Saab 9000 Anna Projekt (Part 1)

7. April 2013. Ein Sonntag im Frühling, ein ruhiger Tag. In der Hauptstadt läuft der 33. Berliner Halbmarathon, in Montenegro sind Präsidentenwahlen, auf einer Internetplattform wird ein Saab 9000 Anniversary inseriert. 1. Hand, wenige Kilometer, Schalter mit Schiebedach. Kann man da widerstehen? Interessante 9000er werden rar, der Saab ist genau das, was ich suche.

Saab 9000 CSE, Anniversary, 1998.
Saab 9000 CSE, Anniversary, 1998.

Mit meiner Saab – Suche bin ich nicht alleine, die Nachfrage scheint enorm. Den Besichtigungstermin im Mainzer Umland bekomme ich nach telefonischer Anfrage erst am Abend, als letzter Interessent. Dass der Saab noch zu haben sein,  wird glaubt die Verkäuferin nicht.

Am späten Nachmittag starte ich mit einem Freund im Turbo X in Richtung Mainz…nicht sicher,  ob der 9000er immer noch zum Verkauf steht. Wir haben einfach Lust auf ein paar Kilometer Turbo Flug mit dem TX; der Weg ist das Ziel, und wenn der Anniversary bereits verkauft sein sollte,  wollen wir es sportlich nehmen.

Die Überraschung: Er steht bei unserer Ankunft immer noch, nicht ohne Grund. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war die Diskussion über den 9000er in einem Forum. Der Anniversary hatte Rost am  Scheibenrahmen, und folgt man dem Verlauf der Kommentare,  dann sollte dies sein Todesurteil sein. Wie auch immer, die Foristen hatten perfekte Arbeit geleistet und für vollendete Tatsachen gesorgt. Völlig überraschend wollte keiner mehr den Saab, der später den Namen Anna bekommen wird, kaufen.

Saab mit Pflegenotstand

Die Bestandsaufnahme Ort geht schnell. Der 9000 ist vernachlässigt, ungeliebt. Man spürt fehlende Zuwendung in jedem Detail. Die einst so schicke Karosserie ist voller Macken, Kratzer, Dellen. Nichts, was sich wegpolieren ließe. Der Innenraum ist schäbig, unsauber, auf dem Armaturenbrett kleben irgendwelche Halter für irgendein undefinierbares Zeug. Das Leder hat seine Geschmeidigkeit verloren, die Sitze sehen durchgesssen aus, das Fahrzeug hat einen enormen Wartungsstau. 40.000 Kilometer mit Saab Service, fast 100.000 mit freier Werkstatt,  die nur die nötigsten Dinge erledigen durfte.

Ja, und dann ist da der böse Rost am Scheibenrahmen… Auf der Habenseite steht die geringe Laufleistung, weniger als 140.000 Kilometer, eine klare Historie. Nichtraucher, unfallfrei, der Besitz aus 1. Hand, die Anniversary Ausstattung.

Während ich vor dem Saab stehe und darüber nachdenke,  welche Dummheit da auf mich zurollen könnte,  entwickeln die Dinge ihre Eigendynamik. Die Frage, ob kaufen oder nicht, stellt sich überraschend nicht mehr. Die kompetente Vorarbeit des Forums zeigte Wirkung. Die Besitzerin, von einem Tag Saab-Tourismus und erfolglosen Verkaufsgesprächen genervt, will den Saab jetzt nur noch loswerden.

Der Preis,  den sie uns nennt,  verschlägt uns die Sprache. Wir hätten sicher noch handeln können. Aber gute Erziehung und Höflichkeit verbieten das, ich schlage ein. Der 98er 9000 wechselt den Besitzer. Ob das schlau war?

Der 9000er steht auf schönen 16″ Felgen mit neuen Reifen. Die Summe, welche an diesem Abend meinen Geldbeutel verlässt, entspricht in etwa diesem Wert. Den Rest, das Auto mit Rost am Scheibenrahmen und den sagenhaften Wartungsstau,  gibt es gratis dazu.

Ausserdem scheint der Saab, sieht man vom Scheibenrahmen ab, komplett rostfrei zu sein. Ein Eindruck,  der sich später bestätigen wird, denn bis auf eine kleine Stelle an der Reserveradmulde findet sich nichts. Ernsthaft gefragt: gut gekauft oder nicht? Die Antwort nehme ich schon mal vorweg: Schlecht gekauft!

Mission Saab Rettung

Aber es gibt eine Mission: Einen Saab mit Pflegenotstand vor dem Export zu retten. Zeigen, dass man aus einem häßlichen, ungeliebten Entlein wieder einen schönen und begehrenswerten 9000er machen kann.

Da wäre die Frage, wie die Sache mit dem Scheibenrahmen zu bewerten ist. Arbeiten an der Karosserie sind teuer, kann man sie nicht selbst erledigen. Aber ich habe schon Saabs ohne Rost am Scheibenrahmen gekauft. Die braune Pest fand sich dafür an anderen, nicht erwarteten Stellen. An Heckklappen, Radläufen, Unterboden. Während ein rostiger Scheibenrahmen ein Schreckgespenst zu sein scheint, werden andere Durchrostungen als Naturereignis hingenommen. Ausserdem werden wir erst dann sehen,  wie es wirklich um die Durchrostungen bestellt ist, wenn die Scheibe draußen ist. Und es könnte ja alles nur halb so schlimm sein,  wie es den Anschein hat…

Der Weg zurück, über die Autobahn, geht flotter als man denkt…und schneller, als nur 170 PS vermuten lassen. Der Anniversary folgt dem Turbo X leichtfüßig..und genau da liegt das grundsätzliche Problem aller Saab 9000. Egal,  wie sehr man sie auch vernachlässigt – sie laufen, laufen, laufen. So lange Sprit im Tank ist, der Motor einen Tropfen Öl findet, sind die Schweden unzerstörbar.

