Die verpassten Chancen und ihre Konsequenzen

Erinnert sich noch irgendwer an das Jahr 2015 und das Ida Projekt? Angefangen hatte alles mit einer Katastrophe. Ein alter und zugegeben schon ziemlich vernachlässigter Saab 9-5 machte Ärger. Nicht, dass dies Saab-spezifisch wäre. Wer Autos nicht pflegt, muss mit Konsequenzen rechnen. Früher oder später.

Alt wird neu. 2015 startete in Schweden das Ida Projekt
Alt wird neu. 2015 startete in Schweden das Ida Projekt

Der Besitzer des runter gewirtschafteten 9-5 wollte ihn nur noch loswerden. Er schaltete eine humorvolle Anzeige, die auf Resonanz in den Medien traf. In der Konsequenz kümmerten sich Orio und Maptun um das Auto und versetzten es in einen fast Neuwagenzustand. Die Geschichte sorgte für Aufmerksamkeit und brachte positive Presse. Im Hintergrund schwebte die Idee, zukünftig alte Saab Modelle aufzuarbeiten und mit Original Ersatzteilen fit für die nächsten Jahrzehnte zu machen.

Ein bestechender Einfall der dem Zeitgeist entspricht

Denn länger nutzen ist nachhaltig, Konsum zu vermeiden gut für die Umwelt. Auch wenn Saab keine Autos mehr baut, was wäre gewesen, wenn man mit einem Gütesiegel fast Neuwagen unter die Menschen bringen würde? Die Idee war geboren, sie wurde nur halbherzig verfolgt, und recht bald entschied man sich in Schweden für einen anderen Weg.

Statt in der Nische zu bleiben und die Kernkompetenz Saab weiter zu stärken, driftete man in ein Abenteuer mit Autoteilen für andere Marken. Natürlich wartete niemand auf einen weiteren Anbieter auf dem Markt. Die Ersatzteile für Opel und VW blieben nicht selten in den Regalen liegen und verstaubten. Tragischerweise hatte man zuvor, um Platz zu schaffen, alte Saab Teile entsorgt. Heute fehlen sie.

Versäumnisse rächen sich irgendwann

Und im Moment ist am Beispiel des Saab 9-5 zu beobachten,  was mit einem Produkt passiert, das niemanden mehr etwas anzugehen scheint. Der Markt ist prekär. Es treffen zwei Extreme aufeinander. Auf der einen Seite die große Masse der Angebote von Fahrzeugen, die es hinter sich haben. Da geht es nur noch um Restnutzung oder Export.

Die Auflistung des Wartungsstaus erstreckt sich bis in die Unendlichkeit. Besonders tragisch ist es in Schweden. Der 9-5 ist in den Top 10 der billigsten Gebrauchtwagen Schwedens. Auf der Plattform Blocket wurde er im Juli 2020 mit einem Durchschnittspreis von rund 1.500 € (Saab 9-5, 2006) gehandelt. Ein Preis, zu dem nur noch Verbrauch lohnt. Investieren und erhalten wird bei dieser Marktlage niemand.

Die Idee war einfach. Aus einem alten Saab einen fast-Neuwagen zu machen
Die Idee war einfach. Aus einem alten Saab einen fast-Neuwagen zu machen

Auf der anderen Seite stehen die ganz wenigen Liebhaberfahrzeuge. Sie sind penibel gepflegt,  und trotz hoher Laufleistung haben sie das Potenzial,  noch lange ihre Dienste anbieten zu können.

Was in wenigen Jahren passieren wird, ist vorhersehbar

Der alte 9-5, heute noch eine feste Größe im Werkstattumsatz, wird weitgehend verschwinden. Die Prognose ist schlecht. Denn der 9-5 ist kein Coupe, kein Fließheck oder Cabriolet. Nur eine Limousine oder eben Kombi. Und die erwischt es bei allen Marken zuerst und dann mit voller Härte. Dabei muss man feststellen, dass der deutsche Markt noch relativ moderat in Sachen Saab 9-5 aufgestellt ist.

In anderen Ländern, siehe das Beispiel Schweden, sind die Preise im tiefsten Keller. Die Geschichte ist durch, erledigt.

Das Ida Projekt 2015 auf dem Saab Festival
Das Ida Projekt 2015 auf dem Saab Festival

Man hätte gegensteuern können. Schon 5 oder 6 restaurierte 9-5 aus Schweden pro Jahr wären eine Menge Rückenwind gewesen. Immer wieder gute Presse, ein interessantes Nischenthema, eine Sonderration positiver Psychologie. Man hat es versäumt, und das wird sich rächen. Einige Versäumnisse kann man korrigieren, andere nicht. Man hätte schon vor ein paar Jahren damit anfangen müssen, gute, aber billig zu erwerbende Basisfahrzeuge wegzustellen. Davon könnte man heute zehren.

