Trollhattan

Am Sonntag findet die Wahl zum schwedischen Reichstag statt. Der Countdown läuft. Die Sozialdemokraten, voller Hoffnung gestartet, fielen in den letzten Wochen in den Umfragen zurück. Stände aber die Stimmung unserer Freunde in Trollhättan für ganz Schweden, dann wäre ein Regierungswechsel fällig.

Saab Werk Trollhattan ©2014 saabblog.net
Saab Werk Trollhattan ©2014 saabblog.net

Anlass für ein kurzes, nicht wirklich repräsentatives Stimmungsbild aus der Stadt am Göta Älv.

Jahre der Krise hinterlassen Spuren

2009, 2011, 2014. Drei verschiedene Jahre, drei Mal Rekonstruktion in der Stallbacka. 2009 mit GM, 2011 mit Spyker, 2014 mit NEVS. Das kratzt nicht nur am lokalen Stolz, das zeigt mittlerweile Auswirkungen, die nicht mehr zu übersehen sind. Leerstand in den Geschäften, eine hohe Arbeitslosigkeit der Jugend. Die Stadt leidet. Mit ihr das Umland und die kleineren Nachbargemeinden. In Lilla Edet, ein paar Kilometer weiter, verwaist das Zentrum. Die Gemeinde will jetzt einen Entwicklungsplan umsetzen und den Leerstand, drei leere Geschäfte auf 50 Meter, mit Kleingewerbe auffüllen.

Ein wachsender Tourismus, von Vielen als Lösung gesehen, scheint nicht zu funktionieren. „Dazu müssten wir die Öffnungszeiten ändern“ war der etwas hilflose, letzte Satz  in einem Leitartikel der regionalen Zeitung. Geschehen ist natürlich nichts. Trollhättan ist Industriestadt, die Transformation zum Touristenziel hat noch nicht einmal begonnen.

Schade um eine Region, die ich sehr mag, die Charme hat…die aber seit vielen Jahren auf dem Weg nach unten ist. Ein Ende ist nicht absehbar. Unter GM wurde Saab auf 3.500 Stellen geschrumpft, mit Spyker kam das Aus auch für diese Arbeitsplätze. Einen kleinen Lichtblick, der die Talfahrt hätte beenden können, gab es im Winter 2011/12. Zwei Autohersteller waren am Werk interessiert. Einer verlor schon nach der ersten Besichtigung das Interesse, die Investitionen schienen zu hoch. Der Zweite hätte 2.500 Arbeitsplätze und das Fortbestehen der Marke Saab garantiert. Als Gegenleistung aber kürzere Werksferien und weniger Urlaubstage verlangt.

Die Insolvenzanwälte, Gewerkschaften und die Politik entschieden sich dagegen. Trollhättan bekam dafür NEVS.

Victor Muller –  ein Held, und wo steht NEVS ?

Ist NEVS in den Herzen der Schweden angekommen? Um das Verhältnis zu den aktuellen Herren in der Stallbacka zu ergründen, beginnt man am besten ein Gespräch über Victor Muller. Der ist noch heute hoch angesehen in der Stadt. Denn er ist der einzigste, der den Mut hatte und versuchte, Saab zu retten. So die Meinung vor Ort. Unter Muller schien die Kommune auf einer Mission unterwegs. „Saab, unabhängig, stark und frei“. Das hat nicht funktioniert, wie wir wissen. Aber wie gesagt, er hat es probiert. Immerhin !

Und NEVS? Schwenkt man das Gespräch zu den neuen Eigentümern, dann bekommt man im besten Fall ein ratloses Schulterzucken. Im schlimmsten Fall einige Sätze, die man nicht auf dem Blog schreibt.

