Elektro Supersportwagen aus Trollhättan?

Der Januar hatte es in sich. Gefühlt gab es in wenigen Tagen mehr interessante Nachrichten als in den letzten Jahren zusammen aus der alten Saab Fabrik in Trollhättan. Es ist, als hätte man Fenster aufgerissen, Frühlingsluft hinein gelassen und den komatösen Patienten NEVS neu belebt.

Tesla Roadster 2020. Bild: Tesla
Tesla Roadster 2020. Bild: Tesla

Da wäre natürlich die Frage, ob der Frühling auch in einen traumhaften Sommer mündet. Oder ob ein weiterer Kälteeinbruch alles zunichte machen wird. Die wichtigste Meldung im Januar, nach der Übernahmen von NEVS, war der Einstieg von NEVS-Evergande  beim Supersportwagen Hersteller Koenigsegg. Eine der feinsten europäischen Adressen, und der letzte schwedische Hersteller ohne ausländische Beteiligung.

Koenigsegg, das ist eine Erfolgsgeschichte im obersten Preissegment. Die Supersportwagen aus Ängelholm sind zu Hause in der Welt der Reichen. Man muss mehr als nur gut aufgestellt sein, um mehrere Millionen € für einen Koenigsegg investieren zu dürfen. Ein ausreichendes Erbe, ein dicker Jahresbonus, oder ein guter Job reichen da meist nicht aus. Da muss mehr sein. Entsprechend gibt sich das Publikum handverlesen, und Koenigsegg denkt über eine Expansion in günstigere Segmente nach.

Wobei günstig oder erschwinglich hier bitteschön als relativ zu verstehen sind. Aus ein paar Millionen werden dann eben nur noch ein paar Hunderttausend €.

Elektro Supersportwagen ab 2020 oder 2021

Die aktuellen Koenigsegg Produkte, wie der Hybrid Supersportler Regera, entstehen in filigraner Handarbeit in Ängelholm. Mit NEVS hat man vereinbart,  einen Elektro Sportwagen zu entwickeln, der ab 2020 oder 2021 in Trollhättan vom Band laufen soll. Elektrische Sportwagen liegen im Trend, der Porsche Taycan steht in den Startlöchern, kann aber mit seinem Preis von geschätzt ab 80.000 € nicht der Wunschgegner von Koenigsegg sein. Die Branche geht deshalb davon aus, dass man den kommenden Tesla Roadster im Visier hat, der ebenfalls ab 2020 auf dem Markt erscheinen wird.

In der “Founders Series” kann man den Roadster für 250.00 US $ bestellen, ein Koenigsegg aus Trollhättan könnte in einer ähnlichen Region liegen. Noch viel interessanter dürfte für Christian von Koenigsegg die Produktion in Tianjin sein. China ist der größte Luxus-Automarkt der Welt, und er wächst stetig. Die Minderheitsbeteiligung von NEVS könnte für den Hersteller aus Ängelholm die Eintrittskarte auf diesen Markt werden.

Distruption in Trollhättan

Für NEVS selbst könnte ein neues Kapitel beginnen, das disruptiv zur bisherigen Entwicklung wäre. Bisher hat das Unternehmen, wenn überhaupt, mit maximal durchschnittlichen Produkten auf sich aufmerksam gemacht. Die Basis des NEVS 9-3 EV ist angejahrt, die technischen Daten weit von dem entfernt,  was einmal versprochen wurde. In einem Tesla Forum war unlängst, und nicht ohne Grund, vom Wartburg aus Trollhättan die Rede. Wenn etwas neben mangelndem Ehrgeiz auffällt, dann der Wille,  ein Produkt möglichst billig anzubieten.

Regera Hybrid Antriebsstrang. Bild: Koenigsegg
Regera Hybrid Antriebsstrang. Bild: Koenigsegg

Das könnte sich komplett ändern, denn Koenigsegg öffnet sich für NEVS. Ein bischen zumindest, und in ein gemeinsames Technologie Startup bringt Christian von Koenigsegg hochkarätige Technik ein. Was alles an Technologie, Lizenzen und Design in das Unternehmen fließen wird ist unklar, wäre aber höchst interessant zu wissen.