Schnell noch einen Saab 9-5 kaufen

Eigentlich ist man schon spät dran. Aber noch nicht zu spät. Immer mal wieder werden interessante Fahrzeuge angeboten. Noch, denn das Ende ist absehbar. Mal sind die Preise verstörend niedrig, mal spekulativ hoch. Wenn Aero dran steht, die Kilometerleistung niedrig ist. Den einen Markt und eine allgemeine Preisentwicklung gibt es nicht. Alles ist möglich.

Für die erste 9-5 Baureihe spricht die große Vielfalt. Drei Serien mit unterschiedlichem Charakter. Vom Ur-Modell über das Facelift bis zur Chrombrille. Jeder Geschmack wird bedient, die Technik ist einfach bis robust, Ersatzteile bis auf spezielle Komponenten sind gut und günstig bei den bekannten Quellen verfügbar.

Spannend wird es, wenn man spezielle Wünsche hat.

Ich habe mich auf den Weg gemacht und es getan. Einen alten Saab 9-5 gekauft. Eine Odyssee, bei der alles zusammenkam. Sie liefert Grundlage für eine Artikelserie, die am nächsten Mittwoch beginnt und von da an wöchentlich erscheinen wird. Stoff genug ist da.

Denn von der Idee bis zum Zeitpunkt, als das Auto bei mir auf dem Hof stand, verging eine lange Zeit.

13 thoughts on “Die verpassten Chancen und ihre Konsequenzen

  • @ Schwarzer Schwede,

    ja, wirklich traurig. Wenn es so und unvermeidlich ist, dann hoffe ich, dass aus jedem 9-5, der nicht erhalten wird, das Maximum rausgeholt wird und dass andere 9-5 davon profitieren.

    Etwa Ledersitze, NSW, AHK (abnehmbar), das bessere Soundsystem oder was auch immer jeweils vermisst und als Aufwertung verstanden wird.

    Damit könnten einige 9-5-Besitzer glücklich gemacht werden und vielleicht wechseln so noch mehr 9-5 vom Verbrauchs- zum Liebhaberobjekt?

    Nur so könnte ich darin einen gewissen Nutzen sehen, mich ein wenig mit dem traurigen Status quo versöhnen. Wäre schade, wenn da gute Teile ungenutzt blieben. Es wäre auch weder nachhaltig, noch ökologisch.

    Wozu sollte man beispielsweise eine gute AHK einschmelzen?

    Ich hoffe, dass Orio und der Markt für gebrauchte Teile sich zu einer sinnvollen und möglichst lückenlosen Aufteilung arrangieren.
    Vermutlich ist das aber bloß Wunschdenken …

  • @Volvaab: Ich vermute die 9-5 werden geschlachtet um andere 9-5 billig am Leben zu erhalten. Oder es noch etwas über den Rest TÜV zu verlängern. Die Zukunft ist rabenscharz. Man muss nur mal quer durch die einschlägigen Foren lesen um zu lernen was bei diesen Autos alles NICHT repariert wird.

    Die werden schnell verschwinden, das ist sicher. Traurig, traurig. 🙁

  • Vor ein paar Tagen habe ich über einen von mir aufgepäppelten 9-5 I berichtet. Nachdem ich jetzt ein paar km gefahren bin muss ich sagen, so eine 95er Limousine aus der ersten Serie ist ein sehr souveräner Gleiter mit einer einmaligen Ausstrahlung. Auch wenn sich mein Projekt nicht in CHF oder Euro rechnen wird, so habe ich jeden Tag eine Freude an diesem schönen, zeitlosen Auto. Ich denke, genau so geht Nachhaltigkeit, aber das will wohl weder die Politik noch die Mehrheit der Bevölkerung. Alle spingen hinter dem Neusten, dem Hippsten her, ohne zu merken dass sie eigentlich nur als Cash Cows benützt werden.

    Und gestern Abend die Sendung plus/minus im TV mit dem Beitrag über den Golf 8. Da frage ich mich einfach wie blöd sind denn die Leute und kaufen scharenweise so ein Produkt?

  • Schwedisches Schlachtvieh?

    Weiß man etwas darüber, ob die Schweden den 9-5 gerne für andere Saabs ausschlachten?
    Etwa für die 900 II und 9-3 I Coupés und Cabrios?

    Unzählig viele Volvos der Serien 140 und 240 sind diesen Weg gegangen. In Schweden hat man ihnen die Motoren und Getriebe reihenweise rausgerissen.

