Made by NEVS. Besuch im R&D Center (1/2)

Die Wolken über Göteborg tragen ein dunkles Grau an diesem Morgen,  als unser Saab 9-5 NG vom Autodeck der Stena Germanica rollt. Ein Herbstblues liegt über dem Västragötland; wir steuern über den Inlandsvägen in Richtung Trollhättan. Die zweispurig ausgebaute E45 ist schwach frequentiert,  und es ist kein goldener, schwedischer Herbst,  der uns empfängt. Schweden zeigt sich zum Auftakt unseres Besuchs in gedeckten Farben.

NEVS Fahnen, grauer Himmel, das Saab Logo.
NEVS Fahnen, grauer Himmel, das Saab Logo.

Prolog

Wir haben noch etwas Zeit bis zu unserer Verabredung bei NEVS. Auf dem Weg durch die Stadt entdecken wir zu unserem Erstaunen immer noch “SAAB” auf Wegweisern. Es ist fast wie in den alten Zeiten. Als wir Kurs auf das Werk nehmen,  grüßt der große Saab Schriftzug an der Zufahrt.

Im Hintergrund wehen die NEVS Fahnen im rauhen Herbstwind. NEVS und Saab. Dieses Bild wird Symbolkraft haben für die nächsten Stunden.

Wir umrunden das Werk, passieren das Nordportal, fahren bis hinunter an den Göta Älv. Eine unheimliche Ruhe liegt über den Hallen, und nur ab und zu passiert ein Wagen die Blickachsen. Einige Hallen haben einen neuen Anstrich erhalten; ein großer Kranwagen ist an einem der Gebäude beschäftigt. Das Bild des Werks, das immer noch keine Fahrzeuge baut, ist deprimierend. Meine Laune ist jetzt nahe dem Nullpunkt angekommen – irgendwie.

Marks Smartphone meldet sich und reisst mich aus meinen grauen Herbstblues-Gedanken. Michèl Annink, Senior Director Mobility Services and Customer Journeys, ruft an. Er erwartet uns am R&D Center.

NEVS Technical Center

Minuten später. Pressesprecherin Ulrika Hultgren und Michèl Annink begrüßen uns herzlich im Technical Center. Wir hatten im Vorfeld des Besuchs unsere Wünsche und Interessen mitgeteilt. Manches, so hören wir, kann realisiert werden. Anderes ist nicht möglich. Was uns erwartet? Wir werden sehen !

Bevor wir mit dem Besuchsprogramm durchstarten,  stärken wir uns im Restaurant im Erdgeschoss. Wer einen originären Eindruck gewinnen möchte, was in der Stallbacka passiert, der könnte Saltes Restaurant im Technical Center besuchen. Es ist für alle Besucher frei zugänglich, und nicht nur Mitarbeiter von NEVS verbringen dort ihre Mittagspause. Das Esssen ist ein Mix aus internationaler Küche und schwedischen Menüs. Das Ambiente im Stil einer Kantine ist als uneitel und zweckmäßig einzuordnen. Die Gäste sind international, man hört eine Flut von Sprachen. Schwedisch und Englisch wird in einem Mix von allen möglichen Akzenten gesprochen.

Nach dem Essen suchen wir uns einen freien Konferenzraum. Was nicht einfach ist, denn das pulsierende Treiben im R&D Center steht im Gegensatz zu der gespentischen Ruhe auf dem Produktionsgelände. Im Technik Komplex schlägt das Herz des Unternehmens, die Mehrzahl der fast 1.000 Mitarbeiter von NEVS sind Ingenieure und Entwickler.

Zukunftslabor NEVS

Michèl Annink erzählt uns von seinen häufigen Besuchen in Peking, wo NEVS ebenfalls ein Büro hat. Eindrucksvoll beschreibt er den beißenden, gelben Smog, der fast die Lungen zerreisst,  sobald man das Flugzeug verlässt. Er schildert die drängenden Umweltprobleme, die Menschen schädigen und krank machen. Dann vollzieht er einen Schwenk, spricht über den Umbruch, welcher der Autoindustrie bevorsteht. Digitalisierung, alternative Antriebstechniken, autonomes Fahren.

