SAAB News: Parallelwelten

Bevor wir die Geschichte rund um den chinesischen Investor ausblenden und zurück im wirklichen Leben sind, noch ein Nachtrag zum Östlund Interview und den Reaktionen vor Ort in Trollhättan. Da wir gute Kontakte in der Saab Stadt haben, kamen im Laufe des gestrigen Tages ein halbes Dutzend Mails aus dem Saab Umfeld mit der Einschätzung, wie man in Schweden die Rolle von NEVS sieht.

Am Saab Werk

Das Bild, welches unsere Freunde haben, unterscheidet sich komplett von den Meldungen, die gestern bei Saabsunited liefen. Dort hat man verkündet, dass der erste Auftrag für den EV-1 eingegangen sei. Eine komplette Jahresproduktion, möglicherweise mehr, sei verkauft. Das Werk ist für 150.000 Auto ausgelegt, und wer auch immer der Käufer sein mag, er scheint magische Kräfte und riesiges Vertrauen zu haben. Denn das Werk läuft nicht, die technischen Spezifikationen sind unbekannt, und es gibt keine Lieferkette und damit auch keinen kalkulierbaren Preis. Natürlich ist diese Meldung von NEVS unbestätigt, aber es seien wohl informierte Kreise. Leben wir in Parallelwelten?

Aus unseren Einschätzungen vor Ort lesen wir folgende Lage heraus, die vermutlich mehr der Realität entsprechen wird. Der Käufer des Saab Werks hat erkannt, was er gekauft hat und hat festgestellt, dass ein stillstehendes Werk dieser Größenordnung im Jahr Millionen an Unterhalt verschlingt. Euro, nicht Kronen. Schon die Administratoren hatten 50 oder mehr Mitarbeiter im Einsatz, die als Serviceteams Maschinen regelmässig in Betrieb nahmen, um die Funktionsfähigkeit zu erhalten. Jetzt haben die Investoren, die nicht aus dem Automobilbau kommen, diese Problematik erkannt, und von den gut 100 Mitarbeitern arbeitet der größte Teil in der Instandhaltung.

In den gestrigen Mails kamen immer wieder Worte vor wie “falsch eingeschätzt” oder “Problematik unterschätzt” oder einfach “übernommen“, wenn es um den Start der Autoproduktion geht. Keiner unserer Freunde aus dem Saab Umfeld gibt NEVS eine realistische Chance, die Schornsteine zum rauchen zu bringen. Der Käufer des Werks sei auf der Suche  nach einem Partner, der aus der Autoindustrie komme, denn man habe eingesehen, dass man alleine nicht in der Lage sei, ein Produkt herzustellen.

Nur wie interessant ist NEVS als Partner? Kein fertiges Produkt, keine laufende Produktion, kein Vertriebsnetz, minimaler Cashflow durch Vermietung. Es rächt sich, nicht die profitable Ersatzteil-Sparte  mit deren Vertriebsstrukturen übernommen zu haben. Man hat im Prinzip nichts, nur kontinuierlich laufende Kosten und eine teilweise fertig gestellte Plattform mit hohen Investitionsbedarf. Nein, die Chinesen sind keine hübsche Braut. Eine Mail gestern brachte es auf den Punkt. “Warum sollte jemand einsteigen? Besser warten bis das Geld ausgeht und die Reste billig kaufen“.

Zumindest zwischen der Wahrnehmung unserer Freunde vor Ort und den Autoren von SU liegen Welten. Eigentlich mag ich mich mit diesem Thema nicht mehr beschäftigen, denn nach zwei Jahren Wirtschaftsklamauk ist die Grenze der Zumutbarkeit erreicht. Ich hoffe, dieser Artikel ist der vorläufige Abschluß zum Östlund Interview und zu den Zukunftsperspektiven der Chinesen im Saab Werk.

Natürlich werden wir immer wieder über die Investoren berichten müssen, das ist unvermeidlich, hoffentlich aber nicht so häufig. Die nächsten Tage soll es mit echten Saab Themen weitergehen, und wir wollen endlich unseren Fotowettbewerb zum Abschluss bringen.

Text: tom@saabblog.net

Bild: Oliver für saabblog.net

 

 

16 Gedanken zu „SAAB News: Parallelwelten

  • Ich wüsste nicht, wieso man eine Jahresproduktion bei einem “Hersteller” kaufen sollte, der noch kein einziges Auto auf die Straße gebracht hat. Es ist ja nicht so, dass andere echte Hersteller keine freien Kapazitäten hätten.
    Bleibt zu hoffen, dass die Meldung zur NEVS Insolvenz lieber früher als später kommt, damit der Name SAAB nicht vollständig ruiniert wird.

