SAAB Talk: Autokrise

Die Krise der Autoindustrie weitet sich aus. Volvo, die andere schwedische Marke, kommt nicht zur Ruhe. Aber aus Saab-City kommen wenigstens einige gute Nachrichten als Kontrast zu den schlechten Branchen-News, die sich wie eine Bremsspur quer durch Europa ziehen. Bevor wir einen kurzen Streifzug durch die Autobranche starten, werfen wir aber noch einen Blick auf unseren Lieblingschinesen Qoros.

Saab Werk Parkplatz

Qoros

Warum haben wir Qoros unter Beobachtung? Weil alles mit allem irgendwie zu tun hat, und weil ehemalige Saab-Führungskräfte dort ein neues Zuhause gefunden haben. Glaubt man Ex-Saab CIO und jetzt Qoros CIO Eric Geers, dann steckt im Newcomer Saab-DNA. Ausserdem kursieren unbestätigte Gerüchte, dass Qoros zum europäischen Vertrieb an die Saab Händlerstruktur andocken könnte. Ob Qoros auf dem Genfer Autosalon 2013  sein Europadebüt geben wird, ist ebenso unsicher. Die China Cartimes hat aktuelle Spyshots veröffentlicht. Ob da irgendwo Saab drin stecken könnte?

Wenn das so sein sollte, verbirgt es das Vorserienmodell gekonnt. Was auf jeden Fall drin steckt, ist viel europäisches Know How. Denn Qoros hat sehr viel Entwicklungsarbeit einem großen Zulieferer übertragen und entwickelt wenig selbst. Eine Struktur, die sich aktuell auch in Trollhättan bei NEVS abzeichnet.

NEVS und die offenen Fragen

Die Freunde von Saabsunited stehen dem neuen Eigentümer des Saab Werks recht unkritisch gegenüber. Sowohl auf dem Oktoberfest als auch beim ersten Interview in Trollhättan hat man die Chance verpasst, die richtigen Fragen zu stellen. Das finde nicht nur ich, sondern auch Steven Wade, der Gründer von Saabsunited, und ehemalige Blogger in Saab-Diensten. Auf seinem Blog Swadeology stellt er die Fragen, die von Saabsunited nicht gestellt wurden. Ein lesenswerter Beitrag!

Alles besser in Frankreich

Die Regierung in Stockholm hat für Saab keinen Finger krumm gemacht. Hätte man Saab nach US-Muster unter staatliche Obhut genommen und dann in Ruhe einen neuen Eigentümer gesucht, alles wäre gut geworden ! Statt dessen verzichtete man auf ein Traditionsunternehmen, welches über Jahrzehnte auch ein Aushängeschild für schwedische Lebensart war.

In Frankreich kämpft der PSA Konzern mit seinen Marken Citroen und Peugeot ums Überleben. GM hat seine Finger mit im Spiel, was nichts Gutes für die Zukunft der Marken erahnen lässt. Allerdings ist Frankreich nicht Schweden, und dem Präsidenten der Republik würde es nicht einfallen, im BMW vorzufahren, so wie es in Stockholm zu beobachten ist. Die Franzosen sind mit Recht stolz auf ihre Automobilgeschichte. Frankreich möchte jetzt den PSA Konzern mit einer Bankgarantie von 7 Milliarden Euro stützen. Das meldet die Nachrichtenagentur Reuters.

Notbremse 1: GM

General Motors hält die Produktion in Ellesmere Port für diese Woche an. Das Vauxhall Werk soll dann vielleicht nächste Woche wieder laufen. Der Absatz der Marken Opel/Vauxhall ist in Europa stark rückläufig, und die Probleme verschärfen sich.

Notbremse 2: Ford

Ford ist wie GM stark von der Krise betroffen. 1.500 Mitarbeiter in Großbritannien müssen gehen.

