Stern oder Greif? Mercedes 190 E oder Saab 900i 16v?

Sternenwagen oder Greif ist das Thema des heutigen Vergleichstests. 1989 rollte bei Daimler der Modell-gepflegte 190er von den Bändern. Sichtbar gereift – ein Mitbewerber,  den man unter allen Umständen ernst nehmen musste. Bei Saab nahm man den kleinen Benz genauestens unter die Lupe und analysierte seine Schwächen. Ist der Vergleich von Mercedes 190 E mit dem Saab 900i 16v skandinavischer Größenwahn, oder hat der Schwede eine Chance?

Saab 900i 16v gegen Mercedes 190E
Saab 900i 16v gegen Mercedes 190E

Mein erster Saab Händler muss sich Anfang der 90er Jahre des Öfteren Saab Spotlight Filme angesehen haben. Er war der felsenfesten Meinung, dass Saab Mercedes ebenbürtig sei. Eine Meinung, die sowohl sein Verkaufsteam als auch ich nie so ganz akzeptierten. Wir sahen damals, bei allem Saab Enthusiasmus, die Schwaben immer vorne. Entsprechend skeptisch war ich bei dem Vergleich von 900 und 190 E.

Der W201 war ein Paukenschlag

Für die jüngeren Leser muss es eine kleine Einführung geben. Die W201 Baureihe wurde 1982 eingeführt und war so etwas wie ein Paukenschlag in der automobilen Welt. Mercedes, die Marke stand für Macht, Reichtum, teure Autos,  die man sich verdienen musste und, hatte man das Geld angespart, in bar bezahlte. Die Lieferzeiten waren elendig lange, ein Benz hielt fast für das ganze Leben und erzielte hohe Wiederverkaufswerte. Der “Baby Benz”, so wie der 190er im Volksmund genannt wurde, war ein Kulturschock. Ein so kleines Auto mit einem Stern auf der Haube? Die Demokratisierung des Luxus, Mancher wollte es kaum glauben. Mein Großvater, der jährlich seinen Mercedes gegen ein neues Modell wechselte, war einer davon. Er hielt sich vom W201 konsequent fern und gab mir den guten Rat fürs Leben, dass ein Mercedes erst bei der E-Klasse anfängt.

Viele aber sahen es anders. Die Baureihe W201 wurde ein Erfolg, obwohl sie qualitativ nicht das verkörperte, was bis zu diesem Zeitpunkt mit der Marke verbunden wurde. Zwischen 1982 und 1993 konnten die Schwaben mehr als 1.8 Millionen Stück verkaufen, davon träumte das Saab Management in seinen wildesten Fantasien nicht.

1989 kam beim ältesten Autohersteller der Welt die große Modellpflege, kein Facelift,  was normale Marken haben. Der 190 wurde spürbar erwachsener und fit für den letzten Teil seines automobilen Lebens. Saab nahm sich die 190 E Variante zu einem Vergleich, denn sie war das meistgefragte Modell dieser Baureihe.

Der Saab hat die modernere Motorentechnik

Mit einiger Akribie listen die Schweden die Schwächen des Mercedes auf. Der Multifunktionshebel an der Lenksäule ist überfrachtet, der Lichtschalter hat zu viele Funktionen. Die weiße Beleuchtung der Armaturen geht gar nicht, und die Sitze sind ein Problem. Sie sind zu hart, was ich als unfreiwilliger Mercedes 190 E Fahrer für 3 Monate im Jahr 1989 voll bestätigen kann. Auf langen Stecken gleicht ihr Komfort aktiver Körperverletzung. Das Platzangebot im Benz ist nicht ausreichend, flexibel ist er auch nicht. Die modernere Technik bietet Saab, denn der 190 E hat nur 2 Ventile pro Zylinder und nicht 4 wie der 900i. Es sind die Kleinigkeiten, die zeigen,  wie konservativ der Mercedes, der damals als fortschrittlich galt, in seiner Substanz war.

Bei der Suche nach Kleinigkeiten bleiben die Redakteure stets fair. Der W201 ist trotz allem ein gutes Auto, das sehr sicher und gut verarbeitet ist – mit einem beachtlichen Image durch den Stern auf der Haube, auch wenn der in den späten 80er Jahren etwas Strahlkraft eingebüßt hatte. Die Stunde des Saab schlägt bei den Fahrleistungen, wo der Mercedes mit seinem lang übersetzten Getriebe keine Chance hat. Überholen auf Landstraßen, die Domäne des 900, ist eine Lektion für den kleinen Schwaben, der dabei ganz alt aussieht. Und weil man in der Redaktion Sinn für Humor hat, lässt man den Benz gleich noch durch einen Volvo überholen. Eine unterschwellig transportierte Botschaft, die jeder versteht.

