In 3 Jahren. 1 Million Elektroautos jährlich.

Ambitionierte Ziele sind gut. Sie spornen uns zu Höchstleistungen an. Evergrande, Mehrheitsaktionär bei NEVS, plant große Dinge. Im Juni soll endlich das erste Elektroauto vom Band laufen. Und in den nächsten 3 Jahren möchte man dann zwischen 500.000 und 1 Million Elektroautos pro Jahr bauen. Unser Blick geht heute nach China, in die Zukunft.

NEVS Tianjin Factory. 1 Million Elektroautos in 3 Jahren?
NEVS Tianjin Factory. 1 Million Elektroautos in 3 Jahren?

Große Pläne hat Evergrande, aber was steckt an Substanz dahinter? Ein Blick auf die Werke lässt uns rechnen. Trollhättan hat eine mögliche Kapazität von 150.000 Fahrzeugen, Tianjin ebenso. Das nicht bestätigte Werk in Shanghai soll ein vergleichbares Volumen produzieren können. Damit läge die jährliche Kapazität bei 450.000 Fahrzeugen. In der Theorie.

Denn Tianjin soll ab Juni in Betrieb gehen, aber für Trollhättan sieht es immer noch schlecht aus. Es wären etliche Investitionen erforderlich, um das Werk produktionsbereit zu machen. Und das dürfte zeitlich nicht sofort realisierbar sein. Es sei denn, Evergrande lässt – im Stil von Tesla – Elektrofahrzeuge nur zur Endmontage in Schweden anliefern. Um in 3 Jahren eine Million Fahrzeuge pro Jahr zu produzieren,  müsste Evergrande die Anzahl der Werke verdoppeln.

Hat Evergrande die nötigen Mittel?

Es wird viel über die hohe Verschuldung des drittgrößten Immobilienentwicklers in China geschrieben. Fest steht, die Geschäftszahlen wirken gut, abgesehen von sehr kurzfristigen Verbindlichkeiten. Der Kernertrag stieg 2018, auch durch Neubewertungen, um 93.3% auf 11,87 Milliarden USD. Gleichzeitig sank die Verschuldung von 109 Milliarden USD zum Jahresbeginn auf 100 Milliarden zum Jahresende. Für 2019 plant Evergrande mit Erlösen,  die zu einer nachhaltigen Schuldenreduzierung führen sollen. Die 2 Milliarden USD, die das Unternehmen im ersten Schritt in die Elektromobilität investieren möchte, erscheinen da gering.

Der Markt ist im Umbruch

Warum investiert ein Immobilienentwickler in das Geschäft mit der Mobilität? Der riesige Immobilienboom in China gilt als abgearbeitet. Der Wohnungsmangel ist weitgehend beseitigt, die Folgen der 1-Kind-Politik machen sich nun bemerkbar. Nicht nur Evergrande, auch andere Immobiliengiganten, sind auf der Suche nach dem nächsten, großen Coup.

Als solcher gilt das zukünftige Geschäft mit der Mobilität, auch wenn die Dinge schwieriger werden. Die Administration in Peking zieht bei der Förderung von Fahrzeugen die Zügel an. Subventionen, die bisher verschwenderisch flossen, werden radikal um bis zu 75% gekürzt. Das hat Gründe, denn die Subventionen brachten bemerkenswerte Auswüchse mit sich. Hersteller kassierten für elektrische Kleinstfahrzeuge, die kaum tauglich für den Alltag waren. Elektroautos wurden an Flottenbetreiber verkauft, aber nie bewegt. Die Presse berichtet immer wieder von solchen “Geisterflotten”, die es überall im Land geben soll. Kein Wunder, denn man schätzt,  dass die E-Mobilität in China zwischen 2009 und 2017 mit 36,5 Milliarden USD subventioniert wurde. Und das schafft Begehrlichkeiten.

