Independent Thinking – 5 Years After

Der Blog war noch jung, als die Presseeinladung von Saab zum Genfer Autosalon publik wurde. Es sollte die letzte offizielle Präsentation sein. Die Saab Automobile AB hatte gewaltig Schlagseite, was in dieser Deutlichkeit noch nicht sichtbar war. Heute, 5 Jahre später, ist alles anders. Marktbegleiter von damals, wie Volvo, Spyker, Koenigsegg,  haben sich stark verändert. Eine virtueller Zusammenschnitt des Genfer Automobilsalons 2016. Nicht repräsentativ, kein Mainstream, dennoch lesbar.

Fadenkreuz im HUD. Wer traut sich denn so was?
Fadenkreuz im HUD. Wer traut sich denn so was?

Per aspera ad astra?

Wenn Volvo heute vor Kraft scheinbar kaum laufen kann, dann dank der Steroide aus China. Die Schweden surfen auf einer Erfolgswelle, das Selbstbewusstsein ist stark ausgeprägt. Man spürt es, man liest es in den Preislisten. Den neuen Volvo V90 gibt es ab 45.800,00 €, das XC90 Topmodell für 123.150,00 €. Mehr als 100.000 € für einen Volvo?

Presseeinladung vor 5 Jahren
Presseeinladung vor 5 Jahren

2011 sah das noch weniger freundlich aus. Volvo, seit 2010 chinesisch, musste sich mit EIB Krediten über Wasser halten. Die Kreditwürdigkeit war gering, die Zukunftschancen aber besser als in Trollhättan. Ford hatte volle Kassen und faire Verträge hinterlassen. Im krassen Gegensatz zu GM, die Saab auch nach dem Verkauf weiter quälen wollten. Und das auch taten.

5 Jahre Steroide aus China, sprich viele, viele Milliarden, und Volvo ist zurück. Mit neuen Modellen – und angriffslustig. Volvo hat 2015 mehr als eine halbe Million Neuwagen verkauft. Aber es sollen mehr werden, viel mehr. Volvo will mit den ganz großen Jungs spielen. Ob die sich das gefallen lassen?

Den rasanten Aufstieg von Volvo hat auch das Ende von Saab möglich gemacht. Ehemalige Ingenieure haben dort einen neuen Arbeitsplatz gefunden, brachten Wissen und Ideen mit.

Independent Thinking? Die kommende CMA Plattform ist die Evolution des Phoenix aus der Stallbacka, die Idee der mehrfach aufgeladenen Motoren kommt aus dem Saab Powertrain Department.

Die chinesisch-schwedische Ehe bei Volvo läuft besser als erwartet. Nach Startschwierigkeiten, kulturellen und sprachlichen Differenzen, bringt der sichtbare Erfolg eine Woge der Harmonie in das Eheleben. Eine Vorlage für NEVS in Trollhättan?

Die letzten Schweden

Die schwedische Autoindustrie ist von Ausländern besetzt. Die ganze Industrie? Volvo gehört Geely, das Werk in der Stallbacka NEVS, Volvo Trucks und Co sind ein gefährliches Dongfeng – China – Abenteuer verstrickt, Scania ist niedersächsisch. Wirklich ganz Schweden? Nein, in einem kleinen Dorf wehrt sich ein Hersteller gegen den Rest der Welt.

Neuer Regera. Bild: Koenigsegg
Neuer Regera. Bild: Koenigsegg

Ängelholm ist bekannt für seine UFO-Sichtung und für Sportwagen der Superlative – die man für Boliden von einem anderen Stern halten könnte. Koenigsegg, die letzten wahren Schweden. Innovativ…innovativer…Koenigsegg ! Feinste Ingenieurskunst auf allerhöchstem Niveau. Die Batterie im neuen Regera Plug-in-Hybriden ist laut Hersteller die am effektivsten gekühlte; zusätzlich liefert Ängelholm das erste Serienfahrzeug der Welt mit 800 Volt Batterie. Exklusiver Leichtbau, der neue, revolutionäre „Direct Drive“, Koenigsegg schwelgt in Superlativen.

