Die ewig gültige Ästhetik der Urform des Saab 900 Turbo
Designer bei der Saab Autodivision in den 80er Jahren gewesen zu sein, brachte zwei Dinge mit sich. Zum einen den Traumberuf schlechthin, in einem kleinen Team zu arbeiten und mit flachen Hierarchien die Ideen schnell umsetzen zu können. Zum anderen aber auch die Herausforderung, aus einem stets viel zu kleinen Budget immer das Optimum herauszuholen.
Herausfordernd war auch die Situation, als die Transformation vom 99 zum Saab 900 ins Haus stand. Der 99 war einst komplett neu konstruiert auf den Markt gekommen. Jetzt erfüllte er die gesetzlichen Maßgaben auf dem wichtigen US-Markt nicht mehr. Für den 900 hingegen waren die Gelder knapp, ein völliger Neustart war nicht möglich. Er konnte nur als Weiterentwicklung des 99 realisiert werden.
Mit knappen Mitteln ein neues, gefälliges Design zu schaffen, das für eine lange Zeit gültig sein würde, war die Aufgabe, die vor Björn Envall und seiner Mannschaft lag.
Die ewig gültige Ästhetik der Urform des Saab 900 Turbo
Generell gesehen waren die Möglichkeiten limitiert. Möglichst wenig Bleche sollten geändert werden, die Fahrgastzelle am besten so bestehen bleiben, wie sie war. Und dennoch: Der 900 sollte als neues Modell zweifelsfrei erkennbar sein.
Envall meisterte die schwierige Aufgabe so überzeugend, wie er Jahre später unter ähnlichen Umständen den 9000 CC in den CS verwandelte. Das auffälligste Merkmal des Saab 900 wurde die lange Motorhaube, die mehr Raum für Technik gab und gleichzeitig den neuen Sicherheitsvorschriften genügte.

Heutige Designer würden unter diesen nicht optimalen Umständen entrüstet vermutlich den Arbeitgeber wechseln. Aber die Formengestalter von einst stellten sich der Herausforderung.
Der lange Vorbau, das relativ kurze Heck. Der 900 Turbo war kein schönes Auto im klassischen Sinn. Aber ein Fahrzeug für Ästheten, die Avantgarde und moderne Technik zu schätzen wussten. Das waren nicht wenige, denn die Verkäufe zogen spürbar an und die Urform des Saab 900 wurde zum Erfolg.

Der Gradschnautzer gilt als ästhetischere Saab überhaupt
Heute gilt der Gradschnautzer den Fans als der ästhetischere Saab überhaupt, vielleicht auch, weil sich die Form der Funktion konsequent unterordnet. Ein schönes Beispiel sind die Türen, mit ihren eingezogenen Schwellern, die so vor Verschmutzung geschützt bleiben. Man hätte das optisch schöner lösen können, was Saab bei späteren Modellen auch tat.

Aber jede Schönheit wäre zulasten der Funktion gegangen und hätte bei den Passagieren bei einer entsprechenden Wetterlage zu verschmutzten Hosenbeinen führen können.
Dieses Gespür für die Funktion ist am ganzen Wagen fühlbar. Man entdeckt vieles, wenn man einen fährt und sich mit den schlauen Ideen der Ingenieure beschäftigt.
Die Gradschnautzer sind über die Jahre rar geworden. Der gefälligere Facelift Nachfolger mit dem schrägen Kühlergrill verwässert die Linie etwas und reicht nicht an diese Ästhetik heran.

Ein Saab 900 Turbo mit “Gold-Vane” Shelby Felgen
In den USA wird jetzt ein 1986er Turbo verkauft, der extrem zeitgeistig und besonders original ist. Die kirschrote Lackierung mit den goldenen Alufelgen, die aus dem Zubehör stammen und von Carroll Shelby als Gold- und Silver-Vane-Felgen für Saab entworfen wurden.
Das alles ist der typische 80er Jahre Geschmack. Dazu passen auch das Zubehör wie die extravagante Heckjalousie und die Tatsache, dass es das Airflow Kit hier nicht gab und die seitliche Beplankung die Linienführung nicht verändern konnte.