Jetzt soll alles zielgerichteter werden. Die Administration fordert mehr Qualität von den Herstellern. Größere Reichweiten, geringerer Energieverbrauch und eine Höchstgeschwindigkeit von mehr als 100 km/h. Mit höheren Mindestanforderungen will man endlich in die 1. Liga der Anbieter aufsteigen und mit Herstellern wie Tesla auf Augenhöhe agieren.

Vielleicht liegt ein Schlüssel zum Erfolg von NEVS und Evergrande in Schweden? In Göteborg hat man demonstriert,  wie es geht. Mit dem Polestar 2 kommt 2020 das erste schwedisch-chinesische Elektroauto, das gegen Tesla punkten könnte. Die Entwicklungspartnerschaft mit Koenigsegg könnte mittelfristig zu einem ähnlichen Erfolg führen, wie es CEVT für Volvo und die Geely Gruppe ist. Konstruktion und Firmensitz in Schweden, Produktion in China und in Trollhättan. Die Perspektive für die alte Saab Fabrik, sie wäre da.

Viele Unwägbarkeiten

Unwägbarkeiten gibt es viele. Da wäre der freie Zugang zu Märkten, der heute nicht mehr so sicher ist wie vor einigen Jahren. Eine abflauende Konjunktur in China, hohe Unternehmensschulden, ein schwacher Markt für Neufahrzeuge. Die nicht geklärte Frage, ob das Batterie-Elektroauto mittelfristig das Maß aller Dinge sein wird. Nicht ohne Grund investiert die chinesische Administration jährlich große Summen in die Forschung und Entwicklung von Fahrzeugen mit Brennstoffzellen.

Die erste Nagelprobe für die Seriosität für NEVS unter Evergrande aber ist der Juni. Produktionsstart, ja oder nein? Und diesmal bitte wirklich, und keine Inszenierung für die Medien.

15 Gedanken zu „In 3 Jahren. 1 Million Elektroautos jährlich.

  • 4. April 2019 um 11:02 AM
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    Das tönt alles gut, aber warum macht Evergrande/Koenigsegg nicht einen erneuten Versuch, den Brand Namen SAAB von GM zurückzukaufen und ihre Elektro- und/oder Brennstoffzellen-Fahrzeuge unter dem Namen SAAB in den Markt zu bringen, das hätte doch wesentlich mehr Zugkraft. It is never too late to try again….

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    • 4. April 2019 um 11:15 AM
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      Die Frage ist sicher berechtigt. Ich stelle mir sie ebenfalls. Warum mit dem NEVS Brand starten (kennt den überhaupt ein Mensch außerhalb des Blogs?), wenn man vielleicht SAAB haben könnte?

      BTW: Kaufen kann man nur bei der SAAB AB, GM ist raus.

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  • 4. April 2019 um 11:53 AM
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    Ambitionierte Ziele…, so fängt der Artikel an.
    Der Artikel zeigt auf, das in China “viel gerechnet” wird ;-), sich auch mal verrechnet wird etc.:-( .
    In Summe wird ein Traum von “der 1. Liga” in der Mobilitätsbranche aufgezeigt.
    Ich bleibe verhalten. Mir zu viele staatl. Einflüsse möglich…, zu viele Unwägsamkeiten…, zu viele bisherige “Luftnummern”. Letzteres ist entscheidend.
    Also: uns Lesern bleibt nur zu warten, auf den 01.07.19 🙂 Dann werden wir wissen: They did it…, or not.

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  • 4. April 2019 um 12:22 PM
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    Bevor man von 3 Millionen Fahrzeugen rededet, sollte man erstmal mit der Nr 1 anfangen.

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  • 4. April 2019 um 12:23 PM
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    Wenn ich mir die ganze Geschichte so durchlese, kommt mir spontan die Firma NanoFlowCell in Erinnerung.

