SAAB Talk: Fehlentwicklungen

Über Schweden rast eine Entlassungs- und Pleitewelle hinweg. Täglich verabschieden Firmen ihre Mitarbeiter, gehen in Insolvenz oder Rekonstruktion. Es sind nicht nur kleine, kaum bekannte Unternehmen. Der Franchisegeber der Elektronik-Kette Expert hat eine krachende Pleite mit vielen geschlossenen Filialen hingelegt, Konkurrent Media Markt wird seine Hauptverwaltung abwickeln. SCA will Kosten sparen und dabei auf 1.500 Mitarbeiter verzichten, das Werk in Trollhättans Nachbarstadt Lila Edet könnte betroffen sein.

Saab 9-5 Sportkombi mit 128 g Co2/Kilometer

Volvo Lkw verzichtet auf 260 Mitarbeiter, Atlas Copco baut Stellen ab, Husqvarna entlässt 600, Ericsson 1.550 und die Liste wird täglich länger. Vor etwas mehr als einem  Jahr, im Sommer 2011,  sah es in Schweden noch besser aus. Die Wirtschaft lief auf Hochtouren, die Hauspreise gingen nach oben, und die Regierung Reinfeldt träumte von einem Schweden ” der Köpfe “, wo keiner sich mehr die Hände mit schwerer Arbeit schmutzig machen sollte.

Sein ” Traum ”  könnte in Erfüllung gehen, wie neue Wirtschaftsdaten belegen. Schweden wird 2012 2% seiner Arbeitsplätze verlieren. In Zahlen sind es 6.000 Arbeitsplätze, die vor allem in der Industrie, dort wo man sich die Hände schmutzig macht, wegfallen. 2013 wird es härter werden, dann sollen 4% oder 12.000 Arbeitsstellen verloren gehen, und es wird nicht nur die Produktion sondern auch Verwaltung, Forschung und Entwicklung treffen. Die Zahl 18.000 klingt in unseren Ohren nicht so dramatisch, aber Schweden ist ein dünn besiedeltes Land. 6 % der Arbeitsplätze in zwei Jahren, das klingt bedrohlich.

So wie Schweden mit einer seiner Perlen – ich spreche jetzt über Saab – umgegangen ist,  kommt diese Entwicklung nicht überraschend. Saab war führend bei sparsamen Motoren. Selbst unter größten Schwierigkeiten und mit den geringen Mitteln eines kleinen Unternehmens war man in der Lage, umweltfreundliche Powerdiesel im Saab 9-3 vorzustellen. Der neue Saab 9-5 Sportkombi, mit über 5 Metern Länge kein Umweltauto, sondern in der Oberklasse zu Hause, hätte mit 128 Gramm Co2/Kilometer Maßstäbe gesetzt.

Die Regierung hätte Saab unter staatliche Obhut nehmen können und in Ruhe nach einem Investor für dieses Juwel suchen können. Viel Know-How und noch mehr Arbeitsplätze wären erhalten worden. Saab war in gewissen Bereichen führend. Bei Vielstoff-Motoren zum Beispiel, die mit E85 oder Benzinbetrieben werden konnten. Oder bei der Forschung zum elektrischen Allradantrieb in Verbindung mit Elektro- oder Hybridtechnologie.

Sparsame Fahrzeuge hätten wir aus Trollhättan in Zukunft viele erwarten können, dazu weitere, spannende Innovationen. Jetzt müssen wir warten und sehen, was die Zukunft bringt. Der Sprit sparende Saab 9-5 Sportkombi ging nicht in Produktion, sondern rollte direkt ins Museum.

2013 wird entscheidend sein für die Marke Saab. Rauchende Schornsteine im Sommer oder nicht? Das Schicksal von Investor NEVS hängt daran. Bringt man keine Lieferkette zusammen, die 2013 die Produktion des Saab 9-3 möglich macht, dann wird man 2014 mit dem Elektroauto und vielen identischen Komponenten ebenfalls scheitern. Denn warum sollte 2014 etwas funktionieren, was 2013 nicht möglich war. So einfach kann die Wahrheit sein.

Dass man mit guten Ideen und sparsamen Autos nicht automatisch Erfolg hat, das konnte nicht nur Saab erleben. Der japanische Kleinwagenhersteller Suzuki hat für sein US-Geschäft Konkursantrag gestellt. Sprit sparende Kleinwagen sind nicht gefragt, die Amerikaner stehen nach wie vor auf antike Technik und große, fossile Energie vernichtende Fahrzeuge. Die beendete Ehe mit GM im US-Vertrieb und der Schuldenberg der US-Gesellschaft von 346 Millionen US-Dollar tun ihr Übriges dazu. Das Abenteuer Amerika ist für die Autosparte von Suzuki beendet, Motorräder und Quads wird es aber weiterhin geben.