Independent Thinking? Auf jeden Fall, und Koenigsegg hat den passenden Repräsentanten dazu. Ein Saab Juwel, was ich respektvoll schreiben darf. Der Gründer von Trollhattansaab, Saabsunited und der einzigste offizielle Saab Blogger Steven Wade bloggt und repräsentiert für Koenigsegg. Gäbe es einen Besseren für diese Aufgabe? Niemals !

Der letzte Entertainer

In der Autoindustrie gab es Typen, deren Lebensweg mit Höhen, Tiefen, Kurven zu beschreiben ist. Typen mit Ecken und Kanten, die 10 Mal scheiterten, um beim 11. Mal der Welt einen Traumwagen zu schenken. Oder nie.

Diese Typen sterben aus, was sinnbildlich für die Branche ist. Sie krankt an sich selbst. Wer als Kunde 10 SUVs gesehen hat, mag keine Nummer 11. Der besucht keine Autoshows, schaut keine Motorsendungen mehr an. Aber es gibt sie noch, die wahren Entertainer.

Victor Muller hat seit 2011 viel durchgemacht. Mehr Tiefen wie Höhen, im Geschäft und im Privatleben. Nach Saab ging Spyker in die Insolvenz, in Schweden läuft ein Verfahren gegen ihn.

Gegen alle Widrigkeiten, Spyker ist zurück. Messestand: Gebucht erst im November. Die Messegesellschaft winkt ab, weil ausgebucht? “ Mir reicht eine Toilette als Platz „…Original- Zitat Muller gestern in Genf. Und da ist er ! Mit einem Sportwagen. Keinem  SUV. Eine Versuchung auf Rädern, mit einem frechen Fadenkreuz im HUD, durchgehender LED-Leiste am Heck und einem Armaturenbrett zum Schwärmen. Der Spyker Preliator. Was für Kämpfer steht und zu Marke und Macher passt. Wer fragt in Momenten wie diesen nach Finanzierung, Serienfertigung, Vergangenheit ?

Independent Thinking – 5 Years After

Was bleibt? Falsche Frage.

Was wird? Bessere Frage.

Steroide aus China, konsequenter Innovator, Typen mit Ecken und Kanten. Alles ist möglich. In den letzten 5 Jahren ist viel passiert. In der Stallbacka füllen sich die Parkplätze wieder. 630 Mitarbeiter, davon 500 in den technischen Abteilungen. Steroide aus China machen es möglich. NEVS sei verantwortlich dafür, dass der Saab Spirit weiterlebt. So Stig Nodin, ehemals Saab Automobile, jetzt Direktor Produktentwicklung NEVS in der vergangenen Woche in einem Interview mit der lokalen Zeitung.

10 Gedanken zu „Independent Thinking – 5 Years After

  • 5 Jahre her, das ist erschreckend. Mein 9-3 ist auch schon 8 Jahre alt. Das merkt man ihm nicht an, ist aber so. Hoffentlich hält er noch lange durch!

    • … mein aktueller Saab ist aus „der Zeit“ (von 2011 … das sind schon 5 Jahre – wie die „Jahre vergehen“).

      Leider zickt der gerade etwas böse rum und ich weiss nicht, was es ist … 🙁

      @@ allgemein
      Steven Wades alten Saab-Blog habe ich früher immer sehr gerne verfolgt (zu „SU“-Zeiten kannte ich ihn noch nicht)! Tolle Berichte waren das!!!
      Seine eigene spätere Seite ( http://www.swadeology.com ) hab ich dann auch noch etwas gelesen, aber aufgrund nachlassender aktueller Saab-Berichte und zu vieler „allgemeiner“ Themen dann irgendwann nicht mehr.