    Transplantiert wurden diese Organe in Buckelvolvos und Amazonen. Klingt ein wenig nach verkehrter Welt, wenn gute und antriebsrelevante Teile einem jüngeren Fahrzeug zugunsten eines älteren entnommen werden, aber so und nicht anders lief das ab. Und zwar im großen Maßstab. Da hatten unzählige Buckel und Amazonen plötzlich größere Motoren aus dem 140 und manche dahinter auch gleich noch ein 5-Ganggetriebe aus dem 240.

    Die Kompatibilität war gegeben und was nicht von selbst passte, wurde passend gemacht. Die Serie 140 wurde so selbst in S fast ausgerottet. Und zugleich sorgten die Ein- und Umbauten dafür, dass es mehr modifizierte Buckel und Amazonen, als unverbastelte Originale gibt. Diese sind dann aber teils erstaunlich fahraktiv und manche trotzdem optisch noch völlig authentisch.

    Wiederholt sich diese (etwas traurige) Geschichte gerade am Beispiel Saabs und des 9-5? Und welche anderen Modelle profitieren ggf. vom edlen Spender?

  • Ich habe es auch getan: ein laserroter 9-5 Aero SC von 2004 in Vollausstattung, toll aufbereitet vom Saab-Zentrum Paderborn – die ideale Ergänzung zu meinem 9-3 Cabrio. Und der 9-5 ist trotz seines Alters mit 180 tkm so gut, dass ich überlege, ob mein V90-Dienstwagen am Ende der Leasingzeit überhaupt ersetzt werden muss. Es ist echt cool, was dieses „alte“ Auto bietet: eine sehr gute Langstreckenqualität, die belüfteten Sitze, prima Klimatisierung – und sogar der Kofferraum mit seiner Innenraumbreite schlägt modernere Fahrzeuge. Und man hat im Vergleich einen prima Rundumblick.

    Ich bin jedenfalls begeistert und fühle mich als Vorreiter der Nachhaltigkeit.

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  • Zu gerne hätte ich noch einen 9-5I, aber einen guten zu finden wird wirklich immer schwieriger. Die Fans geben ihn nicht her

  • Wohl wahr. Orio hätte in Sachen Fahrzeugerhalt und Traditionspflege – mangels Hersteller – eine Schlüsselrolle spielen können / müssen. In Kooperation mit den hiesigen Oriopartnern hätte man hierfür auch ein tolles Netzwerk gehabt. Leider entwickeln nach meiner Wahrnehmung bei diesem Thema nur die wenigsten Hersteller ein nennenswertes Engagement. Auch bei Volvo scheint das Interesse hier seit Geely nachzulassen. Bedauerlich!

  • Nun ja, als bekennender 9k-Fan habe ich natürlich auch in der Zeit, als die 9-5 auf den Markt geworfen wurden, mit so seltsamen Motoren wie dem 3,0 L Motor, der weitaus schlechtere Verbrauchs- und Agilitätswerte als der 2,3 L TU unserer 9k’s zeigte, die Berichte von Bekannten aufgesaugt, die über die mehr als schlechte Zuverlässigkeit der 9-5 ausgebracht wurden. Einer, der seitens seiner Firma immer SAABs gefahren hatte, erzählte, dass sein neuer 9-5 seit Kauf mehr Zeit in der Werkstatt zugebracht habe als dass er ihn auf die Straße gebracht habe. Klar, nur noch amerikanische Qualität, den Tröllhättern aufgezwungen.
    Dass die Wirklichkeit nicht so ein einfaches Weltbild ist, wie ich es damals hatte, habe ich erst vor knapp einem halben Jahr bemerkt, als ich mir mal einen 1997er 902 CV gekauft habe. Objektiv mit einem weit besseren Motor (B204L) ausgerüstet als mein 901 CV aus 1992.
    Andererseits: mein 1992er 9k 2,3 TU ist für mich immer noch das Nonplusultra an von mir jemals gefahrenen Fahrzeugen. Gut, dass ich den niemals verkauft habe. Aber dennoch schade, dass der 9-5 heute so schlecht dasteht.

  • Das IDA Projekt wäre genial gewesen. Alte Saabs neu aufbereitet und restauriert – mit aktuellen Gadgets verfeinert. Ein Traum! Orio war der Zeit voraus, fast visionär. Sie hätte es nur umsetzen müssen.

  • Keine News. Kurzarbeit in Schweden und Quartals- bzw. Halbjahreszahlen die so sind wie man sie in COVID-19 Zeiten erwartet.