GM selbst baut, immer noch unter staatlicher Obhut, die gleichen Autos wie seit Jahren. Durchschnittlich im Design, durchschnittlich im Fahrverhalten, durchschnittlich im Verbrauch. Nicht besonders gut, auch nicht besonders schlecht. Alles wie gehabt. Auch eine Fehlentwicklung.

Was macht die andere schwedische Marke? Noch ein schneller Blick nach Göteborg wo die Absatzzahlen zuletzt etwas besser als erwartet waren. Das Management bereitet umfassende Kürzungen vor. Weniger Mitarbeiter in der Produktion, neue Modelle werden mit Verspätung auf den Markt gebracht und – aber nur vielleicht – der Verzicht auf eines der beiden neuen Werke in China wo die Absatzentwicklung für die Marke besonders negativ war.

Die Krise hat Schweden voll erwischt. Krisen sind aber auch immer Chancen um antizyklisch zu investieren. NEVS könnte diese Möglichkeiten nutzen. Und wie schrieb vor einigen Tagen eine große, schwedische Wirtschaftszeitung über den 9-3? Er sei der Saab mit den 10 Leben. Wir werden sehen.

Text: tom@saabblog.net

Bild: saabblog.net

7 thoughts on “SAAB Talk: Fehlentwicklungen

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    Der Kostendruck für Produktionen und Dienstleistungen werden in Zukunft infolge der Geldentwertung der Europäischen Hauptwährung noch zunehmen. Schweden (wie auch die Schweiz) kämpfen mit einer starken/teuren Landeswährung. Also folglich wird die erbrachte Arbeitsleistung für Nicht-€-Staaten noch teurer (und demzufolge das Endprodukt). Die Arbeitsplätze in Asien sind um ein vielfaches billiger. So ist nun halt einmal die Realität.

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      Da ein Teil der bisherigen Zulieferbetriebe nicht mehr mit an Bord sein wird (nicht mehr vorhanden oder aus anderen Gründen nicht mehr in Frage kommt), wird man sich automatisch auch den entsprechenden Firmen im asiatischen Raum (insbesondere in China) zuwenden. Da dort wesentlich günstiger hergestellt werden kann (bei nachweislich gleicher Qualität), würde bei einem in Schweden hergestellten SAAB sogar ein günstigerer Endpreis zu erzielen sein, als dies zuvor der Fall war.

      Als kleines Beispiel möchte ich den Rückspiegel unseres SAAB 9-5 bringen – dieser wurde vor Jahren von einem LKW abgerissen und komplett mit sämtlichen Bauteilen durch einen Spiegel made in china ersetzt. Nachteile konnten wir bisher nicht feststellen – es ist sogar weniger Blendwirkung durch hinterherfahrende Fahrzeuge als mit dem Original-Spiegel festzustellen!

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    Interessanter Bericht und interessante Zahlen! Und wenn wir uns überlegen, dass SAAB unter Muller ca. 3500 Beschäftigte hatte und nach dem Konkurs auch viele Zulieferer Persona entlassen haben, bzw. zu gemacht haben… Dann haben die Schweden ja durch den SAAB-Konkurs auch ca. 1 – 2 % weniger Arbeitsplätze. Verschärft wird das ja auch wohl, da diese alle in einer Region wohnen und dort dann natürlich auch das Kaufverhalten zurück geht! Willkommen in der Abwärtsspirale!
    In Deutschland haben wir ca. 40 Millionen Arbeitsplätze, da sind dann 2% ca. 800.000 Arbeitsplätze. Da hätte selbst die Deutsche Regierung irgendetwas gemacht und bei den Franzosen sicher ohne Diskussion!

    Gruß André

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    Wie kann man nur diesen 9-5 Kombi nicht bauen?

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      Ja tatsächlich, ein fertiges Auto, ein Juwel: Ich hätte es genau jetzt bestellt.
      Die Hoffnung auf NEVs halte ich für eine Illusion

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    NEVS hat mit Trollhatan einen spitzen Entwicklungsstandort und ein tolles Werk. Also werft die Bänder an! Tom hat recht, die können gar nicht anders!

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    NEVS hat Spitzenleute aus der Autoindustrie (Trogen, Jiang und weitere), NEVS hätte ein Super-Produkt anzubieten (wenn die gesamte Modellreihe vom 9-3er käme), NEVS hat ein modernes Werk, NEVS darf den Namen SAAB weiter verwenden, NEVS hat zudem Pläne auch PHÖNIX-Modelle sowie Elektrofahrzeuge zu bauen und als äußerst positiv sollte auch die riesige SAAB-Fan-Gemeinde erwähnt werden….

    Also los – fangt endlich an mit den Cabrios, Limousinen und Combis! Ein neues 9-3 II Cabrio würde als Nachfolger für mein 9-3 I Cabrio garantiert eine Abnehmerin finden!

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