  • Toller Artikel, Tom! DANKE !
    Die Überschrift nehme ich einmal auf: Was bleibt? Falsche Frage.
    Was wird? Bessere Frage.
    Darüber lässt sich ja bekanntlich reichlich sprechen: Die grenzenlose individuelle Massenmobilität stösst an ihre Grenzen.
    Wir spüren es…, verdrängen es und wollen es an sich auch gar nicht (mehr) hören. Trotzdem wird dieses „Problem“ weltweit bestehen bleiben und täglich uns zu Lösungen anstossen. Diese Lösungen machen regional, national und international Sinn. Lösungen die unsere verwöhnten Gewohnheiten nur marginal einschränken, will kaum einer akzeptieren. Und doch brauchen wir weniger SUV´s,
    weniger Diesel,
    weniger Kurzstrecken mit dem PKW sondern
    mehr vernetzte individuelle Mobilität,
    mehr öffentl. Nahverkehr,
    mehr nachhaltige Antriebe, womöglich mehr Fahrrad-Nutzer. 😉

    Wenn schon „Der letzte Entertainer“ auffahren muss um Emotion zu wecken, zeigt das doch auch, wie satt wir Nutzer geworden sind. Wie zweifelhaft „sog. Fortschritte“ geworden sind: Regensensor, Heckklappe, die automatisch geöffnet wird, div. Piepser 🙁 etc.
    Der Weg zu den Sternen ist für SAAB noch weit.., ob NEVS auf dem „richtigen Weg“ ist kann ich nicht beurteilen.
    Einige individuelle „Spielzeuge“ aus schwedischer Prduktion sind sicherlich nicht das gravierende Problem der Zukunft.
    Aber ob VW, BMW, AUDI, TOYOTA,GM etc. als Dinosaurier einer Branche das „Mobilitäts-Problem“ lösen, da habe ich so meine Zweifel.
    RWE und EON waren auch nicht die Vorreiter der grünen Energiewende…
    Ich werde diesen Blog eifrig lesen… 😉
    Grüße in die „Runde“ !

    • Wow, das ist ein recht interessanter Rundumschlag zur Mobilität, liebe Bergziege …

      Vielleicht ist es so, dass SAAB letztlich auch im Ableben eine Vorreiterrolle eingenommen hat?
      Das wäre ja irgendwie versöhnlich und typisch SAAB. Wer weiß, wie viele Dinosaurier noch folgen?

      • Moin moin, Herbert!
        Ja, die Vorreiterrolle im Ableben wäre in der Tat tragisch…, ein gewisses Risiko beinhaltet die Vorreiterrolle jedoch immer! 😉

    • Im aktuellen Spiegel steht ein interessanter Artikel zum Thema Mobilität. Wie es mit den „Dinos“ weitergehen wird, wissen auch die Autoren nicht. Die Möglichkeiten sind einfach zu viele, und wie der Kunde die Veränderungen annehmen wird, sieht man erst in Jahren. Auf jeden Fall lesenswert!

      • Moin, Tom!
        Danke für den Tipp! Werde mir den „Spiegel“ kaufen. 🙂

  • Toller Artikel – wie immer und bitte weiter so!
    Ich selbst bin ja Fan von den Entertainerqualitäten von CvK. Der Mann hat Träume und setzt diese konsequent um – publikumswirksam aber auf fundierter Basis und mit dem besten was auf dem Markt ist – wie eben auch Swade.
    Als Koenigsegg Intersesse an der Übernahme von Saab zeigte war ganz klar: das wird was und genial. Erst, nachdem von GM die letzten Dokumente auf den Tisch gelegt wurden sagte CvK dann konsequent ab, da darauf kein Geschäftsmodell funktionieren konnte – das hätte für VM Grund genug sein sollen diese Bedingungen nicht zu akzeptieren. Aber dann hätte es sicherlich keine 9-5II auf den Straßen gegeben und keinen Phoenix der sicherlich der unterschätzteste Prototyp aller Zeiten ist…

  • Hut ab vor Koenigsegg und dem Mut von VM. Die Beobachtung mit den SUV`s kann ich voll unterschreiben. Eines findet man interessant, hat man es einige Jahre gefahren wird es fade, wahrscheinlich auch weil man nur noch die Kisten auf jedem Supermarktparkplatz und vor der KITA sieht. Eine Limousine oder ein Coupe sind schon fast Rebellion und ein ein Statement für „Independent Thinking“.

    • Genau, am Besten ein schwedisches Coupé oder Combi-Coupé 🙂 .
      Aber als Krönung des Unsinns rollen bald SUV-Cabrios durchs Land 🙁 .

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