    Die Firma wurde vom umstrittenen Schweizer Erfinder Nunzio La Vecchia ins Leben gerufen und er soll darin etwa CHF 50 Millionen für die Entwicklung einer Redox-Flussbatterie ‘verbraten’ haben (https://de.wikipedia.org/wiki/Redox-Flow-Batterie).

    Das Konzept der Redox-Flussbatterie wurde in den 1970er Jahren auch durch den Schweizer Kraftwerkhersteller BBC (heute ABB) propagiert und bei der NASA für die Energiespeicherung und -versorgung von Raumfahrzeugen erprobt. Ob es dort wirklich eingesetzt wurde, weiss ich nicht.

    La Vecchia hatte eine Entwicklungspartnerschaft mit Koenigsegg. Diese wurde aus mir nicht bekannten Gründen seinerzeit von Koenigsegg abrupt beendet. Das Fahrzeug, welches La Vecchia und sein Team entwickelte und 2015/16 präsentierte, basiert möglicherweise auf den damals mit Koenigsegg gemachten Entwicklungen. Die Automobilpresse war damals sehr angetan unter anderem auch die nicht gerade für ihre Freundlichkeit gegenüber ausländischen Autos bekannte deutsche Zeitschrift Auto, Motor und Sport (https://www.auto-motor-und-sport.de/fahrbericht/nanoflowcell-quantino-fe-im-fahrbericht-elektroauto-nachtanken/). Gemäss der Website von NanoFlowCell soll das Auto seither hunderttausende von Testkilometern zurückgelegt haben (https://emagazine.nanoflowcell.com/viewpoint/350k-kilometre-quantino-48volt/).

    Wenn ich dann weiter auf der Website von NanoFlowCell stöbere, finde ich die Ankündigung, dass ein geheimnisvoller Investor eine grosse Menge Autos bestellt haben will (https://mediacenter.nanoflowcell.com/news/2018-06-13-order-received-for-the-first-quant-low-voltage-electric-vehicles-with-a-contract-value-of-more-than-31-billion-euros/abb7f07fab813645aba7731fe0432bfa/).

    Vom physikalischen Standpunkt gesehen, wäre eine funktionierende und konzeptbedingt langlebige Redox-Flow-Batterie ein auch für ein Fahrzeug denkbarer Energiespeicher. Um dies zu sein, müsste die Energiedichte des Austauschmediums, welches beim Pressen durch die Membrane Elektrizität erzeugt, nachhaltig erhöht werden können. Und genau dies behauptet La Vecchia getan zu haben. Ich habe das Auto von NanoFlowCell selbst nie gesehen. Was ich mir aber vorstellen kann, ist, dass Koenigsegg über einiges an Wissen zu diesem Batteriekonzept verfügt. Evergrande sucht offenbar nach einem langlebigen Einkommensstrom. Und dies könnte die Produktion und die Verteilung des Austauschmedium für eine Redox-Flow-Batterie ähnlich wie es Benzin für eine Oelfirma ist, sein.

    Die in der Bilanz von Evergrande Gruppengesellschaften vorgenommenen Aufwertungen deuten für mich darauf hin, dass Evergrande den Kreditgebern und der chinesischen Finanzmarktaufsicht ein umsetzbares Konzept präsentiert hat, womit die Gruppe einen positiven Einkommensstrom produzieren kann.

    Viel mehr wird man aber nicht darüber erfahren, zu mindest nicht, bis die ersten Autos rollen.

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    • 4. April 2019 um 3:27 PM
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      ENERGIEDICHTE

      Da machen Sie aber ein spannendes Fass auf. Vielen Dank für Infos und Links.