    An dieser Stelle nochmal danke für die Berichterstattung. Ich kann mir schöneres vorstellen, als Wasserstandsmeldungen zu einem unseriösen Investor abzugeben, der etwas Liebgewonnenes den Bach heruntergehen lässt…trotzdem ist es immer wieder interessant, Neuigkeiten aus dem näheren Umfeld zu lesen.

    • Hallo blue.

      Zum Thema Jahresproduktion: Das Werk könnte im Optimum 150000 Fahrzeuge produzieren. Aber dort in Schweden läuft ja wohl nix Optimal! Wenn NEVS wirklich 2014 anfängt den EV1 zu bauen, dann haben die eine Jahresproduktion für 2013 von NULL!
      Wie Tom schon oft geschrieben hat, ist es ja schwierig eine Autoproduktion (wieder) neu zu starten, bzw. eine neue Autoproduktion zu starten. Vielleicht schaffen die dann im Jahr 1.000, 2.000 oder auch 10.000 Autos – Äh sorry EV1´s – und 1000 EV1´s als Jahresproduktion sind in China wohl nicht viel!?
      Gruß André

  • Danke Tom.

    Die Mails aus Schweden bringen es wohl klar auf den Punkt und wir haben eine “Variable” in der SAAB-NEVS-Gleichung weniger!

    Somit scheint das Ergebnis nun auch in einem etwas anderem Licht.

    “Vertan sprach der Hahn…”. Unklar wird aber immer noch die Fragen bleiben: “Warum…”

    Warum hat NEVS den Zuschlag bekommen?”, “Warum….” oder um es mit einer Frage zu darzustellen:

    “Warum steht die Marke SAAB heute da, wo sie nun ist? Warum?”
    Auf einen Teil der Frage kennen wir die Antwort und haben auch unsere Schuldigen. Für die nähere Vergangenheit kommt vielleicht irgendwann die Antwort. Für die Zukunft haben wir unsere SAABs mit Verbrennungsmotoren. Was kommt und wird werden wir sehen. Die Hoffnung schwindet weiter, obwohl es vielleicht schon lange keine Hoffnung mehr gab.

    Also laut den Mails aus Schweden war NEVS zu optimistisch an die Sache gegangen und die Administratoren haben NEVS trotzdem den Zuschlag gegeben. (?) Ja dann verbrennt(wäscht) NEVS nun sein Geld und am Ende steht ein leeres Werk in Trollhätten, in dem irgendwann mal Autos gebaut wurden…Ob dass dann noch einer kauft? Wenn es in Europa mit dem Automobilmarkt so weitergeht, dann stehen auch in anderen Ländern Werke leer. Und wenn potenzielle Käufer das Werk wohl kaufen möchten, fangen die doch auch bei NULL an! Wäre es für die nicht einfacher ein z.B. fertig entwickeltes Auto dort zu bauen?

    Alles Gute für unsere Saabs

    André aus dem sonnigen Oldenburg

    • Vielleicht sollte NEVS nunmehr als Eigentümer das Erworbene schnell an Youngman-Lotus mit Gewinn veräußern – Youngman müßte dann voraussichtlich sogar weniger zahlen, als während des Bieterverfahrens einschließlich Ersatzteilsparte.

      SAAB-Parts stünde dann ohnehin als küftiger Vertragspartner für Rachel Pang bestimmt lieber zur Verfügung als dies bei NEVS mit ggf. nur kleiner Autoproduktion der Fall wäre.

      Youngman könnte mit dem Werk sofort loslegen und außerdem zusammen mit Muller die PHOENIX-Plattform vollenden – der neue 9-3 III käme dann fristgerecht auf den Markt.

      Ich gehe mal davon aus, dass die SAAB AB die Erlaubnis für den Namen SAAB gerne einer Firma wie Youngman-Lotus gegeben hätte – vielleicht merkt man mittlerweile auch, dass man mit der Vergabe bei NEVS etwas voreilig war.

  • Da alles rund um NEVS so ernüchternd und voller Fragezeichen ist, lohnt es sich tatsächlich nicht, sich allzu detailliert mit den offizellen Aussagen eines Pressesprechers auseinander zu setzen, die mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten und offensichtlich auch in einem gewissen Widerspruch zur Realität vor Ort stehen.

    Somit freue ich mich auf die “echten Saab Themen” und die sind – mindestens vorläufig – nicht mit NEVS verknüpft.

    Aber a propos NEVS: Ein grosses Kompliment an Dich Tom, für die einzigartigen Hintergrundberichte!

  • Zitat: “Warum sollte jemand einsteigen? Besser warten bis das Geld ausgeht und die Reste billig kaufen“ trifft den Nagel auf den Kopf. Auch bisherige ausgeschiedener Bieter, können jetzt sich wieder auf ihr Business konzentrieren und wenn dann sich die günstige Gelegenheit ergibt mit weniger Geldmitteleinsatz zugreifen.
    Wenn NEVS Glück hat, werden sie einen Partner finden, dazu müssen sie vielleicht aber auch vom hohen Ross heruntersteigen und die Ansprüche deren respektieren die wirklich investieren wollen.

