SAAB Interview: Gespräch mit Jan-Philipp Schuhmacher

Er kam zu Saab, als die größte Krise in der Geschichte der schwedischen Traditionsmarke begann. Er durchlebte die schwarzen Tage im Dezember 2011, und er leitete nach der Stunde Null den erfolgreichen Wiederaufbau des Ersatzteilgeschäfts in Deutschland und seit  Mitte letzten Jahres auch in Österreich.

Ich treffe Jan-Philipp Schuhmacher, Geschäftsführer der Swedish Distribution Services Deutschland GmbH, wie die deutsche Tochter der Saab Parts AB genannt wird, in einem Bürotower in Eschborn. Dort hat die Gesellschaft zwei kleine aber zweckmäßige Büros angemietet.

Jan-Philipp Schuhmacher im Kundengespraech. Autohaus Etehad, Halstenbek
Jan-Philipp Schuhmacher im Kundengespraech. Autohaus Etehad, Halstenbek

Die deutsche Niederlassung ist eine der Erfolgreichsten im weltweiten Netz. Sein Büro, ganz oben im Tower, hat einen fantastischen Blick auf den Taunus, was man auch als ein Symbol sehen könnte. Von den alten Büroräumen in Fechenheim  zurück in die Taunus-Nähe, wo Saab in den besten Zeiten schon einmal zu Hause war.

Tom: Herr Schuhmacher, Sie sind gerade zurück aus Trollhättan. Danke, dass Sie sich trotzdem Zeit für Saabblog.net genommen haben !  Lassen Sie uns doch über Autos sprechen !  Was sagen Sie einem Interessenten, der sich für einen Saab aus Vorbesitz interessiert. Warum sollte er sich einen Saab kaufen?

Jan-Philipp Schuhmacher: Grundsätzlich freue ich mich über jeden Interessenten, der sich von der Faszination unserer Marke angezogen fühlt und den Kauf eines jungen, gebrauchten Saab oder auch eines Modells älteren Semesters erwägt. Die Marke Saab stand und steht immer für individuelle Fahrzeugkonzepte, mit den typischen skandinavischen Attributen wie Design, Sicherheit, besondere technische Finessen und Langlebigkeit.

Viele unserer Kunden sind im Besitz von Fahrzeugen, die 10 Jahre und älter sind und die eine hohe sechstellige Zahl auf dem Kilometeranzeiger aufweisen. Für die allermeisten dieser Kunden kommt ein Verkauf des Fahrzeugs überhaupt nicht in Frage – bei eventuell anstehendem Ersatzbedarf (natürlich nur durch einen Saab) wird er in der Familie, z.B. an die Kinder weitergegeben, also quasi vererbt. Darüber hinaus ist Saab noch viel mehr als nur ein Auto. Ich kenne keine einzige Automarke, die über eine solch loyale und begeisterte Kundschaft und Händlerschaft verfügt.

Nicht umsonst sehen sich Saab Fahrer als Teil einer Fangemeinde oder Familie mit vielen gemeinsamen Freizeitaktivitäten wie Clubs, Blogs, Veranstaltungen rund um unsere Herzensmarke. Von daher kann ich nur jeden Interessenten einladen, Teil dieser Gemeinschaft zu werden und den Saab Spirit selbst zu er“fahren“.

Tom: Im Herbst bekamen Saab Kunden erstmals seit langer Zeit wieder Post von Ihren Händlern. Dazu überraschten Sie die Fans mit Aufklebern,  die sehr schnell Kult-Status erlangt haben. Wie geht es im neuen Jahr weiter? Gibt es neue Überraschungen mit Saab-Spirit?

Jan-Philipp Schuhmacher: Es war uns ganz wichtig, schnellstmöglich unseren Kunden mitzuteilen, dass wir noch da sind und uns um ihren Saab kümmern – gerne hätte ich schon viel früher eine so breit aufgestellte Kampagne gefahren.
Eine unserer Prioritäten für dieses Jahr liegt darin, die Kundenkommunikation auf unterschiedlichste Art und Weise weiter zu verstärken. Die Kampagne „Goldene Herbstwochen 2012“ war nur der Anfang, und die gemeinsame Ansprache der Kunden durch uns zusammen mit unseren Servicepartnern ist ein gutes Beispiel für den Zusammenhalt der Saab Gemeinschaft auch in schwierigsten Zeiten.

