30 Jahre später – SAAB Spirit reloaded.

Leserbeitrag von Dominik Merkle

Mitte der 80er Jahre stand ich zum ersten Mal hier, den 96 hatte ich ein knappes Jahr vorher gekauft. Ausreichend Zeit also um aus jemandem dem das Auto gefiel einen Saabfanatiker werden zu lassen, nicht nur in den Augen meiner Mitmenschen. Nach Trollhättan war ich gefahren um die Fabrik zu besichtigen und die Saabstadt kennen zu lernen.

Schwedische Wirtschaftsministerin und NEVS-Saab 9-3
Schwedische Wirtschaftsministerin und NEVS-Saab 9-3

Im Sommer würden Vorbereitungen für das neue Modelljahr vorgenommen, so dass Besuche der Fabrik nicht möglich seien beschied die freundliche Dame am Empfang. Sie griff aber zum Telefon und kurz darauf erschien ein noch freundlicherer Mittfünfziger der zuerst mein Auto sehen wollte, sich dann länger mit mir unterhielt und mir am Schluss eine Tüte voller Merchandise Artikel auf den Rücksitz legte. Dann erklärte er mir den Weg zu einer Tankstelle in der Nähe, an der ich schon erwartet werden würde.

Später erfuhr ich, dass er der Chef der Produktion war. Etwas verwundert suchte und fand ich besagte Tankstelle, an der tatsächlich jemand auf den Jungen aus Deutschland wartete. In einer Art Tiefgarage war das untergebracht, was einige Jahre später zum Saabmuseum werden sollte. Ich durfte mir alles ansehen, durfte in die Autos rein, bekam alte Prospekte und Handbücher geschenkt und meine Begeisterung für die Marke und den familiären Umgang mit ihren Fahrern wuchs beinahe ins Unendliche. Ich lernte in den Jahren viele Menschen kennen, die ähnlicher Erfahrungen gemacht hatten und zum Teil sicher noch enthusiastischer waren als ich selbst.

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Ende der Neunziger Jahre änderte sich das aber mehr und mehr, und mir wurde klar, dass Trollhättan eines von vielen Werken eines grossen Konzernes geworden war und die Leute bei Saab nicht mehr so konnten wie sie wollten oder vielleicht wollten sie auch nicht mehr und es schien ihnen nicht einmal etwas auszumachen. Auf den Bändern im Werk standen nun auch Cadillacs und die Aussichten waren düster.

Pure - Joy = Saab is back!
Pure – Joy = Saab is back!

30 Jahre nach meiner ersten Fahrt stehe ich wieder am Werkstor, viel verändert hat sich eigentlich nicht, ausser dass der Parkplatz fast leer ist. Was im Werk wirklich passiert, weiss wohl niemand so genau, wenigstens bis zu diesem Tag nicht. Ich habe eine Einladung zum Start der Produktion in der Tasche, werde am Eingang per Handschlag begrüsst und freundlich vorbei an einem roten 16S der im Foyer ausgestellt ist in einen Sitzungssaal geleitet. Die Stimmung dort ist sehr gelöst und unaufgeregt obwohl eine gewisse Spannung in der Luft liegt.

Und plötzlich ist es wieder da: Das schwer in Worte zu fassende Etwas, was viele den Saab-Geist nennen, eine Mischung aus Innovation, durchdachten Lösungen, Gewitztheit und Bescheidenheit und den Mut, auch unkonventionelle Wege zu gehen. Dieses Mal allerdings mit einem nicht zu übersehenden Fokus auf wirtschaftlicher Machbarkeit. Der aus China stammende Eigner hat, so glaube ich, diesen Geist eingeatmet und vor allem verstanden. Er ist der Einzige, der seine Ansprache auf schwedisch hält, er verspricht keine Wunder sondern bedachte Schritte. Vom benzingetriebenen 9-3 der gleich vom Band rollen wird, über Kombi und Cabrio zum Elektroauto, das in einem überschaubaren Zeitraum. Auch die Phoenix Plattform soll Verwendung finden, und man will nur Autos bauen für die es Bestellungen gibt.

Zum Produktionsstart: Gruppenfoto mit Management und Prominenz
Zum Produktionsstart: Gruppenfoto mit Management und Prominenz

Der Vorhang geht auf und gibt den Blick auf die Endmontage des Werks frei. Während die schwedische Wirtschaftsministerin ihre Ansprache hält rollt der schwarze 9-3 langsam auf dem Band heran. Ein blau gelbes Band wird durchschnitten und die Wiederaufnahme der PKW Produktion in Trollhättan ist Fakt. Der Produktionsleiter fährt das Auto ziemlich unspektakulär vom Band und stellt es mit leicht eingeschlagenen Vorderrädern vor den Journalisten ab. Unspektakulär. Ohne Sektkorken, ohne Feuerwerk. Leicht schüchterne Manager geben Interviews, kühl und sachlich, es sind keine PR Profis da um das Ereignis in Szene zu setzen.

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Etwas im Hintergrund stehen die Arbeiter, die das Auto gebaut haben, doch sie sind ein Teil des Ganzen und der Stolz auf ihr neues altes Produkt ist ihnen anzumerken. Erst recht als viele von ihnen beginnen Bilder des Autos mit mehr oder weniger wichtiger Prominenz zu machen. Die ganze Veranstaltung ist weit weg von dem, was GM veranstaltete und hat auch nichts von den hochtrabenden Zukunftsvisionen des GM Nachfolgers. Es ist fast wie Trollhättan in den 80er Jahren, nur sieht das Auto anders aus.