Familienfreundlich sind weder Mercedes 190 E noch der 900i 16v

Auf der Habenseite des 900 steht sein großer Kofferraum mit Heckklappe, dem die Limousine nichts entgegensetzen kann. Aber ein ideales Auto für eine Familie ist auch der Saab nicht. Auch wenn der Zugang zu den hinteren Sitzen besser, und die Sitzbank in der Qualität überlegen ist. Familienfreundlich sind selbst nach damaligen Maßstäben weder der Benz noch der Saab.

Neutral betrachtet ist der Vergleich natürlich gewagt. Der Saab 900 war 89 bereits eine fahrende Legende. Lange am Markt und auf dem 99 basierend. Man muss feststellen, dass der 190 trotz allem das modernere Auto ist, was die Redaktion aber nicht so deutlich ausdrückt. Sie umschifft das recht geschickt und ordnet den 900 dort ein, wo er zu Hause ist. Ein Auto für Individualisten, denen ein kleiner Mercedes dann doch zu konventionell ist. Genauso ist es, und das war der Punkt,  weshalb ich mich 1990 für einen Saab entschied. Und nicht für einen Mercedes.

13 thoughts on “Stern oder Greif? Mercedes 190 E oder Saab 900i 16v?

  • Danke für diesen historischen Beitrag

  • Danke Tom. Das ist besser als jeder Tatort…..

  • Das ist leider so. Wenn man sich für ein Auto interessiert, ab zum Händler und sich selbst ein Urteil schaffen. Es ist mit Sicherheit schon 20 Jahre her, da hatte ich im Wartebereich meines Büros unter anderem eine Auto Bild Zeitung liegen. Inhalt war ein Vergleichstest zwischen Mercedes, BMW, Citroen, Peugeot und ich meine Lancia. Gewonnen haben natürlich die Deutschen voran BMW. Auf einmal hörte ich ein leises Lachen aus dem Wartebereich, dort saß ein Kunde der gerade aus dem Frankreich Urlaub zurück kam und sich köstlich amüsiert hat. Weil, er hat diesen Vergleichstest bereits in der französischen Ausgabe gelesen(gleiche Autos, gleiche Tester), allerdings mit einer anderen Reihenfolge der Sieger. Dort waren es natürlich die Franzosen die gewonnen haben. In Italien war es wahrscheinlich der Lancia. Und heute wird es nicht anders sein. Wenn ich Beifahrer hatte, kamen die aus dem staunen meistens nicht wieder raus. So leise?, so gut und schön verarbeitet? So schnell? Wow! Hätte ich nicht gedacht! Dazu kam ja auch noch das Saab selbst sehr zurückhaltend war was PR anging. Und ist es sehr vielen verborgen geblieben was die Trolle alles drauf hatten. Schade!

  • @ Ebasil,

    das war sehr charmant und ehrlich. Viel Spaß beim Film. Er lohnt sich wirklich. Tatsächlich schon allein für den alten 190. Aus der Saab-Perspektive lohnt er sich ohnehin vom Anfang bis zum Ende …

  • @ Uli Beitel (“Fachpresse”),

    die Verrisse von Saabs sind legendär. Dass ein 99 es auf einen vorderen Platz brachte, liegt wahrscheinlich an seinem Status als Exot mit dünnem Servicenetz und den geringen Fertigungskapazitäten Saabs.

    Er galt als so ungefährlich, dass er ungestraft gelobt werden durfte.

    Für 900 und 9000 galten dann neue Regeln im Miteinander von Presse und dt. Autolobby.

    Das ging sogar soweit, dass gar keine Vergleichstests mehr gemacht wurden, wenn die Faktenlage zu eindeutig für einen Saab gesprochen hätte …

    Der ADAC hat 1995 (?) Tests eines 300E, Audi 100 2,8E und eines 9000 Aero in einer Ausgabe publiziert. Audi und Benz wurden ausführlich miteinander verglichen und als unter dem Strich gleichwertig bejubelt. Ein Hoch auf den dt. Automobilbau und seine excelenten Sauger!

    Den Aero hat man separat und sehr weit hinten ins Heft gestellt und dort ziemlich negativ beschrieben. Dabei sprechen alle Werte für den Aero.

    Leistung, Höchstgeschwindigkeit, Beschleunigung, Durchzug und Verbrauch, er war den beiden Deutschen nicht nur in jedem Punkt überlegen, er spielte in einer gänzlich anderen Liga. Er hatte die Daten und Fahrleistungen eines V8 und den Verbrauch eines 4-Zylinders.

