Die wahre Saab-Saga

Es ist still geworden in der Stallbacka in Trollhättan. Öde und verlassen liegt das alte Saab-Werk da und gammelt vor sich hin. Schon lange ist es her, dass der letzte Saab die Werkhallen verlassen hat. Weißt du eigentlich, warum Trollhättan „Trollhättan“ heißt? Nein? Gut, dann erzähl ich’s dir. Das hat mit Saab zu tun und einem Mythos, der wahr ist.

Saab Troll Snurg
Saab Troll Snurg

Früher hieß Trollhättan einfach nur „Hättan“. Es heißt erst Trollhättan, seit im Saab-Werk die legendären Turbomotoren gebaut wurden. „Was haben denn Turbomotoren mit Trollen zu tun?“ – wirst du nun bestimmt fragen. Nun, dass kann ich dir verraten, doch es ist ein großes Geheimnis und kaum ein Mensch glaubt, dass es wahr ist. Ich muss ein wenig ausholen, um es zu erzählen.

Du kennst sicher all die Trollfiguren, die es in Souvenirläden in Schweden oder Norwegen zu kaufen gibt. Die kleinen, kaum zehn Zentimeter hohen Kerle mit knubbeligen Nasen, roten Bäckchen, großen Augen, strubbeligen Haaren und Schwanz. Und du denkst, die seien aus Plastik oder irgendeinem anderen Kunststoff gefertigt. Doch das ist falsch, denn das sind wirkliche Trolle. Wirkliche Trolle, die erstarrt sind, weil ihnen Menschen in die Augen schauten. Wenn das geschieht, ereilt einen Troll das Schicksal, als Souvenir zu enden. Und sei dir versichert, das macht keinem Troll Spaß…

Nun, zurück nach Trollhättan. Oder Hättan, wie es zu jener Zeit noch hieß. Es ergab sich, dass Per Gilbrand, seines Zeichens Ingenieur in der Saab-Fabrik, unweit der Wasserfälle am Ufer des Göta Älv stand und angelte. Das tat er immer, wenn er ein kniffeliges Problem zu lösen hatte. Und er hatte ein kniffeliges Problem zu lösen. Denn Saab ging es schlecht. Es musste eine neue Idee her, doch das Geld fehlte an allen Ecken und Enden. Ein Rucken an seiner Angel riss Per Gillbrand aus seinen Grübeleien. „Wenigstens die Fische beißen gut“, dachte er, und er begann, behutsam die Angelleine einzurollen, denn er wollte um alles in der Welt vermeiden, dass ihm sein Fang verloren ging. Nicht das auch noch…

Und Per Gillbrand staunte nicht schlecht, als er sah, was da an seiner Angel zappelte. Das war kein Fisch, es war ein Troll! Und dieser Troll hieß Snurg. Per Gillbrand wusste um das Schicksal, das Trollen widerfährt, wenn ihnen ein Mensch in die Augen blickt, der Großvater hatte dieses Märchen oft erzählt. Natürlich hatte Per Gillbrand seinem Großvater nicht geglaubt. Schon seit frühester Kindheit interessierte er sich für Physik und Mathematik, für Maschinen und allerhand technisches Gerät. Da war kein Platz für Fabelwesen wie Trolle. Und heute war er schließlich Ingenieur! Doch instinktiv vermied Per Gillbrand Blickkontakt mit dem Troll, denn sein Geist war scharf und ihm kam sofort eine Idee, wie er die Misere bei Saab beheben und die kleine, feine Autoschmiede am Leben halten konnte – zumindest für weitere 35 Jahre, wie wir heute wissen.

Ich sehe schon deine fragenden Augen, du hast immer noch keine Idee, wie das zusammenhängt mit den Autos und den Trollen. Nun, um das zu verstehen, musst du wissen, dass ein Troll einem Menschen, der so geistesgegenwärtig ist, ihn davor zu bewahren, als Souvenir zu enden, einen Wunsch erfüllt. Zu einem hohen Preis für den Troll und seine ganze Sippschaft, denn er muss mit seinem Gefolge fortan tagein, tagaus daran arbeiten, diesen Wunsch zu erfüllen. Snurg, dem Troll, war sofort klar, dass er sich in der Angel eines Menschen verfangen hatte, der um dieses Geheimnis wusste, da Per Gillbrand so deutlich nur auf Snurgs Füße schaute, als der Troll schließlich tropfnass vor ihm auf der Erde stand. Was Snurg überhaupt dort im Göta Älv zu suchen hatte, willst du wissen?

Er wohnte wie so viele Trolle in der Gegend in Höhlen hinter den Wasserfällen, deren Eingänge nur tauchend zu erreichen sind.

Sogleich bot Snurg Per Gillbrand seine Dienste an. „Kannst Du etwas tun, damit wir wieder Autos bauen, wie sie die Welt noch nicht gesehen und erlebt hat, und es mit Saab wieder aufwärts geht?“ fragte dieser Snurg. „Jaja“, antwortete der Troll, „da lässt sich bestimmt was machen.“ Und so kam es, dass sich noch am selben Abend Snurg mit seiner gesamten Sippe nach Ende der Spätschicht, als die Fabrik still und verlassen da lag, zusammen mit Per Gillbrand in die Werkhallen schlich. „Wir haben da so ein neues Teil gebaut, einen Turbolader, doch noch will es nicht so recht funktionieren“, gestand Per Gillbrand dem Troll. „Da lässt sich bestimmt was machen“, erwiderte dieser abermals.

