Auf Umwegen (wieder) zu Saab

Ein Mann namens Tom – nein, nicht der Tom, sondern ein Namensvetter, der sich hier zu Unterscheidungszwecken mitunter tom7364 nennt (wobei Hinweise auf sein Geburtsdatum bitte nicht kommentiert werden brauchen, schon gar nicht mitleidig) – fährt begeistert Saab. Und das erst seit weniger als 8 (in Worten: acht) Jahren, obwohl seine Liebe zur Marke schon vor fast 25 Jahren entflammt ist. Wie kann das sein?

Saab 9-5 2.3t Vector, bisher 274.000 Kilometer
Saab 9-5 2.3t Vector, bisher 274.000 Kilometer

Rückblick:

Ich stamme aus einem typischen ärmlichen, aber sauberen Beamtenhaushalt und für meine Eltern sind Autos grundsätzlich Nutzgegenstände. Und zu teuer. Die Marke interessiert nicht. In meiner Kindheit fahren sie VW, Fiat und Mitsubishi. Immer und grundsätzlich in der Buchhalter-Ausstattung. Das erste von meinen Eltern angeschaffte Auto ist – wenig verwunderlich – ein sog. Sparkäfer. Ich hole ihn im Alter von 3 Jahren mit meinem Vater ab.

Es wird eine meiner schönsten und zugleich meine früheste Kindheitserinnerung bleiben. Wie meine beiden Großväter liebe ich grundsätzlich Autos, sammle alle Matchbox-Autos und kenne alle Auto-Quartette in- und auswendig. Leider unterstützen meine Eltern diese Auto-Liebe nicht. Sie ist ihnen ein wenig suspekt. Ich werde 18, der Motorrad-Führerschein interessiert mich nicht. Ich will endlich ein Auto haben. Die Großväter (einer Mercedes-, der andere BMW-Fan) sind inzwischen verstorben. Ich muss Führerschein, Auto, Versicherungen, Steuern und Benzin als Schüler und Student ganz überwiegend selbst finanzieren und ich beginne meine Auto-Karriere mit Fiat 127 und VW Käfer – natürlich gebraucht. Und übernehme schließlich den Mitsubishi der Eltern. Meine Leidenschaft gehört aber zu jener Zeit – zugegeben wenig kreativ (die geneigte Leserschaft wird gebeten nicht zu gähnen) – den üblichen Verdächtigen germanischer Provenienz: BMW, Mercedes und Porsche.

Wir schreiben Frühling 1990 und ich trete als 26 Jahre junger Rechtsreferendar in die Dienste der Justiz in Aachen ein. Mir fällt sofort ein Kollege auf, der immer und überall mit seiner frisch angetrauten Ehefrau, ebenfalls Kollegin, im Doppelpack auftritt. Eines morgens sehe ich im Seitenblick in einiger Entfernung seine Frau in der Nähe des Gerichts mit roher Gewalt einige Mülltonnen von der Straße schaffen. In die so frei geräumte Parklücke setzt ein blaues klobiges Ungetüm zurück und – wie könnte es anders sein – der Kollege steigt aus.

Saab 9-3 Coupe 2001
Saab 9-3 Coupe 2001

Ich ändere zunächst meine unauffällig-heimlich-neugierige Augenwinkel-Beobachtungs-Perspektive und sodann meine Gehrichtung, setze ein unverfänglich-freundliches Lächeln auf und bewege mich auf das Gesamtkunstwerk zu – wobei ich zuerst immer nacheinander die Kollegin, den Kollegen und das klobige Ungetüm fixiere. Die Kollegin und der Kollege bleiben rechts und links am Auto stehen und haben offensichtlich Diskussionsbedarf. Vielleicht haben sie schlecht geschlafen oder er hat schlecht eingeparkt. Oder sie hat die Mülltonnen schlecht weg geräumt, man weiß es nicht. Jedenfalls schreien sie sich über das Dach des blauen Ungetüms recht formidabel an. Woraus ich einerseits schließe, dass sie mich offensichtlich noch nicht bemerkt haben. Und woraufhin ich andererseits augenblicklich zärtliche Gefühle für das klobige Auto entwickle. Vor mein geistiges Auge schießt das Bild eines bemitleidenswerten weinenden Kindes, über dessen Kopf hinweg sich Mutter und Vater lauthals wechselseitiges Erziehungsversagen vorwerfen…