Notbremse 3: Volvo

Volvo kommt nicht zur Ruhe. Der neue Volvo CEO wird von der Staatsanwaltschaft in München wegen Korruptionsverdachts verfolgt, ein Delikt aus der MAN Zeit. Für die Presse in Schweden eine gefundene Schlagzeile. Während man in Torslanda die Bänder für die Herbstferien ganz abgeschaltet hat und die Taktrate herunterfuhr, lief das Werk in Gent nach dem letzten Produktionsstop im Sommer stabil. Jetzt verringert man auch in Gent die Fertigung von 59 auf 54 Wagen pro Stunde und entlässt 300 der 5.200 Mitarbeiter. Es sind in erster Linie die Zeitarbeiter, deren Verträge nicht verlängert werden.

Zumindest für die Ausgründungen der Saab-Peripherie gibt es gute Nachrichten. Das Saab Wissen aus Trollhättan zählt und wird international geschätzt.

Erfolgsgeschichte aus Trollhättan I

Zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt sich die Saab Ausgründung Vicura. Dort wird viel Saab-Know-How aus dem Powertrain Bereich gesichert. Vicura hat jetzt einen Auftrag zur Entwicklung eines elektrischen Allrad-Antriebs vom britischen Spezialisten GKN Driveline erhalten. Das sichert nicht nur Arbeitsplätze, das ermöglicht die Schaffung weiterer Jobs. Vicura hat momentan 80 Mitarbeiter, weitere werden jetzt gesucht.

Erfolgsgeschichte aus Trollhättan II

BRC Sweden, in Trollhättan im Industrigatan zu Hause, rüstet seit Februar Subarus im Werksauftrag für den heimischen Markt auf Gasantrieb um. Gemeinsam mit ANA hatte man in der Vergangenheit einen Saab 9-3 Trifuel im Portfolio. Ab November sollen nun neue Ford umgerüstet werden. Es geht um einige 100 Autos im Jahr, und BRC Sweden hofft, die Mitarbeiterzahl von derzeit 10 verdoppeln zu können.

Gute Nachrichten für den Standort, denn mit jedem Entwicklungsauftrag und jedem zusätzlichen Arbeitsplatz steigt die Attraktivität. Seit dem Ende der GM Ära ist die kleine Stadt im Västra Götland internationaler geworden. Schon zur Spyker Zeit holte sich Saab Fremdaufträge ins Haus. Ganz Trollhättan bewegt sich jetzt vertstärkt in Richtung China, so unser Eindruck. Mit Dong Feng ist ein Schwergewicht vor Ort, NEVS ist entgegen erster Ankündigung eine rein chinesische Angelegenheit geworden, und das Innovatum hat jetzt die enge Zusammenarbeit mit dem Ninghai Science Park in der Region Ningbo besiegelt.

Die Annäherung an China scheint politisch gewollt, denn das Innovatum tut nichts ohne grünes Licht der Administration. Ist das die Zukunft des Standorts? Die Zukunft von NEVS? Die Zukunft von Saab? Zum Start der Woche mehr Fragen als Antworten.

Text: tom@saabblog.net

Bild: Oliver für saabblog.net

 

11 Gedanken zu „SAAB Talk: Autokrise

  • Der Qoros-Vorserienwagen hat doch dem Foto nach zumindest den Startknopf in der Mittelkonsole … das ist doch schonmal sehr „saabisch“ … 😉 ;-(

    Den Bericht (und auch den Film dazu) von Steven Wade finde ich sehr inteessant!

  • Ach wie gut das niemand weiss, das ich bald in Trollhätan mit Stäbchen speiss :-)…………. naja oder so ähnlich

    Ciao

    Marco

  • Wir wollen keinen Qoros sondern möglichst schnell einen SAAB 9-3 Hybrid auf der Phoenix-Plattform – möglichst als 5-türiges Modell mit Fließheck!!

    Mit diesem Wunsch stehen wir (meine Familie und ich in Hamburg) bestimmt nicht alleine da!