  • Ich freue mich auf die Serie.
    Den 9-5 mag ich ebenso wie den 9K.

    Manche haben damals ja mächtig geschimpft. Nicht nur für Ove war dem 9K nichts mehr hinzuzufügen. So ist das mit Klischees. Die bilden sich erst, wenn ein signifikanter Teil einer Gruppe sie bedient …

    Als ich das Buch (dt. Fassung) in Händen hielt, musste ich schmunzeln, denn da ist eine Chrombrille SC auf dem Cover …

    Wie dem auch sei, es waren teilweise die größten Fans der Marke Saab (insbesondere des 9K), die mit dem 9-5 am härtesten ins Gericht gingen. Wie Hooligans mit dem neuen Trainer “ihrer” Fußballmannschaft nach 2 Niederlagen in Folge …

    Ich habe so einen Ove/Hooligan damals auf einer Probefahrt eines 9-5 Aero SC in Vollausstattung begleitet und durfte auch selbst ans Ruder. Es war furchtbar. Furchtbar ungerecht. Ich mochte den Wagen. “Ove” ließ kein einziges gutes Haar an diesem. Das sei kein Saab mehr …

    Jetzt haben wir den Salat. Jetzt gibt es wirklich keine Saabs mehr. Und der Ove den ich kenne, ist völlig fasziniert von meinem 9-5.

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  • Traurig traurig! 🙁 Tom und Jan haben völlig Recht!

    Wie ist denn die aktuelle Politik bei Orio? Ist da vielleicht ein Umdenken in Sicht? Hat man gelernt, dass man mit den Ersatzteilen anderer Marken nicht weit kommt? Gab es bei der Leitung von Orio Deutschland nicht jüngst einen Personalwechsel? (Aber der, der ging, war nach meiner Erinnerung ein großer Saab-Enthusiast. Also wahrscheinlich eher negative Auswirkungen.)

  • Im Prinzip war das Ida-Projekt ganz im Zeichen des Saab Spirits. Eine Idee, die aufgegriffen wurde, bevor man überhaupt erahnen konnte welche Rolle die Themen Nachhaltigkeit und Langlebigkeit einmal spielen würden.

    Nicht nur dass man damit absolut positive Publicity bekommen hätte, man hätte auch den Markt für die Zukunft gesichert, denn auch restaurierte Wagen hätte weiterhin Pflege benötigt. 20 Autos im Jahr, einmal querbeet durch die Produktpalette. 9-5 Limousinen, 9-3 Coupés oder die immer rareren 9000er. Eine Win-Win Situation + man hätte im Straßenverkehr weiterhin werbefähige Autos, welche ausreichend Aufmerksamkeit und Überzeugen gesammelt hätte. Denn welche Sprüche hört man als Saab-Fahrer am häufigsten? 1.Der läuft noch? 2. Man kriegt doch bestimmt gar keine Teile mehr, oder? Autos wie Ida halten da gekonnt dagegen.

    Das Ida-Projekt hat geschickt gezeigt wie es gehen kann. Und in 2020, wo Automobilhersteller durch ewig lange Schadstoffdiskussionen in der Entwicklung gebremst werden, entdeckt man plötzlich den Altbestand wieder. Porsche oder BMW Classics als die bestes Beispiel. Restaurierte Firmen Geschichte, original Teile und mit Marken Siegel. Entweder in Eigeninitiative oder auf Kundenwunsch. So löst man es u.a. in Zuffenhausen. Ein Modell das man auf die Saab-Werkstätten hätte umlegen könne, denn das know-how für gute Restaurariontsarbeiten ist (nicht nur) in Deutschland vorhanden. So hätte jedes Jahr ein exklusive Bestand zusammen kommen können.

    Das Ida-Projekt zeigt und bestätigt am Ende nur eins: Mal wieder gab es in der Saab Szene eine Idee, die Jahre später erst richtig verstanden werden sollte. Aber man gab auf – aus welchen Gründen auch immer und am Ende wie so oft. Wie viele gute Ideen hätten es in die Umsetzung geschafft, wenn man das gesamte Potenzial ausgeschöpft hätte?! Es wären einige gewesen!

    Es bleibt also (mal wieder) nur die traurige Bestätigung. Das Ida-Projekt und der 9-5 waren irgendwie sowas wie Vorläufer für die aktuelle Diskussion. Die Autos in Deutschland behalten ihren Besitzer immer länger, selbst mit staatlichen Programmen schafft man es nicht den Bürger zum Neuerwerb zu bewegen. Gehobene, nachhaltige Mittelklasse fürs reine ökologische Gewissen wären wohl der Schlüssel für den ganz eigenen Nischenerfolg gewesen.

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