Inzwischen bemerke ich, dass das arme Kind Saab heißt. Und offensichtlich nicht nur schlecht gelaunte Eltern hat, sondern zudem auch nicht mit Schönheit gesegnet zu sein scheint. Es sieht auf beunruhigende Weise „anders“ aus. Ich weiß, es gibt noch weitere Kinder, die auch Saab heißen, die habe ich mir aber nie so recht angesehen, in meiner Erinnerung sind sie auch irgendwie komisch. Erst bei näherer Betrachtung und einem fachmännischen Gespräch mit dem Kollegen, der mich inzwischen bemerkt hat (woraufhin die Diskussionen des jungen Glücks sofort erstarben), erfahre ich, dass es sich um einen 9000 CC 2.0i, MY 1987, handelt. Der Kollege ist Saab-Fan, weiß über diese komische Exoten-Marke sehr viel zu berichten, hadert (damals schon!) über die bevorstehende Verwässerung der Saab-Qualität durch den Einstieg von GM – ich versuche wissend auszusehen und kurzum: wir haben ein Thema und freunden uns an. Und ab sofort fallen mir sein Saab und alle anderen Säbe immer und überall sofort auf. Und sie werden immer schöner.

Im Herbst 1991 gründen wir mit seiner Frau und einem weiteren Kollegen eine Fahrgemeinschaft und fahren zu viert 2 mal pro Woche nach Köln zum Repetitor. Immer im 9000 CC des Kollegen. Obwohl es kein Turbo ist, fühle ich mich nicht nur souverän und komfortabel, sondern auch flott chauffiert. Fahren tut der Kollege immer selbst. Leider – wer weiß, welches (Saab-)Schicksal ich heute sonst berichten könnte. Im Frühjahr 1992 macht mein Mitsubishi schlapp und ich investiere mein gesamtes Erspartes in einen seit längerem bestehenden Traum: es wird ein neuer BMW 318i (E36), Limousine. An Saab habe ich gar nicht näher gedacht. Ich will unbedingt meinen ersten Neuwagen und mit meinem Budget ist da ein Saab 9000 (901 interessiert mich damals seltsamerweise noch nicht) sowieso gar nicht drin. Kurz nach der Bestellung des BMW erfahre ich, dass der Kollege sich über einen EU-Importeur einen 9000 CSE 2.3T bestellt hat. Und mir kommen erste Zweifel, ob ich nicht besser seinen „alten“ 9000 CC hätte übernehmen sollen…

Aber – what shall´s – der BMW fährt sich im Verhältnis zum Mitsubishi superbe und ist auch sehr zuverlässig – er wird rund 18 Jahre in meinem und dem Besitz meiner damaligen Frau und späteren Ex-Frau und dann einer Ex-Freundin (kann man das so schreiben?) bleiben, bis ihn schließlich ein Polizei-Fahrzeug während eines Einsatzes im wahrsten Sinne des Wortes aus der Bahn wirft. Doch noch im Frühling 1992, kurz nach dem Erwerb des BMW, kommt es zu einem verstörenden Erlebnis: Der Kollege und ich sind auf eine Party in Bonn eingeladen und wir fahren mit seinem neuen 9000 CSE Turbo dorthin. Schon auf der Hinfahrt bin ich als Beifahrer hin und weg (was für ein Unterschied zum 9000 CC Sauger und meinem kleinen BMW) und biete dem Kollegen entgegen meinen sämtlichen Gewohnheiten spontan an, auf jeglichen Alkohol auf der Party zu verzichten und uns zurückzufahren. Der Kollege lehnt zunächst (da schon halbherzig, wie ich mir einrede) ab, kann aber auf der Party der Versuchung nicht widerstehen.

Darauf bin ich vorbereitet, der Großversuch mit bleifreiem Clausthaler hat sich gelohnt. Spät in der Nacht fliege ich mein erstes Mal mit einem Saab über die Piste. Noch ein paar Wochen später auf der Urlaubsfahrt nach und durch Italien mache ich meine damalige Frau auf jeden 9000 CS und CD aufmerksam, der irgendwo zu sehen ist. Bis sie mich irgendwann entnervt bittet, dies zu unterlassen.