Ich will dich nicht zu sehr mit Details langweilen, aber das Wirken der Trolle in der nächtlichen Fabrik funktionierte. Fortan baute Saab Turbomotoren mit unbändiger Kraftentfaltung. Keiner wusste, wieso plötzlich gelang, woran die Ingenieure so lange erfolglos getüftelt hatten. Jeden Abend schlichen sich die Trolle nach Ende der Spätschicht in die verlassen da liegenden Werkhallen und flüsterten den tagsüber produzierten Turbomotoren ihre Kraft ein.

Wenn du je einen Turbo gefahren bist, so erinnerst du dich bestimmt an das pfeifende Geräusch, das zu hören ist, wenn du kräftig aufs Gaspedal trittst. Das ist das Flüstern der Trolle, das du beim Gasgeben aktivierst und das im Turbolader hin und her zischelt und so die Kraft des Motors entfaltet.

Per Gillbrand zeigte seine Dankbarkeit Snurg und seiner Sippschaft darin, dass er Aufkleber mit dem Spruch „Made in Trollhättan by Trolls“ fertigen ließ. Und die eingeschworensten unter den Saab-Enthusiasten klebten sich diese Aufkleber auf ihre Autos, denn sie ahnten, dass in diesen mehr steckte als schwedische Ingenieurskunst. Auch die Stadtväter und -mütter Hättans ließen sich von dem Mythos, bei Saab hätten Trolle die Finger im Spiel, anstecken und änderten den Namen der Stadt in Trollhättan, aus Dank für die vielen Arbeitsplätze und schönen Steuereinnahmen, die mit den plötzlich erfolgreichen Autos „made by Trolls“ die Stadt bereicherten.

Du möchtest wissen, warum Saab schlussendlich dennoch in Konkurs gegangen ist. Ja, das ist eine traurige Geschichte. Die Zeiten änderten sich. Per Gillbrand ging irgendwann in Ruhestand, auch wenn er den Zeitpunkt dazu hinauszögerte, solange es ging. So gelang es immerhin noch, den großartigen Motor mit dem Low Pressure Turbo auf den Markt zu bringen. Doch irgendwann musste er sich von der Stallbacka verabschieden. Neue Besitzer aus dem Ausland übernahmen Saab und führten eine dritte Schicht ein. Nun arbeiteten auch nachts Menschen in der Fabrik und somit war den Trollen der Weg dorthin versperrt. Das Malheur nahm seinen Lauf…

Heute steht Snurg oft an der Stallbacka und blickt sehnsüchtig über das verlassene Werksgelände. Ihm ist langweilig, denn auch wenn Trolle niemals freiwillig für Menschen schuften, war ihm sein Werkeln in der nächtlichen Fabrik ans Herz gewachsen. Schließlich muss er seither auch wieder fürchten, dass ihm ein Mensch in die Augen schaut und er zum Souvenir wird, denn seit er nicht mehr einem Menschen dient, ist der Schutz vor diesem Bann aufgehoben.

Doch immer, wenn er eines dieser feinen Autos mit dem Aufkleber „Made in Trollhättan by Trolls“ vorüberfahren sieht, wird ihm warm ums Herz…


Danke an Laurenz für seine (fiktive) Saab Story! Habt auch Ihr etwas zum Thema Saab zu erzählen?

Die Geschichte einer unvergesslichen Urlaubsreise, einer Restauration oder einer anderen Begebenheit im Leben mit der Kult Marke aus Trollhättan?

Dann bitte aufgepasst! Wir legen in den nächsten Tagen unsere legendären und exklusiven Saab Bordmappen neu auf und starten 2019 eine neue Leseraktion!

24 Gedanken zu „Die wahre Saab-Saga

  • 14. Januar 2019 um 10:47 AM
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    Is ja echt “trollig”!

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  • 14. Januar 2019 um 11:13 AM
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    Super! Tolle Geschichte!
    Und wenn es nicht wahr ist, so ist es wenigstens gut erfunden 🙂
    Man sieht sich im Juni bei den Trolls.

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  • 14. Januar 2019 um 12:03 PM
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    Toll geschrieben! Oder troll geschrieben?

    Was ist Fiktion und was Wirklichkeit? Ich muss mich da jetzt tatsächlich einen Moment lang neu orientieren …

    Wie nach einem kurzen aber abgrundtiefen Schlaf, weil man ein fesselndes Buch in einer einzigen Nacht verschlungen hat und dabei dem Läuten des Weckers viel zu nahe gekommen ist. Dabei war dies nur eine Kurzgeschichte. Aber eben eine großartig geschrieben. Vielen Dank dafür!

