SAAB Presse. NEVS und der verarmte Adel.

Letzte Woche machte sich Jonas Fröberg in seiner Kolumne beim Svenska Dagbladet mal wieder Gedanken über die Saab Zukunft. Er ist Saab Fan, hat aber durchaus einen realistischen Blick nach Trollhättan. Die Botschaft vom 18. September, der Tag an dem NEVS das erste Auto produzierte, versteht er recht klar. Saab ist wieder unterwegs.

Saab 9-3 im Griffin Trim auf dem Werksgelaende
Saab 9-3 im Griffin Trim auf dem Werksgelaende

Die Lage ist ambitioniert. Saab 2.0 plant ein Werk in China, finanziert durch ein Joint Venture, das zu 50 % NEVS und zu 50 % der Millionenstadt Qingdao gehört. Und Saab plant das Comeback des 9-3 mit konventionellem Antrieb, den Bau eines Elektroautos und die Konstruktion des 9-3 Nachfolgers auf der Phoenix Plattform. Das alles, so stellt Fröberg fest, erfordert Einiges an Investitionen.

Und dann ist da die Sache mit dem CEO, der seit langer Zeit gesucht, aber nicht gefunden wird. Jetzt ist Mathias Bergman kommissarischer CEO –  ein Mann, der eigentlich PR-Berater ist. Fröberg stellt in seinem Artikel dann ein paar einfache Fragen und kommt zu einer verblüffend einfachen Antwort.

Aber erst die Fragen. Wie will NEVS ein (hoffnungslos) veraltetes Auto verkaufen? Wie will man auf einen positiven Cashflow kommen? Die Antwort, im besten Fall: Chinesisches Geld.

Oder, ganz plakativ ausgedrückt: Geld heiratet verarmten Adel. Vermutlich liegt Fröberg richtig und ich stimme ihm zu. Bis auf die Sache mit dem veralteten Auto. Das sehe ich nicht so. Realistisch betrachtet ist Saab für die Chinesen ein Langzeit-Investment. Dass man bei NEVS in den nächsten Jahren intern nicht mit einem positiven Cashflow rechnet, sickerte in der Vergangenheit schon durch. Was für den Realitätssinn der Investoren spricht.

Saab ist kein Einzelfall, alles spricht für ein staatlich gesteuertes Ausschwärmen in Richtung Autoindustrie. Die Veränderung der automobilen Landschaft in Europa spricht Klartext. Volvo Eigentümer Li Shufu bezahlte sein Göteborger Investment mit Geld von staatlichen Banken. Dong Feng – das Unternehmen lässt in Trollhättan entwickeln und will beim PSA Konzern einsteigen –  ist halbstaatlich. BAIC, der Konzern erwarb Saab Lizenzen 2009 und wollte von Victor Muller im folgenden Jahr die komplette Marke übernehmen, ist im Staatsbesitz. Auch bei NEVS wird das Geld nicht nur von Kai Johan Jiang kommen. Ohne Staatsgelder, die auf welche Art und Weise auch immer fließen, wäre der Aufbau der Marke auch für ihn nicht zu finanzieren.

Saab ist verarmter Adel. Eine Traditionsmarke, die mit viel Stolz in Richtung Untergang geschliddert ist. Geld trifft auf großen Namen, daraus könnte eine Erfolgsgeschichte werden. Hat das NEVS Investment das Wohlwollen der Politik, und davon kann man ausgehen, ist in Zukunft Vieles möglich. Die Neuauflage des Saab 9-3 ist dann nur eine Fingerübung, um den Lebenskreislauf der Marke wieder in Schwung zu bekommen. Neuwagen für die Händler, Vorführwagen, Leasing, Gebraucht- und Jahreswagen. Ein funktionierender Lieferantenstamm, eine atmende Fabrik. Das Fundament, um eine Erfolgsgeschichte zu schreiben.