Jedes Thema steht für eine große Herausforderung. Die Bündelung aller Veränderungen aber sind eine Revolution. NEVS wird darauf die passenden Antworten haben und die richtigen Lösungen für mehr Nachhaltigkeit und eine bessere Umwelt präsentieren. Aber, so empfiehlt er uns, diskutiert am besten mit Christian Bromander darüber. Er wird mehr erzählen.

Vom Konferenzraum aus starten wir den Gang durch die Entwicklungsabteilungen – das Heiligtum eines jeden Unternehmens. Mark und ich erhalten rote Ausweise, die uns als Besucher kenntlich machen. Thomas kommt auf uns zu. Er ist unser Guide, wahrscheinlich auch unser Aufpasser, und wir starten gemeinsam mit Ulrika Hultgren eine sehr spannende Tour,  die uns viele neue Einblicke geben wird.

Es begann in den 80er Jahren

Das NEVS Technical Center wurde in der Mitte der 80er Jahre von Saab-Scania in Betrieb genommen und seitdem ständig erweitert. Historische Bilder an den Wänden zeigen auf unserem Weg zum ersten Labor die Bauphasen.

Die Einrichtungen für “Sound & Vibration Analyses” warten mit einer baulichen Besonderheit auf. Die Labore stehen, damit nichts die Meßergebnisse verfälschen kann, in keiner direkten Verbindung zu den anderen Gebäudeteilen und sind schwingungstechnisch neutral gelagert.

Ein Mitarbeiter, in NEVS Arbeitskleidung, führt uns durch die Labore. Die absolute Stille in den Räumen nach dem Schließen der schweren Türen ist sehr beeindruckend, die Ausrüstung auf dem neuesten Stand. Ein Laser vermisst die Schwingungen von Komponenten, im Labor nebenan wird das Geräuschverhalten einer Servolenkung am kompletten Fahrzeug analysiert.

In diesen Räumen wurden mehrere Generationen von Saab Fahrzeugen getestet. Jetzt testet NEVS eigene Produkte und arbeitet auch für andere Unternehmen. Wir gehen weiter und treffen Lars Hoffmann. Und damit erhalten wir einen ersten Eindruck über die Zukunft.

NEVS 9-3 EV Mule im R&D Center.

Ein paar Türen weiter ist die Testwerkstatt. Eine Limousine, nicht im Üblichen silber oder schwarz, steht abgedeckt im Raum. Eine Vorserie des EV`s für China? Wir werden es nicht erfahren. Gleich nebenan steht eine 9-3 EV Mule auf der Hebebühne, im Hintergrund ein weiterer Erprobungsträger mit grünen Nummernschildern. Wir schauen uns das Fahrzeug auf der Bühne an. Ganz intensiv, auch von unten. Thomas, unser Guide, wird jetzt zunehmend nervös, vor allem,  als wir die Nikon auspacken. Warum wohl ?  Die Mule ist mit Testequipment bestückt. Aber es gilt: Vertrauen gegen Vertrauen. Wer uns die Türen öffnet, der muss keine Bedenken haben. Es kommt nur der Schriftzug der Mule auf den Blog.

Zum Glück gibt es auf dem Flur vor dem Labor eine offizielle Schautafel für die Besucher. Die können wir ablichten,  und wir stellen Lars Hoffmann Fragen zum NEVS 9-3 EV für China. Die Antworten, oder besser ausgedrückt die Fakten, sind aufschlussreich.

Die NEVS 9-3 EV Limousine wird in China zur professionellen Personenbeförderung eingesetzt. Didi, Uber Äquivalent in China, arbeitet mit NEVS Kunden Panda New Energy zusammen und hat im letzten Jahr 1.4 Milliarden Fahrten vermittelt. In diesem Jahr erwartet man eine Verdoppelung.

Elektroauto ja. Aber bitte auf Aero Niveau.