Mittlerweile ist auch unsere internationale Facebook-Seite mit vielen interessanten Informationen wieder aktiv. Für Deutschland und Österreich haben wir auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Aktionen geplant und lassen uns immer wieder neue Saab-typische Besonderheiten einfallen. Seien Sie gespannt !

Jan-Philipp Schuhmacher unterwegs in Småland
Jan-Philipp Schuhmacher unterwegs in Småland

Tom: Die Ersatzteilversorgung ist im letzten Jahr kontinuierlich besser geworden und heute auf einem erfreulich hohen Niveau. Warum sollte der Saab Kunde Original – Ersatzteile kaufen und nicht auf günstigere Alternativen ausweichen?

Jan-Philipp Schuhmacher: In der Tat sind wir sehr erfreut darüber, dass sich die Verfügbarkeitssituation insbesondere im zweiten Halbjahr spürbar verbessert hat und mittlerweile auf einem Niveau angekommen ist, welches dem Branchendurchschnitt entspricht. Da wir jedoch noch besser werden wollen, hat unsere Zentrale in Schweden eine spezielle „Taskforce“ eingerichtet,  um dieses Thema noch weiter zu verbessern, da jedes einzelne nicht lieferbare Teil zu verständlicher Frustration bei unseren Kunden und Servicepartnern führt.

Für die Verwendung von Saab Original Ersatzteilen sprechen ein Reihe von Gründen. Saab Original Ersatzteile wurden speziell für Saab Fahrzeuge entwickelt und getestet, um eine möglichst lange Lebensdauer des Fahrzeugs und die damit verbundene Fahrfreude sicherzustellen. Natürlich gibt es zahlreiche, augenscheinlich günstigere Alternativen auf dem After Sales Markt, jedoch kann man sich hierbei der Herkunft und der Qualität nie wirklich sicher sein. Um unseren Qualitätsstandard auch weiterhin zu halten, können wir natürlich nicht mit den teilweise sehr aggressiven Preisen für Gleichteile mit sehr unterschiedlicher Qualität mithalten.

Unsere Wettbewerbsposition im Markt beobachten wir jedoch sehr genau und bieten, insbesondere auch durch attraktive, saisonal abgestimmte Sonderaktionen, unsere Ersatzteile zu angemessenen Preisen an. Und dies mit dem Saab Qualitätsversprechen – denn wir bieten für den Fall, dass einmal ein Teil – aus welchen Gründen auch immer –  fehlerhaft sein sollte, eine zweijährige Teilegarantie inklusive der für den Austausch notwendigen Arbeitszeit.

Zuguterletzt sage ich immer wieder, dass ein Saab nur mit Original Ersatzteilen auch ein Saab bleibt – hier stimmen mir Kunden und unsere Saab Service Partner immer wieder zu.

Tom: Fans der Marke holen immer wieder Fahrzeuge nach Deutschland. Dann fehlen, naturgemäß, Handbücher und Serviceunterlagen in deutscher Sprache. Können Sie helfen?

Jan-Philipp Schuhmacher: Auch hierfür haben wir eine Lösung anzubieten. Seit Anfang des Jahres sind unsere autorisierten Saab Servicepartner in der Lage, eventuell fehlende Bordliteratur für alle Fahrzeuge in deutscher Sprache zu beschaffen.

Tom: Eine offene Baustelle, so empfinden es die Fahrer klassischer Saabs wie dem 900, ist die fehlende Fürsorge für die Klassiker – Abteilung. Andere Hersteller haben die Klassiker als lohnende Zielgruppe erkannt. In Nyköping scheint dies nicht so zu sein. Ändert sich hier etwas?

Jan-Philipp Schuhmacher: Dies ist ein bekanntes Thema, welches wir in der Vergangenheit immer wieder in der Zentrale plaziert haben. Im Rahmen eines Sonderprojektes wird mit Hochdruck an diesem Thema in Schweden gearbeitet, und ich bin mir sicher, dass wir noch in diesem Jahr auch hierzu eine Lösung parat haben.

Tom: Den  Saab Partnern wurde in den letzten Jahren vieles abverlangt. Trotzdem sind die Service Partner überraschend loyal und viele Betriebe sind dabei geblieben. Was tut die Niederlassung der Saab Parts,  um die Betriebe zu unterstützen?

