Mehr Lebensart als nur ein Auto – 75 Jahre Citroën 2 CV
Es gibt nur wenige Autos, die generationsübergreifend eine solche Wirkung entfalten wie der Citroën 2 CV. Gefühlsmäßig fuhr jeder Zweite einen, oder man kannte jemanden, der schon mal einen besessen hatte. Heute ist es 75 Jahre her, dass die französische Avantgarde Marke den 2 CV der Öffentlichkeit vorstellte.
1948, am 7. Oktober, eröffnete Präsident Vincent Auriol den Salon de l’auto – mittendrin der 2 CV. Kann man machen, soll sein Kommentar gewesen sein, nachdem Citroën Patron Pierre Boulanger ihm die neueste Kreation des Hauses vorgestellt hatte. Kann man machen – das hört sich nicht unbedingt nach Begeisterung an? Blättert man durch die damaligen Berichte, dann soll auch die Reaktion des Publikums verhalten skeptisch gewesen sein.
Dass aus dem Citroën 2 CV Kult und Lebensart wurde, stand nicht von Anfang an fest.

Begonnen hatte alles vor mehr als 75 Jahren
Citroën arbeitete bereits seit 1936 am TPV (Toute Petite Voiture). Das Lastenheft für das “ganz kleine Auto” wurde legendär. Vielseitig und sparsam sollte es sein und das Land motorisieren. Boulanger verlangte, dass man mit dem TPV durch ein Feld fahren könne, mit einem Korb Eiern, ohne dass eines während der Fahrt zu Bruch gehen würde.
Vor allem aber stand die Schlichtheit der Konstruktion im Vordergrund. Einfach musste sie sein, damit auch der Schmied auf dem Land eine Reparatur vornehmen konnte, und bezahlbar. Denkverbote gab es keine und die Ingenieure durften mit allen möglichen Ideen experimentieren. So wurde mit halbmondförmigen Türen geprobt, mit Holz, Plexiglas und Segeltuch und mit einer Karosserie, die aus einer Aluminium Legierung bestand.

Drei Gänge sollten genügen, als Boulanger in einem Versuchsträger deren vier entdeckte, soll er sich erst wieder beruhigt haben, nachdem Konstrukteur Walter Becchia den zusätzlichen Gang als Overdrive zum Benzinsparen erklärt hatte.
1939 dachte man bei Citroën, man habe das 2 CV Projekt fertig. Dann kam der Krieg, die Deutschen bombardierten das Werk und verlangten nach dem Einmarsch die Herausgabe des TPV. Pierre Boulanger verweigerte die Übergabe, die Prototypen wurden versteckt, die Entwicklung lief in aller Heimlichkeit weiter.

Die Wehrmacht bombardiert – Citroën konstruiert
Während die Wehrmacht damit beschäftigt war, Europa in Schutt und Asche zu legen, nutzte man am Quai de Javel die Zeit. Walter Becchia, 1941 zu Citroën gekommen, konstruierte einen luftgekühlten Boxermotor mit zwei Zylindern statt des einst vorgesehenen wassergekühlten Motors. Luft war gratis – Kühlmittel teuer. Ein klares Argument, auch nach dem Krieg. Statt einer Aluminium Legierung bestand die Karosserie nun aus dünnen Stahlblech, was die Konstruktion noch bezahlbarer werden ließ.
1945 war der Krieg vorbei, Europa lag in Trümmern, der Wiederaufbau begann. Designer Flaminio Bertoni legte letzte Hand an den 2 CV, der mittlerweile sogar eine Heizung erhalten hatte. Und am 7. Oktober 1948 stand der Citroën 2 CV erstmals im Licht der Öffentlichkeit.

Der Start war nicht einfach, 1949 konnten die Doppelwinkel Marke nur 924 Exemplare verkaufen. Doch im Jahr darauf explodierten die Verkaufszahlen. Benzin war jetzt nicht mehr rationiert und der 2 CV begann Frankreich zu motorisieren. Die Lieferzeit des vorerst nur in grauer Lackierung erhältlichen Fahrzeugs betrug nun 6 Jahre.
75 Jahre Citroën 2 CV – Kultauto und Lebensart
Der 2 CV wurde zum Volksauto und bis zum 27. Juni 1990, 16 Uhr, wurden 5.114.969 Exemplare produziert. Dann endete im Werk in Portugal, wohin die Fertigung zuletzt ausgelagert wurde, eine Ära. Dass der 2 CV in den Jahren zum Kult und ein Ausdruck von Lebensart wurde, ist seiner langen Bauzeit zu verdanken.
Von den Ursprüngen als kostengünstiges Transportmittel für das ländliche Klientel wurde der 2 CV zu einem Statement für sämtliche Gesellschaftsschichten und Altersgruppen.