Im Unterboden des Elektroautos befinden sich Lithium-Ionen Batteriemodule in prismatischen Zellen. Jedes dieser Module wird separat gemanagt. Ich frage Lars,  mit welchem Lebenszyklus er bei den Batterien rechnet. Der Zeitrahmen also, bis nur noch 80% der ursprünglichen Kapazität zur Verfügung steht. Die Antwort überrascht mich etwas, denn es sollen 150.000 Kilometer sein. Mindestens !

Den Grund dafür liefert die Bauform der verwendeten Batterien. NEVS setzt aus gutem Grund nicht auf die populäre zylindrische Bauweise von 18.650 oder 20.700 Zellen. Die Vorteile für den harten, professionellen Einsatz sind einleuchtend. Eine prismatische Bauform bietet eine bessere thermische Charakteristik und benötigt weniger Kühlung als zylindrische Zellen. Die Anzahl der möglichen Ladezyklen liegt ausserdem um bis das 4-fache höher.

Die Langlebigkeit der Batterien wird allerdings mit höheren Kosten von bis zu 50% durch eine niedrigere Energiedichte im Vergleich zu Zellen mit zylindrischer Bauform erkauft. Das NEVS 9-3 EV mit 50 kWh wird mehr als 300 Kilometer Reichweite haben, sein Elektromotor 16o KW (217 PS) und 500 Newtonmeter leisten. Starke Fahrleistungen auf Saab Aero Niveau und ein sattes Drehmoment schon beim Antritt sind damit versprochen.

Nachdem wir uns von Lars, der uns im Gespräch seinen großen Spaß an der Arbeit mit NEVS spüren ließ, verabschiedet hatten, laufen wir mit Ulrika und Thomas weiter durch das R&D Center – zu den Prüfständen für die Motoren.

Morgen geht es weiter mit Teil 2 unseres Besuchs bei NEVS.

  • Motorenprüfstand
  • Wind und Klimatunnel
  • Keep it simple. Gespräch mit Christian Bromander.

19 Gedanken zu „Made by NEVS. Besuch im R&D Center (1/2)

  • Da freut man sich doch schon auf morgen.
    Bloß schade, dass es noch keine wirklichen Leaks (mit Front) des EVs gibt…

  • Hallo, Euer Besuch klingt super interessant!!

    Gibt es auch Infos, ob es den elektro 9-3 auch bei uns geben soll??

    Wäre ja vll für viele hier auch interessant

    LG Claus

    • Es war zumindest eine gewisse Zeit der Plan das 9-3 EV auch in Schweden anzubieten. Wird das Wirklichkeit, dann wäre es auch kein Problem EV`s in Deutschland zuzulassen.

  • Tolle Neuigkeiten !!! Danke!!!

  • Super Bericht! Inside NEVS war schon lange überfällig, man versteht viel besser was in Schweden getan wird. Ihr solltet das viel öfter machen!

  • zumindest dieser Teil des Rundgangs war auch beim letzten Saab Festival allen Besuchern zugänglich …

    • Der kommende Teil aber garantiert nicht. Bin gespannt….

  • Interessanter Bericht! Ich freue mich schon auf den zweiten Teil.
    Bei 500Nm und 160kW werden alle beweglichen Teile (Getriebe, Lager, Antriebswellen, Fahrwerk) sehr wahrscheinlich stark beansprucht. Dementsprechend müssen die Teile auch ausgelegt sein. Da der EV sehr viel leiser sein wird als ein herkömmlicher Verbrenner fallen “Fehlgeräusche” sicher viel stärker ins Gewicht. Der gewohnte Qualitätseindruck muss aber trotzdem passen. Blöd wenn es poltert oder klappern würde. Insofern kann ich den Aufwand bei der Akustik nachvollziehen. Hat da diesbezüglich jemand Erfahrungen mit Tesla?
    Gab es eigentlich auch neue Infos zu dem von NEVS und Tübitak geplanten 9-3 EV Abkömmling für die Türkei?

    • Wir haben im folgenden Labor den Antriebsstrang auf dem Prüfstand gesehen. Das machte einen sehr soliden Eindruck. Im Lastenheft steht ja ein harter Einsatz als Taxi, entsprechend wird man die Komponenten auslegen. Künftige NEVS Generationen werden sehr “leise” unterwegs sein. NEVS = Premium. Siehe morgige Fortsetzung.

