Wie kam ich zu Saab?

Die Wirksamkeit automobiler Werbung wird allgemein überschätzt. Oder doch nicht? Für Uli war eine Werbeanzeige und der Saab 99 die Initialzündung für viel Saab Leidenschaft. Und er ist bis heute dabei geblieben. Eine weitere Saab Story für unsere Leseraktion.

Saab 99 Premiere in Deutschland. Der Wikinger ist da.
Saab 99 Premiere in Deutschland. Der Wikinger ist da.

Die Vorgeschichte:

Gegen Ende des Jahres 1968 tauchten zaghaft die ersten nordländischen Autos in meiner oberpfälzischen Heimat auf. Unter anderem auch auf dem Lehrerparkplatz des Gymnasiums, das ich damals besuchte. Unser Englischlehrer war der erste Querdenker, der mit einem Volvo 144 aus dem drögen Einheitsbrei der üblichen VW, Opel und Ford ausbrach. Der Aufkleber „Sicherheit aus Schwedenstahl“ verlockte uns neugierige Pennäler in unbeobachteten Momenten dazu, Klopfproben an Türen, Dach und Hauben vorzunehmen: Anstatt des üblichen, blechernen „Plöng“ beeindruckte uns das Vertrauen erweckende, solide klingende „Plopp“ der Volvo-Karosserie.

Das erste Interesse an schwedischer Technik war geweckt, zumindest bei mir.

Zeitsprung – irgendwann im Sommer 1969:

Drei Ereignisse – und dies an einem einzigen Tag – sollten mein inzwischen weiter fortgeschrittenes Interesse an Autos entscheidend beeinflussen. Das erste Ereignis war leider bis ins tiefe Mark erschütternd und bis heute unvergesslich: Mein Vater und ich waren auf der A 3 mit unserem Renault 16 auf der Rückfahrt von Frankfurt in die Oberpfalz unterwegs. Kurz nach Würzburg überschlug sich nicht weit vor uns ein Citroen DS. Mein Vater tastete sich vorsichtig an dem Trümmerfeld vorbei. Türen, Kotflügel, Motorhaube, ja selbst das Kunststoffdach hatten sich von der kollabierten Insassenzelle der DS verabschiedet, die filigranen A- und B-Holme waren wie Streichhölzer abgeknickt. Passive Sicherheit stand in den 50er Jahren eben noch nicht im Lastenheft der Autoindustrie. Mein bislang absolutes Traumauto verlor an diesem Tag etwas von seinem bisherigen, mystischen Glanz…

Gibt es „Zufälle“?

Zurück blickend bin ich mir darüber nicht mehr sicher. Jedenfalls ereigneten sich zwei davon ausgerechnet an diesem denkwürdigen Tag.

Einige Stunden vor diesem schrecklichen Unfall kaufte ich mir eine meiner ersten Autozeitungen, die damalige daz (Deutsche Automobil-Zeitung). Beiläufig entdeckte ich eine halbseitige Annonce „Saab 99 – der breitschultrige Schwede“, in der die passive Sicherheit des mir bislang unbekannten Autos besonders hervorgehoben wurde. „Überrollsteife Fahrgastzelle, A-Holme aus 2,7 mm starkem Profilstahl“, usw. All dies klang interessant. Hätten die bemitleidenswerten DS-Insassen sich für den Saab entschieden, sie hätten diesen Unfall sicher überlebt.

Der zweite Zufall knapp zwei Stunden später, dieses Mal auf der Umgehungsstraße von Fürth. Wir mussten die A 3 wegen einer Baustelle verlassen und steckten bald im unvermeidlichen Stau, direkt neben dem damaligen Versandhaus Quelle. Plötzlich tauchte ein dunkelblaues, unbekanntes Objekt neben uns auf. Abgerundete Front, verchromter Kühlergrill ohne Stern oder Nieren, halbrunde Frontscheibe, seitliche Keilform, elegant abfallendes Heck – nein, es war kein NSU Ro 80, kein Rover 2000 TC, auch kein unbekannter Erlkönig. Jedoch kam mir diese gedrungene Form irgendwie bekannt vor.

Richtig, es war dieser Saab 99, der mir kurz zuvor in der Werbeanzeige auffiel. Nun konnte ich den Saab erstmals von allen Seiten betrachten, nein, vielmehr mit den Augen verschlingen. Dieses Auto sah doch in Natura wirklich weit besser aus als in der Anzeige! Meine sicher merkwürdig aussehenden Gesten und Blicke erwiderte der Saab-Fahrer mit einem gelassenen Lächeln, anscheinend war er an solchen Reaktionen seiner Umwelt bereits gewöhnt.

„Das wird einmal mein zukünftiges Auto“, so hörte ich mich nach dieser ersten Überraschung sagen.
Bis dahin sollte es jedoch noch einige Jahre dauern, denn damals war ich erst 13 Jahre alt.

Einer der ersten Saab 99 in Deutschland, Baujahr 1969 (Fotoquelle: SAAB les voitures du pays des trolls, Xavier Chauvin, E-T-A-I)
Einer der ersten Saab 99 in Deutschland, Baujahr 1969 (Fotoquelle: SAAB les voitures du pays des trolls, Xavier Chauvin, E-T-A-I)

Weiterer Zeitsprung – November 1971:

Die Zeit der spannungsgeladenen, pubertären Tanzkurse. Jeder dieser Donnerstage war zumindest bei mir von einem nervösen, neugierigen und unsicheren Kribbeln erfüllt. Würde ich, wie dies bisher viel zu häufig vorkam, die unschuldigen Füße der Tanzpartnerinnen betrampeln? Würden mir charmant klingende Komplimente im richtigen Moment einfallen?