Koenigsegg hat nicht wenig zu bieten. Neben der Erfahrung im Bau von absoluten Hochleistungsfahrzeugen hat man mit dem Regera einen Supersportwagen erfolgreich elektrifiziert. Das, wovon andere Hersteller sprechen, hat man bei Koenigsegg schon etwas länger auf der Produktionsbank. Natürlich, wie immer in Ängelholm, nicht ohne eigene Wege zu beschreiten.

Die Kombination eines V8 Verbrenners mit 3 Elektromotoren und dem patentierten Koenigsegg Direct Drive eliminiert die Nachteile traditioneller Hybride und bietet eine direkte Verbindung zwischen Hinterachse und Verbrenner. Antriebsverluste werden eliminiert, das Fahrzeug wird durch Verzicht auf das traditionelle Getriebe leichter. Im Unterschied zu einem parallelen Hybrid muss der Regera nicht zwei Antriebssysteme schleppen.

Und, vielleicht nicht rein zufällig, sind die Batterien im Regera da angeordnet, wo sie auch im Saab 9-3 ePower waren.

Freewalve Technologie

Ein weiteres, interessantes Unternehmen im Umfeld von Christian von Koenigsegg ist die Freewalve AB. Sie machte 2011 durch ein spannendes Motorenkonzept auf sich aufmerksam, dem viel Potential zugeschrieben wurde. Leider wurde es dann etwas ruhiger um die Entwicklung, und erst 2017 kam es erneut durch die Zusammenarbeit mit Qoros in die Presse.

Free-Valve-Technologie. Bild: Freevalve AB
Free-Valve-Technologie. Bild: Freevalve AB

Auf der Guangzhou Motor Show vor zwei Jahren präsentierte Qoros einen Freevalve Motor, der als Prototyp für die Serie galt. Aus 1.6 Litern Hubraum holte er eine Leistung von 230 PS und 320 Nm Drehmoment. Verglichen mit einem konventionellen 1.6 Liter sprach Koenigsegg von einem Plus von 47% an PS und 45% an Drehmoment. Ausserdem soll der Verbrauch um 15% sinken.

Mittlerweile erreichen konventionelle Turbos, wie aus dem PSA Konzern, ähnliche Werte. Bliebe noch die bessere Ökonomie, das um 20 Kg geringere Gewicht, und die kompakteren Abmessungen. Und die Frage, ob aus Freewalve, ein paar E-Motoren und Batterien sich nicht ein faszinierender Hybrid bauen ließe? Natürlich in Trollhättan.

Spannende Optionen. Aber auch Fragezeichen.

Der Blick zurueck, und diesmal in die Zukunft. Bloggers Rueckspiegel

Die Optionen, die sich für Trollhättan ergeben haben, sind aufregend. Es kommt wie immer darauf an, was man aus seinen Möglichkeiten macht. Der eine erkennt die Chancen, der andere nicht. Das größte Fragezeichen ist wie immer die Einstellung der Administration in China. Mein Blick darauf ist ohne jegliche Illusion. Ist sie dem Evergrande Projekt wohlgesonnen, und ist es genehm,  dass Xu Jiayin einen Konzern für Mobilität formt, dann steht einer Erfolgsgeschichte wie bei Volvo und Li Shufu wenig im Wege.

Fragezeichen Nummer 2 ist die Finanzierung. Zwar ist NEVS quasi über Nacht zu einem riesigen Vertriebsnetz in China und einer Batteriefabrik gekommen. Aber der Aufbau der Produktion, die Entwicklung neuer Produkte und die nötigen Mittel für die Werke in Shanghai, Tianjin und Trollhättan werden Milliarden erfordern. Denn es geht schon lange nicht mehr um eine kleine schwedische Fabrik und 150.000 Fahrzeuge im Jahr. Xu Jiayin denkt in anderen Dimensionen, die riesige Summen kosten werden. Die 12 oder 13 Milliarden US $,  die Li Shufu bei Volvo investierte,  sind ein ungefährer Maßstab.

Ob aus der bisher recht faden NEVS AB ein Unternehmen mit faszinierenden Produkten wird,  zeigt die Zukunft. Der Weg, wenn man ihn denn überhaupt beschreiten möchte und kann, ist sehr lang und man steht (mal wieder) ganz am Anfang.

8 Gedanken zu „Elektro Supersportwagen aus Trollhättan?

  • 4. Februar 2019 um 10:51 AM
    Permalink

    Verdammt viel Lesestoff für einen Montag. Die Option mit dem Hybrid und Freevalve fände ich gut. Dann noch mit dem SAAB Schriftzug auf der Haube. Die Welt wäre i.O.