Klassenlos, zeitlos.
Citroën entwickelte den 2 CV, in Deutschland liebevoll Ente genannt, immer weiter. Zahlreiche Sondermodelle hielten sie jung und das Interesse wach. Doch, im innersten ihres Herzens, blieb sie immer das ehrliche ganz kleine Auto, das ihre Schöpfer in ihr gesehen hatten.
Ich fuhr jedes Mal gerne 2 CV, wenn die Gelegenheit da war. Der Citroën entschleunigte, machte gute Laune, uns stand für die Leichtigkeit im Leben. Das, was Pierre Boulanger mit seinem Lastenheft anstieß, ist heute ein nicht vergessenes Vermächtnis. Citroën will in Zukunft wieder zurück zu den bezahlbaren, einfachen Autos, die nur das an Bord haben, was man im echten Leben wirklich benötigt.
Bilder von Citroën Communication
2CV ist ein echtes Universalteil. Cabrio (fast jedenfalls) aber auch ein echtes Transportgenie. Ich musste mal ein Surfbrett von A nach B bringen. Und das geht ganz einfach mit offenen Verdeck, Surfbrett schräg rein und los. Ja klar die Heizung war nicht wirklich hilfreich dabei … der dicke Mantel, Mütze und Handschuhe schon ehr. Denn als ich den Transport durchführen musste fing es an zu schneien 🙂
Geilenkirchen und entschleunigte Zeit. Und was Passanten dachen war mir echt egal *lautes lachen bei der Erinnerung
Dank des Trabant ging diese automobile Gehilfe komplett an mir vorbei, wobei ich dem automobile Minimalismus einiges abgewinnen kann……
In meiner Familie fuhren wir von 1959-62 einen mausgrauen 2CV. Viele schöne Kindheitserinnerungen sind damit verbunden. Im Sommer das Rolldach offen und meine Schwester und ich durften hinten auf dem Sitz stehen und die luftige Fahrt geniessen! Man stelle sich das heute vor. Der 2CV wurde dann durch einen Ami 6 abgelöst. Auch ein aussergewöhnliches Auto
Ich selbst fuhr dann in den ersten 10 Autofahr-Jahre einen 2CV4 und dann einen big block, den 2CV6. Mit beiden unternahm ich grandiose Reisen, Nordkap 1975, Ungarn und Rumänien 1976, Portugal 1977, alles ohne Handy und Navi. Auch in meiner 2-jährigen Ghana Zeit fuhr ich privat einen 2CV. Dieses Auto ist geradezu prädestiniert für die Afrikanischen Sandpisten. Luftkühlung, grosse Räder und die geniale Federung. Man schwebte förmlich über die Wellblechpisten.
Später dann noch einen Döschwo als Hochzeitskutsche mit anschiessendem Honeymoon in Irland. Die 2CVs brachten mich überall hin und, das ist eigentlich viel wichtiger, auch wieder zurück. Ich erinnere mich an keine mechanische Panne, Pneu ja klar, im Norden damals, über dem Polarkreis, da gab es nur Schotterpisten und da ist eine Reifenpanne mal vorprogrammiert.
Der Citroen 2CV war eine geniales Auto und die Zeit mit ihm ( und mit zwei flotten Beifahrerinnen, natürlich nicht gleichzeitig…. ) war Lebensfreude pur!
Ich gehöre leider nur zu den “Kennern”.
Also zu denen, die 2CV- und R4-Fahrer kannten, gelegentlich mitfuhren. Einen der beiden würde ich ja schon gerne einmal für 2 Jahre besitzen. Oder einen Saab 93, die schwedische Version der Volksmotorisierung.
Hätte Saab den durchgängig bis in die 1970er gebaut und den 96 stärker vom 93 abgehoben, wäre der 93 heute vermutlich ein auch international viel bekannteres Kultobjekt?
Finde den Vorsatz von Citroën klasse, sich auf alte Tugenden besinnen zu wollen. Wieviel Lebenszeit und Alltag verbringen wir im Auto?
Muss das Soundsystem wirklich besser sein, als im Wohnzimmer? Und genießen wir die Musik dort wirklich, während wir ein Drängler im Rückspiegel haben, das Navi labert und gleichzeitig ein Anruf reinkommt?
Und wie sollen unsere Kinder den Elch auf der Lichtung sehen, wenn auf dem Monitor Avatar läuft?