Ende 1995 komme ich, inzwischen junger Rechtsanwalt, durch ein außergewöhnliches Mandat, einem Grundstücksgeschäft mit Ländereien aus der (angeheirateten) Famile meiner Schwester, unerwartet zu einem größeren Geldbetrag. Eigentlich soll ausschließlich ein Hauskauf davon finanziert werden, aber gleichzeitig macht der 12 Jahre alte VW Polo meiner damaligen Frau schlapp. Sie hat längst ein Auge auf den 318i geworfen, er steht ihr gut. Ich stehe immer noch unter dem traumatisch-traumhaften Eindruck des 9000 CSE Turbo vom früheren Kollegen, der sich inzwischen im Aufbau Ost und aus meinen Augen verloren hat. Andererseits bin ich mit dem 318i sehr zufrieden und der neu erschienene BMW 5er (E39) gefällt mir auch. Monatelang wälze ich die Kataloge beider Fahrzeuge und überrasche meine damalige Frau jeden Abend im Wechsel aufs Neue damit, dass ich mir einen BMW 5er – oder doch lieber einen Saab 9000 Turbo zulegen werde. Bis sie mich eines Tages erneut bittet, dies zu unterlassen und mich endlich zu entscheiden.

Saab 900 1992
Saab 900 1992

Nach halbjähriger Überlegung wird ein BMW 523i (Limousine) gekauft. Scheinbar hat Vernunft über Herz gesiegt. Hier ein modernes neues Modell mit bewährtem Reihen-Sechszylinder, dort ein damals scheinbar bereits in die Jahre gekommener Vierzylinder-Turbo. Downsizing hat damals noch einen irgendwie retardierten Klang. Ich bereue die Entscheidung für den 523i auch nicht, fahre ihn rund 8 Jahre und 330.000 km. Als er 2004 schlapp macht, lease ich kurzerhand einen BMW 525d, MY 2004, ebenfalls Limousine, mit dem ich aber überhaupt nicht warm werde. Es ist für mich ein seelenloser Trecker und ich stehe dem Fahrzeug wie der Leasingdauer völlig gleichgültig gegenüber. Meine BMW-Affinität schwindet von Monat zu Monat und ich spüre: es ist Zeit, die Pferde zu wechseln.

Bei den Überlegungen nach einer Alternative zu BMW im Frühjahr 2007 fällt die Wahl schnell auf Saab. Ich habe die Marke nach Einstellung des 9000 ein bisschen aus den Augen verloren und die zwischenzeitlichen Veränderungen, beginnend mit dem seltsamen Zahlen-Querstrich-Salat bis hin zur allgegenwärtig scheinenden Veropelung missbiligend zur Kenntnis genommen. Aber entgegen der allgemeinen Einschätzung der Saab-Gemeinde gefällt mir die Chrombrille und ich kaufe mir im Sommer 2007 einen Saab 9-5 2.3t Vector Bio mit Hirsch, mit dem ich bislang 274 Tkm gefahren bin, ohne dass Motor, Turbolader oder Getriebe jemals Anlass zur Klage gegeben hätten. Ich liebe dieses Auto und zögere jetzt schon seit über 3 Jahren, es durch einen 9-5 NG oder überhaupt zu ersetzen. Die Liebe zu diesem Auto hat aber auch mein Interesse zu seinem Vorgänger, dem 9000, wieder neu entfacht. Mit ihm hat für mich alles angefangen – 901, 902, 9-3, das interessierte mich im Gegensatz zur restlichen Saab-Gemeinde anfangs gar nicht so. Inzwischen hatte ich aber neben meiner Chrombrille einen seltenen Saab 90 MY 1987 (2007-2012) und habe ein 901 Cabrio MY 1992 (seit Anfang 2012) für die Freizeit und einen 9-3I 2.0t Coupé MY 2001 (seit Anfang 2013) für die Allerliebste.

Angefangen hat alles aber mit dem 9000 und ich freue mich sehr, dass er zum 30jährigen Jubiläum wenigstens einen Teil der Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient.

7 Gedanken zu „Auf Umwegen (wieder) zu Saab

  • Also doch: Die Marke der Juristen und Journalisten!
    Schöne Geschichte!
    „Veropelung“ ist übrigens ein wunderschönes Wort, das ich sofort in meinen Sprachschatz aufnehmen werde.

    • es gibt Ausnahmen…..es könnte auch heissen: die Marke der Querdenker, der Unkonventionellen und der Statusverweigerer.

  • Geht mir auch so. Meine „Chrombrille“ (9-5 SC Aero aus 2007 ) gefällt mir immer noch. Läuft nach mittlerweile 261’000 km nach wie vor wie ein Uhrwerk und sieht nicht müde aus. Habe bereits etliche Alternativen gesehen und gefahren, an die Sitze und damit an den Langstreckenkomfort kommt nach wie vor nichts ran.

  • Ansprechende, ehrliche und sehr unterhaltsame Lektüre, die süchtig nach mehr macht.
    „jag älskar dig.“

  • Klasse, mit schönem Sprachwitz geschrieben!

  • Hallo Tom,
    tolle saabische Lebensleidenschaft!
    VG

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