Der Fiat X1/9 ist pure italienische Mittelmotor Leidenschaft

Es gibt Autos, die Geschichte schrieben und die zu Unrecht vergessen wurden. Der Fiat X1/9 stand für eine ganze Generation von bezahlbaren, kleinen Sportwagen, die heute allesamt vom Markt verschwunden sind. Ein komplettes Segment liegt brach, dabei waren diese Autos bezahlbare Traumwagen für jedermann.

Der X1/9 gehörte nie zu den real schnellsten Fahrzeugen im Land. Im Laufe seiner Karriere, die erfolgreich war, bewegte sich die Leistung je nach Markt zwischen 73 und 86 PS. Doch das, was uns heute als etwas wenig erscheint, reichte für eine dicke Portion Fahrspaß aus. Die Zauberwörter jener Jahre waren – geringes Gewicht und Mittelmotor. Diese Rezeptur, von Bertone attraktiv angerichtet, funktionierte hervorragend.

Fiat X1/9 - italienische Mittelmotor Leidenschaft
Fiat X1/9 – italienische Mittelmotor Leidenschaft

Italienische Mittelmotor Leidenschaft von Bertone

In Worten wog der Fiat X1/9 leer zwischen 880 und 980 Kilogramm. Zukünftigen Generationen wird man das wohl erklären müssen, dass so wenig Gewicht für ein komplettes Auto, und nicht nur für ein Batteriepack, ausreichend waren. Das Thema Leichtbau ist jedoch nicht mit geringer Sicherheit zu assoziieren. Der Fiat war als Sicherheitscabriolet konzipiert, ein Targa mit festem Überrollbügel und herausnehmbaren Dach. Nur hatte sich das Targa Wort damals schon Porsche zum Gebrauch gesichert.

Als Mittelmotor Sportwagen konnte der X1/9 mit einer optimalen Gewichtsverteilung begeistern, Straßen- und Kurvenlage ist alles, und konnte so auch viel stärkeren Fahrzeugen das Heck zeigen. Konzipiert und gebaut wurde der Italo-Sportwagen von Bertone. Die Keilform erinnerte nicht ohne Grund an andere italienische Marken, die viel teurer, prominenter und auch stärker motorisiert waren.

Der Fiat X1/9 ist optisch ein kleiner Ferrari

Optisch machte der Fiat X1/9, der auf der umfangreichen 128 Familie (Link) basierte, eine Menge her. An der Ampel war er der Star. Vielleicht nicht, wenn sie auf Grün sprang, aber im Stand allemal. Sehnsüchtige Blicke begleiteten den Targa, für Bertone (Link) war er mit rund 165.000 Exemplaren ein kommerzieller Erfolg. Der hatte die Studie zum X1/9 1969 auf dem Turiner Autosalon ursprünglich als Autobianchi Bertone Runabout (Link) vorgestellt und später von Fiat Patron Gianni Agnelli grünes Licht für den X1/9 erhalten.

Fiat X1/9 - exklusive Edition
Fiat X1/9 – exklusive Edition

1972 kam der Fiat X1/9 auf den Markt und vier Jahre später war die Zeit reif für ein erstes Sondermodell. Die Exklusiv-Serie rollte zu den Vertragshändlern, mit Metallic Lackierung und Sportstreifen, einem für die damalige Zeit nicht verzichtbaren Zubehör für sportliche Fahrzeuge. Natürlich gehörten aus Leichtmetallfelgen und Nebelscheinwerfer zum Lieferumfang und der so aufgerüstete, limitierte, X1/9 atmete schon ein wenig die optische Exklusivität eines Ferrari.

Der Meister signiert die Sonderserie

Bedeutender aus heutiger Sicht wäre die von Nuccio Bertone aufgebrachte Signatur. Die Unterschrift des Großmeisters des italienischen Designs würde, 47 Jahre später, aus jedem überlebenden Exemplar ein Sammlerstück machen.