Während meiner Kindheit habe ich mit großen Augen und platter Nase an der Seitenscheibe geklebt. Ich fand Autofahrten spannend. Im Urlaub ganz besonders. Der landschaftliche Wechsel, sich ändernde Bebauung und Architektur, der lokale Stil von Verkehrszeichen und Straßenschildern, Beleuchtung, Werbung, Polizeiuniformen und -fahrzeugen – die Liste ist endlos. Die Welt war analog, sie war spannend und sie war da draußen. Ich habe im Auto nichts vermisst. Und ich rede hier über einen Volvo 144 ohne Klimaanlage mit einem Radio (mono).
Die Anfänge – 2 CV A (1939) erinnern mich spontan an die “Flügelform” des Ur-Saab… :-).
Danke für diese Hommage an die 2 CV.
Immer noch ein Fahrzeug welches bei mir Sympathien erweckt, obgleich ich nie eine “Ente” besessen habe.
Zitat: Vor allem aber stand die Schlichtheit der Konstruktion im Vordergrund. Einfach musste sie sein, damit auch der Schmied auf dem Land eine Reparatur vornehmen konnte, und bezahlbar.
Und heute??? Hauptsache die Vertragswerkstatt hat den Vorteil.
Unglaublich, wie sich Teile der automobilen Gesellschaft (freiwillig) aussaugen lassen…
Trotzdem einen schönen Sonntag!
Das sind überraschende Erinnerungen am Samstag. Ich fuhr diesen automobilen Minimalismus während des Studiums, wie gefühlt jeder Zweite. Das war eine tolle Zeit und etwas Bescheidenheit wie damals würde uns auch heute noch gut stehen!
Auch von mir Danke für die Hommage an den 2CV. Ich träume heute noch von der Ente,
die ich als Student 4 Jahre gefahren bin. 1971 war es als Citroen eine Rallye von Paris nach
Persepolis zur 2000 Jahrfeier des Schahs in Persien ( Iran ) ausgeschrieben hatte. Ich war
damals im 3.Semester Architektur und ein Kommilitone in meinem Semester war ein
leidenschaftlicher 2 CV-Fahrer, der mich ansteckte. Da nur 10 Teilnehmer aus Deutschland
an der weltweit ausgeschriebenen Rallye teilnehmen durften, mussten wir in der Citroen-Zentrale
in Köln uns mit Orientierungsfahrten in der Eifel, einer Nachtfahrt und einer Technikprüfung
qualifizieren. Als dies gelang kaufte ich mir einen niegel-nagel-neuen 2 CV6 für 4.770 € und
baute diesen für die lange Reise durch Jugoslawien, Griechenland, Türkei mit Altteilen um,
sodass ich für die Vergitterung der Windschutzscheibe, der Scheinwerfer und des Motorschutzes
einschl. Ventilator keine Hemmungen hatte, Schrauben in das dann alte Blech zu bohren.
Leider stand die Fahrt unter keinem guten Stern. Mein Kommilitone hat der nervlichen Belastung
im Vorfeld nicht standgehalten. Ich fuhr zwar mit einer bestens ausgerüsteten, farbig bemalten
und mit Goldfolie ( Rettungsdecke ) beklebtem Rollverdeck ausgestatteten Ente nach Paris
Rungis, wo uns 600 Fahrzeuge der Typen 2CV, Dyane, Mehari auf einem großen Parkplatz
erwarteten, mein Kollege jedoch total neben sich.
Die deutsche Rennleitung hat uns vorgeschlagen, dass wir im ersten Pulk die Rallye am nächsten
Tag antreten sollen, in Saarbrücken nach der französisch-deutschen Grenze jedoch ins Krankenhaus
gehen, um ihn untersuchen zu lassen. Dort war dann das Ende unserer hochfliegenden Träume.
Eine Fahrt von 14.000,-km innerhalb von 4 Wochen ( Paris-Persepolis-Paris ) mit den geforderten
Aufgaben alleine zu bewältigen, habe ich mir nicht zugetraut. Ein Foto der aufgestellten
Fahrzeuge auf dem Parkplatz in Rungis kurz vor dem Start mit meiner Ente in erster Reihe
habe ich Jahrzehnte später durch Zufall in einem Buch von Immmo Mikloweit ” Die Ente-gestern-
heute-morgen” gefunden.
Vier Jahre habe ich mit viel Leichtsinn, aber in Begleitung mehrerer Schutzengeln die Ente am Limit bewegt und einige Abenteuer erlebt, bis mir ein Versicherungsvertreter einer großen Versicherung auf
der Landstraße von links die Vorfahrt nahm und ich einen Ausweg im Straßengraben suchte.
Dies hat die Ente mir übelgenommen und die Schwingarme in den Fußraum geklappt. Seitdem
schau ich jedem 2CV mit Wehmut hinterher. Warum ich dann beim Saab 900turbo gelandet
bin, ist eine neue Geschichte.