    Liebe Leute bei NEVS, lasst bitte nicht zuviel Zeit verstreichen – eine Reihe von uns bekannten Autofahrern (allesamt SAAB-Besitzer) gucken sich bereits die schrecklichen „Allerweltsmodelle“ von VW und Audi an.

    • SAAB so wie wir es kannten ist nicht mehr. NEVS interessiert sich auch nicht dafür was wir wollen oder nciht, das haben die Presseleute klar zu verstehen gegeben. SAAB wird jetzt zur Liebhabergeschichte die man entweder am Leben hält, so wie unsere Familie, oder man kauft sich einen Golf und fährt den SAAB nur an den schönen Tagen.

      • Nie, aber auch niemals werde ich einen Golf besteigen. Audi – meinetwegen. BMW oder Mercedes – gerne. Peugeot – mit Vergnügen. Aber einen Golf, dieser Inbegriff automobilen Mittelmaßes, aufgebläht durch Oberklasse-Anmutung, diese graue Maus auf grauem Asphalt – niemals. 🙂

        Ähhh…. Entschuldigung. Aber ich mag Golfs nun wirklich nicht.

        Wie darf ich das eigentlich verstehen, daß NEVS jetzt eine rein chinesische Angelegenheit geworden ist? Ist der japanische Teil jetzt auch noch abgesprungen?

        • Die japanischen Venturecapital Jungs sind schon im Sommer noch vor dem Kaufabschluss abgesprungen. Seit dem ist NEVS eine reine China Geschichte 🙁

  • Die SAAB-Community hat der Marke SAAB in den vergangenen Jahren ihr Vertauen geschenkt und SAAB trotz des GM-Mißmanagements auf hohem Niveau gehalten.

    NEVS war aus diesem Grunde gleich bei Übernahme bestrebt, den Namen SAAB wegen des hervorragenden Renommees als Markennamen für künftige Produkte zu erlangen – es wäre eigentlich sehr schlechter Stil, wenn man nunmehr nicht mal ein Quäntchen Interesse für die alten SAAB-Kunden zeigen würde, die in Zukunft nicht mit einem reinen Elektroauto fahren möchten.

    Gern lassen wir uns in dieser Hinsicht positiv überraschen. Beispielsweise mit dem von Joachim gewünschten 9-3 Hybrid – auch ich würde mich da vermutlich als Käufer anschließen.

    • Moin Detlef

      Mit der Marke SAAB hat GM sicher nicht alles richtig gemacht! das die SAAB Fans, ich zähle mich dazu, der Marke stets das Vertrauen geschenkt hat, ist aber meines erachtens so nicht richtig!
      Nach einem misslungenen Start des 900 II mit einigen Kinderkrankheiten, wir wissen es alle, war GM für viele nur noch Schei… und die neuen SAAB’s mit GM Genen keine richtigen SAAB’s mehr.
      GM und SAAB haben aber schnell nachgebessert, so waren der 9-3I und der 9-5I phantastische Fahrzeuge! Aber was nützt das wenn viele SAAB Piloten diese nie akzeptiert haben und weiterhin ihre alten 99er und 900er spazeiern fuhren? Im Alltag tats ja ein „bescheidener“ Passat, XY oder wie auch immer auch!
      Sicher ist das SAAB dank GM nicht schon in den Neunzigerjahren vor die Hunde ging ob uns das gefällt oder nicht!!

      • Bei SAAB war es leider GM, der als angeblicher Retter Anfang der 90er Jahre zunächst 50% von SAAB übernommen hat (im Jahre 2000 waren es dann bekanntlich die restlichen 50%).

        Das Problem war leider, dass GM nichts auf die Reihe gebracht hat – Ford mit Volvo und Jaguar war da erfolgreicher. Jaguar blüht jetzt unter Tata Motors (nach dem Verkauf von Ford an Ratan Tata) sogar richtig auf.