Vermutlich ist es aber so, dass nicht zu viele X1/9 überlebt haben werden. Die Produktion lief 1988 aus, zwischenzeitlich war aus dem Fiat X1/9 der Bertone X1/9 geworden. Der zuletzt schleppend verlaufende Verkauf endete erst ein Jahr später, dann waren die letzten Neuwagen aus den Ausstellungsräumen verschwunden.

In den Jahren danach sah man den Mittelmotor Sportwagen immer noch auf der Straße, er war günstig zu haben, und kam oft in die falschen Hände. Breitreifen, Karosserieumbauten und wilde Abgasanlagen, der kleine Bertone Fiat musste einiges über sich ergehen lassen. Erschwerend dazu kam, dass die Rostvorsorge ebenso nachlässig wie zeitweise die Verarbeitung war, keine guten Grundvoraussetzungen für ein langes Autoleben.

Trifft man in der Gegenwart einen auf freier Wildbahn, vielleicht auf kleinen, kurvenreichen Straßen dritter Ordnung, dann werden die Augen groß. Er ist tatsächlich ein Westentaschen-Ferrari, nicht nur was das Design betrifft. Mittelmotor, perfekte Gewichtsverteilung und Straßenlage sind immer noch fähig, manchem Batteriepack mit integriertem Auto die Rücklichter zu zeigen.

6 thoughts on “Der Fiat X1/9 ist pure italienische Mittelmotor Leidenschaft

  • Die Frage ist, was ist bezahlbar und wie definiert man Sportwagen? Aber es gibt immerhin noch den Mazda MX-5.

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  • Erinnert mich an den Toyota MR2!

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  • War in meiner Kindheit eines der Autos, das mir den Kopf verdrehte 😀 Und ich finde ihn heute noch immer extrem gelungen und schön.

    Manche haben es halt wirklich in Sachen Kotflügelverbreiterungen, Heckspoiler usw. zu stark übertrieben https://www.youtube.com/watch?app=desktop&v=wbaOf3ulYXI 😉

    Schönes Wochenende

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  • Klasse geschrieben. Der letzte Satz krönt den Artikel endgültig mit einer Kirsche …

    Es gab einmal Vielfalt, ausgeprägte Charaktere und unterschiedliche Philosophien in Sachen Konzeption und Konstruktion. Die Reduktion spielte vielfach eine Rolle. Schade drum. Heute sind unglaublich viele Eier legende Woll-Milch-Säue unterwegs – Autos, die ohne Rücksicht auf Ressourcen und Aufwand alles leisten. Man denke an SUVs, die über 250 fahren, unter 5 von 0 auf 100 sind und selbst in Kurven eine erstaunlich gute Figur machen. Aber der Aufwand …
    Was für ein grotesker Wahnsinn!

    Das Design wirkt auf mich erfrischend jung und seiner Zeit (1972) voraus. Als er 1988 eingestellt wurde, kamen noch immer Autos neu auf den Markt, die nicht jünger aussahen. Ein tolles Auto. Vielen Dank für das Lesevergnügen.

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  • An diesen Augenblick erinnere ich mich nach fast 50 Jahren, als wäre es gestern gewesen: urplötzlich tauchte auf den Straßen meiner sozialistisch polnischen Heimatstadt ein froschgrünes UFO. Der Name Bertone war ein Fremdwort. Von FIAT kannten wir den 124 ( als Lada ), die in Lizenz gebauten 125 und 126 „p“, und den in homöopathischen Dosen vorhandenen 131 Mirafiori. Der X 1/9 hat für mich bis heute nichts von seinem Zauber verloren. Ein weiteres Beispiel der heute unvorstellbaren und mutigen automobilen Vielfalt. Die Firmen trauten sich, und die Käufer folgten. Und ich oute mich: hin und wieder schaue ich nach, was der Markt in Sachen X 1/9 zu bieten hat….

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  • In meiner Jugend nannte man ihn Westentaschen-Ferrari. Sagt wohl schon alles, oder?

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