    8
    1
    Antwort
  • 4. Februar 2019 um 11:40 AM
    Permalink

    DIE STRATEGIE …

    … ist demnach also wirklich too big to fail. Aber nicht mehr ausschließlich. Nach der Strategie, sich einzig mit einem “E-Wartburg” zu einer in China unfehlbaren Größe aufblasen zu wollen, kommt es schon fast einem Strategiewechsel gleich, wenn man nun auch TOO GOOD TO FAIL werden möchte.

    Ohne den Artikel heute, hätte ich mit den vorausgegangenen Pressemeldungen nichts anzufangen gewusst.

    Toll geschrieben und recherchiert. Wie viel Arbeit steckt da wohl drin?

    Man darf also wieder von schwedischen Autos träumen, die da mal kommen könnten. Tausend Dank an den Blog für all die Arbeit, die dahinter steckt, Pressemeldungen zu interpretieren, Strategien und Träume zu erklären und zu vermitteln. Sehr, sehr spannend …

    Antwort
  • 4. Februar 2019 um 12:06 PM
    Permalink

    Welch´ komprimierte Info-Flut zum Wochenbeginn im Februar! Grandios! Der Blog ist jeden (!) Cent wert!!!
    In der Tat zeigen sich eine Menge Möglichkeiten für Nevs u. Co. Eine spannender als die Andere.
    Es wird sich zeigen, wer und wie die Möglichkeiten angegangen und umgesetzt werden. Der Blog bleibt interessant! 🙂
    Danke für diesen Artikel!

    Antwort
  • 4. Februar 2019 um 1:39 PM
    Permalink

    Spannender Artikel, auch ganz ohne Saab- Brille. Gibt es eigentlich noch die Zusammenarbeit zwischen Koenigsegg und Qoros? Beide haben bei dem Motor lange zusammen gearbeitet, auf die Straße bzw. in die Serie hat er es bisher aber nicht geschafft.

    Antwort
    • 4. Februar 2019 um 2:19 PM
      Permalink

      Es ist zu vermuten dass dieses Projekt auf Eis liegt. Qoros hat mittlerweile mehrmals das Management gewechselt und hat einen neuen Eigentümer. Die Verkaufszahlen sind seit dem besser geworden.

      Antwort
      • 4. Februar 2019 um 7:05 PM
        Permalink

        Die Kreise werden immer größer. SAAB – SPYKER – NEVZ – KOENIGSEGG …

        Gut finde ich die drei Teaser unter jedem Artikel hier, die nochmals an ältere und mehr oder weniger verwandte Beiträge erinnern. Dem Link zu …

        “Eine Party für Victor. Und Motoren von Koenigsegg.”

        … bin ich heute gefolgt. Da fragt man sich sofort, was mittlerweile aus VM, aus Spyker und deren Kooperation mit Koenigsegg geworden ist? Irgendwie hat das ja doch auch alles mit SAAB zu tun. Aber wie Anddeu schon schrieb, auch ohne SAAB-Brille spannend …

        Antwort
  • 4. Februar 2019 um 9:32 PM
    Permalink

    Erstmal vielen Dank für diese Informationen, ohne den Blog würde wir das wohl alles so nicht erfahren.
    Zumindest kann man jetzt davon träumen, neben einem Museumsbesuch auch eine Werksbesichtigug in Trollhättan zu machen.

    Antwort
  • 5. Februar 2019 um 3:49 PM
    Permalink

    Vielen Dank für diesen Artikel. Hoffentlich gräbt Christian von Koenigsegg seinen 2009er Saab Plan aus und befriedigt nach einem Update der Technik die zahlreichen Saab Fahrer mit denen NEVS nichts anzufangen weis. Selbst wenn das Produkt dann nicht Saab heißen wird. Sondern Analog zu Polestar In dieser ganzen NEVS Geschichte gibt es nun endlich wieder einen echten Saab Fan, Christian von Koenigsegg. Und ein CO2 Neutraler Verbrennungshybrid klingt doch wieder nach einer Innovation alla Saab.

    Antwort

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

ArabicDutchEnglishFrenchGermanItalianPortugueseRussianSpanishSwedish