Im Innenraum geht das Saab Fest ungebremst weiter. Das Armaturenbrett scheint ohne Risse, die “Clarion for Saab” Anlage ist bemerkenswert und die Sitze zeigen eine authentische Patina der letzten 40 Jahre.
Ein ästhetisches Gesamtkunstwerk mit wenigen Kilometern
Der Saab 900 Turbo ist überdurchschnittlich gepflegt, 61.000 (ca. 98 000 Kilometer) Meilen hat der 160 PS Turbo erst auf dem Tacho. Er könnte aus erster, sicher aber aus zweiter Hand sein, und seine Ausstattung lässt keine Wünsche offen.

Der 900 Turbo ist etwas für den Saab Ästheten, der zuvor schon drei schwarze Saab 900 Turbo 16S fuhr, und der jetzt zurück zu den Wurzeln und zu der wahren Lehre von Björn Envall strebt. Die Mehrheit der Menschheit wird dieses Auto weiterhin uneingeschränkt für hässlich halten. Aber die mit dem besonderen Geschmack und dem Wissen um die damals revolutionäre Technik werden hingegen schon auf den ersten Blick schwach werden.

Das ästhetische Gesamtkunstwerk wird durch die Kleinigkeiten abgerundet, die es beim Kauf noch obendrauf gibt. Da wären als unglaubliches Beispiel noch Saab-Scania Reinigungsbänder für das Kassettendeck. Vergessene Schätze, ohne die in den 80er Jahren ein Überleben fast nicht möglich gewesen wäre.
Der Saab 900 Turbo aus dem Jahr 1986 wird aktuell bei Bring A Trailer zur Versteigerung angeboten (Link).
Mit Bildmaterial von Bring A Trailer

Kirschrot mit sierrabeige, ja, das war vor allem bei den Cabriolets im US-Mark in den späteren 80ern sehr beliebt.
Das Airflow-Kit gab es, da stimmt der Text nicht, auch am Steilschnauzer. Auch das Aero-Kit (bekannt vom Turbo 16S). Die größten Unterschiede zwischen Airflow- und Aero-Kit beim Steilschnauzer machten der geänderte Frontspoiler, der andere Heckabschluss unterhalb der Stoßstange und die Lackierung des Airflow-Kits in Wagenfarbe aus.
Dazu kamen dann noch der Whaletail-Spoiler und die Abdeckungen der Luftauslässe in den hinteren Seitenteilen.
Hier nicht gab bezieht sich konkret auf das Fahrzeug – nicht generell auf das Airflow oder Aero Kit.
Achso.
Clarion, schon nur der Name klingt nach Musik. Hatte ich in den jungen Jahren in meinem 2CV verbaut, ab und zu konnte man sogar etwas hören….
Keine Blasen am Handschuhfachdeckel. Keine Risse im Armaturenbrett.
Dieser Saab muss bisher ein sehr behütetes Leben gehabt haben.
Ich sehe sowohl ein Armaturenbrett mit Rissen, als auch einen Handschuhfachdeckel, dessen Bezug sich sichtbar ablöst.
Unabhängig davon sehe ich im roten ein für übliche US-Verhältnisse ungewöhnlich gepflegtes Modell.
Vielleicht sollte ich während der Arbeit besser nicht bei Bring A Trailer unterwegs sein?
Jetzt sehe ich die üblichen Risse auch. Immerhin: Keine Blasen am Handschuhfachdeckel. Das Dekor löst sich hier komplett. Könnte man das retten?
Mit einigem Aufwand lässt sich da sicher was machen.
Weil weniger sonnengeschädigte Handschuhfachdeckel noch recht einfach zu bekommen sind, ist Letzteres der gängigere Weg.
Shelby Felgen – schon wieder was gelernt. Die möchte ich auch haben, das ist so gnadenlos 80er Jahre Gefühl.
Kirschrot mit beiger Innenausstattung ist ein Traum! Ja, da könnte man schwach werden…..