Muller war einer, der Menschen gewinnen konnte. Der auch im schlimmsten Schlamassel Rückgrat bewies, sich vor seine Leute stellte, die Situation erklärte. Und die Menschen dann mit einem guten Gefühl nach Hause zu den Familien schickte. Das hat man nicht vergessen. Bei NEVS läuft das nicht so. Keiner erklärt, keiner redet. Von Anfang an. Ein Gesicht oder eine Identifikationsfigur hat NEVS nicht, es gibt Keinen, der die Menschen begeistert für eine Mission.

Die Vergangenheit war besser.

„Unter GM war alles besser, auch unter Spyker“ sagen die Gewerkschaften. Damals war man eng eingebunden, wusste wenigstens, wo man steht, auch wenn die Nachrichten nicht gut waren. Unter NEVS bekommt man die Meldungen aus der Zeitung, sagte vor einigen Tagen ein Gewerkschafter zur TTELA. Jetzt, wo NEVS mit Staatsgeldern in die Rekonstruktion gegangen ist, hat sich die Lage nicht verändert. Weniger Informationen denn je fließen, die Mitarbeiter bleiben mit ihren Sorgen alleine. NEVS, das ist auch das kalte Gesicht internationaler Investoren.

Nicht jeder in Trollhättan, mit dem ich in den letzten Tagen gesprochen habe, ist glücklich mit der Rekonstruktion. Eigentlich wünscht man sich einen Neustart, ohne NEVS und ohne das Management, dem man nicht mehr viel zutrauen mag. Dafür mit einem anderen Unternehmen, das es kann.

NEVS 9-3 im Angebot, 0 Zulassungen im August 2014.
NEVS 9-3 im Angebot, 0 Zulassungen im August 2014.

Ist das fair, oder tut man NEVS Unrecht? Ich selbst kann es, 1.200 Kilometer weiter südlich, nicht beurteilen. Allerdings…nicht nur in Trollhättan scheint man so zu denken. Die Abstimmung mit dem Geldbeutel läuft, das Ergebnis ist ohne Spielraum für Interpretationen. In ganz Schweden stehen sich NEVS 9-3 Limousinen die Reifen eckig, auch hohe Nachlässe verführen nicht zum Kauf. Im August wurde kein einziger NEVS Neuwagen zugelassen.

Währenddessen klettern auf den Händleraktionen die Preise für Saab 9-5 NG Leasingrückläufer. Ein Auto, das vor zwei Jahren in seiner Heimat noch schwer verkäuflich war, ist jetzt angesagt. Der letzte große Saab, gebaut von der Saab Automobile AB. Ein Stück Schweden wird neu entdeckt.

Die Chinesen sind da – ein bisschen.

Auf NEVS und eine Zukunft wettet von unseren Freunden kaum jemand. Dort soll das, was zu verkaufen ist, in Portionen veräußert werden. Hier die Plattform und die Entwicklungsgesellschaft, dort die Produktion. Wobei unter der Hand erhebliche Zweifel geäußert werden. NEVS, so sagt man, sei mit zu hohen Forderungen, weit ab von der Realität, in die Verhandlungen gegangen. Und die Geschichten von Dongfeng und Mahindra? Hoffnung, aber auch Zweifel, Unsicherheit – nicht offen, aber doch spürbar.

Dongfeng Delegation und T-Engineering im Saab Bil Museum. Bild: T-Engineering
Dongfeng Delegation und T-Engineering im Saab Bil Museum. Bild: T-Engineering

Dongfeng immerhin ist in Trollhättan vor Ort, hat sich die Teile der Saab Powertrain AB gesichert. Und hat in Schweden einen guten Ruf. Dongfeng vergibt an Universitäten Forschungsaufträge, vielleicht etabliert man in Trollhättan irgendwann ein europäisches Entwicklungszentrum.  Autos bauen will man dort nicht, das scheint sicher.

Die Sache mit der Phoenix Plattform? Ach ja, vielleicht, aber nicht um jeden Preis. Denn man hat ja die Ingenieure, die das entwickelt haben, schon unter Vertrag.