      Über das Türkei Projekt haben wir nicht gesprochen. Es läuft, und wenn ich richtig informiert bin leitet Hans Martin Duringhof Frank Smit die Projektgruppe. Wir hatten kein Gespräch mit ihm.

      • Danke für vielen tollen Infos und Hintergründe! Bin sehr gespannt auf die Fortsetzung.

  • 500 Nm. Und das Drehzahlunabhängig aus dem Stand. E-Motoren eben.
    Man darf gespannt sein. Toller Bericht. Hätte man hinter diesem traurigen Bild, ein letztes SAAB-Logo in trüber Wettersuppe, so gar nicht erwartet …

  • Was verbirgt sich hinter 9-3 EV “Mule” ???
    Danke im voraus für die Lüftung des “Geheimnisses” !
    Ein spannnender Bericht mit großer Lust auf die Fortsetzung!
    Danke an die beiden “fliegenden Blogger”! 🙂

    • Die Mule ist eine Versuchsträger die Komponenten für neue Generationen testet. In unserem Fall war es eines der “Hängebauchschweine”. EV`s, deren Batteriegruppe über die Bodengruppe heraus ragt. Es gab schon einige Bilder davon, mit der Serie wird das nichts zu tun haben.

      • Danke. 🙂
        Bin jetzt etwas klüger… 😉

  • oh, die 80% versprochene Ladekapazität nach 150.000km Laufleistung klingt wenig.
    (Tesla) Elon Musk hat mal erklärt das nach 800.000km ! noch 80% möglich sein sollen.
    Aktuell gemessen wurden bei über 200 Tesla nach 200.000km noch 90%. Und das bei überwiegend Schnellladen am Supercharger innerhalb 20 Minuten.
    Vielleicht liegt es an der kleinen Größe des Akkus mit nur 50kWh….?
    Aber die neue Bauform soll doch besser sein, bessere Kühlung usw. Oder ist statt 150.000km vielleicht 1,5 Mio km gemeint?

    • Wie lange eine Batterie lebt hängt von mehreren Faktoren ab. Schnelle Leistungsabgabe, wiederholt abgefordert, ist schlecht. Eine sehr warme Umgbung ebenfalls. Die Aussage von Musk scheint übertrieben. Die Experten des BMZ sehen Tesla bei einer Lebensdauer in einer heißen Gegend von 4 bis 5 Jahren. Wird die Batterie geschont, ist die Umgebung weniger fordernd, dann bei 8 Jahren.

      NEVS plant das 9-3 EV als Taxi in einer heißen Umgebung mit (vermutlich) sehr hartem Einsatz. Von daher sehe ich die Einschätzung als positiv und erst mit der Serie werden wir offizielle Daten haben.

    • Ich halte es für außerordentlich bemerkenswert in diesem Entwicklungsstadium überhaupt vorläufige technische Daten zu nennen. Das ist wahrscheinlich der aktuelle Stand. Die Entwicklung geht ja weiter. Desweiteren ist die Frage wo der 9-3 EV für China kostentechnisch landen soll. Je mehr Zellen verbaut werden desto teurer wird der Spaß. Ich kann mir gut vorstellen das zukünftige EU- und Amerika Versionen deutlich mehr Ladekapazitäten unter der Haube (bzw. Fahrzeugboden) haben. Das NEVS an größeren Ladekapazitäten zu entwickeln scheint sieht man am “Mule” Versuchsträger mit längerer Bodengruppe. (reine Spekulation)
      Es ist auch die Frage wen man zu dem Thema Reichweite und Ladezyklen befragt. Ein Mitarbeiter des Marketings wird sicher andere Daten nennen als ein Entwickler der viel näher an der Technik und der Realität dran ist.

  • Super!

    Übrigens hatte ich gerade eine Patentanmeldung zu solchen Akkus in der Hand und da war auch von “prismatischen” Packs die Rede, gemeint sind aber merkwürdigerweise rechteckige, also Boxen statt Zylinder.

    • Das ist schon richtig so. Prismatische Packs sind in Boxenform ausgeführt, siehe Bilder.

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