    Antwort
  • 14. Januar 2019 um 12:10 PM
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    T(r)olle Geschichte! Danke für das phantasievolle Kopfkino. Endlich ist die Namenfindung von Trollhättan stimmig online…
    Weiterhin t(r)olle Fahrt im SAAB!

    Antwort
  • 14. Januar 2019 um 12:28 PM
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    …..ich hab Tränen in den Augen!!!!

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  • 14. Januar 2019 um 12:34 PM
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    Cool … ab jetzt höre ich nicht mehr ein Turbopfeifen … sondern immer ein Trollflüstern.

    Bin mir sicher das ich jetzt noch viel aufmerksamer Saab fahre … vermutlich mit einen “blöden”* Grinsen im Gesicht.

    *blöd nur aus Sicht von nicht Saabfahrern

    Antwort
  • 14. Januar 2019 um 2:03 PM
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    Endlich weiss ich woher das Pfeifen kommt, die “Entwickler” rufen und sagen danke! Ich hoffe dass mein 2.0T Convertible mich noch lange erfreut.

    Antwort
  • 14. Januar 2019 um 3:10 PM
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    Laurenz, herrlich erzahlt !!!!
    wir sagen dann oft LOL: “laugh out loud”.

    Antwort
  • 14. Januar 2019 um 4:54 PM
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    Tolle Geschichte, in unseren Saas kleben die Made in Trollhättan Aufkleber hinten links

    Antwort
  • 14. Januar 2019 um 9:09 PM
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    Was eine coole Geschichte nun brauche ich nur noch so einen Aufkleber

    Antwort
  • 14. Januar 2019 um 9:38 PM
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    Weltklasse. Das werde ich meinen Kindern als gute Nachtgeschichte vorlesen.

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    • 15. Januar 2019 um 8:46 AM
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      Gute Idee. Danke!

      Das werde ich heute Abend auch tun. Sie werden diese Geschichte lieben und vermutlich mehr als einmal hören wollen.
      Warum bin ich da bloß nicht selbst und schon gestern drauf gekommen? Ich bin jetzt etwas enttäuscht von mir …

      Antwort
    • 15. Januar 2019 um 9:30 AM
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      P.S.

      Eine tolle Gelegenheit, meinen Jungs vorab der Geschichte nochmals die Arbeitsweise eines Verbrennungsmotors ins Gedächtnis zu rufen und zudem das Turbo-Prinzip zu erklären.

      Es gab einmal eine Zeit, in der Motoren großen Durst hatten und nicht genug Luft bekamen. Das waren die Dinosaugier. Sogenannte Saugmotoren, die einst die Straßen dieser Erde beherrschten. Benzin bekamen sie reichlich und so viel sie wollten. Manche tranken viel zu viel aber sie atmeten nicht tief genug, bekamen kaum Luft und das Feuer in ihren Motoren war schwach. Die Dinosaugier gelten heute als (fast) ausgestorben. Auch SAAB baute einst Dinosaugier. Aber wisst ihr eigentlich, “warum Trollhättan Trollhättan“ heißt? Nein?” U.s.w. …

      Nochmals Dank an Laurenz.

      Antwort
  • 15. Januar 2019 um 6:51 AM
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    Danke für die vielen t(r)ollen Kommentare zu meiner kleinen Saga… 🙂
    Saabige Grüße von Laurenz

    Antwort
    • 16. Januar 2019 um 6:44 PM
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      Ganz ganz wunderbar! Viiieeeelen Dank! 🙂 Wo bekomme ich jetzt dazu noch so einen echt drolligen trolligen Aufkleber für meinen Troll-Turbo?? 🙂

      Antwort
      • 17. Januar 2019 um 9:15 AM
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        Den gibt es fast überall.
        Entweder online bei Skandix und vielen anderen Versendern oder auch der vertraute Servicepartner legt bei der nächsten Inspektion bestimmt gerne einen Aufkleber ins Serviceheft, wenn man bei Abgabe des SAABs einen entsprechenden Wunsch äußert.
        Letzterer bestellt ohnehin täglich Teile und wenn man selber nichts anderes als “nur” einen Troll bestellen mag, ist der Vertraute vielleicht sogar der günstigere Weg zum drollig trolligem Fabelwesen …

        Antwort
      • 17. Januar 2019 um 9:32 AM
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        P.S.

        Es gibt wohl mindestens zwei Versionen des Aufklebers. Wie im Titelbild (weißer Hintergrund) für außen oder aber transparent und dann vermutlich spiegelverkehrt für die innenseitige Platzierung an einer Scheibe. Das sollte man beachten.

        Antwort
        • 17. Januar 2019 um 11:08 AM
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          Danke für die hilfreichen Hinweise! Ich werde gleich beim nächsten Besuch beim Freundlichen in Kiel mal höflich nach drolligen trolligen Turbo-Troll-Aufklebern fragen. Schließlich sollen zum Sommer ja noch neue Nebelscheinwerferumrandungen, neue Felgen und eine größere Bremsanlage her. Das gefällt auch den Turbo-Trollen bestimmt – und ich werde Ihnen nie in die Augen schauen, versprochen! 🙂

          Antwort

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