NEVS mauert – der innere Zirkel soll sich mehr denn je in den letzten Tagen abgeschottet haben. Nach außen dringt nur, dass man den Markennamen zurückholen möchte, sobald der erste Teilverkauf in drei Wochen über die Bühne ist. Mit der Saab AB wäre man bereits im Gespräch, und der Entzug der Namensrechte wäre zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt erfolgt. Die darauf folgende Unruhe in der Community und bei den Händlern hat nicht gefallen. Klar ! Aber was hat man denn erwartet?

Saab Saga Reload, oder nicht.

Ist die Saab Saga damit am Ende? In Trollhättan ist man sich nicht sicher. Die Optimisten, sie sind momentan in der Minderheit, rechnen mit einer Fortsetzung. Sie sehen einen kompletten Neuanfang, verbunden mit einem radikalen Umbruch in der Eigentümerstruktur, als wahrscheinlichste Lösung. An die Wiederaufnahme der Produktion mit dem 9-3 getraut sich niemand zu denken. Die Pessimisten sehen das Ende erreicht. Autos, gebaut in Trollhättan, wird es nicht mehr geben. Ich gebe zu, es ist schwer – nach Jahren mit fortgesetzten Rückschlägen – Optimist zu bleiben und an eine gute Zukunft zu glauben.

Vielleicht noch ein Detail am Rande. Menschen, die sehr eng mit NEVS zusammenarbeiten, sehen die Lage wesentlich entspannter als alle anderen Personen, mit denen ich in den letzten Wochen Kontakt hatte.

Made by Trollhättan

Trollhättan und seine Bewohner haben sich schon immer neu erfunden. Denn die Region ist rauh, das Leben war schon immer hart. Das macht erfinderisch. Sie haben an den Wasserfällen Schiffe hinauf in den Vänern gezogen, Eisenhämmer betrieben, Turbinen gebaut, Dampfloks, E-Loks, Flugzeuge, Flugzeugmotoren. Aus der kleinen Provinzstadt kamen Fahrzeuge, die weltweite treue Fans und einen großen Namen hatten und haben. Auch diese Geschichte war voller Brüche….und genialer Ideen. Und immer ging es weiter. Irgendwie. Fest steht, die Stadt ist mal wieder am Scheideweg angekommen.

Eine neue Regierung, unter Führung der schwedischen Sozialdemokraten, könnte die Initialzündung geben und das sein, was Trollhättan braucht. In den USA will Tesla seine Gigafactory bauen. Elektroautos und 6.500 neue Arbeitsplätze. Der Zuschlag geht an den Bundesstaat, der die meisten Fördermittel bereit stellt.

In Trollhättan steht ein modernes, flexibles Autowerk. NEVS hat dort, das wird anerkannt, gut investiert. Mit den Sozialdemokraten, so höre ich, wäre ein Förderprogramm möglich, das neue Industriearbeitsplätze nach Trollhättan bringen könnte. Gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit, gegen Leerstand, gegen Perspektivlosigkeit. Interessant für Investoren aus der ganzen Welt. Am Sonntag ist Wahl !

Text & Bilder: tom@saabblog.net

14 thoughts on “Trollhattan

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    Hoffentlich hilft die neue sozialdemokratische Regierung Saab bei der Sanierung…

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    Wer hat eigentlich Opel gerettet – war das nicht die Regierung „Merkel“?

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    …wie stand vorher in einem Beitrag,…für manche Victor einer der es versucht hat,…wie viele von uns haben etwas versucht? Ohne VM hätte ich meinen 9-5NG AERO xwd nicht in der Garage, ohne GM nicht das 9-3cab und den 9-7x ohne die italoTrolle kein aero9k alles coole Autos, und ich warte auf neuen coole Autos ! ….was ich nie verstanden habe……, warum sich ein Weltkonzern wie GM nicht eine Entwicklungsabteilung von 3.500 Mitarbeitern leisten will????? ….und die auch einfach sicherer, schnellen, und comode Autos gebaut haben??????…..naja, abwarten….aber was macht GM ohne Ingenieure…????

    Egal, SAAB ist was in der Garage steht!

