Radnabenmotor als Turbo der Zukunft

Wenn der Blick der Saab Fans nach Norden geht, dann war er in den letzten Jahren meist traurig oder sorgenvoll. Seit NEVS am Göta Älv das Sagen hat,  warten sie vergeblich auf die Innovationen, für die Saab einst bekannt war. Das könnte sich jetzt ändern, denn erstmalig seit der Übernahme des Saab Nachlasses tut sich Bemerkenswertes in Schweden.

NEVS setzt auf Radnabenmotoren
NEVS setzt auf Radnabenmotoren. Foto: NEVS

Am 30. Mai übernimmt eine NEVS Tochter für einen nicht genannten Kaufpreis Protean Electric. Der britische Hersteller, 2008 gegründet, gehört zu den wichtigsten Entwicklern von Radnabenmotoren (in-wheel-technology), denen eine große Zukunft vorhergesagt wird. Der Radnabenmotor soll so etwas wie der Turbo der Elektromobilität sein.

Ein Traum von Generationen wird wahr

Radnabenmotoren sind an sich keine Neuigkeit. Sie stehen für einen alten Traum der Autoentwickler, und schon Ferdinand Porsche beschäftigte sich einst mit diesem Thema. Er rüstete im Jahr 1900 seinen Lohner Porsche mit lenkbaren Radnabenmotoren aus. Allerdings war seine Idee zur damaligen Zeit noch nicht realisierbar. Zu groß und zu schwer waren die Motoren. Ihre Anfälligkeit für eindringende Feuchtigkeit und Verschmutzung gab ihnen den Rest.

Das, was Generationen vor uns fasziniert hat, wird nun Realität. Der Einbau direkt in die Räder wird Designern neue Freiheiten bei der Gestaltung von Fahrzeugen verschaffen und die Fahreigenschaften revolutionieren. Außerdem haben die leichten Antriebe – ein Radnabenmotor von Protean wiegt je nach Typ zwischen 28 – 36 kg – einen hohen Wirkungsgrad. Viele Variationen, wie eine separate Ansteuerung jedes einzelnen Rades über die Lenkung,  sind denkbar und können fahrdynamisch neue Horizonte eröffnen.

Das alte Problem der Radnabenmotoren, ein hohes Gewicht und eine Anfälligkeit für Umwelteinflüsse, gilt mittlerweile als gelöst. Zwar sind die Kosten für ein Fahrzeug mit 4 einzeln angetriebenen Rädern immer noch etwas höher als bei einer konventionellen Anordnung des Antriebs. Er soll aber durch das Einsparen anderer Komponenten zumindest teilweise kompensierbar sein. Außerdem setzt man mit dem Einstieg in die Massenfertigung, wie immer bei Elektronikbauteilen, auf fallende Preise.

Protean hat zwei Motoren im Sortiment. Der stärkere „PD18“ Motor leistet satte 1.250 Nm und 80 KW als Höchstleistung im Peak. Bei 4 Motoren ist eine Systemleistung von 320 KW möglich. Die Motoren eignen sich sowohl für eine Verwendung in Personenkraftwagen als auch für leichte Nutzfahrzeuge bis 4.5 Tonnen.

Jetzt geht alles ganz schnell

Ein Alleinstellungsmerkmal ist der Radnabenmotor für NEVS allerdings nicht. Das erste Elektroauto mit „in-wheel-technology“ wird von der GAC Group in China produziert. Ihr Subbrand Aion setzt mit dem „S“ auf eine japanische Entwicklung.

Nidec in-wheel-motor
Nidec in-wheel-motor. Foto: Nidec

Denn in Japan arbeitet eine starke Konkurrenz an der gleichen Lösung. Der Name Nidec ist IT affinen Lesern vielleicht ein Begriff, die Öffentlichkeit kann damit wenig anfangen. Dabei ist das Unternehmen in der Elektronikwelt eine große Nummer. Fast jeder Mensch hat, ohne es zu ahnen, schon mit einer Nidec Komponente gearbeitet. Die Motoren der japanischen Pioniere fanden sich in frühen Zeiten in Diskettenlaufwerken, heute vor allem in Lüftern und Festplatten. Nidec hat eine sehr lange Erfahrung mit der Herstellung hochdrehender Elektromotoren und strebt im Automobilgeschäft nicht weniger als die weltweite Marktführung an.

Erst im März stellten die Japaner ihren neuen Prototypen eines Radnabenmotors vor. Bereits für Mai wurde die Serienfertigung angekündigt. Er soll den Aion S antreiben, eine kompakte Limousine mit einer angegebenen Reichweite von 510 Kilometern. Der Aion S greift dabei auf Batterien des früheren NEVS Partners CATL zurück. Der Elektromotor von Nidec soll nur 32 Kilogramm wiegen und 100 KW Leistung bringen.

Die Konkurrenz macht Druck

Mit dem Investment in Protean Electric kommt eine neue Perspektive in die Entwicklung am Göta Älv. Sportliche, technisch interessante Lösungen sind möglich. Ein Comeback für Trollhättan? Möglich ist es. Worauf es jetzt ankommt, ist vor allem die Geschwindigkeit. Vom Aion S, so verkündet die GAC Group, sollen 200.000 Elektroautos pro Jahr produziert werden. Und Wettbewerber Nidec hat bereits eine Partnerschaft für seine Radnabenmotoren mit der PSA Gruppe angekündigt. Der Radnabenmotor scheint auf dem Vormarsch. Der Traum von Entwicklergenerationen wird Wirklichkeit.

7 Gedanken zu „Radnabenmotor als Turbo der Zukunft

  • Wirklich erstaunlich, NEVS kann auch progressiv? Ist das wirklich noch das Unternehmen, das jahrelang gar nichts geregelt bekommen hat? Da bin ich mal gespannt wie es weiter geht.

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  • Hoffe das es durch diese Art von Entwicklungen wieder zum Leben kommt am Göta Älv !!

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  • FÜNFTAUSEND

    Das Drehmoment des Systems finde ich nochmals beeindruckender, als die 4 x 80 KW …
    Warum 320 KW und 5.000 Nm nur für Fahrzeuge bis 4.5 Tonnen gut sein sollen, verstehe ich zwar nicht (Sattelschlepper haben ca. das halbe max. Drehmoment), aber dass ein solches AWD System PKWs fahrdynamisch neue Horizonte und auch ein anderes Design und neue Konzepte ermöglicht, leuchtet mir auf Anhieb ein. Sehr, sehr spannend …

    Danke Tom, für diese Infos.

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  • Making the hub the engine is fine, now make it the brakes as well (or am I missing something).

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    • Not sure, but I guess it’s meant to be this way.

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    • Maybe I said this the wrong way, so:

      Making the hub the engine is fine, now make the engine (hub) the brakes as well (or at the I missing something).

      = The engine hub not only propels the vehicle in motion, but also acts as the stopping power as well, doing away with conventional brakes [discs, pads, etc].

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      • No, you didn’t say it wrong. That’s exactly how I understood your first comment already and you are right …

        Electric motors are perfectly capable to serve as brakes, can stop and even be reversed in no time. In the US there was an electric propeller plane built in the late 1920s or early 30s (historic footage can be found on YouTube) that already did the very same thing. This plane needed next to no runway for landings.

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