Vermutlich werden wir in diesem Jahr die neue Version des 9-3 sehen können. Optisch und technisch überarbeitet. In der deutschen Presse wird man dann wieder von einem alten Auto schreiben, und ein gewisser Professor wird Saab keinerlei Zukunftschancen bescheinigen. Dass dahinter ein langfristiger Plan steht und dass man in Trollhättan weiter voraus denken könnte, das wird nicht in Erwägung gezogen. Die eigentliche Bewährungsprobe für NEVS steht dann aber immer noch aus.

Denn erst die nachfolgenden Modelle auf der Phoenix Plattform werden zeigen, ob NEVS Autos bauen kann, die den Namen Saab mit Recht tragen. Schwedische Ingenieurskunst trifft auf chinesisches Geld. So etwas könnte funktionieren. Qoros macht gerade vor, wie europäisches Wissen mit chinesischer Produktion und Geld ein beachtliches Erstlingswerk auf den Markt wirft. Aber NEVS hat einen gewaltigen Vorteil. Qoros ist der Neubeginn mit einem weißen Blatt Papier. Saab ist automobile Geschichte, reich an Legenden. Der Name Saab klingt besser als jeder Kunstname eines Newcomers. Zumindest in diesem Bereich schlägt alter Adel bereits heute den Neuling. Die Zeiten werden wieder spannender !

Text: tom@saabblog.net

Bild: saabblog.net

7 Gedanken zu „SAAB Presse. NEVS und der verarmte Adel.

  • Super Beitrag-vielen Dank!. Das der Saab 9-3 ein veraltetes Auto ist kann ich so nicht “unterschreiben”. Der Saab 9-3 TID meiner Frau ist sehr zuverlässig und steht in technischen DIngen meinem V70 in nichts nach.
    Sicher felheln einige technische Gimicks gegenüber den Mitbewerbern, aber diese können dann halt auch nicht kaputt gehen…
    Wäre nur schön eine größere AUswahl an Modellen zu bekommen, da der 9-3 für meine Bedürfnisse doch n bissl zu klein ist.

  • Toller Artikel zum Start in den Montag! Die Perspektive stimmt und es bleibt spannend. Interessant dass immer mehr SAAB Fahrer auch einen Göteborger in der Garage haben. 😉

  • Aber die Frage ist , ob in dem Werk in China nicht komplett alle Fahrzeuge gebaut werden und in Schweden nur
    Entwicklung ist , denn bis jetzt habe ich den Eindruck dass NEVS kein Interesse am Europäischen Automarkt hat
    Ich würde mich freuen ,wenn mich mein Eindruck täuscht , aber NEVS unternimmt doch nichts um den Namen
    SAAB positiv in Europa zu erleben

  • Das wäre in der Tat ziemlich traurig wenn NEVS ich nur auf China konzentrieren würde. Das wäre verschenktes Potenzial !!

  • Bisher machte doch immer die Runde, dass NEVS nur mit der Verpflichtung auch in Schweden Fahrzeuge zu produzieren, die Fortführung des Markennamens SAAB gestattet wurde.

    Von dieser Verpflichtung gehe ich nach wie vor aus und sehe somit keine Gefahr, dass lediglich in China produziert wird – denn wie Tom richtig erläutert hat, sind die positiven Perspektiven immer auch mit einem bekannten Markennamen verknüpft, der natürlich auch für gute Qualität steht. Qoros beispielsweise wird viele Jahre benötigen, um auch nur annähernd an solche Gegebenheiten heranzukommen – selbst LEXUS ist bei vielen Autofahrern heute noch eine Marke, die man nicht so richtig einordnen kann.

  • Toller Artikel!!!

    Ich sehe den 9- 3 nicht als altes Auto an. Der macht manchen Neuen noch etwas vor .

    Der besagte Prof. wir sicher von der deutschen Auto – Lobby gesponsert.

    Hoffen wir das Beste für SAAB.

    Ulrich

  • Toller Beitrag, sachlich präzise Analyse der aktuellen Situation. Ganz meine Meinung.

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