Der Saab landet in unserem Hangar, wird erst einmal vergessen. Die 16 Zoll Felgen mit den neuen Reifen wandern auf den 9000er eines Freundes, der Anniversary steht jetzt auf alten 15″ Rädern. Irgendwie kommt in den nächsten Monaten immer irgendetwas dazwischen, nie ist Zeit für Anna. Langsam wandert der 9000 nach hinten in den Hangar, bis er an letzter Position steht. Er staubt ein, der Rost nagt fröhlich weiter am Scheibenrahmen, das sieht nicht gut aus. Bis zum Sommer 2014 schläft der Saab. Dann kommt Bewegung in die Sache.

11 Gedanken zu „Saab 9000 Anna Projekt (Part 1)

  • 2. September 2015 um 11:22 AM
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    Das klingt nach verdammt viel Arbeit und ist mutig. Hätte ich mich an den 9000 gewagt, unter diesen Bedingungen? Glaube nicht 🙁

  • 2. September 2015 um 12:03 PM
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    Glückwunsch zum 9000 2.3 CSE ! Das wird noch ein Traum! 😉
    Ein SAAB zum “Felgenpreis” ist doch ok., bei dieser geringen Kilometerzahl! 🙂
    Ein SAAB, dem man den Gebrauch ansieht ist doch auch i.O., soll ja kein Museumsstück werden… und der 1. Parkplatzditscher kommt schneller als geplant… 🙁 Den Innenraum kann man ja “aufräumen”, also 1/2 so schlimm.
    Durchgesessene Sitze bei 140 Tausend Km??? Wohl kaum! Ausser: SAAB-Eigner mit 30 oder mehr % Übergewicht wurden transportiert… (Wie sahen die Verkäufer au??? 😉 ) Das Leder kann sicherlich “aufgearbeitet” werden, wenn s.o. als Grund wegfällt.
    Ich hoffe auf ein gutes positives Ende der Geschichte! Der SAAB sollte ein Traum werden! Möge der “Alp”-Traum erspart bleiben…
    Ich bin gespannt, wie die Geschichte sich weiter entwickelt! 🙂

    • 3. September 2015 um 9:58 AM
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      So ganz ohne Alptraum wird die Geschichte nicht ausgehen… Die Sitze sind in der nächsten Folge das Thema, und auch das Aufräumen 😉 …und natürlich noch mehr…

      • 3. September 2015 um 1:57 PM
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        Spannend!!!

  • 3. September 2015 um 9:40 AM
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    Habe ein ähnliches Projekt am laufen, ein Opa Saab an dem Jahre nix gemacht wurde. Aber erste Hand und bis er aus Altersgründen weggestellt wurde top gepflegt. Der Einsatz lohnt sich, glaube mir! Der 9000 ist eines der robustesten Autos aus Trollingen, das Beste noch dazu 😉

  • 3. September 2015 um 11:16 AM
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    Ich würde mal prüfen ob der 9k schon mal eine neue Frontscheibe bekommen hat. Der unsachgemäße Einbau ist die häufigste Ursache für Rost an dieser Stelle. Das Problem mit dem Scheibenrahmen ist, dass man einen kundigen Karosseriebauer benötigt damit man den Rahmen nicht zwei Jahre später wieder sanieren darf. Ebenso beim Einbau der Scheibe, wenn da der frisch sanierte Rahmen unabsichtlich verkratzt/beschädigt wird, darf man noch mal von vorne anfangen. Ein Loch im Unterboden ist da eine viel kleinere Herausforderung. Kann man schon mal selbst machen.

    • 3. September 2015 um 12:00 PM
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      Du bist auf dem richtigen Weg 😉 … Der 9k hatte eine neue Scheibe bei C.. Gl.. bekommen. Der Einbau dort ist verantwortlich für das Desaster.

  • 3. September 2015 um 12:35 PM
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    Ich hatte es mir fast gedacht…wollte den Namen aber nicht schreiben 😉 Mein 9k hat noch die erste Scheibe und Rost ist auch nach 18,5 Jahren kein Thema.

    • 3. September 2015 um 4:56 PM
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      Das ist der Punkt. Unser CS aus 1993 hat ebenfalls die erste Scheibe, kein Rost. Details zu der Arbeit der gewissen Firma folgen in der Fortsetzung 😉

    • 7. September 2015 um 1:33 PM
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      Ich hatte auch schon einen ’97er 9000 Anniversary, der beim Vorbesitzer ca. vier Jahre vor meiner Zeit bei Carglass eine neue Windschutzscheibe eingebaut bekommen hatte – in der Zeit danach stand er bei Wind und Wetter draußen. Rost am Rahmen habe ich keinen feststellen können.
      Pauschalaussagen halte ich für gefährlich.

      • 7. September 2015 um 1:56 PM
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        Soll auch nicht pauschal gewertet werden. Es hängt von der gewissenhaften Arbeit der jeweiligen Filiale ab. Beim Anna Projekt lag die Arbeitsleistung im negativen Bereich.

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