiert, und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Denn Zeitzeugen gibt es nicht mehr viele, es sind die Autos, die über die Geschichten vom Götaland Kanal erzählen müssen.

Etwas in der Vergangenheit des Fahrzeugs hat das Magazin Klassiker.nu gewühlt. Die Redaktion fand einige historische Bilder, die sehenswert sind. Leider sind auch sie nicht in Farbe, sodass weiter Fragen ungeklärt bleiben müssen.

3 thoughts on “Ein Stück Geschichte – oder was ist Saab 92.004 wert?

  • @ Hans S. & Tom,

    kann ich für mich so unterschreiben. Es gibt einen gewissen Trend zu Fahrzeugen der Kindheit und Jugend,

    Andererseits stellt sich die Frage, was das überhaupt heißt?
    Sind das wirklich nur die Neuzulassungen nach der eigenen Geburt? Dann wäre es bei mir doch anders …

    Ich war insbesondere in Skandinavien immer von den Autos fasziniert, die ich in D nicht oder nur selten zu Gesicht bekam. Die waren oftmals 10 bis 30 und manchmal 40 oder mehr Jahre älter, als ich selbst.

    Brezelfenster hinten, geteilte Frontscheiben, sogar Aufbauten aus Holz und Leder und noch echte Kotflügel, die keinen anderen Zweck hatten, als Fäkalien von den Türen abzuhalten. All das hat meine automobile Kindheit mit geprägt. Skandinavien sei Dank.

    Tatsächlich habe ich dort damals auch mehr alte deutsche Autos als in D gesehen. Mehr alte Britten, als in GB und mehr alte Schweden als in D ohnehin. Von Amis fange ich erst gar nicht an …

    Kurz: Ich denke schon, dass von einem 92.004 auch heute noch eine Faszination auf “Zeitzeugen” ausgehen kann. Insofern fällt es mir leicht, Toms Artikel und Einschätzungen zu folgen.

    Gleichwohl ist der (kleine & enge) Markt für alte Saabs damit längst nicht analysiert und Zweifel an einem
    potentiell höheren Preis haben womöglich die selbe Berechtigung wie Mutmaßungen, da sei mehr drin gewesen? Ich weiß es nicht …

    Velen Dank an Tom & Hans S. für die Denkanstöße.

  • Lieber Hans, ich sehe den 92.004 als ein bedeutendes Artefakt, das in eine Sammlung gehört. Die idealerweise öffentlich zugänglich wäre.

    Was wäre gewesen, hätte 92.004 einen 6-stelligen Betrag erlöst? Natürlich reine Fantasie ohne Bodenhaftung meinerseits, aber die Strahlkraft für die Marke Saab wäre riesig gewesen.

    Aber schon richtig. Saab ist für wenige, aber die haben Spaß daran. Schönes Wochenende!

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  • Danke Tom für diese Neuigkeit. Ich finde den Preis nicht so schlecht. Ob der Saab auf einer anderen Plattform mehr gebracht hätte bezweifle ich. Ist es nicht so, dass viele sich nun Autos zulegen die sie sich in jungen Jahren nicht leisten konnten oder darin als Kind rumgefahren worden sind? Ich denke der Markt für Autos aus den 70er/80er Jahre boomt mehr als der von 1950 oder gar Vorkriegsautos. Wer kann und will die noch fahren?

    Und bei Saab ist es doch so, der Markt war damals schon klein und ist es eben heute auch noch. Mit Saab Oldtimer wird man nie das grosse Geld verdienen. Ist für mich aber auch nicht vorrangig, Ich liebe sie und fahre sie!

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