    Dennoch ritt man genüsslich das Turboloch und eine angebliche Drehmomentschwäche. Zur Erinnerung: 342 Nm bei 1.800 U/min. 90% des max. Drehmoments schon bei 1.500 U/min.

    Bei jeder beliebigen Drehzahl also mehr, als der Audi oder Benz liefern könnten.

    Das Geschreibsel der Journalisten hätte daher in einem gemeinsamen Test inkl. der unvermeidlichen und vergleichenden Tabelle auch keinerlei Sinn ergeben.

    Dass Leser (“unabhängiger” Journalismus) und Mitglieder (ADAC) bewusst getäuscht, mind. bewusst beeinflusst wurden, halte ich für gesetzt.

    Auch, dass das Spiel weitergeht.
    Leider aber ohne Saab.

  • @ Herbert Hürsch – erwischt!

    Oh je, wie peinlich! 🙁 Erwischt!! 😉 Ich habe bisher nur ganz wenig vom Anfang des Films sehen können, weil ich total im Stress bin (es gibt ja auch Berufsgruppen in dieser Zeit, die deutlich mehr als sonst zu tun haben). Also habe ich mich in erster Linie auf den Text von Tom und die Vorkommentatoren bezogen, wozu ich spontan auch meinen Senf beisteuern wollte, so lange hier noch aktuell kommentiert wird. … Ähem …. 🙁

    Insofern freue ich mich auf den Genuss des ganzen Films – der, soviel war zu sehen, zweifellos toll ist -, wenn ich etwas Ruhe habe! 🙂

  • @ Ebasil,

    ist der tolle Film bei Ihnen vorzeitig abgebrochen?

    Der alte 190 taucht auf und wird mit dem Saab 93 sowie dem neuen 190 verglichen. Dabei wird genüsslich festgestellt, dass der alte innen größer und schöner war sowie, dass MB in 30 Jahren technisch keine nennenswerten Fortschritte gemacht habe …

    Was allerdings ein Stück weit damit zu tun hat, dass der alte 190 seiner Zeit ein verdammt gutes Auto war. Ich würde ihn einem 93 vorziehen. Beim 900 und dem neuen 190 kehren sich die Verhältnisse um …

  • In der deutschen “Fachpresse” gab es in den 80er und 90er Jahren einige “Vergleichstests”, bei denen sich die Schreiberlinge so richtig austoben konnten, was die negative Beurteilung des 900 betraf. Damals glaubte ich noch an solch einen Schmarrn …

    Zum Beispiel das Lieblingsblatt der Deutschen (auto motor sport), wo 1984 das preislich gehobenere Segment verglichen wurde und das Ergebnis in dieser Reihenfolge zu lesen war:
    Audi 100 (natürlich) – BMW 5er – Opel Senator – nun mit jeweils weitem Abstand Citroen CX – Saab 900 Turbo (einziger Pluspunkt bei diesem Verriss: die Individualität des 900, sonst nichts).

    1989 ein neuer Vergleichstest der “Auto Zeitung” mit 10 Fahrzeugen (u.a. auch BMW 3er und Mercedes 190). Hier kam dann – man stelle sich das mal vor – der Opel Vectra I an erste Stelle und ganz weit abgeschlagen der 900 i 16 V an letzte Stelle.
    Natürlich ausschließlich deutsche Fabrikate in den ersten Positionen.
    Viele andere “Fachzeitungen” folgten diesem Beispiel, auch mit dem 900 II, dem 9000, dem 9-3 I, 9-5 II (hier wieder mal die VW-freundliche Auto Zeitung.
    Alles andere (Citroen, Lancia, Alfa Romeo, Rover, …) wurde ebenfalls verrissen.

    Seit nun über 20 Jahren interessieren mich diese Schreiberlings-Gewächse nicht mehr.

    Zumindest konnte die “Auto Zeitung” im Jahr 1973 noch einigermaßen objektiv beurteilen. Hier die damalige Reihenfolge:
    BMW 5er (damals neu auf den Markt gekommen) – Saab 99 LE (nur drei Punkte Abstand zum BMW, bedingt durch die geringere Anzahl an Werkstätten, was 4 Punkte Differenz zum BMW ergab, sonst wäre der 99 Sieger gewesen) – Mercedes /8 – Volvo 144 – Citroen D Super 5 – Lancia Beta.
    Mercedes soll sich nach diesem Vergleich einen Saab 99 zugelegt haben, um heraus zu finden, was an diesem 99 so gut sein soll, dies war damals ein 99 3-Türer.