      NanoFlowCell schreibt selbst, sie hätten 600 Wh/l mit ihrem magischen “Kraftstoff” erzielt. Wahrlich eine Sensation, denn auf Wikipedia werden der Redox-Flussbatterie je nach Chemie nur 15 bis 80 Wh/l bescheinigt …

      Man braucht jetzt also nur noch 1.000 Liter Chemie, um so viel Energie zu tanken, wie in 60 Liter Diesel (10kWh/l) stecken. Den es übrigens auch Bio und CO2-neutral gibt. Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll? Interessant ist das Thema jedenfalls schon …

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    • 4. April 2019 um 11:17 PM
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      KNAPP 17 LITER

      Apropos Interessant, der Testwagen ist mit nur 10 kWh auf 100 km ja sehr effizient. Entspricht aber auch knapp 17l von dem neuen Wunderstoff.
      Bei einem Fahrzeug der oberen Mittelklasse und bei Richtgeschwindigkeit dürften es eher 51 Liter werden. Im Winter 52 (+1 für Heizung und Lüftung). Muss technisch ja kein Problem sein. Ohne Verbrenner und Getriebe kann man ja mal eben eine 300 bis 400 Liter Redox-Flussbatterie verbauen …

      Spannend ist die Frage, wie viel der Wunderstoff je Liter kosten soll und darf. Auch ökologisch. Der Bedarf an der ominösen Flüssigkeit wäre gewaltig, wäre um den Faktor 6 bis 8 höher. Sie dürfte also auch nur ein Achtel kosten, müsste aber mit dem 8-fachen Aufwand transportiert und distribuiert werden. Da klafft mal eben ein ökonomischer Faktor von 64 auf …

      Bin gespannt, wie man diese Lücke schließen will. Sowohl ökonomisch als auch ökologisch …

      BioPower (Ethanol, BioDiesel und BioGas) aus land- und forstwirtschaftlichen Abfällen – wir hatten die CO2-neutrale Lösung schon mal zum Greifen nah. Das wäre aber auch zu einfach gewesen. Viel zu einfach. Kann ergo so auch nicht sein …

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  • 4. April 2019 um 2:36 PM
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    EIN-KIND-POLITIK ?

    Heißt das, NEVZ will einzig mit dem 9-3 EV 1.000.000 Autos pro Jahr bauen ?

    Andere Hersteller brauchen dafür etliche Kinder (div. Modelle verschiedener Fahrzeugklassen) …

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  • 4. April 2019 um 11:50 PM
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    Andere Hersteller haben NEVS längst überholt, auuserdem wer kennt überhaupt NEVS und warum soll man ein Fahrzeug von denen kaufen?
    Was hat NEVS was andere (Elektro)Autohersteller nicht haben ?

    Tesla schreibt seit Jahren rote Zahlen,also wie möchten NEVS Geld verdienen?

    Neue SAAB Modelle mit alternativen Antrieben kann ich mir auch gut vorstellen,schade das keiner der großen Autoherstellern lust hat SAAB wiederzubeleben.

    Bin gespannt wann NEVS am Ende ist.

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    • 5. April 2019 um 11:38 AM
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      Ehrlich? Das wusste ich nicht …

      Mal Scherz beiseite, ich wüsste gerne und zwar ganz ernsthaft, ob NEVZ die Millionen per anno mit nur einem einzigen Modell (9-3) und innerhalb einer einzigen Fahrzeugklasse anstrebt. Das wäre ohne jegliches Beispiel und Vorbild in der gesamten Geschichte der Automobilindustrie und auch auf dem großen chinesischen Markt völlig unrealistisch …

      Es sei denn der Markt wird wieder geschlossen und NEVZ dazu auserkoren, Teil einer staatlich-sozialistisch verordneten und nationalen Mobilitätskampagne zu sein (ähnlich wie Trabant und Wartburg in der DDR) …

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      • 5. April 2019 um 1:59 PM
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        Sicher nicht. Wenn die “alten” NEVS Pläne noch irgendwie Bestand haben sollten, dann könnte man mit der modularen Plattform fast alle Fahrzeugklassen abdecken. Und das auf sehr intelligente Art.

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        • 5. April 2019 um 2:57 PM
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          Ein Fragezeichen weniger. Danke!

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