VW K 70 – ein Volkswagen kann durchaus aufregend sein

Bei manchen Autos hat man sich die kindliche Erinnerung bewahrt. Ziemlich verblüffend trifft das bei mir auch auf den VW K 70 zu, obwohl er ein Volkswagen ist und mich mit der Marke wenig verbindet. Das allererste Sichten eines K 70 geschah während des familiären Sommerurlaubs, es muss das Jahr 1970 gewesen sein.

Seit dem August liefen die Bänder und der K 70, der auf dem Parkplatz in Benediktbeuern vor dem Kloster stand, muss einer der Ersten in der Öffentlichkeit gewesen sein. Oh, sagte mein Vater, ein K 70. Das klang ziemlich bedeutend, seine Stimmer schwang nach, und er betrachtete das eckige, mir unattraktiv erscheinende Auto in Signalfarbe ziemlich intensiv.

Eigentlich hatte er mit Autos ziemlich wenig zu tun, wahrscheinlich der Grund, warum mir die Begegnung im frühkindlichen Gedächtnis blieb.

VW K 70 - ein Volkswagen kann aufregend sein
VW K 70 – ein Volkswagen kann aufregend sein

Wieso er den VW K 70 so spannend fand, erfuhr ich nicht. Er erzählte es nicht, ich verzichtete auf die Nachfrage. Generell hatten wir uns stets wenig zu sagen, selbst über Autos kam kein Gespräch zustande.

Dass dieser unattraktive Wagen eine Gamechanger war, ein Volkswagen, der keinen Motor im Heck hatte, sondern vorn und dann noch wassergekühlt und mit Frontantrieb, erzählte mir erst mein Großvater. Autobegeistert wie er war – und Autos waren das, was uns verband.

Natürlich war die von Claus Luthe gezeichnete Limousine eine Revolution. Die Alten diskutierten immer wieder darüber, der Onkel mit dem VW Typ 4 genauso wie mein damals Peugeot fahrender Großvater. Es muss so in etwa wie bei Saab gewesen sein, mit dem Umstieg vom Zweitakter auf das Viertaktprinzip. Die Diskussionen waren hitzig und lebhaft, nicht nur in meiner Familie.

Die Verfechter der reinen Lehre, also luftgekühlte Motoren bitte im Heck, sahen die Felle davon schwimmen. Sie witterten den kommenden Verrat. Volkswagen wusste das, die Marketing Abteilung versuchte die Wogen zu glätten. So aufregend dieses Auto auch sei, es trage das VW-Zeichen. Zur Beruhigung. So textete der Konzern aus Wolfsburg 1972, heute lächelt man darüber, aber damals war es bitter ernst.

Interessant ist, dass der K 70 kein Volkswagen ist. Oder, um es klar ausdrücken, vermutlich war kein Auto jemals weniger VW als dieses. Die Konstruktion kam aus Ingolstadt, der K 70 sollte als NSU unterhalb des revolutionären RO 80 (Link) positioniert werden. Obwohl NSU auf das Wankelprinzip verzichtete und einen normalen Reihenvierzylinder in den K70 einbaute, war die Limousine sehr innovativ.

K 70 - und das Volkswagen Zeichen als Sedativ
K 70 – und das Volkswagen Zeichen als Sedativ

Wie bei Saab, so neigte man auch bei NSU den längst installierten Motor leicht nach rechts, um einen tieferen Schwerpunkt zu erhalten. Die Motorhaube war, aus Sicherheitsgründen, vorn angeschlagen. Saab tat es mit dem 99 ebenso.

Das fortschrittliche Fahrwerk übernahm der K 70 vom größeren RO 80, die Scheibenbremsen vorn waren innen liegend am Differenzial untergebracht. Damit wurden die ungefederten Massen verringert, Alfa Romeo leistete sich ähnliche Feinheiten beim Alfasud (Link), und die VW Werkstätten waren überfordert.

Der K 70 wurde nur bis 1975 gebaut, 211.127 Fahrzeuge waren für den niedersächsischen Konzern nicht besonders viele. Der Grund, warum der VW K 70 zum Flop wurde, lag weniger am Auto selbst oder seinem kantigen Erscheinungsbild.

Die komplette VW Struktur soll damit nie warm geworden sein, die als modern geltende Technik brachte die Werkstätten ans Limit, und in den Verkaufsräumen sahen der Käfer und Typ 4 direkt neben dem K 70 noch veralteter aus, als sie es waren. Das konnte so nicht funktionieren, der K 70 blieb auf ewig ein Missverständnis und erst mit Golf und Passat kam Volkswagen zurück in die Gegenwart.

3 Comments
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Jan Eßlage
Jan Eßlage
2 Jahre zuvor

Mein Vater war bei einem VW Händler in der Ausbildung als der K70 raus kam. Und jeder K70 der ausgeliefert wurde hatte ein Schiebedach. Also hat mein Vater den Verkäufer gefragt warum das so ist und bekam die Antwort: ,,Damit der Esel der sich so ein Auto kauft die Ohren raus strecken kann.“
Also auch beim Verkäufer seeeehr beliebt. 😀

Johann 93
Johann 93
2 Jahre zuvor

Das war doch die Zeit der Sicherheitsfarben, oder? Ich habe den K 70 immer gelb, orange oder grün in Erinnerung.

Volvaab Driver
Volvaab Driver
2 Jahre zuvor
Reply to  Johann 93

Gute Werbung! Die Headline ist klasse und im Artikel sehr schön erklärt, historisch eingeordnet. Vielen Dank für das Lesevergnügen!