  • Der 190 war so was wie eine Zeitenwende bei Mercedes. Irgendwie bekam man es hin plötzlich dynamisch zu sein, was die starken Versionen ja auch waren. Spoiler und AMG Aufkleber waren Pflicht, auch wenn unter der Haube nicht viel los war. Köstliche Erinnerungen und ein cooler Film.

  • Aber es gab doch in den 50er/60er-Jahren schon mal einen 190er als “kleinen Mercedes”, W120 oder W121. Mein Bruder hatte den in den 80ern/90ern als Oldtimer – die sog. “kleine Heckflosse”, ein irgendwie komisches Auto mit dieser Modeerscheinung Heckflosse hintendran. Aber dieser Wagen hatte auch schon einen anderen 190er Vorgänger. Außerdem gab es sogar Modelle mit der Bezeichnung 170 oder 180. Danach har sich MB wohl für ca. 20 Jahre auf die 200er (/8) und die S-Klasse beschränkt. Die Neuauflage des 190er sollte dann m.W. vor allem ein Angriff auf den sehr erfolgreichen 3er BMW sein. Weiß man, ob der das geklappt hat? Gibt es auch einen Vergleich Saab 900/BMW 3er? Wäre bestimmt interessant.

    Ich hatte in den 80ern mal das “Vergnügen”, in einem 190D, Farbe Gold, mitzufahren. Die o.g. “Wanderdüne” trifft es genau. “Da vorne, ein Trecker!” … “Ja und? Der bleibt auch vor uns!” 😉 Irgendwie auf Dauer dann auch sehr entspannend, weil total entschleunigend, in so einem Gefährt unterwegs zu sein …

    Danke für den tollen Film!

  • Der Großvater & der Saab-Händler

    Ja, der Zeitgeist. Beide lagen schon auch richtig. Den 190 habe ich als unförmigen Kleinwagen empfunden. Lange Haube (kaum was drunter) und ein Heck mit dem Nutzwert eines Bollerwagens …

    Dazwischen? Ein Kleinwagen.

    Das Konzept großer Limousinen lässt sich nicht beliebig skalieren. Dass er dennoch ein kommerzieller Erfolg war, ist ein Indiz für viele kleine Männer mit einer großen Sehnsucht nach dem Stern …

    Längst gab es andere Autos, die flotter waren und/oder mehr Nutzwert geboten haben. Was aber kein Kriterium ist, wenn man endlich eine maßstäblich verkleinerte Kopie seiner Sehnsüchte bekommt.

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  • Ich erinnere mich ganz genau an diese Zeit. Gerade 18 geworden war mein Fahrschulwagen ein Baby Benz der ersten Generation. 190D mit Automatik. Da war sie wieder die Wanderdüne und beerbte gleich den 200D/8.
    Zu dieser Zeit konnte man unbesorgt einen Mercedes Neuwagen kaufen, da man ihn nach 6 oder gar 12 Monaten zum Neupreis wieder verkaufen konnte, unglaublich aber wahr, die Fahrzeuge hatten keinen Wertverlust. Zu dieser Zeit baute Mercedes aber die mit Abstand schlechtesten Sitze, dafür aber die größten Lenkräder (man könnte auch Steuerrad sagen).

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  • Danke Tom: brings back memories!
    Unser erstes Auto, als die Kinder kamen, war ein 900 Turbo in skarabäus grün: ein Traum, ordentlich Platz, sitzen auf grünem Velours wie in einer Burg und nach etwas Geduld mit dem Turbo ging der auch richtig gut. Image alternativ / konservativ…..
    Es folgte nach 4 Jahren ein W201. Der Wagen war einfach cool, entsprach dem Zeitgeist, der Stolz von jungen Leuten, die darauf hinsparten, gerne auch breiter, tiefer, mit SL-Haube, Zender und D&W lassen schön grüßen. Der W201 war damals einfach „in“. Aber praktisch für 4 Personen war er nicht besonders und die Sitze absolut nicht langstreckentauglich.
    Modische Dinge verlieren auch schnell wieder ihren Reiz und der alte Saab war uns gut in Erinnerung.
    Es kam, wie es kommen mußte, der Nächste war wieder ein 900er, dieses Mal mit einem „weichen Dach“, noch unpraktischer, aber das schönste Auto, welches wir je hatten und lange mit Genuss gefahren sind.
    So schwelge ich manchmal in Erinnerungen und fahre dann mit einem Saab Oldie eine kleine Runde im Sonnenschein……

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