        Dein erster Satz im Kommentar ist ja wohl ein Witz: „…sicher nicht alles richtig gemacht!“

        GM hat kaum etwas richtig gemacht! Nur diese Feststellung trifft hier zu – man hat zunächst bekanntlich SAAB mit Opel-Bauteilen verwässert und dann hat man sich irgendwann vom Fließheck mit 5 Türen verabschiedet usw. usw. Trotzdem haben die Kunden SAAB-Automobile weiterhin im bekannten Umfang gekauft (einige sogar den 9-5I zum 3. Mal in Folge, ohne gravierenden Änderungen am Modell)!

        Dies verstehe ich unter Vertrauen schenken, obwohl im Grunde nur völliges Mißmanagement stattgefunden hat! Zum Schluß ging dann bekanntlich aufgrund dieses tollen Managenments überhaupt nichts mehr – dennoch haben die Fans und Kunden (kurz: SAAB-Community) das Niveau der Marke sehr hoch gehalten. Die Gründe dafür sind mit Sicherheit nicht bei GM zu finden und NEVS kann nur aufgrund dieser Tatsache einen Markennamen nutzen, der heute noch sehr hoch im Kurs steht!

  • Da bin ich nicht ganz deiner Meinung
    Natürlich sind zu GM Zeiten etliche Fehler in Sachen SAAB gemacht worden, ein 900II der 9-3I und 9-3 II wie auch der 9-5 wären aber ohne GM wohl gar nie Realität geworden da schlicht zuwenig Kapital für die Entwicklung vorhanden gewesen wäre.
    Natürlich ist es schade das GM das Potenzial von SAAB nie richtig erkannt hat, das die Modellzyklen viel zu lange waren kommt hinzu, dies wohl auch auf Grund der für GM Massstäbe zu kleinen Absatzzahlen.
    Ob Ford mit Volvo nun wirklich erfolgreicher war wird sich zeigen, ein Grossteil der treuen Kundschaft hat der Marke mittlerweile den Rücken zugekehrt, die Werte für die Volvo früher stand wurden über Bord geworfen!
    Volvo ist heute ein „Premium mainstream Fahrzeug“ heute hipp morgen vielleicht schon out!
    Der praktische familienfreundliche Lastesel mit dem gewissen Etwas war gestern, heute sind es Life Style Kombis mit geringem Nutzwert dafür beliebig austauschbar.
    Ein kleiner Lichtblick ist der in die Jahre gekommene V 70

  • Genau so ist es. Ford hat bestimmt nicht alles richtig gemacht, sonst hätten sie wohl kaum Jaguar, LandRover etc. an die Inder verscherbeln müssen????
    Ist doch schon äusserst tragisch, dass all die britischen Kronjuwelen des Automobilbaus heutzutage von der ehemaligen Kolonie des British Empires gesteuert (und gehören) werden????
    Und dann noch mal zurück zu Volvo, welche an die Chinesen verschenkt werden mussten: nennt sich das Alles richtig gemacht????
    Ich denke wenn all die doch so treuen SAAB-Fahrer sich eher für ein neues Modell von Saab als erst nach 10 Jahren entschieden hätten, dann würde die Zukunft um Saab heute sicher anders aussehen.
    Und wie schon gesagt: ohne GM wäre Saab schon vor über 20 Jahren definitiv Vergangenheit gewesen.
    Ob es euch passt oder nicht, aber die Realität ist leider hart.
    Es ist einfach zu leicht immer den Fehler bei den anderen zu suchen…
    Übrigens war GM jahrzentelasng der grösste Automobilbauer weltweit, aber ja nur weil sie nicht alles richtig gemacht haben……
    An Detlef Rudolf: leider hat nicht die Saab-Community das Niveau der Marke hochgehalten, sondern die Ingenieure von Saab haben aus einer guten Grundlage (Plattform dank GM) das Beste rausgeholt, was dann aber leider für die Eigentümer von Saab (GM)mehr rentabel sein konnte.
    Und wir Saab-Fahrer bekamen die besten Autos der Welt…

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