All dies war mir an diesem Donnerstag im November ziemlich egal. Mit Sicherheit war ich an diesem späten Nachmittag der erste, der nach dem Tanzunterricht zielstrebig aus dem Saal flitzte. Nein, es stand kein anschließendes Date auf dem Programm. Vielmehr konnte ich es kaum erwarten, mir die an diesem Donnerstag erscheinende, neue Ausgabe der Auto, Motor und Sport zu kaufen. Und diese Ausgabe war besonders spannend, da endlich der Saab 99 E getestet wurde. Kaum eine andere Überschriftzeile als „Burgfrieden“ konnte das hervorragende Abschneiden des Saab besser ausdrücken. Den Text dieses für ein ausländisches Auto ungewöhnlich umfangreichen Testberichts beherrschte ich bald besser als alle langweiligen Daten aus dem Geschichtsbuch…

Der lange Weg zum ersten eigenen Saab:

Leider war mir schnell bewusst, dass ein eigener Saab für mich ein unerreichbar fernes Hirngespinst darstellt. Eisernes Sparen des Taschengelds würde es mir frühestens nach 450 Monaten ermöglichen, einen neuen 99 zu besitzen. Illusorisch und entmutigend!

Doch die Alternative stand 1973 in Form eines VW Käfers bereit. Es war ein 53er Ovali, der auf seine Restaurierung wartete. Schweißen und andere dazu notwendige Arbeiten hatte ich zuvor halbwegs erlernt, die für die nachfolgende, zweijährige Restaurierung notwendig waren.

Nur – es war eben kein Saab.

Aber die zündende Idee ließ nicht lange auf sich warten. Die „Versaabung“ des Käfers war beschlossene Sache. Vier Saab-Kopfstützen wurden zu je 55 DM bei Saab-Deutschland in Nieder-Eschbach bestellt, die Sitzlehnen durch zusätzliche Aufnahmen versteift.

Die originelle Form der Saab-Kopfstütze – allerdings nur mit dem gepolsterten Kisseneinsatz komfortabel und sicher.
Die originelle Form der Saab-Kopfstütze – allerdings nur mit dem gepolsterten Kisseneinsatz komfortabel und sicher.

Meine Schweißkenntnisse nutzte ich zudem, um die Türen und Seitenteile durch zahlreiche Stahlstreben zu stabilisieren, so wie beim Vorbild Saab 99. Sollten andere doch mit dem Sound ihrer Motoren ihre Mitmenschen beeindrucken – an das Tresor ähnliche Schließgeräusch meiner Käfer-Türen kam kein anderes Auto nur annähernd heran.

Neben vier damals nicht selbstverständlichen Automatikgurten wurde das Ganze durch den berühmten Troll-Aufkleber gekrönt: „Saab – made in Trollhättan“. Das musste einfach sein.

Erst 1980 war es dann so weit: Der erste gebrauchte Saab 96 war Start einer bislang ununterbrochenen Saab-Leidenschaft. Ihm folgten bis zum heutigen Tag zwei weitere 96, drei 900 und ein 9-5. .

Was eine unscheinbare Werbeanzeige nicht alles auslösen kann?!

8 Gedanken zu „Wie kam ich zu Saab?

  • Tolle Story! Was ist denn aus dem Saab-Käfer geworden?

  • toller Bericht, spannend und informativ. Erstaunlich, das sich nahezu Prozesse in unseren Köpfen abspielen um die Saabverbundenheit zu veranschaulichen!
    Toll, danke

  • Wenn ich das lese, muss ich wohl auch meine Saab Geschichte hier zum besten geben? Die war bei mir ähnlich, nur ohne Werbeanzeige…

    • Saab-Storys sind immer willkommen. Es sind noch einige in meiner Mailbox, am Sonntag kommt eine besonders lange Story. Und am Montag komme ich endlich mal wieder zu Wort 😉 Schönes Wochenende allen Lesern!

  • Schöne Geschichte! Interessant nur, dass Du, obwohl der Saab 99 Dich offenbar so tief beeindruckt hat, gerade dieses Modell offenbar nie besessen hast…

    liebe Grüße
    Gerald

  • Herrlich! Diese SAAB-Geschichte ist ebenfalls zum gute Laune bekommen! 🙂 DANKE!
    Das Thema „Sicherheit“ hat doch bei einigen SAABianern gepunktet….

  • Mein OStR für Deutsch/Geschichte fuhr ebenfalls Volvo, allerdings den 240 in hellblau. Nur mein Chemielehrer war schon damals turbobegeistert und von ihm erfuhr ich zum ersten mal, dass es so etwas wie ein Turboloch gibt. Leider nannte er aber keinen 99 Turbo sein Eigen, sondern einen Toyota Supra V6 Turbo, mit dem er tragischerweise ein Jahr nach meinem Abi tödlich verunglückte…. ;-(

  • Hallo Johann,

    ja, der Käfer existiert noch, steht bei einem Freund von mir, der Käfer-Fan ist. Dort darf ich ihn wenigstens ab und zu mit einer Träne in den Augen tätscheln 🙂

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