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    Wow, was für ein toller Artikel, Danke Tom, all das macht doch sehr nachdenklich……………….

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    Öffz, der Verkauf der Entwicklungsabteilung ist fast durch? Was soll der Mist? Will man dann die Entwicklungsleistung dazukaufen? Mit was für Geld? Das man gerade für den Verkauf bekommen hat? Das ist kein Automobilbau mehr, sondern Finanzschieberei.

    Hier versuchen Leute, die sich finanziell vertan haben, ihr Schäflein ist Trockene zu bringen. Insolvenzverschleppung?

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      50% sollen verkauft werden, glaube ich…

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        Genau. So wurde es verkündet. Mal sehen was passiert.

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    Halb ernsthafte Ergänzung zum schönen kleinen Politik-Exkurs: Historiker werden sich später streiten, was für Europa schlimmer war: die Pest oder der Neoliberalismus.
    Wenn es Saab dann noch gibt dann nur weil doch die Sozialdemokraten gewonnen haben…

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    Das Vetrauen in NEVS ist spätestnes nach der Insolvenzgeschichte ganz unten angekommen. Vertrauen kann man nur mit einem neuen Aktionär fassen der aus der Autoindustrie kommt.

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    Sehr guter Überblick, vielen Dank!

    Unglaublich, dass es 2011/2012 einen Interessanten gab, der 2.500 Arbeitsplätze garantierte und es offensichtlich an den Ferien und Arbeitszeiten scheiterte.

    Nicht zu fassen. Ich habe keine große Hoffnung, dass es nochmal Saabs geben wird. Mit NEVS definitiv nicht, mit einem anderen Eigentümer … unwahrscheinlich.

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      Der Personalstand richtet sich bei allen großen Unternehmen (außer bei staatlichen schlecht geführten Einrichtungen) nach dem Bedarf –
      derartiges kann man nicht vorher garantieren. Dies sieht mehr nach einem unseriösen Interessenten aus.

      Wenn es mit den über 100 Millionen € für Anteile an der Entwicklungsgesellschaft klappt, ist doch der erste Schritt in der Rekonstruktion schon getan – dann dürfte auch Vertrag 2 nicht mehr lange auf sich warten lassen. Nach den bisherigen Informationenn bin ich ganz zuversichtlich, dass auch dies klappen wird – M&M zieht die Sache durch.

      Große Eile ist hier eigentlich nicht geboten, weil neue Modelle ohnehin noch nicht verkaufsfertig sind – bis der erste E-SAAB in den Preislisten steht, werden noch Monate vergehen.

      Also, mit Geduld in die nächste Runde!

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    NEVS 9-3 im Angebot, 0 Zulassungen im August 2014.

    Mit diesem Blog-Eintrag geht es in die richtige Richtung. Auch ich bin entschlossen genug mir in Zukunft kein Produkt von NEVS zu kaufen. Den Schaden am Markennamen „Saab“ sehe ich da eher unbedenklich. NEVS Investitionen im Werk hin oder her, man kann sich mit diesem Unternehmen aber in keinster Weise identifizieren. „Meinen Saab“ sollen die auch nicht mehr bauen…

    Vielleicht der „schlechteste“ Eigentümer seit der Talfahrt. Mittlerweile sehen es wohl zu viele so wie ich („NEVS raus!“). Deshalb stehen sich auch die NEVS Saabs bei den Händlern platt. Vollstes Verständnis habe ich dafür!
    So wie angesprochen, dann lieber einen 9-5 NG mit dem man sich noch identifizieren kann.

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    Der neue Mehrheitsaktionär sollte endlich aus der Deckung kommen – dies müßte doch nach monatelangen Verhandlungen eigentlich auch mal möglich sein.

    Immerhin steht für den anteilmäßigen PHOENIX-Verkauf der Verhandlungsabschluss für in nunmehr 3 Wochen jetzt fest – Glückwunsch an NEVS aus Norddeutschland!

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