Jan-Philipp Schuhmacher gemeinsam mit Tobias Kaboth im Mobilforum Dresden
Jan-Philipp Schuhmacher gemeinsam mit Tobias Kaboth und Michael Hesse im Mobilforum Dresden

Jan-Philipp Schuhmacher: Wie eingangs erwähnt, kenne ich keine Automarke, die sich einer solchen Loyalität erfreut, und hierfür sind wir unseren Service Partnern und Kunden sehr dankbar, und es macht mich stolz für eine solch besondere Marke arbeiten zu dürfen. Insbesondere im Nachgang des schwarzen Tages im Dezember 2011 haben wir vielfältige Massnahmen ergriffen, um unsere Servicepartner zu unterstützen – in finanzieller Hinsicht, aber auch durch Kommunikationsmassnahmen und eine Reihe weiterer Unterstützungsfunktionen, die wir im Rahmen des „Wiederaufbaus“ neu geschaffen haben.

Auch für dieses Jahr haben wir ein sehr attraktives Paket mit Unterstützungsmassnahmen für unsere Partner zusammengestellt. So haben wir uns beispielsweise auch personell verstärkt, um den Servicelevel gegenüber unseren Servicepartnern zu verbessern.

Tom: Bei allem Erfolg haben wir doch Lücken im Servicenetz. In Süddeutschland besteht ein Vakuum, der Großraum Hannover ist, so höre ich es aus der Community, auch ein Notstandsgebiet. Saab Fans fahren oft weite Strecken bis zur nächsten Werkstatt. Gibt es hier eine Perspektive, dass sich diese Situation ändert?

Jan-Philipp Schuhmacher: Grundsätzlich bin ich zunächst froh, dass es uns gelungen ist, das Netz der Saab Service Partner zu 95% gegenüber der Zeit vor der Insolvenz zu erhalten. In Hannover sind wir mit einem Stützpunkt vertreten, und auch in Süddeutschland sind wir bis auf kleinere Ausnahmen akzeptabel aufgestellt. Dort, wo wir sogenannte Open Points verzeichnen, sind wir bemüht, eine schnelle Alternative zu finden.

Gerade in der letzten Zeit erreichen uns verstärkt Bewerbungen von teilweise hochspezialisierten Betrieben, die eine direkte Geschäftsbeziehung mit uns anstreben. Auch arbeiten wir derzeit im Rahmen eines europäischen Projektes, in dem Deutschland als Pilotmarkt ausgewählt wurde, an Möglichkeiten, auch kleinere Standorte in unsere Vertriebsstruktur mit einzubinden und somit unser Servicenetz von derzeit 110 Standorten in Deutschland noch weiter zu verstärken.

Tom: Die Saab Parts AB ist erfolgreich in die Rolle des Herstellers geschlüpft. Auf Saab.de gibt es eine Gebrauchtwagenbörse, die im Januar erfolgreich gestartet ist. Fehlen nur noch Neuwagen, und man hat den Eindruck, dass der Internetauftritt nur darauf wartet. Seit der Saab Händlertour 2011 weiß ich, dass Sie Benzin im Blut haben. Sehe ich irgendwo gut gemachte Autowerbung, durchzuckt es mich, und ich denke „das hätte auch Saab machen können“ ! Was fühlt ein Auto-Mann wie Sie, wenn er Werbespots anderer Hersteller sieht?

Jan-Philipp Schuhmacher: Natürlich erfüllt es mich ein wenig mit Wehmut, dass im Grunde, seit ich bei Saab angefangen habe, keine Fahrzeuge mehr gebaut werden. Die fertige Produktpalette, deren lange erwartete Vervollständigung bzw. Erweiterung  mit dem 9-5 SportCombi und 9-4X kurz bevor stand und von deren Qualität wir uns während der – extrem erfolgreichen – Saab Händlertour selbst überzeugen durften, hatte nach meiner Einschätzung und dem Feedback unserer Händler und Kunden ein enormes Potenzial, die Marke Saab auch in Deutschland wieder nach vorne zu bringen.

Wir hatten einen klar definierten Plan an notwendigen Massnahmen, um die Strukturen zu schaffen, welche die Marke Saab in Deutschland wieder zu altem Glanz verhelfen sollten. Auf der anderen Seite wurden unter der Spyker Ära viel zu viele althergebrachten Strukturen von GM übernommen, welche nicht wirklich zu einem kleinen Nischenhersteller gepasst haben. Somit besteht, so schmerzlich die Insolvenz für alle Beteiligten war, aber auch eine große Chance aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und aus dieser Situation etwas neues entstehen zu lassen – ich bezeichne dies intern immer als „The Saab way of doing things“.