Wird es wieder wie es früher war? Nein, mit Sicherheit nicht, das würde der Markt auch nicht erlauben. Ich glaube auch nicht, dass unsere Marke in Europa jemals wieder den Stellenwert erreicht, die sie einmal hatte. Aber meine Eindrücke ähneln sehr denen meiner drei Mitreisenden. Wir haben auf der Rückfahrt nach Deutschland natürlich nur ein Thema gehabt: Neben der Begeisterung, dass wir dabei sein durften waren wir einer Meinung, dass sich etwas in eine sehr positive Richtung bewegt. NEVS weiss, was sie tun und es ist realistisch.

Text: Dominik Merkle

Bilder: saabblog.net

6 Gedanken zu „30 Jahre später – SAAB Spirit reloaded.

  • Wirklich nett zu lesen am Morgen in eine neue Woche … besonders mochte ich den Schluss, realistisch und trotzdem ohne Frust.
    Auch wenn ich denke, dass Saab Schweden nicht ueberleben kann wenn die Marke nicht bedeutender wird als in der Verganagenheit. Man wird sicher nicht in Schweden auf Dauer mit hohen Zoellen fuer den chinesischen Markt produzieren.
    Doch jetzt werde ich so sachlich und der Arktikel war so schoen emotional, bei mir war es ein Saab 99 Turbo in einem gruenlichen weiss, den ich mit 19 Jahren gegen eine hochwertige Stereoanlage getauscht habe. Ich weiss noch wie begeistert ich war von leichtfuessigen hochdrehen und der ungewoehnlich vorklappenden Motorhaube … schon immer individuell gesinnt war es damit um mich geschehen und es folgen viele weitere Saab …

  • Kleine Schritte in eine positive Richtung….Was wollen wir mehr, nach x-Monaten Stillstand!!! Seien wir dem NEVS-Eigner gut gesonnen!
    Eine erfreuliche letzte Vorweihnachtswoche in 2013!

  • Lieber Dominik!
    WOW!! Klasse hast du dieses für uns SAAB Fans und „Retter“,) erwürdige Ereignis in Worte gefasst. Zu gerne wäre ich selber – live und in Farbe dabei gewesen – aber deine wunderbaren Zeilen – lassen mich die dort freigesetzte Stimmung, die Begeisterung und Emotionen spüren – DANKE!!
    Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen mit noch ausführlicherem Bericht!!

  • Toller Beitrag von der Fan-Base! Gut zu lesen, gut zu wissen – SAAB kommt zurück 🙂

  • Dem Artikel von Dominik kann ich voll und ganz zustimmen. Mir ging es damals sehr ähnlich mit den Erlebnissen im Jahr 1984, als ich die Vorstufe des heutigen Museums im Keller besuchen durfte. Damals begrüßte uns Albert Trommer, der damalige Leiter des Museums, der leider viel zu früh zwei Jahre später verstarb.
    Er ließ es sich nicht nehmen, einen Prototypen des 9000 herbei zu holen, drei Monate vor der offiziellen Präsentation!

    Aber der Saab-Bazillus begann schon wesentlich früher: 1969 die erste Anzeige über den Saab 99 in einer Autozeitung, 1970 der Erstkontakt in F-Niedereschbach bei Saab Deutschland, wo man mir Dutzende an Prospekten übergab („für alle Onkel und Tanten“) und damit bei mir eine Saab-Prospektsammelleidenschaft entfacht wurde. Keinerlei Hochnäsigkeit gegenüber einem damals 14jährigen zu spüren, einfach nur Unkompliziertheit und Nettigkeit.

    Unvergesslich auch der erste ausführliche Test 1971 in der ams über den 99 E, wo sogar die unmittelbar vorher stattgefundene Tanzkursstunde uninteressant war, da danach die ams am Bahnhofskiosk auf mich wartete.
    1973 dann der Vergleichstest in der auto zeitung, in der der 99 E ganz knapp hinter dem 5er BMW als zweiter abschloss – und dies in einer deutschen Zeitung. Weit dahinter Mercedes 200, Volvo 144, Citroen DS und Lancia Beta.

    Irgendwie sind heute Parallelen zu damals erkennbar, auch wenn die Zeiten nicht mehr vergleichbar sind. Demnächst werden die lieben deutschen, aber auch französischen Autozeitungen auf dem Oldie 9-3 herum hacken, ohne dabei zu wertschätzen, dass dieser noch einen soliden Nockenwellen-Kettenantrieb und eine vernünftige, manuelle Handbremse besitzt – und nicht diese ständig zu wechselnden Zahnriemen oder Billig-Kettenfehlkonstruktionen der ach so geliebten VW-, Audi-, Skoda- und Seat Familie, von der anfäligen, elektrisch
    wirkenden Handbremse ganz zu schweigen.

    Also die künftigen „Tests“, bei denen der 9-3 von diesen „Experten“ negativ beurteilt werden wird, mit einem Lächeln zur Kenntnis nehmen, oder überhaupt nicht erst lesen…

    • @ Uli:
      Das hast Du schön in Worte gefasst! Die Expertenpresse durften wir ja schon Anfang Dezember genießen.

      Da kann man nur im privaten Bereich mit Tatsachen gegensteuern. Ich habe im Laufe der letzten Jahre ein paar Kollegen zu unserer Marke gebracht, indem ich sie einfach zu Dienstreisen in meinem alten aber topfitten 9000 oder sogar im 900 Cabrio mitgenommen habe. Inzwischen ist die SAAB-Gruppe auf unserem Parkplatz nicht zu übersehen. Wir werden manchmal belächelt, aber irgendwie haben die anderen auch Respekt.

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