    …und zu guter Letzt ist es am Besten wenn sich die Politik da jetzt mal raushält, sonst kommt es noch schlimmer….

  • SU hat sich zunehmend weiter von jeder Realität entfernt und daß NEVS es alleine nicht schaffen kann ist eigentlich klar. Vielleicht kommt ja noch der große Retter aus Indien oder es gehen irgendwann wirklich die letzten Lichtlein aus und aus THN wird ein großes Ferienresort für alle SAAB Fans weltweit.

  • Langsam stellt sich auch bei mir ein Ohnmachtsgefühl ein, dass ich so noch nicht gekannt habe. Wie müssen sich erst die Menschen in Trollhättan fühlen? eine grauenvolle Vorstellung.
    Mir reicht meine Situation mit meinem Saab schon voll auf: Eigentlich wollte ich nur beim Händler die eingelagerten Reifen wechseln. Die passten dann plötzlich nicht mehr drauf. Des Händlers Lösung neue Bremsen. oder neue Reifen mit Felgen.Pffffffffff… jetzt habe ich gott sei dank endlich wieder meine Reifen und auch Originalbremsen im Auto, dafür haben die Super mechaniker die Batterie abgeklemmt und so die ganze Elektronik durcheinander gebracht. Echt super, wenn man im Winter die Scheiben auf der Fahrerseite beim Cabrio nicht mehr schliessen kann. Wir haben nur einen Saab händler/ Werkstätte in der Nähe. im Augenblick reicht mir das schon.
    Ich bin nur froh, dass ich einen Job in Mitteleuropa hab und ein 2.Auto mit geschlossenen Scheiben.
    Der Witz beim 2. Wagen liegt allerdings darin, dass wir den auch erst ein halbes Jahr haben. Da gingen von anfang an die Scheiben nicht auf Befehl zu oder auf. Ein Beetle Problem. Mehr muss ich nicht sagen. Herby. Porsche Austria hat ein halbes Jahr gebraucht um das Problem in den Griff zu bekommen. Also im Gegensatz dazu ist Saab ja ein richtiger Schnellzünder.

  • Auf den Bericht der tollen Anwälte (Bergqvist + Co.) bin ich wirklich mal gespannt – den NEVS-Dilettanten-Verein als ausgewählten und geeigneten Investor zu rechtfertigen, dürfte wohl etwas schwierig werden.

    Das diese Burschen (Bergqvist + Co.) mit ihren “Aktivitäten” auch noch dermaßen abgreifen konnten, macht mich allerdings soagar richtig zornig – denn nachzuvollziehbare gute Gründe für Ihre “Auswahl” wird es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht geben!

    Wenn ich mich richtig erinnere, wurde über diese Anwälte immer berichtet, dass sie eine gute Arbeit ausführen würden – aber die breite Masse verkackeiern klappt wohl immer und überall. Auch (oder vielleicht sogar gerade) in Schweden!

  • Ich kann diesen plötzlichen Aufschrei nach diesem Interview nicht verstehen . Ich habe bereits im Sommer nach dem bekannt wurde das NEVS sich eine Autofabrik gekauft hat ( ich schreibe absichtlich nicht das NEVS Saab gekauft hat ) und NEVS die ersten Aussagen gemacht hat was sie damit vorhaben , schon mehrfach hier Kommentare abgegeben , das es dadurch keine Zukunft für Saab mehr geben wird . Es heist ja die Hoffnung stirbt zuletzt , aber ich glaube jetzt sollte der Letzte auch vollends begriffen haben , das es keine weitere Saabs , außer denen die bis jetzt produziert wurden mehr geben wird .Ich kann es bis jetzt auch immer noch nicht begreifen wie die Saab AB dafür den Namen hergeben kann . Ich bin wie Joachim sehr , sehr gespannt wie die Insolvenzverwalter ihre Entscheidungen rechtfertigen werden , und auch das habe ich schon öffters geschrieben , es wird allerhöchste Zeit das die Insolvenzverwalter der Öffentlichkeit Frage und Antwort stehen und Rechenschaft ablegen. Dies sind sie den vielen Saabfans auf der ganzen Welt und vor allem den ehemaligen Saabmitarbeitern mehr als schuldig