Tom: In Trollhättan stehen die Zeichen, ganz vorsichtig formuliert, auf Aufbruch. Die neuen Eigentümer prüfen den Bau des Saab 9-3, und die Anzeichen verdichten sich, dass ab Herbst 2013 die Produktion laufen könnte. Nehmen wir mal an, sie kommt wie angekündigt. Wäre Swedish Distribution Services und das Netz der Saab Service Partner bereit, in Deutschland Neuwagen zu verkaufen?

Jan-Philipp Schuhmacher: Wir haben uns zunächst so aufgestellt, dass wir das Saab After Sales Geschäft professionell abbilden können. Hier sind wir schon weit fortgeschritten, und ich wage zu behaupten, dass wir in Deutschland und Österreich schon lange keine so professionelle After Sales Struktur mehr hatten. Unser Geschäftsmodell ist nachhaltig auf die Zukunft ausgerichtet und sehr stabil.

Im Rahmen dieser Struktur verfügen wir über ein professionelles Händlernetz und eine Deutschland/ Österreichorganisation, an die sich leicht auch wieder der Fahrzeugvertrieb „andocken“ liesse. Schliesslich haben wir und unsere Partner in der Vergangeheit ja auch Fahrzeuge vermarktet – einige Partner tun dies bis heute sehr erfolgreich z.B. mit der Vermarktung von Saab Gebrauchtwagen. Die diesbezügliche Kompetenz ist somit sichergestellt.

Tom: Sie sind schon als Kind mit Saab Leidenschaft infiziert worden. Ihre Eltern fuhren eine Zeit lang Saab. Was fasziniert Sie an der schwedischen Kultmarke?

Jan-Philipp Schuhmacher: Wie schon erwähnt kenne ich keine Marke mit einer aktiveren und begeisterten Fangemeinde. Die Fahrzeuge faszinierten mich schon seit frühester Kindheit, und die Marke hat mich bereits mein ganzes Leben lang begleitet – natürlich auch aus meinem Interesse für Motorsport. Es begeistert mich nun ein Teil davon sein zu dürfen und die Weichen für die Zukunft mit stellen zu können. Hierbei hilft mir der direkte persönliche Kontakt mit vielen Endkunden und natürlich unseren Partnern. In einem großen Konzern wäre dies in der Form überhaupt nicht darstellbar.

Tom: Ihr Lieblings-Saab, Herr Schuhmacher?

Jan-Philipp Schuhmacher: Sich auf ein Modell festzulegen ist sehr schwierig, daher beantworte ich Ihnen die Frage unterschieden nach einem klassischen und einem aktuellen Modell:
Klassisch: Saab Sonett V4
Aktuell: Turbo X

Tom: Nehmen wir an, Sie haben einen Saab-spezifischen Wunsch frei. Was wünschen Sie sich und der Saab-Community für 2013?

Jan-Philipp Schuhmacher: Die Antwort liegt doch auf der Hand

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: tom@saabblog.net

5 Gedanken zu „SAAB Interview: Gespräch mit Jan-Philipp Schuhmacher

  • Hoffentlich werden in absehbarer Zeit auch wichtige Ersatzteile, wie z.B. die Valeo Xenon-Scheinwerfer des 9-5I (MJ02-05) neu produziert. Ein Downgrade im Schadensfall auf H7 oder der Einbau von Gebrauchtteilen kann doch keine Lösung sein. Bitte mal Druck in Schweden machen, wenn Valeo nicht interessiert ist, müsste es doch Alternativen geben.

  • Das Interview spricht sehr für SAAB und Herrn Schuhmacher. Früher waren die Verantwortlichen ja schlicht unsichtbar und ich finde es dreht sich alles zum guten. Ja, ja, fehlen nur noch die Neuwagen, aber das packt SAAB auch noch 😉

  • DANKE für das Interview und die positiven Worte…..

  • Würde mich freuen wenn man bei SAAB die Klassiker mehr berücksichtigen würde. Ersatzteile für unsere 900 sind manchmal schwer zu bekommen, klingt gut was Herr Schuhmacher sagt. Danke für das Interview!

  • Gutes Interview, SAAB weiter so!

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