  • Nebelgranaten über Nebelgranaten, vor lauter Rauch sieht man inzwischen überhaupt nicht mehr, was wirklich passiert. Wenn nicht hinter NEVS doch noch der weiße Ritter hervor kommt, gibt es meiner Meinung nach nur noch eine Erklärung für die aktuelle Situation. SAAB sollte um jeden Preis von der Bildfläche verschwinden und wurde deshalb bewußt an den ungeeignetsten Bieter verkauft. Das würde auch am ehesten zu der Aussage von Hr. Jiang passen, daß er völlig überrascht war, den Zuschlag erhalten zu haben. Wer wissen will, wer die Drahtzieher sein könnten, der sollte sich mal die Berichte über die versuchten (Geely) und verhinderten (M&M) Verkäufe auf diesem Blog zu Gemüte führen.
    Danke Tom für deine Arbeit mit diesen Berichten, die jeden Krimi zu Einschlaflektüre verkommen ließen. Aber auch ich freue mich inzwischen mehr auf und über Berichte zu unseren Autos.

  • Hallo zusammen!

    Da dies mein erster Kommentar auf dieser Seite ist, möchte ich erst einmal folgendes loswerden:
    Tom, ich verfolge nun seit über einem Jahr deinen Blog und ich kann nur sagen: GANZ GROSSES KINO, super informativ und wie die letzten Beiträge wieder einmal zeigen, bist du einfach eine Spur objektiver in der Auswertung und Darstellung von Infos als so manch anderer Blog – mach weiter so!

    Ich persönlich kann nur sagen, entweder glaubt NEVS an Zauberei und Magie und versteht NÜSSE von wirtschaftlichen Zusammenhängen oder es steht wirklich ein global player hinter dem Ganzen und alles was NEVS macht ist nur Fasade bzw. die beste Verschleierungstaktik ever made…
    So oder so, irgendwann wird Klarheit herrschen und dann wird sich zeigen, ob “SAAB” überlebt hat oder nicht. Alles was man jetzt tun kann ist vermuten und spekulieren und das führt zu nichts.

    Ich kann an alle eigentlich nur eine wirkliche Empfehlung aussprechen:

    DRIVE YOUR SAAB AND ENJOY IT!!!

    Saabische Grüße aus Österreich
    Jimmy

  • Ich glaube wir können alle froh darüber sein, dass NEVS nicht die profitable Ersatzteilsparte übernommen hat. Wer weiß schon, wie lange die Ersatzteilversorgung dann noch aufrecht erhalten würde?

  • Man hätte SAAB würdevoll sterben lassen sollen. Allemal besser wie das was hier läuft. In 2-3 Jahren wenn NEVS den Bach runter gegangen ist will dann auch keiner mehr von vorn anfangen. Ich kann nur jedem SAAB Fahrer raten deckt euch mit Ersatzteilen ein. Sie werden nicht billiger. Wer weiß schon was in paar Jahren ist. Ich hab leider keinen. 🙁

  • Ich stell mir langsam die Frage, ob NEVS nicht ein Versuch ist, Saab doch noch auf mehr oder weniger elegantem Weg ins endgültige Aus zu befördern. Und so wie es aussieht auch erfolgreich.

    Da sind zu Beginn des Insolvenzverfahrens wohl einige ernsthafte Interessenten da, die wenn auch nicht den gewünschten, so aber doch einen erheblichen Kaufpreis zu zahlen bereit sind. Zudem steht jeweils ein Konzept dahinter, wie die Übergangszeit zu einem komplett neuen Modell überbrückt werden kann. Arbeitsplätze wären zu einem relativ hohen Anteil gesichert.

    Dann taucht gegen Ende des Bieterverfahrens plötzlich NEVS aus der Versenkung auf. Eine Neugründung mit abenteuerlichen Businessplan, einem anscheinend niedrigeren Kaufpreisgebot und der Weigerung Saab Parts zu übernehmen erhält überraschend den Zuschlag. Um die Öffentlichkeit zu beruhigen werden in meinen Augen utopische Strategien (Import der Technik aus Japan und China, Produktion in Schweden, Export nach China!) präsentiert, wie man das Werk nutzen will.
    Jetzt hat es den Anschein, als realisiere man, dass es ohne Konzept nicht geht. Eine in Kürze folgende Insolvenz würde mich nicht wundern. Der Ruf von Saab ist dann aber mittlerweile so ruiniert, dass vermutlich die ursprünglichen Bieter auch kein Interesse mehr haben hier zu investieren. Vielleicht war das Konzept von NEVS kein Konzept zu haben bzw. das endgültige Aus für Saab. Ich würde sagen, da hat jemand im Hintergrund ganze Arbeit geleistet.

    Sicherlich klingt das stark nach Verschwörungstheorie aber das ganze Verfahren um die Rekonstruktion und Insolvenz von Saab erscheint mir einfach so abstrus, dass man irgendwie nicht glauben mag, dass hier alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

  • Ich frag mich immer noch, wie es überhaupt zu so einem Schwachsinn kommen konnte…

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